mini|hochkant=2.4|Karte des Holocausts in der Ukraine Der Holocaust in der Ukraine war die nahezu vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den Gebieten der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten der Zweiten Polnischen Republik, die anschließend unter die Besatzung des Deutschen Reiches (Reichskommissariat Ukraine, Distrikt Galizien des Generalgouvernements) sowie unter rumänische Besatzung (Nordbukowina und Transnistrien) gerieten. Die Vernichtung wurde nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion von den Polizeikräften des Deutschen Reiches und des Königreichs Rumänien sowie unter Beteiligung ukrainischer Nationalisten durchgeführt
Zwischen 1,4Холокост на территории СССР: Энциклопедия, Moskwa 2009, S. 999–1001. und 1,6Alexander Kruglov, Jewish Losses in Ukraine 1941–1944, [w:] The Shoah in Ukraine: History, Testimony, Memorialization, Ray Brandon, Wendy Lower (red.), Bloomington, Ind., 2008, S. 273 Millionen in der Ukraine lebende Juden wurden infolge der deutschen, rumänischen und ukrainischen Verfolgungs- und Vernichtungsmaßnahmen ermordet. Mehr als siebzig Prozent kamen durch Erschießen, etwa zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Prozent in Gaskammern und fünf Prozent kamen durch Hunger und Krankheiten in den Ghettos und Arbeitslagern ums Leben. In Ghettos, Arbeitslagern und Verstecken überlebten bis zur Rückkehr der Roten Armee nur etwa 100.000 Juden. Mehr als 900.000 Menschen konnten vor dem Vorrücken der Wehrmacht in das Innere der Sowjetunion flüchten.
Der Holocaust in der Ukraine (wie auch im gesamten Gebiet der Sowjetunion) zeichnete sich dadurch aus, dass die Mehrheit der jüdischen Opfer bei Massenerschießungen in der Nähe ihrer Wohnorte ermordet und in sogenannten „Todesgruben“ verscharrt wurde, die Tausende Opfer bargen. Eine Ausnahme bildeten etwa 345.000 Personen, überwiegend Juden aus Galizien, die in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet wurden.Alexander Kruglov, Jewish Losses in Ukraine..., S. 288.
Begrifflichkeit und Raum Das Gebiet der heutigen Ukraine war im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zerstückelt. Die nördliche Bukovina und Transnistrien waren unter rumänischer Kontrolle und Deutschland übte auf dem Gebiet Ostgaliziens mit dem Generalgouvernement Polen die Kontrolle aus. Die Rumpfukraine war aufgeteilt in das Reichskommissariat Ukraine (RKU) und das Gebiet der Ostukraine unter deutscher Militärverwaltung. Der Holocaust in Ostgalizien wird technisch zum Holocaust in Polen gerechnet, der Holocaust in den rumänischen Gebieten zum Holocaust in Rumänien und der Holocaust in der Karpatenukraine zum Holocaust in Ungarn. Der Holocaust in der Ukraine bezieht sich hauptsächlich auf die Rumpfukraine. Dem liegt eine verwaltungstechnische Sicht der verschiedenen Besatzungsregime zugrunde, die die Politik der Massenmorde umsetzten. Aber in all diesen Gebieten stellte die ukrainische Bevölkerung die Mehrheit. Das bedeutet unabhängig vom Regime stellten die Ukrainer eine große Anzahl an Mittätern, Judenrettern, Beobachtern und Opfern. Die räumliche Abgrenzung kann je nach analytischem Ansatz in der Fachliteratur variieren.
Jahr 1941
Planungen für den Überfall auf die Sowjetunion Die Ausschaltung von Juden als vermeintlicher Trägerschicht des Sowjetregimes wurde in der stereotypischen „jüdisch-bolschewistische“ Feindvorstellung der Deutschen bei der Planung (Weisung Nr. 21) des Überfalls auf die Sowjetunion (Unternehmen Barbarossa) mit berücksichtigt. Der Kriegsgerichtsbarkeitserlass hob die Strafverfolgung von Straftaten deutscher Truppenangehöriger auf und forderte ein rücksichtsloses Vorgehen. Der Kommissarbefehl vom 6. Juni forderte die Aussonderung und Tötung von Kommissaren, wobei diese im Feindbild überwiegend als jüdisch angesehen wurden.
Der Generalquartiermeister des Heeres Eduard Wagner und der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Reinhard Heydrich arbeiteten die Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande des Heeres aus. Anders als im Polenfeldzug unterstanden die Einsatzgruppen nicht mehr den militärischen Befehlshabern. Sie waren im Rahmen ihres Auftrages zu Exekutivmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung berechtigt. In den rückwärtigen Heeresgebieten wurde jeweils ein Höherer SS- und Polizeiführer mit einem ihm unterstellten Polizeiregiment vorgesehen. Sie unterstanden direkt Heinrich Himmler. Für den Überfall auf die Sowjetunion wurden vier Einsatzgruppen (A bis D) mit einer Stärke von jeweils 600 bis 800 Mann aufgestellt. Die Einsatzgruppe C (hieß zum Planungszeitpunkt noch Einsatzgruppe B) unter dem Kommando von Otto Rasch setzte sich aus den Sonderkommandos 4a und 4b sowie den Einsatzkommandos 5 und 6 zusammen und sollte hinter der 6. und 17. Armee zunächst durch Ostgalizien und Wolhynien ziehen. Die Einsatzgruppe D unter Otto Ohlendorf sollte von Rumänien aus hinter der 11. Armee durch die Bukowina, Bessarabien und die Südukraine vorstoßen. Friedrich Jeckeln übernahm als Höherer SS- und Polizeiführer die Zuständigkeit für „Russland Süd“ und entwickelte sich zur zentralen Person bei der Durchführung der Massenmorde an den sowjetischen Juden.
Es wurden auf Verwaltungsebene Pläne zur Beschlagnahmung von Ernten und Lebensmitteln ausgearbeitet, die die Abriegelung und Aushungerung von Millionen Menschen in städtischen Gebieten vorsah (Hungerplan). Dies war ein Todesurteil für sowjetische Juden mit ihrem hohen städtischen Bevölkerungsanteil, bevor überhaupt Entscheidungen zur Massenerschießung erfolgt waren.
Am 17. Juni 1941 forderte Heydrich bei einer Besprechung mit Einsatzgruppen-Offizieren dazu auf, „örtliche antikommunistische und antisemitische Kreise“ in den besetzten Gebieten zu Pogromen gegen Juden anzustiften. Diese Anweisung wurde am 29. Juni 1941 auch schriftlich (später als Einsatzbefehl Nr. 1 bezeichnet) erteilt. In den neu besetzten Gebieten sollten antikommunistische und antijüdische „Selbstreinigungskräfte“ „spurenlos“ ermuntert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden, ohne dass diese örtlichen „Selbstschutzkreise“ sich auf Anordnungen und politische Zusicherungen berufen könnten. Die erste Zeit der Besetzung sollte im Benehmen mit den militärischen Dienststellen dazu genutzt werden.
Angriff auf die Sowjetunion: Pogrome und „Säuberungsaktionen“ mini|hochkant=1.4|Vormarsch der Einsatzgruppen in der Sowjetunion, 1941 Im südlichen ehemaligen Ostpolen stellten die Ukrainer die größte Bevölkerungsgruppe. Dort gaben die einmarschierenden Deutschen den Juden die Schuld an der vorausgegangenden sowjetischen Besetzung und NKWD-Verbrechen und appellierten an den ukrainischen Nationalismus. NKWD-Opfer – obwohl teilweise polnisch oder jüdisch – wurden als ukrainische Opfer jüdischer Kommunisten dargestellt. Mit der von deutscher Seite geförderten Wut gegen die Juden, konnte die lokale nichtjüdische Bevölkerung, unter der sich auch polnische und ukrainische Kollaborateure befanden, sich von dieser Vergangenheit lösen und sich ideologisch dem Nazismus annähern. Wegen der sichtbaren Spuren der Sowjetgewalt konnten die deutschen Ordnungskräfte ihre antijüdischen Verbrechen so als Sühne sowjetischer Verbrechen erscheinen lassen.
Mit dem Überfall auf die Sowjetunion gingen von Anfang an Verbrechen an den Juden einher, obwohl zunächst keine eindeutigen Befehle zu diesem Zweck erlassen worden waren. Die Aufgabe der Einsatzgruppen vor Beginn des Krieges bestand darin, das Gebiet von sowjetischen Funktionären und „radikalen Elementen“ zu „säubern“. Da jedoch viele deutsche Funktionäre Juden pauschal mit dem Kommunismus gleichsetzten, betrachteten sie die Tötung von Juden als selbstverständlich.
In einer Anweisung an die Kommandeure der Einsatzgruppen vom 1. Juli 1941 präzisierte Reinhard Heydrich, dass sich die „Säuberungsaktionen“ „vor allem gegen Kommunisten und Juden“ richten sollten.Kai Struve, Tremors in the Shatterzone of Empires: Eastern Galicia in Summer 1941, [w:] Shatterzone of Empires: Identity and Violence in the German, Habsburg, Russian, and Ottoman Borderlands, Omer Bartov, Eric D. Weitz (red.), Bloomington: Indiana University Press, 2013, S. 460. Anfangs betrafen die Morde hauptsächlich die jüdische Intelligenz, die als potenzieller Widerstandsfaktor angesehen wurde, sowie sowjetische Funktionäre und Beamte jüdischer Herkunft. Erst nach einigen Wochen der Besatzung gingen die Einsatzgruppen zu massenhaften und unterschiedslosen Morden an der jüdischen Bevölkerung über.
Während des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion kam es in Orten Ostgaliziens, Wolhyniens und der Nordbukowina entsprechend diesen Richtlinien zu antisemitischen Pogromen durch Teile der lokalen Bevölkerung. Juden wurden zudem bei von deutschen Einheiten durchgeführten Exekutionen ermordet, teilweise fanden Pogrome und Hinrichtungen gleichzeitig statt.
An den „Säuberungsaktionen“ beteiligten sich gemeinsam mit den Deutschen oder auch eigenständig ukrainische Milizen sowie die Marschgruppen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nach Ansicht des Historikers John-Paul Himka wollte die von Stepan Bandera geführte Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B) durch antisemitische Gewaltverbrechen die Gunst Deutschlands gewinnen und beweisen, dass sie es verdiene, mit der Bildung eines ukrainischen Staates betraut zu werden.Kai Struve, “Rites of Violence? The Pogroms of Summer 1941”, “Polin: Studies in Polish Jewry”, Vol. 24, “Jews and Their Neighbours in Eastern Europe since 1750”. Oxford: Littman Library of Jewish Civilization, 2012, S. 267John-Paul Himka, The Lviv Pogrom of 1941: The Germans, Ukrainian Nationalists, and the Carnival Crowd, [w:] Canadian Slavonic Papers/Revue canadienne des slavistes Vol. LIII, Nos. 2–3–4, June-September-December 2011, S. 234
In Lemberg und Ternopil wurden bei Pogromen und Exekutionen jeweils mehrere Tausend Juden ermordet, in Bereschany und Solotschiw mehrere Hundert. In Dobromil wurde eine Synagoge niedergebrannt, und in Sambor ermordeten Ukrainer etwa 50 Menschen.Grzegorz Motyka, Ukraińska partyzantka 1942–1960, Warszawa: Instytut Studiów Politycznych PAN, 2006, s. 97 In Kremenez forderte ein Pogrom rund 130 Todesopfer.Timothy Snyder, Skrwawione ziemie. Europa między Hitlerem a Stalinem, Bartłomiej Pietrzyk (tłum.), Warszawa: Świat Książki, 2011, S. 219
Der typische Ablauf dieser Aktionen bestand meist darin, dass die ukrainische Miliz Juden aufspürte, festnahm und zu den Hinrichtungsorten brachte. Während der Razzien sowie beim Abtransport der Opfer kam es häufig zu spontanen Gewalttaten durch Teile der ukrainischen Zivilbevölkerung.John-Paul Himka, The Lviv Pogrom of 1941..., S. 236–242
An der Organisation der Pogrome waren Einheiten der Einsatzgruppen aktiv beteiligt. Es kam jedoch auch zu Pogromen, die ohne unmittelbare Beteiligung der Einsatzgruppen ausgelöst wurden.
Zur Zunahme der Pogrome trugen die Gefängnismassaker des NKWD sowie die Entdeckung der Leichen ermordeter Häftlinge durch die lokale Bevölkerung bei. Kai Struve, “Rites of Violence...”, S. 268 Dies wurde von den Deutschen und ukrainischen Nationalisten für antisemitische Propaganda genutzt, die Juden pauschal für den Kommunismus verantwortlich machte. Aktivisten der OUN-B plakatierten am Vorabend des Pogroms in Lemberg Parolen wie:
Während dieser Pogrome wurden Juden gezwungen, die Leichen der NKWD-Opfer aus den Gräbern zu bergen und zu waschen. Sie wurden dabei gedemütigt und als angeblich Schuldige für die begangenen Verbrechen dargestellt. Für Ostgalizien und Wolhynien werden je nach Quelle zwischen 35 und über 120 Pogrome angegeben, bei denen zwischen 12.000 und 35.000 Juden ums Leben kamen. Nach Ansicht des Historikers Timothy Snyder waren lokale Milizen für den Tod von nahezu 20.000 Juden verantwortlich.Timothy Snyder, Skrwawione ziemie S. 220