Alicella gigantea ist eine sehr große Art der Flohkrebse (Amphipoda) und die einzige Art innerhalb der Gattung Alicella. Die Tiere können eine Länge von bis zu 34 cm erreichen. Von eng verwandten Flohkrebsen unterscheiden sie sich hauptsächlich durch ihre Größe, wobei bei kleinen Exemplaren auch subtile anatomische Unterschiede zur Unterscheidung herangezogen werden können. Ihre Körpergröße wird oft als Beispiel für Tiefseegigantismus angeführt. Genetische Untersuchungen haben ein außergewöhnlich großes Kerngenom sowie Hinweise auf besondere evolutionäre Veränderungen bei Genen der Wachstumsregulation ergeben. Anders als viele andere Tiefseeamphipoden sind die Tiere weiß gefärbt. Sie bewegen sich dicht über dem Meeresboden schwimmend fort und ernähren sich vorwiegend von aus höheren Meeresschichten absinkendem Aas, wobei ihre Ernährung je nach Alter variiert und je nach Größe auch Algen, Plankton oder lebende Tiere umfassen kann.

Die Art lebt überwiegend im unteren Abyssal und oberen Hadal der Tiefsee. Die meisten bekannten Nachweise stammen dabei aus Tiefen zwischen 3.890 und 8.931 Metern, ein Jungtier wurde ausnahmsweise bereits in 1.720 Metern Tiefe gefunden. Sie wurde erstmals in den 1890er Jahren auf der Madeira-Tiefseeebene vor den Kanarischen Inseln gesammelt und nachfolgend von Édouard Chevreux beschrieben. Obwohl sie nicht oft gefunden wird, gilt A. gigantea als kosmopolitische Art, für die auf etwa 59 Prozent des globalen Meeresbodens potenziell geeignete Lebensräume vorhanden sein könnten. Wie andere Amphipoden tragen die Weibchen von A. gigantea ihre Eier in speziellen Brutkammern unter ihrem Körper aus. Es wird angenommen, dass die Tiere eine ungewöhnlich lange Lebensdauer von über 10 Jahren erreichen. Trotz der Abgeschiedenheit ihres Lebensraums von der Meeresoberfläche wurden in einer Reihe von Exemplaren vom Menschen stammende Schadstoffe wie DDT und Chlordan nachgewiesen.

Merkmale mini|Individuum mit einer Länge von etwa 120 Millimetern Körperlänge|alt=Ein Exemplar von Alicella gigantea, unter dem ein Lineal liegt, das zeigt, dass es 120 mm lang ist. A. gigantea entspricht in seinem Körperbau einem typischen Flohkrebs und er lässt sich neben seiner Größe am besten durch eine Kombination von artspezifischen Merkmalen von anderen Alicellidae unterscheiden. Kennzeichnend für die Art sind dabei ein strukturell einfach gebauter beinartiger erster Gnathopod als zur Nahrungsaufnahme umgebildeter Anhang sowie ein abgerundeter Höcker auf dem vierten Segment des Hinterleibs (erster Urosomit). Es besteht nur ein minimaler Sexualdimorphismus durch sehr geringe Unterschiede in Form und Größe der Antennen-Segmente zwischen Männchen und Weibchen.

Der Antennenstiel aus den ersten drei Segmenten der zweiten Antenne ist kurz, und sein erstes Segment ist stark verdickt. Die Mundwerkzeuge bilden ein quadratisches Bündel, wobei das Labrum und das Epistom unauffällig und stumpf sind. Die Schneidekante der Mandibel ist gerade und weist am inneren Rand mehrere Zähne auf. Es gibt einen mittleren Zahn (Molar), klingenartige Strukturen (Raker) fehlen. Der Mandibeltaster setzt am vorderen Ende des Molars an, während der Molar selbst recht groß, einfach aufgebaut und mit kleinen Härchen bedeckt ist. Die erste Maxille weist eine Innenplatte auf, deren innerer Rand von zahlreichen haarähnlichen Strukturen, Setae, besetzt ist, während der erste Maxillenpalpus zweigelenkig und groß ist. Die zweite Maxille weist eine mediale Reihe von Borsten auf, und die innere sowie die äußere Platte des Maxillipeds sind stark ausgeprägt. Das zweite Glied des Maxillipedenpalpus ist länger als die Außenplatte.

Die erste Coxa, das erste Segment des ersten Gnathopoden, ist am vorderen Ende verbreitert und sichtbar. Der Gnathopod ist klein und einfach aufgebaut, wobei sein drittes Glied länglich ist, sein fünftes Glied länger als das sechste ist und er einen großen Daktylus (Klaue) aufweist. Beim zweiten Gnathopod ist das sechste Glied etwas kürzer als das fünfte, beide sind länglich und linear. Die Klauen des dritten bis siebten Pereiopoden sind recht kurz. Der innere Ast des zweiten Uropoden ist ungekerbt. Der dritte Uropod weist einen normal ausgebildeten Pedunkel auf und der äußere Ramus ist gegliedert. Das hinterste Segment des Körpers, das Telson, ist länglich und tief gespalten.

Da rote Wellenlängen des Lichts vom Wasser schnell absorbiert werden und somit nicht bis in die Tiefsee vordringen, weisen die meisten Amphipoden in diesem Lebensraum eine rote bis orangefarbene Färbung auf, die ihnen hilft, Fressfeinden auszuweichen. A. gigantea ist hingegen meist weiß. Dies wurde als möglicher Hinweis darauf interpretiert, dass die Art nur einem geringen Selektionsdruck durch visuell jagende Fressfeinde ausgesetzt ist.

Gigantismus

A. gigantea ist die größte bekannte Art der Flohkrebse. Die größten Exemplare erreichen eine Länge von 340 Millimetern. Aus diesem Grund werden sie im englischen Sprachraum auch als bezeichnet. Zum Vergleich erreichen andere Tiefsee-Amphipoden wie Eurythenes gryllus und Tectovalopsis wegeneri eine Länge von maximal 126 Millimetern bzw. etwa 34 Millimetern. Für diesen Tiefseegigantismus wurden verschiedene Gründe und Mechanismen diskutiert.

Als mögliche Erklärungen für den Tiefseegigantismus werden unter anderem eine durch niedrige Temperaturen und hohen hydrostatischen Druck vergrößerte Zellgröße sowie eine verlängerte Lebensdauer diskutiert. Genomische Untersuchungen ergaben zudem Hinweise auf positive Selektion bei Genen, die mit Wachstum und Zellproliferation zusammenhängen. Auch die Evolutionsrate von Genen der Wachstumsregulation war bei A. gigantea höher als bei den untersuchten kleineren Amphipodenarten.

Genom Im Jahr 2017 wurde die Größe des Kerngenoms der Tiere auf etwa 34,79 Pikogramm und damit auf 34,02 Gigabasenpaare (Gbp) geschätzt, was deutlich über den in derselben Studie ermittelten Genomgrößen anderer Tiefsee-Amphipodenarten liegt und rund der 8,4-fachen Größe von Paralicella caperesca mit 4,04 Gbp entspricht. Vergleichende Analysen ergaben, dass die evolutionäre Diversifikationsrate der Genomgröße in der zu A. gigantea führenden Linie deutlich erhöht war. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass dies auf eine Duplikation des gesamten Genoms zurückzuführen sein könnte.

Im Jahr 2019 wurde das vollständige mitochondriale Genom von A. gigantea mit einer Gesamtlänge von 16.851 Basenpaaren sequenziert. Die Studie ergab, dass das Genom 13 proteinkodierende Gene, zwei Gene der ribosomalen RNA, 22 Gene für Transfer-RNA und zwei nichtkodierende Kontrollregionen enthielt.

Verbreitung und Lebensraum mini|Möglicher maximaler Verbreitungsbereich von A. gigantea: Schwarze Punkte kennzeichnen Fundorte, an denen Exemplare von Alicella gigantea gesammelt oder in situ beobachtet wurden; die farbigen Bereiche zeigen Meeresbodengebiete mit einem potenziell geeigneten Tiefenbereich.|alt=Karte der Weltmeere mit Punkten, die Fundorte von Alicella markieren. Die Punkte konzentrieren sich auf den Pazifik, wobei einige wenige auch an anderen Orten verstreut sind. Bei A. gigantea handelt es sich um eine kosmopolitische Art. Nachweise liegen aus dem Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozean vor. Die zahlreichen Lücken im bekannten Verbreitungsgebiet dürften zumindest teilweise auf die geringe Untersuchungs- und Probendichte in der Tiefsee zurückgehen. Aufgrund der geringen Zahl von Funden wurde die Art lange als selten und regional begrenzt angesehen, neuere Auswertungen sprechen jedoch für eine sehr weite Verbreitung. Ältere Nachweise stammten überwiegend aus Tiefen zwischen 4.850 und 7.000 Metern. Aufgrund der zunächst nur aus Tiefseegräben und vergleichbaren Strukturen bekannten Funde wurde angenommen, dass die Art weitgehend auf solche Lebensräume beschränkt sei. Man charakterisierte sie als Art des unteren Abyssal und der Hadalzone und nahm als Lebensräume vor allem Ozeangräben und Bruchzonen wie den Kermadecgraben im Südwestpazifik an. Obwohl die Art historisch meist nur in geringer Zahl gefangen wurde, zeigen Videoaufnahmen aus der nordöstlichen pazifischen Tiefseeebene, dass sie örtlich in Gruppen und teilweise in vergleichsweise hohen Dichten auftreten kann. Über die tatsächlichen Populationsgrößen und ihre zeitliche Entwicklung ist bislang jedoch wenig bekannt.

Eine 2025 veröffentlichte Auswertung von 195 Nachweisen an 75 Fundorten ergab für die berücksichtigten Tiefseefunde einen Tiefenbereich von 3.890 bis 8.931 Metern. Eine auf diesem Tiefenbereich basierende Modellierung ergab, dass etwa 59 Prozent des globalen Meeresbodens in allen sechs großen Ozeanräumen einen potenziell geeigneten Lebensraum darstellen könnten. Die Modellierung beruhte dabei ausschließlich auf dem bekannten Tiefenbereich und berücksichtigte keine weiteren Umweltfaktoren. 67 der 75 ausgewerteten Fundorte lagen im Pazifik, aus dem Arktischen und Südlichen Ozean sowie dem Mittelmeer waren keine direkten Nachweise bekannt. Die berechneten 59 Prozent sind daher als potenziell tiefengeeigneter Lebensraum und nicht als tatsächliches Verbreitungsgebiet zu verstehen. Weitere Videoauswertungen bestätigten 2026 Vorkommen im Japan-, Ryūkyū- und Izu-Ogasawara-Graben, wo die Art zwischen 6.529 und 8.022 Metern Tiefe beobachtet wurde.

Neben diesen Tiefennachweisen ist ein Fund eines Jungtiers aus einer Fischfalle aus nur 1.720 Metern Tiefe bekannt. Es gibt zudem einen Bericht über ein Exemplar, das im Magen eines Schwarzfußalbatros (Phoebastria nigripes) auf den Hawaii-Inseln gefunden wurde. Es wurde vermutet, dass der hohe Lipid-Gehalt im Körper dazu führte, dass dieses spezielle Exemplar in der Wassersäule nach oben schwamm, wodurch der oberflächennah jagende Albatros es erreichen konnte.

Eine Studie aus dem Jahr 2025 untersuchte die Genetik von Populationen von A. gigantea über deren gesamtes bekanntes Verbreitungsgebiet hinweg und zeigte, dass die Populationen zwar mehrere unterschiedliche Kombinationen gemeinsam vererbter DNA-Varianten, Haplotypen, aufwiesen, die meisten jedoch für jeden untersuchten genetischen Marker einen einzigen gemeinsamen Typen teilten. Die geringe genetische Distanz zwischen voneinander entfernten Fundorten spricht für eine großräumige Verbindung der Populationen, das Ausmaß eines vorhandenen Genflusses lässt sich jedoch aufgrund der geringen Datenbasis nicht bestimmen.

Lebensweise und Ökologie mini|Mehrere Exemplare von A. gigantea bei der Nahrungsaufnahme, aufgenommen mit einer Unterwasserkamera an einer Köderfalle. Bei den Fischen handelt es sich um Grenadierfische.|alt=Zahlreiche Alicella umschwirren eine Köderstation in der Tiefsee. Außerdem schwimmen ein paar Grenadierfische in der Nähe. Wie andere Flohkrebse schwimmt Alicella gigantea mithilfe ihrer zu Schwimmbeinen umgebildeten Pleopoden am Hinterleib, während die Pereiopoden der Fortbewegung auf dem Untergrund dienen. Videoaufnahmen an Köderstationen zeigen, dass sich A. gigantea schwimmend dicht über dem Meeresboden fortbewegt, und in Aufnahmen aus japanischen Tiefseegräben näherten sich die Tiere auf diese Weise den ausgelegten Ködern und begannen dort unmittelbar mit der Nahrungsaufnahme.

Ernährung Wie viele andere Amphipoden sind auch die ausgewachsenen Exemplare von A. gigantea in erster Linie Aasfresser und ernähren sich von Aas. Aufgrund dieses Verhaltens werden sie am häufigsten an Köderfallen gefangen. Vergleichende Transkriptom­analysen von A. gigantea und Bathycallisoma schellenbergi, einem weiteren hadalen Flohkrebs, ergaben Hinweise auf positive Selektion in Signalwegen der Hungerantwort und des Glycerolipid­stoffwechsels. Die Autoren deuteten diese Veränderungen als mögliche Anpassungen an das geringe und unregelmäßige Nahrungsangebot in hadalen Lebensräumen.