Deltanitrogen (IMA-Symbol δN) ist ein extrem selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Elemente“. Er ist eine natürliche Erscheinungsform (Allotrop) des chemischen Elements Stickstoff (N) in Reinform.

Deltanitrogen kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem unter hohem Druck von 4,9 GPa und konnte bisher nur in Form mikrokristalliner, bipyramidaler Einschlüsse von wenigen Nanometern Größe innerhalb von Diamanten entdeckt werden.

Etymologie und Geschichte Die synthetisch erzeugten Hochdruck-δ- und δ∗-Phasen von kristallinem Stickstoff wurden bereits 2009 durch G. W. Stinton, I. Loa, Lars Lundegaard und Malcolm Mcmahon mithilfe der Einkristall-Röntgenbeugung untersucht und entschlüsselt.

In der Natur wurde erstmals kristalliner Stickstoff in Diamanten aus Flusssedimenten des Rio São Luís nahe Juína in Brasilien () entdeckt. Die Analyse und Erstbeschreibung erfolgten durch Oliver Tschauner, Oded Navon und Christian Schmidt, die das Mineral analog zum synthetischen Delta-Stickstoff (lateinisch Nitrogenium) benannten.

Tschauner, Navon und Schmidt sandten ihre Untersuchungsergebnisse und den gewählten Namen 2019 zur Prüfung an die International Mineralogical Association (interne Eingangsnummer der IMA: 2019-067b), die den Deltanitrogen als eigenständige Mineralart anerkannte. Die Anerkennung wurde 2022 im Newsletter 69 der IMA/CNMNC in den Fachzeitschriften Mineralogical Magazine und European Journal of Mineralogy veröffentlicht. Die Publikation der Erstbeschreibung steht bisher noch aus (Stand 2026).

Das Typmaterial des Minerals wird in der mineralogischen Sammlung des Royal Ontario Museums unter der Inventarnummer M59805 aufbewahrt.

Klassifikation Da der Deltanitrogen erst 2019 als eigenständiges Mineral anerkannt wurde, ist er weder in der von der IMA zuletzt 2009 aktualisierten 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik noch in der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, verzeichnet. Auch die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche und zuletzt 1997 veröffentlichte Systematik der Minerale nach Dana kennt den Deltanitrogen noch nicht.

Die von der Mineraldatenbank „Mindat.org“ weitergeführte Strunz-Klassifikation in der 9. Auflage ordnet den Deltanitrogen in die Element-Abteilung der „Halbmetalle (Metalloide) und Nichtmetalle“ (), genauer in die unbenannte Unterabteilung „1.C0“, in der auch die hypothetischen beziehungsweise nicht anerkannten Mitglieder Feststickstoff (auch Stickstoffeis) und gediegen Bor eingeordnet sind. Eine genauere Einteilung in eine bestimmte Mineralgruppe wurde bisher nicht vorgenommen (vergleiche dazu auch gleichnamige Unterabteilung in der 9. Auflage nach Strunz).

Kristallstruktur Deltanitrogen kristallisiert in der orthorhombischen mit den Gitterparametern a = 8,442(10) Å; b = 8,136(9) Å und c = 5,974 Å pro Elementarzelle.

Die Kristallstruktur von δ-Stickstoff ist dem kubisch kristallisierenden γ-O2 sehr ähnlich. Sie besteht allerdings aus sphärisch ungeordneten Molekülen, die eine Ausrichtung entlang der kubischen {100}-Richtungen möglichst vermeiden, sowie aus scheibenförmigen Molekülen mit einer gleichmäßigen Verteilung der Orientierungen.

Modifikationen und Varietäten

Neben der orthorhombisch kristallisierenden Hochdruckmodifikation δ-N gibt es weitere Modifikationen von Stickstoff, die allerdings nur als Synthesen bekannt sind und bisher nicht in der Natur entdeckt wurden. Zu ihnen zählen unter anderem kubisch-gaucher Stickstoff (cg-N) mit polymerer 3D-Struktur (oberhalb von 110 GPa und > 2000 K) amorphes, nichtmolekulares η-N (> 140–150 GPa) orthorhombischer Schwarzer Stickstoff (bp-N) polymere 2D-Schichtstruktur (> 140–150 GPa) tetragonaler LP-Stickstoff (LP-N) mit polymerer Schichtstruktur (stabil bei ca. 120–180 GPa) tetragonaler HLP-Stickstoff (HLP-N) mit polymerer Schichtstruktur (> 240 GPa)

Bildung und Fundorte Außer seiner Typlokalität, dem Fluss Rio São Luís nahe Juína im Westen des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso, ist bisher kein weiterer Fundort für Deltanitrogen bekannt beziehungsweise dokumentiert (Stand 2026).

Siehe auch Liste der Minerale

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise Fundortliste für Deltanitrogen beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 29. Juni 2026.

Kategorie:Anerkanntes Mineral Kategorie:Orthorhombisches Kristallsystem Kategorie:Elemente (Mineralklasse) Kategorie:Stickstoffmineral