Der Skorpion ist eine Roman-Trilogie der Autorin Anna Elisabeth Weirauch. 1919 in Berlin erschienen gilt sie als eine der ersten deutschen Publikationen, welche weibliche Homosexualität nicht als pathologisch, kriminell oder sündhaft darstellt.

Die Erzählung versucht, im Gegensatz zu den meisten anderen zeitgenössischen Publikationen nicht, die Ursache der Homosexualität zu ergründen. Vielmehr beleuchtet sie die Diskriminierungen, welchen queere Menschen ausgesetzt waren.

Der Titel der Trilogie bezieht sich auf ein Geschenk, welches der Protagonistin Mette von ihrer Geliebten Olga Radó geschenkt wird. Dabei handelt es sich um ein Zigarettenetui, auf dessen Deckel ein Skorpion eingraviert ist.

Publikationsgeschichte Die einzelnen Bände der Trilogie wurden 1919, 1921 und 1931 veröffentlicht.

Was Weirauch zum Schreiben der Trilogie inspiriert hatte, beziehungsweise welche Hürden sich bei der Erstveröffentlichung auftaten, ist nicht weiter bekannt. Claudia Schoppmann formuliert die These, dass die sprachliche Gestaltung des Romans aus Angst vor der staatlichen Zensur bewusst trivial und besonders während der erotischen Passagen uneindeutig gehalten wurde.

Nichtsdestotrotz wurden die ersten beiden Romane 1926 durch den §184 als "unzüchtig verdächtige" Schriften verboten.

Laut ihrer Lebensgefährtin weise der Roman keine autobiografischen Bezüge auf.

Inhaltsangabe Melitta "Mette" Rudloff wächst in einem gutbürgerlichen, aber lieblosen Haushalt in Berlin auf. Bis auf ihre Schwärmerei für ihre junge Hauslehrerin, zeichnet sich ihre Kindheit und Jugend durch wenige emotionale Höhepunkte aus. Das ändert sich, als sie mit ungefähr 18 Jahren auf die ältere Olga Radó trifft. Die sich entwickelnde Liebesbeziehung zwischen den beiden Frauen wird vor allem von Mettes Familie zu unterbinden versucht. Während Mette in eine psychiatrische Behandlung gezwungen wird, befürchtet Olga eine Verurteilung durch den Paragraf §176, welcher die "Verführung Minderjähriger" unter Strafe stellt. Unter dem polizeilichen Druck verleugnet Olga schließlich die Beziehung zu Mette. Aus Verzweiflung und Scham über ihr eigenes Verhalten nimmt sich Olga anschließend das Leben. Der Selbstmord ihrer Freundin lässt Mette schockiert zurück.

In den folgenden Romanen lebt sie in verschiedenen deutschen Großstädten, um ihr Glück zu finden. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf, der ihren Neigungen und Vorstellungen entspricht, zeitgleich jedoch gesellschaftlich akzeptiert wäre, begegnen ihr verschiedene Gleichgesinnte. Zuletzt führt sie, nach Jahren der Selbstfindung, ein Leben auf dem Land.

Historische Einordnung

Sexualtheorien Zur Entstehungszeit der Romane wurden Versuche unternommen, die noch junge Sexualwissenschaft im wissenschaftlichen Kanon zu etablieren. Der wichtigste Vertreter dieser Disziplin war der Mediziner Magnus Hirschfeld. Seine Theorien waren grundlegend für den Diskurs über und das Selbstverständnis von homosexuellen Menschen in der Weimarer Republik. Nach seiner Theorie des "Dritten Geschlechts" ist Homosexualität eine natürliche sexuelle Variation. Durch ihr Angeboren sein könne der oder die Betroffene nicht für ihre Neigung bestraft werden. In der Diskussion zur Abschaffung des Paragrafen 175 kam diese Argumentation häufig zum Tragen.

Weitere Zeitgenossen, welche den Diskurs maßgeblich mit eigenen Theorien beeinflussten, waren der Jurist Karl Heinrich Ulrichs und die Psychiater Carl Westphal und Richard Krafft-Ebing.

Die zeitgenössische Sexualwissenschaft interessierte sich vornehmlich für die Ursachen und Entstehung von Homosexualität. Sie setzte dabei auf das empirische Sammeln von Daten. Versuche, zwischen körperlichen, psychischen Merkmalen und der Homosexualität eines Menschen allgemeingültige Verbindungen herzustellen, wurden unternommen. Ein zentraler Diskussionspunkt war die Frage nach dem Angeboren sein und dem Anerzogen werden der Homosexualität.

Diese Theorien brachten eine Pathologisierung, teilweise eine Kriminalisierung und daraus resultierend eine Stigmatisierung homosexueller Menschen mit sich.

Juristische Situation Der Paragraf 175 kriminalisierte den Sex zwischen Männern. Seine Abschaffung wurde auch auf offizieller politischer Ebene diskutiert. 1897 unterschrieben diverse Vertreter der SPD und KPD die Petition des Wissenschaftlich-humanitärem Komitees zur Reform, beziehungsweise Abschaffung des Paragrafen. Eine Priorität maßen sie dem Kampf gegen die allgemeine Homophobie jedoch nicht bei. Frauen wurden in dem Paragrafen nicht eingeschlossen. Der gesellschaftliche Konsens sprach ihnen ohnehin eine eigene Sexualität und Lust ab.

Ein weiterer Paragraf, welcher in der Handlung des Romans eine bedeutende Rolle spielt, ist der §176. Dieser stellte den versuchten oder begangenen sexuellen Missbrauch Minderjährigen unter Strafe. Im Kontext des Romans fürchtete Olga Radó, aufgrund ihrer Beziehung zu der 10 Jahre jüngeren Mette als Verführerin zu gelten.

Lesbische Kultur in Berlin mini|Werbung für die Neuauflage des "Skorpions" auf dem Titelblatt der Zeitschrift "Die Freundin", 1930/23. Auflage Das Berlin der 1920er Jahre gilt als Schauplatz homosexueller Emanzipation. Mit dem Bund für Menschenrechte (BfM) und dem Wissenschaftlich-humanitärem Komitee (WhK) entwickelten sich Institutionen, welche sich öffentlich unter anderem für die Belange nicht-heterosexueller und nicht-cisgender Personen einsetzten. Bedeutende Mitglieder dieser Organisationen waren beispielsweise die Frauenrechtlerin Helene Stöcker, der Verleger Friedrich Radszuweit und der Mediziner und Aktivist Magnus Hirschfeld.

Eine weitere, zuvor kaum vorhandene Vernetzungsmöglichkeit boten die zahlreichen Zeitschriften. Es sind mehrere Publikationen bekannt, welche sich trotz der eingeschränkten Pressefreiheit an ein explizit lesbisches Publikum richteten. Dazu zählen die "Garconne", die "Frauenliebe", die "FrauenLiebe und Leben" sowie die "Freundin".

Die Clubkultur der Weimarer Republik bot für lesbische Frauen diverse Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu treffen. Ausführliche Artikel in zeitgenössischen Reiseführern zeugen davon, dass es zahlreiche exklusiv weibliche Clubs und Tanzlokale gab. Ihr Exklusivitätsanspruch variierte jedoch. So war der Toppkeller in der Schwerinstraße ein populäres Ausflugsziel für all jene, welche "das Andere" kennenlernen wollten, während Adressen wie die Hohenzollerndiele in der Bülowstraße oder der von der Aktivistin Lotte Hahm geführte berüchtigte Damenklub Violetta eher eine heimische und kollektive Atmosphäre gehabt haben sollen.

Zu betonen bleibt die Urbanität und Klassismus dieser Kultur. Auf dem Land lebende oder mittellose Frauen hatten erschwerten Zugang zu dieser Gesellschaft.

Einzelnachweise

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Deutschland)