Eine Kämmmaschine ist eine mechanische Vorrichtung, die beim Garnspinnen zum Ausscheiden der Kurzfasern, Parallelisieren der Fasern und Ausscheiden von Verunreinigungen dient. Das Kämmen wird bei der Herstellung von feinen, sauberen und festen Garnen aus Baumwolle, Wolle und Bastfasern verwendet.Gries/Veit/Wulfhosrst: Textile Fertigungsverfahren, Carl Hanser Verlag München 2019, ISBN 978-3-446-45866-6, S. 108–112

Geschichte der Kämmerei Manuelles Wollkämmen mini|Wollkämmer im 15. Jahrhundert Der Beginn der Herstellung von gekämmten Garnen ist unbekannt. Einer der ältesten Nachweise vom Kämmen ist ein silberner Kelch aus dem 1. oder 2. Jahrhundert mit der Abbildung eines Wollkämmers, der in der Schweiz gefunden wurde. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hat man Wolle manuell gekämmt. Es wurden zwei aufgewärmte Kämme verwendet, mit je 3 bis 5 Nadelreihen (2–3 cm lang). Ein Kamm war an einem Ständer angebracht, den zweiten hat der Handwerker in der Hand gehalten, zwischen den Kämmen wurde ein Fasernbüschel von gewaschener und gefetteter Wolle gezogen. Kurze Fasern und Unreinigkeiten – Kämmlinge wurden zwischen den Nadeln gesammelt, ein gekämmter Faserbart zum fertigen Band – Kammzug zugefügt. Das Handkämmen war eine hochqualifizierte, gut bezahlte Arbeit. Ein erfahrener Kämmler konnte in einer Stunde 20 Kammzüge (1 Meter lang, 15 Zentimeter breit) fertigen. Das Handkämmen wurde als Gewerbe bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts betrieben.Grömer: Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa. Geschichte des Handwerkes und der Kleidung vor den Römern, Verlag des Naturhistorischen Museums in Wien, 2010, ISBN 978-3-902421-50-0, str. 78Genzner: 100 Jahre Kammgarnspinnerei Schedewitz 1835–1935, Kammgarnspinnerei Schedewitz A.G. 1935, S. 24–29

„Englisches“ System der Kämmerei In den Jahren 1792–1793 wurde „Big Ben“, eine Erfindung des Engländers Edmund Cartwright, patentiert. Die Maschine war im Prinzip ein rotierender benadelter Kranz mit einem darüber feststehenden Kamm. Zwischen die Zähnchen des Kamms wurde ein Büschel Wolle gehalten, von dem der Kranz einzelne Wollfasern abfing. Ein Reinigungskamm übernahm und trug Fasern zu Trennwalzen, die sie als fertigen Kammzug ablieferten. Diese durch einen Pferdezug angetriebene Vorrichtung wurde von 10 Kindern und einem Erwachsenen als Aufsicht bedient und konnte bis zu 9 kg/h gröbere Wolle verarbeiten. In England wurden etwa 6 Exemplare des Big Ben installiert, einen breiteren Einsatz haben vermutlich ungeklärte juristische Fragen verhindert.Martin: The circle of the mechanical arts, Oxford University 1813 (digital. 2007), S. 606–608 Auf Cartrights Prinzip basierte eine Reihe von Maschinenkonstruktionen, die sich jedoch erst etwa 50 Jahre später praktisch durchgesetzt haben. Es waren insbesondere:

Das erste Patent von James Noble von 1805: Zum benadelten Kranz kamen von innen dichtgestellte benadelte Scheiben, zwischen beide Nadelfelder wurde mit Hilfe von Bürsten Wolle hineingepresst (Bürste 1000 Touren/min, Nadelkranz 3,5 Touren/min). Senkrecht zum Kranz befanden sich Abzugswalzen, die die ausgekämmten Fasern als Band in eine Kanne ablegten.

Erfinder S.C. Lister hat (etwa 1850) das vor dem Kämmen aufgedämpfte Fasermaterial zum Verarbeiten in einer Zange festgehalten. Die Maschine eignete sich für langfaserige Wollen, Schappe und auch für Alpaka.

Isaac Holden hat sich (unter anderem zusammen mit Lister) eine „squere motion“ patentieren lassen. Prinzip: Ein feiner Kamm in viereckiger Form kämmte den Faserbart in voller Breite des Kammkopfes durch.Beamont: Woollen and Worsted, The Library Press 1916

Alle erwähnten Konstruktionsvarianten hatten vor allem den Vorteil, dass das Material vor dem Kämmen nicht kardiert werden musste, das heißt ohne Verkürzung des Faserstapels bis zu 30 %. Gewaschene, geölte Wolle lief vor dem Kämmen in der Regel durch 6 Streckpassagen, die Maschinen konnten seit etwa den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts das Handkämmen völlig ersetzen. Das englische System wurde vor allem für langfaserige Wollen bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendet.

„Französisches“ System der Kämmerei mini|Drei Phasen des Kämmens Josua Heilmann hat Mitte des 19. Jahrhunderts ein System gebracht, dessen Funktion als drei Phasen des Kämmens auf der Zeichnung rechts schematisch dargestellt wird: A – Kiefern (2) klemmen den Faserbart und Kammwalze (1) kämmt kurze Fasern heraus B – Trennwalzen (3) bringen das Ende vom ausgekämmten Faserband zurück zum Anschließen ans fertige Kämmband C – ein kontinuierliches Band von durchgekämmten Fasern wird abgeführt, ein Teil des Faserbartes bis dahin zwischen den Kiefern festgehalten, läuft durch den Abstechkamm (4). Kiefern schließen, Faservlies wird getrennt, ein neuer Faserbart zum Kämmen entsteht

Heilmann hat 1846 ein Patent für eine Wollkämmmaschine erhalten. Sein System konnte man relativ einfach zur Anwendung für alle Stapelfasernarten modifizieren. Eine Reihe Konstrukteure (Gégauff, Nasmith u. a.) hat die Maschine so weit vervollkommnet, dass seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts das französische System zum einzigen Konstruktionsprinzip für Kämmschinen aller Art geworden ist.

Kämmmaschinen im 21. Jahrhundert Kämmen der Baumwolle Vorbereitung: 16–20 Faserbänder von der Karde werden an der Bandwickelmaschine zum Vlies (40–60 g/m) zusammengelegt und im Wickel abgeliefert. Vlies von 6–8 Wickeln wird dann an der Kehstrecke doubliert und als Wickel der Kämmmaschine vorgelegt.

Kämmmaschinen werden mit 6–8 Kammköpfen gebaut. Bänder aus ausgekämmten Fasern werden zusammengelegt und als ein Band in eine Kanne abgelegt. Die Maschine arbeitet mit maximal 500 Touren/min der Kämmwalze. Während jeder Umdrehung verläuft der oben beschriebene Zyklus. Es werden 10–25 % kurze Fasern ausgekämmt, Kämmlinge werden in einen Sammelbehälter abgesaugt.

Eine Maschine, Baujahr 2019, konnte maximal 100 kg/Std. Kämmband produzieren.

Kämmen der Wolle Vorbereitung: Kardierte Faserbänder laufen in der Regel durch zwei Streckpassagen, der Kämmmaschine werden 16–20 Bänder nebeneinander (ca. 45 cm breit, 400–500 g/m) vorgelegt.

Die Kämmmaschinen werden mit einem Kammkopf gebaut, mit einigen zusätzlichen Arbeitsteilen gegenüber der Baumwollvariante: Das vorgelegte Material wird auf dem Weg in die Zange über eine benadelte Platte gezogen, Vorrichtung zum Entfernen pflanzlicher Unreinigkeiten.

Die Kammwalze erreicht bis zu 260 Touren/min, es werden 8–15 % kurze Fasern entfernt, maximale Kammzugsproduktion beträgt 50 kg/Std.

Kämmen der Bastfasern Von den Bastfasern ist zum Kämmen nur Werg geeignet.

Die Vorbereitung zum Kämmen und die Konstruktion der Kämmmaschinen ist ähnlich wie in der Wollkämmerei. Die Kämmmaschine wird mit etwa 400 Gramm Bandgewicht gespeist, der Faserbart zum Kämmen ist 4–9 mm lang, der Anteil der Kämmlinge beträgt 15–30 %. Die Kammwalzengeschwindigkeit 165 n/min entspricht einer Kammzugproduktion von ca. 25 kg/Std.

Einzelnachweise

Kategorie:Garn