mini|300px|Keltische und römische Strukturen bei Oberammergau Der Kult- und Kampfplatz Döttenbichl ist eine keltisch-römische archäologische Fundstätte auf dem Gebiet des „Döttenbichl“, einer Erhebung unterhalb des Kofel auf dem Gebiet der oberbayerischen Gemeinde Oberammergau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. In der späten Latènezeit befand sich auf dem „Döttenbichl“ ein älterer raetischer Opferplatz, der während der drusisch-tiberischen Alpenfeldzüge des Jahres 15 v. u. Z. von Raetern besetzt und wahrscheinlich von römischen Truppen gestürmt worden war.
Lage und Forschungsgeschichte Der bis zu knapp 900 m NHN aufragende „Döttenbichl“ liegt westlich der Ammer,Fundplatz Döttenbichl bei weniger als einen Kilometer Luftlinie östlich des 1342 m hohen Kofels in den Ammergauer Alpen. Ihm gegenüber, auf dem östlichen Ufer der Ammer erhebt sich der über 900 m hohe „Rainenbichl“ der ebenfalls als keltisch-römische Fundstätte in Erscheinung trat.Marschlager Rainenbichl bei Ein erster römischer Fund in Form eines auffälligen, silbertauschierten Dolches war am „Döttenbichl“ bereits 1901 gemacht worden, = HD010822Günter Ulbert: Gaius Antonius, der Meister des silbertauschierten Dolches von Oberammergau. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 36, Heft 1, 1971, S. 44–49. er konnte jedoch mangels zugehöriger Befunde und weiterer Funde zunächst nicht sinnvoll eingeordnet werden. Dies war erst der Fall, als nach 1990 weitere Funde ans Tageslicht kamen. Daraufhin wurden von 1992 bis 1997 von der Spätrömischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Werner Zanier umfangreiche Untersuchungen durchgeführt und deren Ergebnisse 2016 ausführlich publiziert.Thomas Fischer: Oberammergau. Raetisches Heiligtum und frühkaiserzeitliches Schlachtfeld auf dem Döttelbichl. In: Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 424.Werner Zanier: Eine römische Katapultpfeilspitze der 19. Legion aus Oberammergau. Neues zum Alpenfeldzug des Drusus im Jahre 15 v. Chr. In: Germania. Anzeiger der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Band 72, Teilband 2, 1994, S. 587–596.Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 19–37 (Topographie), 38–54 (Forschungsgeschichte).Christian Kuhnert: Erläuterungen zur Geologischen Karte von Bayern 1:25000, Blatt Nr. 8432 Oberammergau. Bayerisches Geologisches Landesamt, München 1967 (Digitalisat).
Archäologische Befunde, Funde und Hypothesen Kult- und Kampfplatz auf dem Döttenbichl Gliederung und Struktur des Platzes Der Kult- und Kampfplatz auf dem Döttenbichl untergliedert sich topographisch in vier Fundbereiche: den eigentlichen Döttenbichl,Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 89–151, 469–490. die „Kälberplatte“Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 151–154, 493–495. (eine westlich von diesem gelegene Vertiefung zwischen dem Döttenbichl und dem Kofel), den „Ambronenstein“ (eine Felserhebung südlich der „Kälberplatte“) und schließlich noch weiter südlich eine Wasserquelle unterhalb der so genannten „Ölberghöle“, bei der 1901 der bekannteste Fund Oberammergaus, ein aufwändig mit Silber tauschierter römischer Dolch gefunden worden war (siehe weiter unten).Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 27–37, 154 f., 490–493. Der Name „Ambronen“ hat nichts direkt mit dem germanischen Stamm der Ambronen zu tun, sondern bezieht sich auf eine nach diesen benannte Münchener Verbindung von Studenten, die in Oberammergau gebürtig waren. An all diesen Plätzen waren in unterschiedlicher Konzentration keltische und/oder römische Funde gemacht worden, wobei das unmittelbare Gebiet des eigentlichen Döttenbichels den absoluten Schwerpunkt bildete. Das Fundmaterial reichte über die römische Zeit zurück und war offenbar bewusst und rituell niedergelegt und zum großen Teil zuvor dem Feuer ausgesetzt und anschließend in den Boden eingebracht oder auf diesem verteilt worden, so dass eine Deutung als Opferplatz naheliegend war. Dabei wiesen die römischen Funde Spuren vorherigen Gebrauchs auf, was zu der Hypothese Anlass gab, dass in der Nähe, wenn nicht am Döttenbichl selbst, ein Gefecht zwischen Römern und Kelten stattgefunden hatte. Bebauungsspuren gab es keine, so dass von einem offenen Opferplatz ohne Kultbauten ausgegangen werden muss.Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, (Teilband 2 als Digitalisat) (Rezension).Wolf-Dieter Heilmeyer: Die Römer in Oberammergau. Erste Folgerungen aus den Grabungsfunden am Döttenbichl und am Rainenbichl. In: Carolin Johanna Völk (Hrsg.): Auf Spuren der Römer vom Ammersee nach Verona. Ein kulturgeschichtlicher Reisebegleiter. Fink, Lindenberg 2015, ISBN 978-3-89870-929-3, S. 86–89. (Siehe auch weiter unten im Abschnitt Hypothesen.)
Datierende Funde Münzfunde von Döttenbichl, Kälberplatte und Ambronenstein:Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 158–168. Prägezeit Nominal Münzstätte Fundort Anmerkungen79 v. u. Z.Denarius SerratusRomDöttenbichlMünzmeister Naevius Balbus; Silber mit 30 % Kupfergehalt46 v. u. Z.DenarRomAmbronensteinFast reines Silber mit schwachen Anteilen an Cu und Pbnach 27 v. u. Z.AsBilbilisKälberplattePb-Sn-Bronze mit geringem Sn- und sehr hohem Pb-GehaltEnde 1. Jh. v. u. Z. bis 1. Hälfte 1. Jh. u. Z.AsunbekanntKälberplatteKupfer mit hohen Anteilen an P, S, Si und Al19/18 v. u. Z.DenarColonia Patricia (= Córdoba)DöttenbichlFast reines Silber16/15 bis 8 v. u. Z.AsNemausus (Serie Ib)DöttenbichlPb-Sn-Bronze mit mittlerem Sn- und hohem Pb-Gehalt16/15 bis 3 v. u. Z.As ImitationunbekanntDöttenbichlPb-Sn-Bronze mit mittlerem Sn- und hohem Pb-Gehalt16/15 bis 3 v. u. Z.halbiertes AsNemaususKälberplatte1./2. Jahrhundert u. Z.AsunbekanntKälberplatteKupfer mit hohen Anteilen an P, S, Si und Al1. bis 3. JahrhundertAsunbekanntKälberplatteKupfer mit hohen Anteilen an P, S, Si und Al
Fibeln Nach Münzen sind im Allgemeinen Fibeln die am besten datierbare Fundgattung. Bei den insgesamt 36 Fibeln (Funde B1 bis B36) vom Döttenbichel handelt es sich ausschließlich um Spiralfibeln, die jeweils zur Hälfte aus Eisen und aus Bronze beziehungsweise Messing gefertigt wurden; 32 von ihnen stammen vom eigentlichen Döttenbichl, jeweils zwei von der Kälberplatte und vom Ambronenstein. Das zeitliche Spektrum reicht vom Ende des zweiten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung bis zur Mitte des ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung.Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 168–196.
Dolche mini|Fundstelle des verzierten römischen Dolches E1 (1901) Der auch überregional bekannteste Fund aus Oberammergau dürfte ein aufwändig mit Silber tauschierter Dolch (Fund E1) sein, der 1901 südlich des Ortes gefunden worden war. Eine Markierung auf einem Katasterplan im Maßstab 1:5000 verortet die Fundstelle rund 260 m südlich des Döttenbichels und knapp 190 m südlich des Ambronensteins. Diese Dolch ist das kleinste Exemplar unter europaweit rund 200 vergleichbaren, frühkaiserzeitlichen Dolchen. Die Scheide war mit Niello überzogen, zu dem das helle Silber besonders gut kontrastierte. Die vielfältige Ornamentierung mit Doppelmäander, Wein- und Efeuranken sowie einem laufenden Hund machen den Fund singulär. Bei Restaurierungsarbeiten um 1970 konnte auf der Rückseite der Parierstange die Herstellerinschrift entziffert werden:
Zur Datierung gibt es widersprüchliche Ansichten, die von 20/15 v. u. Z. (Janka Istenič, 2012) bis in die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung reichen (Günter Ulbert, 1971).Janka Istenič: Daggers of the Dangstetten type. In: Arheološki vestnik, Band 63, 2012, S. 159–178 (Digitalisat). Zwei weitere, unverzierte Dolche wurden 1990/1991 von Sondengängern entdeckt, einer 10 m südlich des Ambronensteins (Fund E2) und einer am Döttenbichl (Fund E3). Beide Dolche ähneln sich in Form, Größe und Herstellungstechnik. Dolchscheiden konnten keine festgestellt werden, vermutlich haben sie aus Leder oder anderem organischen Material bestanden, das im Laufe der Jahrtausende verrottet ist. Laut Janka Istenič ähneln die Dolche von Oberammergau den von ihr definierten Dolchen vom Typ Dangstetten. Damit wären sie in die Zeit zwischen 20/15 v. u. Z. und 14 u. Z. einzuordnen.Werner Zanier: Der spätlatene- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 62, 3 Teilbände) Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-10763-4, S. 267–277, Tafeln 18–20.
Geschoss- und Katapultspitzen, insbesondere der Legio XIX mini|Katapultpfeilspitzen mit Dorn aus dem Römerlager Haltern (1902) Die insgesamt eiserne 19 Geschoss- und Katapultspitzen verteilen sich auf 15 Geschossspitzen mit Tülle (Funde E66 bis E80) und vier Katapultspitzen mit Dorn (Funde E81 bis E84) und fanden sich ausschließlich am Döttenbichl. Die 15 tüllenbehafteten Geschossspitzen haben vierkantige, pyramidale Spitzen und runde Tüllen. Sie weisen unterschiedliche Gewichte von etwa 30 g bis 135 g auf, wobei die schweren Typen von mehr als 100 g mit neun Exemplaren quantitativ dominieren. Minimal sieben bis maximal elf Exemplare zeigen an den Spitzen Verformungen, die als Aufprallwirkung beim Gebrauch angesprochen werden. Die Geschosse datieren in die ausgusteische Zeit und dienten entweder als Katapultpfeile unterschiedlicher Gewichtstypen für ein Katapult, oder unterschiedlicher Größe für verschiedene Katapulte. Letzteres ist nicht auszuschließen, da laut Flavius Vegetius Renatus zu jeder Zenturie ein Pfeilgeschütz gehörte.Flavius Vegetius Renatus: Epitoma rei militaris, II, 25 (Digitalisat lateinisch).
Die vier Katapultpfeilspitzen mit Dorn stammen vom Ostteil des Döttenbichls. Sie haben einen quadratischen Querschnitt mit konvexen Kanten und sind an ihren Basen schräg zu einem Achteck abgekantet, der Dorn ist deutlich abgesetzt. Es gab tausende von Vergleichsexemplaren, die allesamt aus augusteischer Zeit und aus dem Römerlager Haltern stammten, jedoch am Ende des Zweiten Weltkriegs verloren gingen. Zwei der Oberammergauer Spitzen weisen Aufprallbeschädigungen auf, drei sind an jeweils einer Längsseite mit einem Stempel versehen: