Das Attentat von Begoña (), auch als Zwischenfall von Begoña () bezeichnet, ereignete sich am 16. August 1942 in der Basilika Unserer Lieben Frau von Begoña im gleichnamigen Stadtteil von Bilbao. Der Spanier Juan Domínguez, ein Angehöriger der faschistischen Falange-Bewegung, warf Handgranaten in eine Menschenmenge, die einen Gedenkgottesdienst der ultrakonservativ-monarchistischen Carlisten verließ. Dabei wurden ca. 60 bis 70 Personen verletzt, Todesopfer gab es vermutlich keine. Das Attentat unterstrich die eskalierende Rivalität der Falange und der Carlisten und brachte den Staatsführer Francisco Franco dazu, sein Kabinett umzugruppieren.

Hintergrund

Der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) wurde zwischen zwei politischen Koalitionen ausgetragen, wobei zu der letztlich unter Francisco Franco siegreichen Rechten u. a. die Angehörigen der faschistischen Falange-Bewegung sowie die Vertreter des monarchistischen und ultrakonservativ-religiösen Carlismus gehörten. Die verschiedenen Fraktionen wurden auf Francos Betreiben noch während des Bürgerkriegs zur F.E.T. y de las JONS, der späteren franquistischen Staatspartei, zwangsfusioniert, doch die alten Loyalitäten und Animositäten bestanden auch innerhalb der neuen Partei weiter. Die Rivalität zwischen Monarchisten und Falangisten setzte sich auch nach dem siegreichen Ende des Bürgerkriegs fort. Die Monarchisten als Vertreter des spanischen Konservatismus verfolgten die Erhaltung der alten Ordnung und die Wiederherstellung der Monarchie, während die Falangisten als Vertreter des spanischen Faschismus auf die Fortsetzung der ‚nationalen Revolution‘ auch in der sozialen Sphäre drängten. Eine Minderheit der Falangisten betätigte sich im Zeitraum zwischen 1939 und 1942 gegen die konservativen Tendenzen der Franco-Regierung.

Im Verlauf des Jahres 1942 heizte sich insbesondere die Feindschaft zwischen der Falange und den ultrakonservativen Carlisten auf. Immer wieder kam es zwischen den Jugendgruppen der rivalisierenden Bewegungen in verschiedenen Landesteilen Spaniens zu heftigen Schlägereien. Am 25. Juli 1942 wollten Carlisten in der Kirche San Vicente Mártir in Bilbao eine Gedenkveranstaltung für den Begründer der Carlistenlinie, von ihnen als Karl V. bezeichnet, abhalten. Die Falange versuchte, diese Veranstaltung zu verhindern, und ließ alle falangistischen Zeitungen am 24. Juli ein entsprechendes Verbot verkünden. Trotzdem kamen tausende Carlisten zur Gedenkmesse, in welcher der Prediger gegen die Falange agitierte. Daraufhin zogen die Carlisten in weiteren Demonstrationen durch Bilbao und andere Städte im Baskenland. Diese erfolgreichen Demonstrationen der Carlisten wurden von den nordspanischen Führern der Falange als Provokation empfunden.

Attentat mini|hochkant|Basilika Unserer Lieben Frau von Begoña in Bilbao, 2010 Am 16. August 1942 versammelten sich etwa 5000 Carlisten, um in der Basilika Unserer Lieben Frau von Begoña ihrer Toten des Bürgerkriegs zu gedenken. Die Basilika ist einer der wichtigsten Kultorte des Carlismus. Die Gedenkfeier war ein jährlicher Akt und für die Carlisten ein zentrales Ereignis. Zu den Teilnehmern an der Messe gehörte auch der spanische Heeresminister, der mit den Carlisten eng verknüpfte General José Enrique Varela. Andere anwesende Würdenträger waren Unterstaatssekretär Antonio Iturmendi Bañales, Militärgouverneur Santiago Amado Lóriga, Zivilgouverneur José Garrán Moso sowie der Bürgermeister von Bilbao Tomás Pero-Sanz Zorrilla.

Die Vorbereitungen des Treffens waren im Vorhinein von Falangisten abgehört worden, die sich daraufhin in zwei Autos der Staatspartei und mit mindestens acht Mann aus dem Umland von Bilbao auf den Weg machten, um das Treffen der Carlisten zu stören. Außerhalb der Kirche kam es zu Zusammenstößen zwischen Carlisten und der kleinen Gruppe von Falangisten, kurz nachdem die Carlisten den Gottesdienst beendet hatten und die Basilika verließen. Nach späteren Darstellungen der Falangisten provozierten die Carlisten sie mit gegen die Falange und sogar gegen Franco gerichteten Sprechchören und attackierten sie auch physisch. Einer der Falangisten, Juan José Domínguez Muñoz, warf daraufhin zwei scharfe Handgranaten in die Menge. Eine der Granaten hatte eine Fehlzündung, doch die andere explodierte in der Nähe von General Varela.

Die zweite Handgranate verletzte viele Kirchgänger. General Varela blieb unverletzt. Todesopfer gab es nach offizieller Zählung keine, auch wenn die Carlisten später zwei Todesfälle durch die Spätfolgen des Attentats vermeldeten. Während der Falange-nahe Außenminister Ramón Serrano Súñer in seinen Memoiren die Zahl der Verletzten auf 20 schätzte, gingen General Varela und der britische Botschafter Samuel Hoare von 70 aus. Die Spanne anderer Schätzungen reicht von 30 bis 117.

Die Falangisten wurden von anwesenden Polizisten festgenommen, welche die Attentäter nur mit Mühe vor dem Zorn der Menge abschirmen konnten.

Nachspiel

Strafverfolgung Die franquistische Regierung unterdrückte sofort jede Presseberichterstattung über das Attentat und setzte eine Untersuchungskommission ein. Die politisch motivierte Kommission versuchte zunächst, eine kommunistische Verschwörung zu beweisen, wurde aber von den erzürnten Carlisten und insbesondere von General Varela unter Druck gesetzt, die falangistischen Querverbindungen der Attentäter offenzulegen.

General Varela versuchte, den Handgranatenangriff als einen gezielten Angriff der Falangisten gegen sich selbst und damit gegen das spanische Heer darzustellen. Varela schickte auf eigene Initiative Telegramme an die Befehlshaber der verschiedenen spanischen Militärdistrikte und forderte die Hinrichtung der Schuldigen durch die Armee sowie die Bestrafung der Falangistenbewegung durch den Staatsführer Francisco Franco. Die Führer der Falangisten versuchten indes, jede Beteiligung am Attentat abzustreiten, und gaben stattdessen britischen Geheimdiensten die Schuld. Diese Anschuldigung wurde auch gegenüber dem deutschen Botschafter Eberhard von Stohrer geäußert.

General Varela setzte einen Kriegsrat und einen Kriegsgerichtshof für Bilbao ein, um den Attentätern den Prozess zu machen. Der General drohte seinen eigenen Rücktritt als Heeresminister an, falls die Urteile nicht ausreichend hart seien. Der Staatsanwalt forderte zunächst sechs Todesstrafen für die an den Unruhen beteiligten Falangisten sowie zwei langjährige Haftstrafen für die Fahrer. Das Kriegsgericht bestätigte zunächst vier Todesurteile. Dies wurde in der Folge zunächst auf zwei und dann auf ein einziges Todesurteil reduziert: Der Granatenwerfer Juan Domínguez wurde am 3. September 1942 durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Viele Falangisten nahmen an seinem Begräbnis teil.

Politische Folgen Um Zusammenstöße zwischen carlistischen und falangistischen Studentengruppen zu vermeiden, befahl Franco die Verzögerung der Öffnung der Universitäten bis zum 1. November 1942.

Franco, der die heftige Reaktion der Carlisten und die Einberufung des Militärgerichts für übertrieben hielt, nahm das Attentat als Anlass für eine größere Umgliederung seines Kabinetts, die am 4. September verkündet wurde. Hierbei wurde Varela für seine Rücktrittsdrohungen abgestraft und von seinem Posten als Heeresminister abgelöst. Der Innenminister Valentín Galarza, der Varelas Kampagne gegen die Falangisten unterstützt hatte, musste ebenfalls seinen Posten räumen. Schließlich fiel auch Außenminister Ramón Serrano Súñer der Kabinettsumgliederung zum Opfer. Die Entlassung Serrano Súñers, der eigentlich nicht an der Begoña-Krise beteiligt gewesen war, war hierbei ein Akt des Ausgleichs, da mit Varela und Galarza zwei eher carlistische Minister entlassen worden waren, während Serrano Súñer als wichtigster Fürsprecher der Falangisten galt. Franco behielt auch nach der Krise den Proporz zwischen den rivalisierenden Fraktionen bei: Der falangistische Jurist Blas Pérez González übernahm das Innenministerium, der als Monarchist bekannte Francisco Gómez-Jordana Sousa wurde Außenminister und Francos Untergebener aus Bürgerkriegszeiten Carlos Asensio Cabanillas wurde zum neuen Heeresminister. Der Wechsel von Serrano Súñer zu Gómez-Jordana begünstigte auch die spätere Abkehr von der betont deutschlandfreundlichen Politik des bisherigen Außenministers, auch wenn Franco in der Folge gegenüber Benito Mussolini zunächst noch betonte, dass die Ablösung des Außenministers ein Ergebnis der spanischen Innenpolitik sei und dass sich die Linie der spanischen Regierung nicht geändert habe. Ähnliche Beschwichtigungen erschienen auch in der spanischen Presse.

Historiographie Das Attentat wurde sofort zu einem heftig umkämpften Ereignis, da die beiden beteiligten Fraktionen versuchten, jeweils die Deutungshoheit zu erlangen. Der Falange-nahe Außenminister Ramón Serrano Súñer spielte das Ereignis in seinen Memoiren eher herunter. Die Carlisten veröffentlichten ihr eigenes Pamphlet, in welchem sie schon im Titel der Falange die Schuld an dem Attentat gaben.

Zu den wichtigsten spanischen Historikern der Gegenwart zum Attentat gehört Antonio Marquina Barrio.

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Bilbao Kategorie:Rechtsextremismus in Spanien Kategorie:Kriminalfall 1942 Kategorie:Franquismus Kategorie:Kriminalfall in Spanien Begona