mini|400px|Blick über die Leerschlucht auf die Eingänge von Wildscheuer (a) und Wildes Haus (b) mini|Eingang zur Wildscheuer, etwa 1925

Die Steedener Höhlen waren mehrere Höhlen auf der Gemarkung des Dorfes Steeden (historische Schreibweise auch: Steeten), heute ein Stadtteil der Gemeinde Runkel. Die Höhlen wurden im 20. Jahrhundert zerstört. Die als altsteinzeitlicher Fundplatz bedeutendsten waren die „Wilde Scheuer“ (auch „Wildscheuer“) und „Wildes Haus“.Bürger-Völlmecke: Die Sammlung Nassauischer Altertümer. S. 42.

Geografie Die Höhlen lagen in den aus Kalkstein gebildeten Felshängen der Leerschlucht auf der Nordseite des Lahntals, nördlich der Ortschaft Steeden. Die Schlucht führte kein fließendes Gewässer, war etwa 250 m lang und von 25 m hohen Felsen begrenzt. Die Schlucht war an beiden Enden sehr eng, dazwischen weitete sie sich und der Hang bildete Terrassen. Die beiden Höhlen waren nur über einen schmalen Pfad, der in 12 m Höhe in der Felswand verlief, zugänglich.Cohausen (1879), S. 323 f.

Die nach Südwesten offene Wilde Scheuer war am Eingang 6 m breit und 7 m hoch und führte 18 m in den Berg hinein. Die Wildhaus-Höhle lag etwa 65 m südlich der Wilden Scheuer. Es handelte sich um eine Felsspalte, die nur etwa einen halben Meter breit, 3,5 m hoch und etwa 11 m tief war. Bereits 3 m nach dem Eingang war sie so niedrig, dass sie nur noch auf Knien „begangen“ werden konnte.Fiedler: Runkel-Steeden; Herrmann / Jockenhövel, S. 324, Abb. 182.

Weitere Höhlen wurden durch den fortschreitenden Kalkabbau in unmittelbarer Nähe entdeckt. Die dritte, bis dahin verschlossene Höhle wurde durch Steinbrucharbeiten im Dezember 1881 östlich der beiden bekannten Höhlen erschlossen, aber von den Arbeitern ohne Dokumentation ausgeräumt. Die zahlreichen – auch menschlichen – Skelettteile konnten noch sichergestellt werden. Die Höhle wurde von Karl August von Cohausen als „Totenhöhle“ bezeichnet.Cohausen (1882), S. 73. Eine vierte Höhle kam 1892 zum VorscheinKutsch, S. 28. sowie zu einem nicht genannten Zeitpunkt eine weitere.Kutsch, S. 29, Nr. 7. Hinzu tritt noch westlich der ehemaligen Leerschlucht die Höhle „Hasenbackofen“ mit einem Zugang an jedem Ende.Kutsch, S. 29, Nr. 8.

Geschichte Die ältesten Funde aus den Höhlen sind einige wenige Artefakte aus dem Mittelpaläolithikum (200.000–45.000 BP), darunter ein Faustkeil.Fiedler: Runkel-Steeden. Auch im Jungpaläolithikum (ab etwa 45.000 BP) wurden die Höhlen von Menschen genutzt. Die ältesten Funde dieser Zeitstufe stammen aus dem Aurignacien (rund 35.000 bis 31.000 BP). Es handelt sich um Steinartefakte aus Kieselschiefer und Speerspitzen aus Mammutknochen. Auch im mittleren Jungpaläolithikum (Gravettien, etwa 30.000 bis 23.000 BP) wurden die Höhlen weiter genutzt. Eine entsprechende Fundschicht aus der Wilden Scheuer (Funde aus Chalcedon und Feuerstein, verzierter Vogelknochen) belegt das. Das späte Jungpaläolithikum (etwa 15.000 bis 11.500 BP) ist allein aus der der Wildscheuer durch eine Schicht, die Funde des Magdalénien enthielt, belegt (Kratzer, Stichel, spitzklingenartige Bohrer).

Die Höhlen waren auch später bekannt. So diente die Wildscheuer noch in den Revolutionskriegen den Bewohnern von Steeden als Zufluchtsort.Cohausen (1879), S. 324.

Bereits 1820 fanden erste Grabungen statt, von deren Ergebnissen aber schon 50 Jahre später nichts mehr bekannt war. Auch die „Grabungen“ der folgenden Jahrzehnte dienten ausschließlich dem Ausgraben von Knochen.Cohausen (1879), S. 325. Ab etwa 1846 wurden dort gefundene Mammutknochen in die Knochenmühle nach Limburg gebracht und dort zermahlen.

mini|Längsschnitt durch die Wildscheuer mini|Stratigrafie der Fundschichten in der Wildscheuer

Ab 1874 fanden systematische archäologische Grabungen unter dem preußischen Konservator für die Provinz Hessen-Nassau, Karl August von Cohausen, statt. Zeitweise war auch der Bonner Anatomieprofessor Hermann Schaaffhausen beteiligt.Herrmann: Die Entdeckung der hessischen Vorzeit.. S. 65. Dabei wurden etwa 4 m hohe Sedimentschichten erschlossen. Die Erkenntnisse waren für die damalige Zeit sensationell: Erstmals in Deutschland konnte der stratigrafische Nachweis der Gleichzeitigkeit von Mammut und Menschen erbracht werden.Cohausen (1874), S. 385. Hinzu trat die Entdeckung einer etwa 14 cm langen Speerspitze aus einer Mammutrippe durch Hermann Schaaffhausen, was ebenfalls als Beleg der Gleichzeitigkeit von Mensch und Mammut gewertet wurde. Diese Erkenntnisse wurden Teil der damals heftig geführten Diskussion um die historische Wahrheit der biblischen Schöpfungsgeschichte (Kreationismus). Rudolf Virchow etwa lehnte die Annahme ab, dass etwas älter als etwa 6.000 Jahre sein könnte.

Die letzte Notgrabung erfolgte 1953, bevor die Höhlen mitsamt den dort noch liegenden steinzeitlichen Zeugnissen dem fortschreitenden Kalkabbau zum Opfer fielen. Untersuchungen mit moderneren archäologischen Methoden sind vor Ort deshalb nicht mehr möglich, an den geborgenen Fundstücken dagegen schon. Hier konnte für zwei Artefakte nachgewiesen werden, dass sie aus Rippen des Wollnashorns gefertigt wurden.

Zahlreiche Funde aus den Grabungen sind in die Sammlung Nassauischer Altertümer gelangt, die heute der Stadt Wiesbaden gehört, und von der Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden kuratiert wird.Die Sammlung Nassauischer Altertümer - Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden

Wissenswert Zeitweise wurden Schädel-Fragmente aus der Wilden Scheuer dem Neandertaler zugeschrieben.So noch Fiedler: Runkel-Steeden. In jüngerer Zeit stellte sich jedoch heraus, dass die Knochen von einem Höhlenbär stammen.Eintrag Wildscheuer in: Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester 2011. ISBN 978-1-4051-5510-6 Ein Mammut ziert das Wappen von Steeden.

Literatur Allgemein

Daniel Bürger-Völlmecke: Die Sammlung Nassauischer Altertümer. Das historische Gedächtnis eine Region. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hg.): Denkmal Hessen 2026/01, S. 36–45. Lutz Fiedler: Runkel-Steeden. In: Fritz-Rudolf Herrmann, Albrecht Jockenhövel (Hg.): Die Vorgeschichte Hessens. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0458-6, S. 471. Fritz-Rudolf Herrmann: Die Entdeckung der hessischen Vorzeit. In: Fritz-Rudolf Herrmann, Albrecht Jockenhövel (Hg.): Die Vorgeschichte Hessens. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0458-6, S. 39–69. Fritz-Rudolf Herrmann, Albrecht Jockenhövel (Hg.): Die Vorgeschichte Hessens. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0458-6

Wissenschaftliche Auswertungen

Karl August von Cohausen: Die Nachgrabungen in der alten Wallburg und den Höhlen bei Steeten an der Lahn. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 13, 1874, S. 379–389. Die Höhlen und die Wallburg bei Steeten an der Lahn. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 15, 1879, S. 323–342. Die Höhlen bei Steeten an der Lahn. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 17 (1882), 2. Teil, S. 73–79. Hermann Schaaffhausen: Der neue Höhlenfund von Steeten. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 17 (1882), 2. Teil, S. 80–100. H. Behlen: Eine neue Nachgrabung vor der Steedener Höhle Wildscheuer. In: Nassauische Annalen 35, 1905, S. 290–307. Robert Rudolf Schmidt unter Mitwirkung von Ernst Koken und Alfred Schliz: Die diluviale Vorzeit Deutschlands. E. Schweizerbartsche Verlagsbuchhandlung Nägele und Dr. Sproesser, Stuttgart 1912, S. 78–86 u. Taf. XXXIII–XXXV. [S. 78–85: Wildscheuer, S. 85f.: Wildhaus]. Hermann Heck: Die Stratigraphie der „Wildscheuer“ bei Steeden. In: Institut für Eiszeitforschung (Hg.): Die Eiszeit. Zeitschrift für allgemeine Eiszeitforschung. Wien 1924, S. 103–106. Ferdinand Kutsch: Die Steedener Höhlen – 1. Übersicht über die Grabungen. In: Nassauische Annalen 65, 1954, S. 27–34. Heinz-Eberhard Mandera: Die Steedener Höhlen – 2. Bericht über die Nachuntersuchung der Höhle „Wildscheuer“ und ihres Vorplatzes 1953. In: Nassauische Annalen 65, 1954, S. 35–42. Ferdinand Kutsch: Die Steedener Höhlen – 3. Die Funde der Nachuntersuchung. In: Nassauische Annalen 65, 1954, S. 42–45.

Weblinks

Die Höhlen von Steeden – Sammlung im Landesmuseum Wiesbaden

Einzelnachweise

Kategorie:Höhle in Hessen Kategorie:Altsteinzeitlicher Fundplatz in Europa Kategorie:Geographie (Runkel)