Creative Orchestra (Köln) 1978 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 12. Mai 1978 im Großen Sendesaal des WDR in Köln entstandenen Aufnahmen erschienen 1995 auf HatHut Records. Mit veränderter Covergestaltung wurde das Album 2009 wiederveröffentlicht.

Hintergrund Dieses Doppelalbum enthält einen fast zweistündigen Live-Mitschnitt von Anthony Braxtons Creative Orchestra, aufgenommen 1978 in Köln. Braxton trat, wie die meisten Mitglieder der Association for the Advancement of Creative Musicians (einem losen, in Chicago ansässigen Kollektiv, dem auch das Art Ensemble of Chicago angehörte), üblicherweise in kleinen Besetzungen auf, von Duos bis zu Quartetten. Braxtons Creative Orchestra, in dem der Saxophonist nicht selbst spielt, sondern lediglich seine eigenen Kompositionen dirigiert, bildet mit seinen 20 Mitgliedern eine Ausnahme.

Das Orchester spielte im Mai 1978 fünf Konzerte in Europa. Während seines Aufenthalts in Oberlin nahm Braxton im selben Monat seine monumentale Komposition „Composition 82“ für vier Orchester auf und begann mit der Arbeit an einem neuen Orchesterstück, „Composition 71“. Die erste Station der Europatournee war Köln. Neben Bob Ostertags Elektronik bestand die 20-köpfige Band aus Marty Ehrlich, Vinny Golia, J. D. Parran und Ned Rothenberg (Holzbläser), Wadada Leo Smith, Kenny Wheeler, Ray Anderson und George Lewis (Blechbläser), John Lindberg und Brian Smith (Bässe), Birgit Taubhorn (Akkordeon), James Emery (E-Gitarre), Bobby Naughton (Vibraphon), der Pianistin Marilyn Crispell und dem Perkussionisten Thurman Barker.

Die Doppel-CD (mit einer Spielzeit von 104 Minuten) beginnt mit einem 15-minütigen Stück („Sprachimprovisationen“), einer „musikalischen Art Aufwärmübung“, so Kurt Gottschalk. Laut Graham Locks Liner Notes erhalten die Orchestergruppen jeweils zehn Gesten (lange Töne, Staccato-Linien, kantige Anschläge usw.), die Braxton als Einsatzhinweise für das Ensemble verwendet. Diese „Sprachtypen“ bilden auch das Vokabular für improvisierte Passagen (oft für Solisten ohne Begleitung), die als Übergänge zwischen den fünf übrigen Stücken des Konzerts dienen. Das Programm enthält die Kompositionen 45, 51 und 59, die man als sein „kreatives“ Werk bezeichnen könnte, so Kurt Gottschalk. „Komposition 45“ ist das älteste hier präsentierte Stück und das einzige, das nicht auch auf der Studio-LP „Creative Orchestra Music 1976“ (auch in der 2008 erschienenen Box „Mosaic Complete Arista Recordings“ enthalten) zu finden ist. Auch 51 ist ein „jazzistisches“ Stück, das laut Braxton der „essentiellen Brillanz der strukturellen Dynamik nach Henderson/Ellington“ folgt, hier aber (so Graham Lock) einer komplexen „ABCDE1F1F2F3A2E2GG2A3“-Sequenz. „Composition 59“ ist von Karlheinz Stockhausen inspiriert und besteht aus 48 „zeitlich abgestimmten Klangkammern“, die innerhalb einer grafischen Partitur arbeiten.

Titelliste Anthony Braxton: Creative Orchestra (Köln) 1978 (hat ART CD 2-6171) CD 1 Language Improvisations 14:34 Composition 55 12:27 Composition 45 25:21

CD 2 Composition 59 21:45 Composition 51 17:19 Composition 58 12:56

Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.

Rezeption Rovi Staff verlieh dem Album in Allmusic viereinhalb Sterne und schrieb, viele von Braxtons Kompositionen erkundeten die Stille auf ähnliche Weise wie John Cage, doch diese Gruppe sei alles andere als leise. Dank Braxtons Können als Komponist verkomme das Ergebnis nie zu bloßer Kakophonie, selbst in Passagen, in denen alle 20 Mitglieder – darunter ein Akkordeonist und ein Synthesizerspieler – gleichzeitig spielen, wie im Eröffnungsstück „Language Improvisations“. Dies sei ein eindrucksvolles Dokument, das eine wenig beachtete Seite von Anthony Braxtons Werk beleuchte.

Es sei eine Bigband mit enorm viel Talent, schrieb Kurt Gottschalk (Squid‘s Ear). Braxton dirigiere selbst (mit einer Art Echtzeit-Arrangement-Methode, die Butch Morris und John Zorn inspiriert hätte), spiele aber nicht selbst, was einen stärkeren Fokus sowohl auf die Kompositionen als auch auf die Art und Weise ermöglicht, wie Braxton Raum für Spontaneität schafft – sowohl bei den einzelnen Musikern als auch bei sich selbst, während er die Bigband leite. Das Programm mache Creative Orchestra (Köln) 1978 zu einem besonders faszinierenden Dokument aus dieser Schaffensperiode Braxtons. Insgesamt wirke das Spiel hier lebhafter als auf der Arista-Aufnahme von 1976, zweifellos auch dank des anwesenden Publikums. Da nur vier der Musiker an beiden Sessions teilnahmen, unterschieden sich die Darbietungen deutlich. Ostertags charakteristische Blubber- und Surrgeräusche machten diese Interpretation zu einem noch ungewöhnlicheren Erlebnis und zu einem Höhepunkt in dieser Phase von „Braxtonia“.

Einzelnachweise

Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 1995 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album