Mehdi Belhaj Kacem (; * 17. April 1973 in Paris) ist ein französisch-tunesischer Philosoph und Schriftsteller.

Leben Mehdi Belhaj Kacem wurde 1973 in Paris als Sohn eines tunesischen Informatikers und einer französischen Übersetzerin geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Tunesien und zog im Alter von dreizehn Jahren nach Fosses in die Pariser Vororte. Eine akademische Ausbildung in Philosophie absolvierte er nicht; er eignete sich das Fach als Autodidakt an. Bereits mit siebzehn Jahren schrieb er seinen ersten Roman Cancer, der 1994 erschien; ab dem Essay L’Antéforme (1997) wandte er sich vorwiegend philosophischen Fragen zu.

Im Studienjahr 2015/2016 war Kacem Stipendiat der Villa Medici in Rom. 2018 erhielt er das 18. Cioran-Stipendium für ein Essayprojekt über Arthur Schopenhauer.

Im Januar 2022 trat er an einer Online-Veranstaltung auf, an der auch Vertreter corona- und impfskeptischer Positionen teilnahmen.

Werk Kacems philosophisches Hauptvorhaben ist der auf fünf Bände angelegte Essayzyklus L’Esprit du nihilisme („Der Geist des Nihilismus“, 2006–2013), dessen zentraler, dritter Band 2009 bei Fayard erschien. In Anknüpfung an Martin Heidegger und Reiner Schürmann sowie in Auseinandersetzung mit Alain Badiou entwickelt er dort einen eigenen Begriffsapparat, in dessen Zentrum die von ihm so genannte „Pléonectik“ steht. 2013 fand an der École normale supérieure in Paris ein Kolloquium zu seinem Werk statt; 2014 widmete ihm die philosophische Zeitschrift der Universität Franche-Comté eine Sondernummer.

Mit dem Band Après Badiou (2011) nahm Kacem kritisch Abstand von seinem einstigen Lehrer Alain Badiou, dessen politische und moralische Positionen er als veraltet zurückwies. Badiou reagierte mit scharfer Kritik an dem Buch.

Auf Deutsch liegen bislang vier Veröffentlichungen vor: Inästhetik und Mimesis (Merve Verlag, 2011), der erstmals und bislang ausschließlich in deutscher Sprache publizierte Essay Protreptikos zur Lektüre von ›Sein und Sexuierung‹ (Merve Verlag, 2012), Artaud und die Theorie des Komplotts (Matthes & Seitz, 2017) sowie das Gesprächsbuch Anarchie – oder was?, in dem der Anthropologe David Graeber mit Kacem, Nika Dubrovsky und Assia Turquier-Zauberman spricht (Diaphanes, 2020). In der Wochenzeitung Die Zeit besprach Anja Kümmel 2017 Artaud und die Theorie des Komplotts und las den Essay als „Plädoyer für eine böse Gegenwartsliteratur“ gegen das „Konformismusdiktat des Marktes“. Bereits 2011 hatte das ZEITmagazin Kacem in einem Porträt über die junge Generation Pariser Intellektueller vorgestellt. Gemeinsam mit Jean-Luc Nancy gibt er beim Zürcher Verlag Diaphanes die Reihe „Anarchies“ heraus.

Schriften (Auswahl)

In deutscher Sprache Inästhetik und Mimesis. Badiou, Lacoue-Labarthe und die Frage der Kunst. Aus dem Französischen von Ronald Voullié. Merve Verlag, Berlin 2011 (Internationaler Merve Diskurs 337), ISBN 978-3-88396-275-7. Protreptikos zur Lektüre von ›Sein und Sexuierung‹. Aus dem französischen Manuskript von Ronald Voullié. Merve Verlag, Berlin 2012. Artaud und die Theorie des Komplotts. Matthes & Seitz, Berlin 2017, ISBN 978-3-95757-447-3. David Graeber mit Mehdi Belhaj Kacem, Nika Dubrovsky und Assia Turquier-Zauberman: Anarchie – oder was? Aus dem Englischen von Sabine Schulz. Diaphanes, Zürich 2020, ISBN 978-3-0358-0276-4.

In französischer Sprache Cancer. Tristram, Auch 1994. Vies et morts d’Irène Lepic. Tristram, Auch 1996, ISBN 2-907681-09-5. L’Antéforme. Tristram, Auch 1997. Society. Jeu investigatif et aventurier sur la communauté désavouable. Tristram, Auch 2001, ISBN 2-907681-30-3. Événement et répétition. Vorwort von Alain Badiou. Tristram, Auch 2004, ISBN 2-907681-42-7. Pop philosophie. Entretiens avec Philippe Nassif. Denoël, Paris 2005, ISBN 2-207-25511-5. L’Esprit du nihilisme. Une ontologique de l’histoire. Fayard, Paris 2009, ISBN 978-2-213-63858-4. Après Badiou. Grasset, Paris 2011, ISBN 978-2-246-78392-3. Être et sexuation. Stock, Paris 2013, ISBN 978-2-234-07328-9. Système du pléonectique. Diaphanes, Zürich 2020. mit Juan Branco: La renégation héroïque. Independently published 2025, ISBN 979-8-2631-8865-8.

Weblinks Mehdi Belhaj Kacem auf der Website des Diaphanes Verlags Mehdi Belhaj Kacem auf der Website der Villa Medici (italienisch)

Einzelnachweise

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