In der Medizin bezeichnet Ruhe im weiteren Sinne einen physiologischen Zustand, der durch minimale körperliche und psychische Aktivierung gekennzeichnet ist, typischerweise nach der Regeneration von einer vorangegangenen Anstrengung.
Im Gegensatz zu vielen klinischen Begriffen gibt es für Ruhe jedoch keine einheitliche, allgemein anerkannte Definition. Stattdessen hat jedes Teilgebiet, das auf einem Ruhe-Basiswert beruht, z. B. Blutdruckmessung, Stoffwechseluntersuchungen, Analyse der Herzfrequenzvariabilität, funktionelle Bildgebung des Gehirns u. a., eigene operationale Kriterien entwickelt, die auf das jeweilige Messverfahren und die angestrebte Reproduzierbarkeit zugeschnitten sind.
Wie in der Neurophysiologie bereits festgestellt wurde, wird Ruhe in der Praxis oft eher durch das Messverfahren als durch ein zugrundeliegendes physiologisches Kriterium definiert.
Trotz des Fehlens einer einheitlichen Definition lassen sich die verschiedenen fachspezifischen Kriterien für Ruhe auf eine gemeinsame Gruppe definierender Dimensionen zurückführen:
Verhaltens- und Haltungskriterien: Körperposition (sitzend oder liegend), Augenstatus (offen oder geschlossen) sowie Abwesenheit von Bewegung oder Sprechen während der Messung.
Zeitliche Kriterien: Eine erforderliche Mindestdauer der Ruhephase vor oder während der Messung; diese variiert je nach Fachgebiet erheblich und reicht von wenigen Minuten (Blutdruckmessung) bis zu fünfzehn Minuten oder länger (Stoffwechselrate).
Stoffwechsel- und pharmakologische Kriterien: Ein definierter Zeitraum des Verzichts auf Nahrung, Koffein, Nikotin, Alkohol oder körperliche Betätigung vor der Messung.
Kognitive Kriterien bzw. Aufgabenbezug: Abwesenheit spezifischer kognitiver Aufgaben oder externer Reize; eine Dimension, die insbesondere in der neurobildgebenden Forschung eine zentrale Rolle spielt.
Die einzelnen Fachgebiete unterscheiden sich darin, welche dieser Dimensionen sie betonen und wie streng diese definiert sind. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass Ruhe eher als operative Vorgabe fungiert, angepasst an die Anforderungen der Reproduzierbarkeit im jeweiligen Messkontext, denn als ein einziger, fester physiologischer Zustand.
Bedeutung Der Ruhezustand dient der Vergleichbarkeit medizinischer Messungen. Es sollen der Einfluss kurzfristiger Belastungen reduziert und dadurch die Reproduzierbarkeit diagnostischer Ergebnisse erreicht werden.
Zu den Untersuchungen, die typischerweise den Ruhezustand voraussetzen, gehören unter anderem:
Blutdruckmessungen Ruhe-Elektrokardiogramm (Ruhe-EKG) Bestimmung der Ruheherzfrequenz Spirometrie
Charakteristika Obwohl der Begriff in medizinischen Leitlinien häufig verwendet wird, existiert keine allgemein anerkannte Definition.
Gemeinsame Merkmale des Ruhezustands sind:
keine körperliche Aktivität, ausreichende Regeneration nach vorausgegangener Belastung, sitzende oder liegende Körperhaltung, ausreichende Erholungszeit nach vorangegangener Belastung, bzw. vor einer Untersuchung, möglichst geringe psychische Belastung, Vermeidung störender äußerer Einflüsse wie Gespräche oder Lärm.
Physiologische Eigenschaften Während des Ruhezustands arbeitet das Herz-Kreislauf-System weiterhin unter dem Einfluss verschiedener Regulationsmechanismen.
Der Ruhezustand ist kein statischer Zustand, sondern ein individuell regulierter Gleichgewichtszustand mit kontinuierlicher physiologischer Dynamik unter möglichst konstanten Randbedingungen. Zu den natürlichen Schwankungen gehören insbesondere:
respiratorische Veränderungen der Herzfrequenz (respiratorische Sinusarrhythmie), Baroreflex-regulierte Blutdruckschwankungen, Änderungen des Gefäßtonus, spontane Veränderungen der sympathischen und parasympathischen Aktivität.
Physiologische Variabilität Charakteristisch für den Ruhezustand ist nicht die Konstanz einzelner Messwerte, sondern die kontinuierliche physiologische Variabilität verschiedener Regelgrößen. Herzfrequenz, Blutdruck und Atmung unterliegen auch im Ruhezustand fortlaufenden Schwankungen. Diese Variabilität ist Ausdruck einer intakten autonomen Regulation und kein Messfehler.
Ruhezustand bei der Blutdruckmessung Internationale Leitlinien empfehlen vor einer Blutdruckmessung eine Ruhephase von mindestens drei bis fünf Minuten. Während dieser Zeit sollte die untersuchte Person
ruhig sitzen, den Rücken anlehnen, beide Füße auf dem Boden aufstellen, die Beine nicht kreuzen, den Arm auf Herzhöhe lagern, nicht sprechen.
Zusätzlich wird empfohlen, kurz zuvor auf körperliche Anstrengung sowie auf Nikotin oder koffeinhaltige Getränke zu verzichten.
Abgrenzung Der medizinische Ruhezustand ist von anderen Begriffen zu unterscheiden:
Schlaf, bei dem sich Bewusstseinszustand und Regulationsmechanismen deutlich verändern. Sedierung, die medikamentös herbeigeführt wird. Immobilität, bei der zwar keine Bewegung erfolgt, jedoch keine Aussage über die psychische oder physiologische Belastung getroffen werden kann.
Siehe auch Blutdruckmessung Ruhepuls Ruhe-EKG Herzfrequenzvariabilität Homöostase
Literatur
Kategorie:Diagnostik Kategorie:Herz-Kreislauf-Physiologie Kategorie:Biopsychologie