Das Maison des enfants de Moissac war ein 1939 gegründetes Kinderheim in Moissac, in dem jüdische Kinder Zuflucht fanden, die vor Verfolgungen durch die Nazis geschützt werden mussten oder die selber bereits in Internierungslagern festgehalten wurden. Angesichts der großen Razzien im Jahre 1943 musste das Heim geschlossen werden. Doch dank der großen Solidarität seitens der örtlichen Bevölkerung konnten die Kinder in Moissac und in der Umgebung versteckt werden. Nach der Befreiung Frankreichs kehrten viele von ihnen wieder zurück, und die Gemeinde ermöglichte einen Neustart des Kinderheims in einer zu einem Hotel umgebauten Mühle. Zu Beginn der 1950er Jahre musste die Einrichtung endgültig geschlossen werden. Für die Unterstützung der jüdischen Flüchtlingskinder wurden zehn Personen aus Moissac als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet.
Das Kinderheim am Quai du Port Nr. 18 1923 hatte Robert Gamzon (1905–1961) die jüdische Pfadfinderorganisation Éclaireurs Israélites de France (EIF, heute Les Eclaireuses et Eclaireurs Israélites de France (EEIF)) gegründet.Mémorial de la Shoah: La Résistance Juive mit einem kurzen Porträt von Robert Gamzon und den Aktivitäten der EIF Die EIF spielte während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle bei der Organisation der Rettung jüdischer KinderMaurice Capul: Une maison d’enfants pendant la guerre 1939–1945 : Moissac und arbeitete dabei meist eng mit anderen Hilfsorganisationen zusammen, vor allem dem Œuvre de secours aux enfants (OSE).Katy Hazan: Histoire de l’OSE – Moissac et les organisations juives de sauvetage
In Moissac gründete die EIF bereits im Herbst 1939 ein Kinderheim, das aufgrund seiner Adresse auch als Maison du quai du Port bekannt wurde. Hinzu kam eine weitere Einrichtung in der näheren Umgebung: der Schulbauernhof auf dem Landgut Charry, „auf dem junge Juden das Land bewirtschafteten und das Judentum studierten“.Jean-Claude Simon et Annie-Claude Elkaim (éditeurs): Moissac, ville de Justes oubliée Samuel Boussion beschreibt Charry als eine „kibbuzähnliche Schulfarm, [..] die zur Entwicklung eines Pionierideals bei[trug], das auf handwerklicher und landwirtschaftlicher Arbeit beruhte, sowie eines religiösen, kulturellen und politischen Zionismus für etwa fünfzehn junge jüdische Exilanten“.Samuel Boussion: Isaac POUGATCH Die Farm wurde von 1941 bis Ende 1942 von Juliette Pary und Isaac Pougatch geleitet, die zuvor schon im Kinderheim mitgearbeitet hatten.
Das Maison wurde zum Zentrum eines Netzwerkes für die individuelle Unterbringung von jugendlichen Flüchtlingen bei Bauern, was vor allem notwendig wurde, nachdem die Deutschen 1943 die sogenannte „frei Zone“ besetzt hatten, in der sich bis dahin auch Moissac befand. Emmanuel Laurentin geht davon aus, dass in Moissac etwa 500 Kinder aus allen Teilen Europas vor dem Zugriff der Nazis gerettet werden konnten.Die Zahl 500 bezieht sich auf die Gesamtzahl der Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs hier unterschiedlich lange Unterschlupf fanden. Im März 1942 befanden sich zum Beispiel 180 Kinder und Jugendliche im Heim, von denen die Hälfte von der EIF und der OSE aus Internierungslagern in Südfrankreich befreit worden war. „Moissac dient als ‚Drehscheibe‘: Einige Kinder kommen dort an, andere verlassen den Ort wieder. Die Mädchen werden oft nach Beaulieu weitergeleitet, die älteren Jungen zu den Landarbeitslagern. Die Aufenthaltsdauer derjenigen, die in Moissac bleiben – Mädchen und Jungen im Alter von 2 bis 18 Jahren –, kann variieren.“ (Maurice Capul: Une maison d’enfants pendant la guerre 1939–1945 : Moissac) Das war einerseits das Verdienst des Ehepaares Shatta und Édouard (Bouli) Simon, die die Einrichtung leitetenIhnen zu Ehren ist in Moissac der Place Bouli et Shatta Simon benannt., zum anderen aber auch der Bevölkerung von Moissac.
Insgesamt wurden zehn Personen als Gerechte unter den Völkern von Yad Vashem ausgezeichnet und Moissac selber schloss sich dem französischen Netzwerk Villes et Villages des Justes de France an.Comité Français Pour Yad Vashem: Réseau « Villes et Villages des Justes de France ». Doch diese „lange Tradition der Gastfreundschaft und Toleranz“ hatte nicht verhindern können, „dass dieses große, halb ländliche Dorf am Abend des zweiten Wahlgangs der Kommunalwahlen in die Hände des RN von Marine Le Pen fiel“.Christophe Forcari: Municipales Moissac, la «ville de Justes» conquise par l'extrême droite, Libération, 29. Juni 2020. Überraschend war das nicht:
mini|Das Hotel Moulin war nach dem 2. Weltkrieg eine Unterkunfts- und Ausbildungsstätte für junge jüdische Flüchtlinge.Le Moulin de Moissac – un peu d’Histoire
Und nicht nur während des Zweiten Weltkriegs. Nach der Befreiung kehrten nicht nur viele der zwischenzeitlich andernorts versteckten Kinder und Jugendliche nach Moissac zurück, sondern auch viele, die zuvor in Lagern interniert waren. Für sie alle reichte der Platz im Haus am Quai du Port nicht mehr aus. Die Gemeinde Moissac stellte deshalb Shatta und Bouli Simon die ehemalige Mühle, die zu einem Hotel umgebaut worden war, zur Verfügung. Dort wurden nun die Älteren untergebracht und ein Ausbildungszentrum eingerichtet. In den 1950er Jahren endete auch diese Ära „– aus Geldmangel und weil viele der Führungskräfte nach Israel auswandern“.Die Aussagen über die Nachkriegszeit sind unterschiedlich. Unklar ist, ob nur die Älteren in die Mühle umzogen oder alle Bewohnerinnen und Bewohner des Haus am Quai du Port. Für die Schließung der Mühle wird sowohl das Jahr 1951 als auch das Jahr 1953 genannt. Das Ehepaar Simon übernahm anschließend die Leitung eines OSE-Kinderheims im Château de Laversine in Saint-Maximin (Oise), das heute ihren Namen trägt.Maisons d'enfants: Maison d’enfants Shatta-et-Bouli-Simon à Laversine auf der Webseite ose-france.org
Gerettete und Helfer aus dem Umfeld des Kinderheims in Moissac Gabriel Cohn-Bendit berichtet über sich und seine Mutter, Herta Cohn-Bendit, in einem Gespräch mit seinem Bruder Daniel: „Als wir in der freien Zone lebten, arbeitete meine Mutter mit einer Vereinigung israelitischer Pfadfinder in Moissac zusammen, um die jüdischen Kinder unterzubringen, deren Eltern deportiert worden waren. Es gab die Großen und ein Haus, das den Kleinen vorbehalten war; dort war ich. Nach ’42, als die freie Zone ebenfalls unter Besatzung kam, mussten die Unterkünfte aufgegeben werden. Die Großen wurden auf dem Land verteilt, und ich wurde mit falschen Papieren einer Familie namens Collet anvertraut, die in Moissac verblieb. Meine Mutter kam von Zeit zu Zeit, um nach mir zu sehen. Sie und mein Vater waren von nun an auf der Flucht.“Auszug aus dem Buch Erinnerungen eines Vaterlandslosen von Daniel Cohn-Bendit, Jacoby & Stuart, 2026, ISBN 978-3-96428-312-2. Die Kinder der Familie Fajnzang. Melech (* 22. Dezember 1895) und seine Frau Ides (* 24. März 1894)AJPN: Juste parmi les Nations Jeanne Arquié et la famille Fajnzang stammten aus Polen. In Warschau wurden ihre Söhne Jules (* 1922) und Joseph (* 1924) geboren. Danach wanderten sie nach Palästina aus – aber nur für eine kurze Zeit, denn drei weitere Kinder wurden bereits in Antwerpen geboren: Henri (* 1928), Daniel (* 1929) und Suzette (* 1930).Comité Français pour Yad Vashem: Dossier n°13642 - Juste(s): Jean-Marie Arquié et Jeanne Arquié Als im Mai 1940 Belgien von der deutschen Wehrmacht im Zuge des Westfeldzuges überrannt wurde, floh die Familie Fajnzang nach Südfrankreich und strandete nach zehn Tagen mehr oder weniger zufällig in Moissac. Eine vorläufige Bleibe fanden sie dann allerdings erst einmal im benachbarten Lizac, wo die jüngsten Kinder auch die Grundschule besuchten.Henri, Daniel und Suzette Fajnzang waren den Schikanen und Demütigungen eines antisemitischen Lehrers ausgesetzt, weshalb ihre Eltern sie von der Schule nahmen und sie im Mai 1941 dem Maison des enfants in Moissac anvertrauten. Sie bleiben dort, bis das Heim im Oktober 1943 zur Sicherheit der Kinder geschlossen werden muss und die Kinder unter falschen Identitäten versteckt werden. Der weitere Weg von Daniel und Suzette Fajnzang gleicht bis zur Befreiung dem von Erna Ullmann unter dem Schutz des Ehepaares Jean-Marie und Jeanne Arquié in Beaumont-de-Lomagne.Siehe auch: La Dépêche du Midi: Justes parmi les nations : honneurs à Jeanne et Jean-Marie Arquié, 23. September 2019 Ihr Bruder Henri landete in Montréjeau und schafft es nach schwierigen Suchaktionen, die ihn bis nach Grenoble führten, Kontakt zu seinen Cousins aufzunehmen und bis Kriegsende unbehelligt zu bleiben.Das Überlebensglück von Henri, Daniel und Suzette Fajnzang wurde ihren Eltern nicht zu Teil. Melech und Ides Fajnzang wurden 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Sie kehrten nicht zurück. Sohn Jules wurde ebenfalls verhaftet und deportiert, überlebte aber später die Todesmärsche. Joseph Fajnzang gelangen Ausbrüche aus Gurs und dem Internierungslager Septfonds. Er schloss sich dem französischen Widerstand an und überlebte den Naziterror. Nina Gourfinkel ließ sich während der deutschen Besetzung Frankreichs in Moissac nieder und arbeitete eng mit Shatta Simon zusammen. Juliette Pary, die jünger Schwester von Nina Gourfinkel, und ihr Mann Isaac Pougatch (1897–1988) waren bereits in der jüdischen Jugendarbeit aktiv, bevor sie im Juni 1940 nach Moissac gingen. Im Maison traf Pougatch auf ehemalige Schüler der EIF-Landwirtschaftsschule in SaumurDie EIF-Landwirtschaftsschule in Saumur war die erste derartige Einrichtung der EIF, die nach der Münchener Krise von 1938 gegründet worden war, um Kinder aus städtischen Zentren zu evakuieren. Sie diente zunächst der Aufnahme deutscher jüdischer Flüchtlinge. (La Résistance Juive auf der Webseite Mémorial de la Shoah), an der er einige Monate als Ausbilder tätig gewesen war. In Moissac übernahm er nun die Stelle des pädagogischen Leiters, bevor er 1941 zusammen mit seiner Frau Juliettte die Leitung der Farm Charry übernahm.Über die Arbeit in Charry veröffentlichte Pougatch 1944 ein Buch.Isaac Pougatch: Charry. Vie d’une communaute de jeunesse, Editions de la Baconniere, Neuchétel 1944 Zum Zeitpunkt von dessen Veröffentlichung befand er sich zusammen mit Juliette Pary bereits im schweizer Exil, wohin beide Ende 1942 nach der Besetzung der französischen Südzone durch die deutschen Truppen geflohen waren. Jean-Claude Grumberg kam als dreijähriger Junge zusammen mit seinem sieben Jahre alten Bruder nach Moissac. 2014 kehrte er zum ersten Mal dahin zurück.Valérie Deymes: L’écrivain Jean-Claude Grumberg sur les traces de son enfance, sudouest.fr, 12. Mai 2014 Serge Klarsfeld verbrachte 1940 fünf Wochen im Heim in Moissac.Pierre-Roland Saint-Dizier (Autor), Andrea Mutti, Angelo Bussacchini (Illustratoren): La maison des enfants Die Brüder Simon (1912–1968) und Georges Lévitt (1918–1999) stammten aus dem heutigen Dnipro und hatten beide wichtige Funktionen in Moissac.