Das als Hans und Berthold Finkelstein Stiftung firmierende Unternehmen ist eine 2023 von der Bayer AG gegründete gemeinnützige GmbH mit Sitz in Leverkusen. Sie fördert Forschungs- und Erinnerungsprojekte zu den Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem zur NS-Zwangsarbeit bei der I.G. Farbenindustrie AG, zu der Bayer enge historische Verbindungen hat, sowie Projekte zur Stärkung der Demokratie.
Gründung und Hintergrund Am 18. April 2023 machte die Bayer AG die Gründung der Stiftung öffentlich. Die Gründung erfolgte im Rahmen der Auseinandersetzung des Unternehmens mit seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, die von vielen Seiten als bis dahin nicht ausreichend kritisiert worden war. Bayer war 1925 als eines der Gründungsmitglieder in der I.G. Farben aufgegangen, die während des Zweiten Weltkriegs in großem Umfang Zwangsarbeiter einsetzte, unter anderem in der Betriebsgemeinschaft Niederrhein und im Lager Buna-Monowitz. Ab 2022 hatte sich Bayer im Rahmen eines unternehmensinternen Geschichtsprojektes verstärkt mit der NS-Vergangenheit befasst. Dazu zählte die Errichtung eines Erinnerungsortes für 16.000 Zwangsarbeiter der I.G.-Farben-Standorte Betriebsgemeinschaft Niederrhein / Leverkusen, Wuppertal, Dormagen, Krefeld-Uerdingen. Zudem präsentierte das Fritz Bauer Institut eine Ausstellung zu I.G. Farben und Buna-Monowitz.
Namensgeber mini|Gedenkplakette für Berthold Finkelstein am Eingang zum Gustav-Stresemann-Institut in Bonn Namensgeber der Stiftung sind der promovierte Chemiker Hans Finkelstein und sein Sohn Berthold Finkelstein. Hans Finkelstein, Erfinder der nach ihm benannten Finkelstein-Reaktion, stammte aus einer liberalen jüdischen Familie, wurde im Alter von zehn Jahren getauft und war seit 1911 Forschungsleiter der Chemische Fabriken vormals Weiler-ter Meer in Uerdingen, die 1925 in der I.G. Farben aufging. Im Nationalsozialismus wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und überwacht; im Zuge der Arisierung musste er 1938 seinen Posten bei der I.G. Farben aufgeben sowie seinen Reisepass abgeben. Wenige Wochen nach seiner Entlassung nahm er sich das Leben. Sein Sohn Berthold Finkelstein wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als sogenannter „Halbjude“ verfolgt und musste bei der I.G. Farben Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg engagierte er sich in der politischen Bildung und europäischen Verständigung und war Gründungsdirektor des Gustav-Stresemann-Instituts in Bonn. Die Namensgebung der Stiftung erfolgte mit Zustimmung von Johannes Finkelstein, dem Sohn von Berthold und Enkel von Hans Finkelstein.
Aufgaben und Förderbereiche Die Stiftungsarbeit gliedert sich in die drei Bereiche Erinnerung, Forschung und Resilienz. Die Stiftung fördert Forschung zum NS-Unrecht sowie erinnerungskulturelle Projekte im In- und Ausland, organisiert öffentliche Veranstaltungen und bietet Bildungsangebote für Mitarbeiter von Unternehmen und Zivilgesellschaft an.
Zu den Projekten zählte unter anderem das Projekt „Zukunft braucht Erinnerung“, das die Stiftung im Mai 2025 anlässlich des 80. Jahrestags des Kriegsendes gemeinsam mit der Volkshochschule Leverkusen und dem Caritasverband Leverkusen durchführte. Forschungsprojekte sind beispielsweise zwei Stipendien am Fritz Bauer Institut zur Geschichte der I.G. Farben sowie eins zur Erarbeitung einer umfassenden Biografie zu Fritz ter Meer, dessen Rolle als I.G.-Farben- und Bayer-Spitzenmanager von der Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik, einschließlich seiner Verurteilung als Kriegsverbrecher im Nürnberger I.G.-Farbenprozess, untersucht werden soll. 2024 ließ die Stiftung in Kooperation mit der Stadt Krefeld und deren NS-Dokumentationszentrum zwei Stolpersteine für Hans und Berthold Finkelstein in Krefeld-Uerdingen verlegen. Die Organisation von Fahrten zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sowie Bildungsreisen für Mitarbeitende von Unternehmen gehören zu weiteren Aktivitäten der Stiftung.
Seit 2024 unterstützt die Stiftung gemeinsam mit Bayer die #WeRemember-Kampagne. Im Jahr 2026 initiierte und förderte die Stiftung in diesem Zusammenhang eine Aufführung von Werken von Fritz Löhner-Beda, einem österreichischen Librettisten, in der Komischen Oper Berlin sowie virtuelle Touren durch die Gedenkstätte Auschwitz für Bayer-Mitarbeitende. Ebenfalls 2026 wurde die neu eröffnete Dauerausstellung in der Villa Merländer in Krefeld unterstützt.
Organisation Die Stiftung wird von einem Stiftungsteam unter der Geschäftsführung von Annemarie Hühne-Ramm geleitet. Ein Beirat aus Vertreterinnen und Vertretern von Wissenschaft, Gesellschaft und Unternehmen berät die Stiftung; den Vorsitz hat die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan, Ko-Vorsitzender ist Johannes Finkelstein. Zu den weiteren Mitgliedern zählen unter anderem Piotr Setkiewicz, Leiter des Forschungszentrums des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, sowie Sara Berger vom Fritz Bauer Institut (Stand 2026).
Weblinks Website der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung
Einzelnachweise
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