mini|hochkant|Das Nelissen-Haus (Maison Nelissen) in Forest/Vorst, ein Beispiel für den geometrischen Jugendstil in Brüssel. Der Jugendstil in Brüssel, auch bekannt als Art Nouveau, trat in der belgischen Hauptstadt Brüssel und angrenzenden Gemeinden erstmals Anfang der 1890er Jahre in Erscheinung. Er verbreitete sich rasch nach Frankreich und das restliche Europa. Er wurde von Künstlern wie Paul Hankar und Gustave Serrurier-Bovy initiiert und anschließend von Victor Horta und Henry van de Velde weitergeführt, insbesondere im Bereich der Architektur, aber auch bei der Gestaltung von Möbeln.

Einige der an Brüssel grenzenden Gemeinden, wie Schaerbeek/Schaarbeek, Etterbeek, Ixelles/Elsene und Saint-Gilles, wurden während des goldenen Zeitalters des Jugendstils erbaut und besitzen viele Gebäude in diesem Stil. Nach 1900 wurde der Stil allmählich formeller und geometrischer. Das letzte Jugendstil-Gebäude in Brüssel ist der Palais Stoclet des österreichisch-mährischen Architekten Josef Hoffmann (1905–1911), heute ein UNESCO-Weltkulturerbe. Er markiert den Übergang zum Art déco und den Beginn des Modernismus in der Architektur.

Trotz der zahlreichen Abrisse zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende der 1960er Jahre (Stichwort „Brüsselisierung“) gibt es in Brüssel immer noch mehr als 1000 Jugendstilgebäude.

Geschichte Die Anfänge Jugendstil ist Ausdruck einer künstlerischen Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die sich gegen die europäische akademische Kunst des 19. Jahrhunderts richtete. Er wird durch die Ästhetik geschwungener Linien gekennzeichnet, inspiriert von natürlichen Formen und Strukturen.

Das Hôtel Tassel in Brüssel aus dem Jahr 1893 (Architekt: Victor Horta) wird häufig als Gründungsakt des Jugendstils angesehen, S. 47 der französischen Ausgabe von 2015 und gewann schnell an Bedeutung unter Hortas Kollegen, die es nachahmten. Im Januar 1893 reichte Paul Hankar die Pläne für sein Privathaus ein, das oft als das erste Jugendstilhaus bezeichnet wird.

Das Goldene Zeitalter mini|hochkant|Kerzenständer, Silber und Elfenbein, ca. 1900, Höhe: 37 cm, Égide Rombaux und François Hoosemans, Kunstgewerbemuseum Berlin. Nach den Vorläufern Paul Hankar und Gustave Serrurier-Bovy war es Victor Horta, der den Übergang von Holz zu Stahl im Bauwerk vollzog.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 45–46 der französischen Ausgabe von 2015 Dieser Übergang ist gleichbedeutend mit einem Übergang von Handwerk zu Technik und allgemein von Tradition zur modernen Architektur.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 46 der französischen Ausgabe von 2015 Der Übergang verkörpert sich im Hotel Tassel, das deshalb oft als Gründungsakt des Jugendstils bezeichnet wird. Der Einsatz von Stahl entspricht der Denkweise eines Ingenieurs, für den Funktionalität nicht im Widerspruch zur Eleganz eines Gebäudes steht. Die rationalen und künstlerischen Elemente gehen eine Symbiose ein, auch wenn dies prekär erscheinen mag.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 46–47 der französischen Ausgabe von 2015 Diesselbe Eleganz, kombiniert mit der Funktionalität des Objekts, findet sich beispielsweise im Kerzenständer des Bildhauers Égide Rombaux und des Goldschmieds François Hoosemans. Während der Einsatz sichtbaren Stahls im 19. Jahrhundert durchaus üblich war, besteht die Innovation darin, dass er nun auch in einem relativ bescheidenen Privathaus verwendet wird, bei dem man leicht ohne ihn hätte auskommen können. Um eine bessere Belichtung und transparente Wirkung der Räume zu erzielen, verwendete Victor Horta während seiner Karriere Stahl und zeigte damit eine immer größere Virtuosität. Tatsächlich zwang die Enge der Baugrundstücke in Brüssel die Architekten, die Innenräume künstlich zu vergrößern. So ließen große Glasdächer Licht von oben herein und Spiegel erzeugten den Eindruck einer Vergrößerung des Raumes. Im Hotel Tassel waren die Stahlstützen mit klassischen Pflanzenmotiven verziert.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 48 der französischen Ausgabe von 2015 Insbesondere der Verlauf der Treppen ist ungewöhnlich, da er in mehrere Teile unterteilt wird. Während die Gestaltung der Innenausstattung des Hotel Tassel relativ komplex ist, ist die der Fassade deutlich nüchterner.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 49 der französischen Ausgabe von 2015 Die Methode zur Erzielung von Transparenz wird bei der Fassade der „Maison du Peuple“ in der Weise grundlegend verändert, dass die Fassade mit großen Erkerfenstern und dünnen Stahlträgern ausgestattet wird. Außerdem nutzte Victor Horta die Lage der „Maison du Peuple“ an der Place Émile Vandervelde, einem runden Platz, für entsprechend geschwungene Linien.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 49–51 der französischen Ausgabe von 2015 Das Gebäude, das in den 1960er Jahren abgerissen wurde, hatte ein nüchternes Erscheinungsbild, weit entfernt von einer bloß „schönen“ Architektur, und leugnete den „Fabrik“-Aspekt durchaus nicht.

Victor Hortas spätere Auftragswerke hatten eine reichhaltigere Ausstattung.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 52 der französischen Ausgabe von 2015 Dies galt besonders für die beiden Kaufhäuser, die er kurz nach 1900 errichtete. Die Fassade des Kaufhauses À l’innovation weist großflächige Fenster auf, während die des Grand Bazaar Anspach hauptsächlich aus einer Mischung aus Stahl und Stein besteht.

Führende Jugendstil-Architekten Henry van de Velde mini|Die Villa Bloemenwerf, Wohnsitz von Henry van de Velde (1895). Wenn es Victor Horta geschafft hatte, Brüssel und Belgien eine gewissen Bekanntheit zu verschaffen, dann war es die Arbeit von Henry van de Velde, die ein noch weiteres Echo fand. Durch den Bau seines eigenen Hauses wurde er zum Architekten und Designer, ohne die entsprechende Ausbildung erhalten zu haben.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 53–54 der französischen Ausgabe von 2015 Henry van de Velde ließ sich, auch durch Vermittlung seiner Frau Maria Sèthe-van de Velde, insbesondere von William Morris inspirieren, dessen Stoffe und Papiere er 1895 zur Dekoration seines Hauses, der Villa Bloemenwerf, verwendete.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 55 der französischen Ausgabe von 2015 Henry van de Veldes Ästhetik mit ihren englischen Einflüssen wurde von der belgischen Öffentlichkeit als zu doktrinär empfunden, die die französisch geprägte Ästhetik von Victor Horta bevorzugte. Henry van de Velde ging um die Jahrhundertwende nach Deutschland. In der Folge wurde Victor Horta zum bedeutendsten Architekten Brüssels, wie die große Anzahl luxuriöser Gebäude zeigt, die er dort errichtete.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 58 der französischen Ausgabe von 2015 Er entwickelte seine im Tassel Hotel gezeigten Ideen weiter.

Paul Hankar Der Architekt und Designer Paul Hankar (11. Dezember 1859 – 17. Januar 1901) war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Jugendstils in Belgien. Während er seinen Lebensunterhalt als Designer und Bildhauer von Ornamenten verdiente, absolvierte er zwischen 1873 und 1884 eine Ausbildung an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Brüssel, wo er Victor Horta kennenlernte, bevor sie zu Rivalen wurden. Paul Hankar zeichnet sich durch den Einsatz wirtschaftlicher Materialien wie Holz und Ziegeln aus (offensichtlich ohne Eisen oder Glas zu vernachlässigen) und seine Fähigkeit, unter Bewahrung seines Einfallsreichtums Pläne für kleine Bauvorhaben zu erstellen. Das zeigte er zum ersten Mal bei seinem eigenen Haus, dem Hankar-Haus, das er 1897 erbaute. Paul Hankar ist bekannt für seine Ladenfassaden (zum Beispiel „Au carnaval de Venise“ in Brüssel), seine Häuser und besonders seine privaten Stadthäuser. Bei ihm finden sich Einflüsse aus Viollet-le-Ducs Japonismus und Rationalismus. Trotz seiner nur zehnjährigen Karriere hat er viele Werke geschaffen: zwei Herrenhäuser, sechzehn Privathäuser, sieben Künstlerateliers, vier große Landhäuser, neun Denkmäler oder Grabdenkmäler und fünfundzwanzig Geschäfte oder Ausstellungssets mit vielen Möbelstücken.

Victor Horta Victor Horta brachte seine verschiedenen Ideen (Vergrößerung des Raumes durch Spiegel, Licht durch Glasdächer, Verwendung von Stahl gemischt mit Stein) zu einer einzigen zusammen und verwirklichte sie in einem neuen Gebäude: dem Hôtel van Eetvelde.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 59–60 der französischen Ausgabe von 2015 Im Inneren befindet sich eine achteckige Rotunde, die durch ein mit Buntglas abgedecktes Oberlicht belichtet wird. Die Treppe und die Erschließung der einzelnen Stockwerke läuft um die Rotunde herum. Nach oben steigt die Lichtintensität.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 60 der französischen Ausgabe von 2015 Das Haus hatte im Inneren eine Verbindung zum angrenzenden Haus, die inzwischen entfernt wurde.Klaus-Jürgen Sembach (1995), S. 61 der französischen Ausgabe von 2015 Die Strukturierung des Gebäudes sowie der Übergang zwischen den Stockwerken sind besonders eindrucksvolle Beispiele des Jugendstils in Brüssel. Ein weiteres von Victor Horta errichtetes Gebäude ist das Hôtel Solvay, errichtet für Armand Solvay in der Avenue Louise/Louizalaan. Die Fassade des Gebäudes nimmt die des „Großen Basar Anspach“ vorweg. Das Hauptgeschoss besteht aus Erkerfenstern und Vitrinen, die ebenfalls verschiebbar sind, was sich auf Transparenz und belichtung auswirkt. Victor Horta verbindet den in diesem Gebäude sehr präsenten Stahl mit Edelholz und Marmor.

UNESCO-Weltkulturerbe Von den zahlreichen Jugendstilbauten in Brüssel wurden im Jahr 2000 die folgenden vier von Victor Horta entworfenen Gebäude unter der Bezeichnung Jugendstilbauten von Victor Horta in Brüssel in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen: Hôtel Tassel, erbaut 1893, Brüssel, rue Paul-Émile Janson 6 Hôtel Solvay, erbaut 1895–1903, Brüssel, Avenue Louise 224 Hôtel van Eetvelde (erbaut 1895–1901), Brüssel, Avenue Palmerston 2–6 Das Wohn- und Atelierhaus Victor Hortas, das seit 1969 das „Horta-Museum“ beherbergt, erbaut 1898–1901, St. Gilles, Großraum Brüssel, bzw. 23–25.

Der Palais Stoclet, der zwischen 1905 und 1911 vom österreichisch-mährischen Architekten Josef Hoffmann, einem der Gründer der Wiener Secession, erbaut wurde, ist seit 2009 ebenfalls ein Weltkulturerbe.

Siehe auch Liste von Bauwerken des Jugendstils, Abschnitt Belgien Réseau Art Nouveau Network

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Einzelnachweise

Kategorie:Architektur (Brüssel) Kategorie:Architektur des Jugendstils