Sharon Geva (; geb. 1973 in Israel) ist eine israelische Historikerin und Hochschullehrerin. Sie ist Associate Professor und Leiterin des Fachbereichs Geschichtswissenschaft am Kibbutzim College of Education, Technology and the Arts in Tel Aviv mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte. Geva forscht zur Geschichte der Frauen im Holocaust, den Erfahrungen weiblicher Überlebender und zur Wahrnehmung des Holocausts in der israelischen Gesellschaft.
Studium Sharon Geva studierte Geistes- und Geschichtswissenschaften an der Universität Tel Aviv bei Anita Shapira und Hannah Naveh mit Schwerpunkt Jüdische Geschichte. Sie schloss ihre Magisterarbeit mit Summa cum laude ab und promovierte 2007 an der Universität Tel Aviv mit einer Dissertation zum Thema „Darstellungen von Frauen im Holocaust im israelischen öffentlichen Diskurs der 1950er Jahre und im Eichmann-Prozess“.
Berufstätigkeit Nach Abschluss ihrer Promotion lehrte Sharon Geva von 2007 bis 2024 als Dozentin im Rahmen des National Council of Jewish Women (NCJW)-Programms für Women and Gender Studies sowie im interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Programm der Universität Tel Aviv. Zudem koordinierte sie 2011–2017 eine Forschungsgruppe zur Holocaust-Pädagogik am Institut für Fortbildung des Kibbutzim College. Die Ergebnisse der Gruppe wurden in einem Sammelband veröffentlicht.
2019 wurde sie in den Vorstand der Historical Society of Israel (HSI) gewählt, der israelischen Fachgesellschaft für Geschichtsforschung, dem sie bis 2021 angehörte. Seit 2020 ist sie Koordinatorin des internationalen Forums „Women Recall the Holocaust“ am Arnold- und Leona-Finkler-Institut für Holocaust-Forschung unter Leitung von Judy Baumel-Schwartz, Bar-Ilan-Universität.
Von 2022 bis 2024 war sie im Haus der Ghettokämpfer (Ghetto Fighters' House) im Jizchak-Katzenelson-Museum tätig, welches zentrale Dokumente des Holocaust und des Jüdischen Widerstands sammelt und aufbereitet. Außerdem initiierte und koordinierte sie 2012–2019 ein Geschichtsprojekt mit dem Titel „Returning Women to History“ (Frauen in die Geschichte zurückbringen), in dessen Rahmen Studierende Artikel über außergewöhnliche Frauen in der hebräischen Wikipedia verfassten.
Seit 2024 hat Sharon Geva die Leitung des Fachbereichs Geschichte am Kibbutzim College for Education, Arts and Technology in Tel Aviv-Jaffa inne.
Sharon Geva veröffentlicht regelmäßig Beiträge in der israelischen Tageszeitung Haʾaretz.
Forschungsthemen Sharon Gevas zeithistorische Forschung konzentriert sich auf die Gender-Geschichte des Holocaust, die Rolle von Frauen in der israelischen Nachkriegsgesellschaft und auf die Entwicklung der Erinnerungskultur.
So erforschte sie den israelischen Holocaust-Diskurs über Heldentum aus geschlechtsspezifischer Perspektive und zeigte anhand ihrer Untersuchungen, dass der Begriff des Heroismus nicht auf den bewaffneten Kampf verengt, sondern breiter gefasst werden sollte. In ihren Analysen zu den Widerstandskämpferinnen in den Jüdischen Ghettos und zur Rolle von Kurierinnen (Kashariyot) im jüdischen Widerstand entwickelte sie neue Interpretationsansätze, mit denen sie die Bedeutung von Frauen für die Untergrundarbeit differenzierter beschreibt.
Zum Thema Erinnerungskultur hinterfragte Geva mit anderen Forschenden die These eines „kollektiven Schweigens“ in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung Israels und wies nach, dass Holocaust-Überlebende, insbesondere Frauen, bereits in den frühen Jahren eine sichtbare Präsenz in der israelischen Gesellschaft hatten. In mehreren Schriften dokumentiert sie den Beitrag der Überlebenden zur Etablierung der israelischen Erinnerungskultur und des Holocaust-Gedenkens.
In einer Untersuchung des Eichmann-Prozesses forschte Geva zur Perspektive jener Frauen, die als Zeuginnen und Akteurinnen in verschiedenen Funktionen des Verfahrens vorkamen. Hierzu gehören die Beteiligung einer Frau an der Mossad-Einheit zur Ergreifung Eichmanns, der Beitrag von Ermittlerinnen einer Sonderpolizeieinheit („Büro 06“), aber auch die Arbeit von Stenografinnen und Übersetzerinnen im Gerichtssaal sowie die Tätigkeit der Sekretärin des Verteidigers Robert Servatius. Zudem erforschte sie die Rolle des Aufstands im Warschauer Ghetto innerhalb des Prozesses.
Ein weiterer Schwerpunkt von Sharon Geva liegt auf der Stellung der Frau in der israelischen Gesellschaft der 1950er Jahre, wobei sie sich methodisch auf die von den Frauen selbst verfassten Primärquellen stützt. In diesem Kontext kam sie zu dem Ergebnis, dass der jahrzehntelange Ausschluss von Frauen aus der Pilotenausbildung der israelischen Luftstreitkräfte primär auf geschlechtsspezifischen Erwägungen beruhte. Bezogen auf die Rolle der Mütter im Kampf um die Befreiung der Geiseln nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 analysiert sie unter einer historischen Perspektive, wie der Protest von Müttern im politischen Diskurs aufgegriffen und für staatliche Narrative genutzt wurde.
Auszeichnungen Für ihre Forschungsarbeit erhielt Sharon Geva mehrere Stipendien und Auszeichnungen, darunter ein nach Nathan Rotenstreich benanntes Stipendium im Auftrag des Council for Higher Education, einen Preis von Yad Vashem sowie einen Forschungspreis des Hadassah-Brandeis-Instituts für die Erforschung jüdischer Frauen der Brandeis-University. Ihr Buch To the Unknown Sister: Holocaust Heroines in Israeli Society wurde 2011 mit dem Mordechai-Ish-Shalom-Preis des Yad-Itzhak-Ben-Zvi-Instituts in Jerusalem ausgezeichnet.
Bücher Zivia Lubetkin and Yitzhak (Antek) Zuckerman: A Double Biography (Eine Doppelbiografie). Hakibbutz Hameuchad, Yad Tabenkin und Haus der Ghetto-Kämpfer, Israel 2023, ISBN 978-965-282-130-0. Women in the State of Israel: The early years (Frauen im Staat Israel: Die frühen Jahre). Magnes Press, Jerusalem 2020, ISBN 978-965-7008-82-9. To the Unknown Sister: Holocaust Heroines in Israeli Society (An die unbekannte Schwester: Heldinnen des Holocaust in der israelischen Gesellschaft). Tel Aviv: Hakibbutz Hameuchad, 2010, ISBN 978-965-02-0576-8. (Hrsg.): השואה: שעת חינוך (ha-Sho’ah: she‘at ḥinukh (Lessons of the Holocaust: Humanistic Pedagogical Perspective)). Hakibbutz Hameuchad (הוצאת הקיבוץ המאוחד), Seminar HaKibbutzim (סמינר הקיבוצים) & Mofet-Institut (מכון מופ"ת) 2017, ISBN 978-9650208349
Artikel (Auswahl) LaIsha als Mitgestalterin des israelischen Shoah-Gedenkens: Der Fall einer Schönheitskönigin. In Miri Freilich (Hrsg.): Der Dornbusch, der nicht verbrannte. Überlebende der Shoah in Israel. Friedrich-Ebert-Stiftung und Beit Berl Academic College 2012, S. 148–163, ISBN 978-3864983009. Young Woman, Daughter, Mother: Female Soldiers Killed in Battle during Israels War of Independence (1947–1949). In: Middle Eastern Studies 60, Nr. 6, 2024, S. 1000–1012. Zivia Lubetkin: Her Public Story, Her Private Story. In: Lori R. Weintrob; Judith Tydor Baumel-Schwartz (Hrsg.): Heroines of the Holocaust: Reframing Resistance and Courage in Genocide. Routledge, London 2024, S. 273–283, ISBN 978-1040257623. From a Holocaust Survivors Initiative to a Ministry of Education: Project: Fredka Mazia and the First Israeli Youth Journeys to Poland 1965–1966. In: Holocaust and Genocide Studies 37, Nr. 1, 2023, S. 140–153. Ghetto fighters, Mothers, Documenters, Female Holocaust Survivors in Israel. In: Beiträge zur Geschichte nationalsozialistischer Verfolgung Nr. 3, 2022, S. 116–129. With and Despite the Burden of the Past: 1946 in the Life Story of Zivia Lubetkin. In: Moreshet Journal for the Study of the Holocaust and Antisemitism Nr. 14, 2017, S. 220–259, ISBN 978-1885881526. To collect the tears of the Jewish people: the story of Miriam Novitch. In: Holocaust Studies Nr. 21 (1–2), 2015, S. 73–92. Wife, Lover, Woman: The Image of Hansi Brand in the Israeli Public Discourse. In: Nashim, A Journal of Jewish Womens‘ Studies & Gender Issues Nr. 27 (1), 2014, S. 97–119, ISSN 0793-8934.
Weblinks ResearchGate: Sharon Geva Academia.edu: Sharon Geva Homepage (hebräisch)
Einzelnachweise
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