Sex und ledige Mädchen (Original: Sex and the Single Girl) ist ein 1962 erschienener Ratgeber der amerikanischen Autorin Helen Gurley Brown. Er sollte Frauen ermutigen, finanziell unabhängig zu werden, eine berufliche Karriere zu verfolgen und vor oder abseits der Ehe sexuelle Beziehungen einzugehen und zu genießen. Das Buch verkaufte sich innerhalb von drei Wochen zwei Millionen Mal, wurde in 35 Ländern verkauft und schaffte es auf die Bestsellerlisten der Los Angeles Times, der New York Times und in der Time. Die deutsche Ausgabe Sex und ledige Mädchen war in den 1960er Jahren ein zentraler Streitfall vor der Bundesprüfstelle und kann als Beispiel für den moralischen Konflikt der damaligen Zeit gelesen werden.
Entstehungsgeschichte Helen Gurley Brown, geboren 1922, war eine US-amerikanische Autorin, Verlegerin und Unternehmerin. Nachdem sie zunächst bei der William Morris Agency, der Music Corporation of America und der Talentagentur Jaffe gearbeitet hatte, war sie als Sekretärin bei der Werbeagentur Foote, Cone & Belding tätig. Ihr Arbeitgeber erkannte ihr schriftstellerisches Talent und versetzte sie in die Textabteilung, wo sie rasch aufstieg und Anfang der 1960er Jahre zu einer der bestbezahlten Werbetexterinnen des Landes wurde. 1959 heiratete sie David Brown, der später ein bekannter Filmproduzent wurde. Von 1965 bis zu ihrem Tod 2012 war sie Chefredakteurin und Herausgeberin des Modemagazins Cosmopolitan.
Ihr Ehemann David Brown schlug ihr 1960 vor, ein Buch darüber zu schreiben, „wie eine alleinstehende Frau eine Affäre beginnt“. Das Manuskript wurde von mehreren Verlagen abgelehnt, bis es schließlich von Bernard J. Geis von Bernard Geis Associates angenommen wurde. Der ursprüngliche Titel lautete „Sex for the Single Girl“, wurde jedoch geändert, da „er so klang, als würde er Sex für alle alleinstehenden Frauen befürworten“. Sex and the single Girl wurde im Rahmen einer groß angelegten Kampagne mit Auftritten im Fernsehen, im Radio und in Buchhandlungen beworben. Als Publicity-Gag versuchten Cottin und Brown außerdem, das Buch in den Vereinigten Staaten zensieren oder verbieten zu lassen, was aber nicht gelang.
Inhalt Sex and the single Girl ist ein in humorvoller Sprache verfasster Ratgeber für alleinstehende Frauen. Er verbindet Dating-, Lifestyle- und Selbstoptimierungs-Tipps: Männer werden sortiert, passende Orte zum Kennenlernen genannt, Auftreten, Job, Geld, Wohnung, Essen, Fitness, Kleidung und Make-up behandelt. Dazu kommt viel praktischer Alltagsrat für Selbstinszenierung und soziale Wirkung, bis hin zur Liebesaffäre als eigenes Thema. Ton: frech, selbstbewusst, teils satirisch. Kurz: Handbuch fürs Single-Leben mit klarer Anleitung, wie man sich attraktiv, unabhängig und gesellschaftlich erfolgreich präsentiert.
Das Buch traf den Nerv der Zeit, denn die frühen 1960er Jahren waren für alleinstehende Frauen in den USA nicht erfreulich. Man betrachtete sie als alte Jungfern mit Mitleid, wenn nicht gar mit offenem Misstrauen. Wie Helen Gurley Brown selbst formulierte, lautete die vorherrschende Einstellung: „Wenn man als Frau mit 30 noch nicht verheiratet war, konnte man sich genauso gut zum Grand Canyon begeben und sich dort hinunterstürzen.“
Helen Gurley Brown wollte, dass Frauen „sich wegen der Lebensentscheidungen, die sie getroffen hatten oder in Erwägung zogen, gut fühlen wollten, anstatt sich dafür zu schämen“. Das alleinstehende Mädchen, verkündete sie, sei „eine Gebende, keine Nehmende, eine Gewinnerin und keine Verliererin.“ Das Buch war zudem eine bahnbrechende Einführung in Finanzfragen. „Kluger Umgang mit Geld ist sexy“, meinte Helen Gurley Brown. Als Kind der Weltwirtschaftskrise war sie eine Sparfüchsin, die fast jeden Tag ihres Berufslebens ihr Mittagessen von zu Hause mitbrachte.
Rezeption In den USA war der Ratgeber sehr einflussreich. Matthew Weiner, der Schöpfer der AMC-Serie Mad Men, benannte Sex and the Single Girl als maßgebliche Inspiration für die Gestaltung seiner Figuren und Handlungen an, insbesondere im Hinblick auf die Figur der alleinstehenden Büroangestellte Peggy Olson. Die Bücher und Artikel der auch als Stilikone geltenden Brown halfen dabei, den Weg für Erfolgsserien wie Sex and the City zu ebnen.
Warner Bros. erwarb für 200.000 Dollar für die Rechte an dem Buch, das 1964 unter dem gleichen Titel mit Natalie Wood, Tony Curtis, Henry Fonda und Lauren Bacall in den Hauptrollen verfilmt wurde. Die Verfilmung begleitet die Hauptfigur Dr. Helen Gurley Brown (Wood), die lose auf der echten Brown basiert (die zwar einen Abschluss in Betriebswirtschaft hatte, aber keinen Doktortitel), durch verschiedene komische Situationen, die sich aus der Veröffentlichung ihres Buches Sex and the Single Girl ergeben.
Nach dem Erfolg in den USA wurde das Werk rasch für den deutschen Markt lizenziert. Im Juni 1963 erschienen erste Auszüge aus Sex und ledige Mädchen in dem Kölner Magazin Twen. Die Zeitschrift hatte in der damaligen Bundesrepublik eine Vorreiterrolle für die sexuelle Revolution, da in ihr bereits in den frühen 60er Jahren Artikel erschienen, die sich für eine Enttabuisierung von vorehelichem Sex sowie von Homosexualität aussprachen.
Drei Wochen nachdem Juni-Nummer auf dem Markt war, untersagte die Bad Godesberger Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften den öffentlichen Vertrieb des Heftes. Die Prüfer handelten nicht aus eigenem Antrieb. „Das Bundesinnenministerium hatte unter dem Datum des 12. Juni brieflich, das nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialministerium fernschriftlich bei den Bad Godesberger Schriftgelehrten Maßnahmen gegen Twen gefordert. Begründung: Eine „Fibel von der Jagd auf den Mann“(…) verstoße gegen die Grundsätze des Jugendschutzes.“Junge Mädchen verwirrt. Der Spiegel, 2. Juli 1963. Die Übersetzung des amerikanischen Bestsellers behandele – so das Bonner Innenministerium im Schriftsatz der Oberregierungsrätin Dr. Barbara Baron – „Ehebruch, ehewidriges Verhalten und Untreue in einer verharmlosenden Weise, die geeignet ist, Jugendliche in sexualethischer Hinsicht irrezuführen und dadurch erheblich sittlich zu gefährden“. Konservative Kreise sahen darin einen direkten Angriff auf die Institution der Ehe. Wenig später verfügte die Prüfstelle die Indizierung des Heftes. Der „Report der Brown“, begründeten die Jugendschützer ihr Verdikt, sei „geeignet, die sexualethische ... Urteils- und Willensbildung junger Mädchen erheblich zu verwirren.“ In der Juli-Ausgabe des SPIEGEL hieß es wenig später unter der Überschrift: „Junge Mädchen verwirrt.“: „Die Jäger sitzen am Rhein, das Wild heißt Sex. Es sollte nicht zur Strecke gebracht, aber auf den rechten Weg geleitet werden. Das Wild ist entwischt und markiert den alten Wechsel.“
Die Verwirrung war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Bis auf den üblichen Remissionsrest war die monatliche Auflage von 100 000 Exemplaren längst in den Händen der 2.000 Abonnenten und 74.000 Einzelkäufer. Im Juliheft setzt das Magazin den Abdruck von Auszügen aus dem Buch fort. Damit riskierte die Redaktion von Twen, von der Prüfstelle für ein ganzes Jahr von den Kiosken verbannt zu werden, sollten abermals „sexualethisch irreführende“ Thesen bei Helen Gurley Brown entdecken. Denn jede nichtpolitische Zeitschrift, die im Jahr zweimal beanstandet wurde, konnte für zwölf Monate indiziert und damit harten Vertriebsbeschränkungen unterworfen werden.
Die Argumente der Prüfstelle und des Innenmisisteriums basierten auf der Angst vor einem Dammbruch der Moral. Ziel war es, das traditionelle, von der katholischen Kirche geprägte Ehe- und Familienbild der Adenauer-Ära administrativ gegen die unaufhaltsame sexuelle Befreiung zu verteidigen. Mit der Indizierung der Twen-Ausgabe wurde jedoch das genaue Gegenteil erreicht: Sie machte das Buch in Deutschland erst recht zu einem heiß diskutierten Bestseller. Bis in die 1990er Jahre gab es mehrere Veröffentlichungszyklen (bzw. Lizenzauflagen) bei verschiedenen Verlagen. Die Erstausgabe, eine Übersetzung von Gottfried Beutel, erschien im Decker Verlag. Weite Verbreitung im deutschsprachigen Raum erlangte das Buch zwischen 1964 und 1970 als Lizenzausgabe im Bertelsmann Lesering (Gütersloh). Da Buchclubs wie Bertelsmann Auflagen anhand der Mitgliederzahlen druckten, gingen diese Lizenzausgaben über mehrere Jahre hinweg in hohen Stückzahlen in den Druck. In den 1970er und 1990er Jahren gab es vereinzelte Neuauflagen und Taschenbuch-Lizenzdrucke. Der 1965 in den USA erschienene Nachfolgeband Sex and the Office wurde im gleichen Jahr unter dem Titel Sex im Büro im Econ-Verlag herausgebracht, auch dieser erschien später als Lizenzausgabe im Bertelsmann Lesering.
Veröffentlichungen von Helen Gurley Brown (Auswahl)
1962: Sex and the Single Girl 1963: deutsch: Sex und ledige Mädchen. Decker, Schmiden bei Stuttgart 1966: deutsch, neu durchgesehen, überarbeitet und verbessert: Decker, Schmiden bei Stuttgart. 1965: Helen Gurley Brown: Sex and the Office. 1965: Sex im Büro. Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien. Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Sexualität des Menschen Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten)