Das Erste European Software Festival fand am 19. und 20. Februar 1991 im Gasteig Kulturzentrum in München statt. Veranstalter war die Borland GmbH, die im Mai 1990 vollständig von Borland International übernommen worden war und seitdem als deutsche Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Softwareunternehmens operierte. Die Veranstaltung verstand sich als interdisziplinäres Forum für Computertechnologie, Kunst, Philosophie und Gesellschaft. Nach zeitgenössischen Berichten zog sie über 3.000 Besucher an.Detlef Grell, Ingo T. Storm: Kirchentag der Software-Päpste. European Software Festival in München. In: c’t, Heft 4/1991, S. 30–31. PDF.Erstes European Software Festival. Vorträge, Workshops, Forum. CHIP inside, Vogel-Verlag, Würzburg 1991, ISBN 3-8023-1146-9. PDF.

Hintergrund

Das Festival wurde anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Borland International ausgerichtet. Initiatorin und Supervisorin war Beate Vogel, die damalige Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Borland GmbH Deutschland. Sie gewann gemeinsam mit Roman Gerike die internationalen Referenten. Das Motto lautete: „Aufbruch ins dritte Jahrtausend“.Borland GmbH (Hrsg.): European Software Festival – Programmheft. München, Februar 1991. PDF.

Die Veranstaltung stellte die Frage ins Zentrum, wie sich Computerkultur und gesellschaftlich-kulturelles Leben zueinander verhalten. Das Festival fand im Gasteig Kulturzentrum (Rosenheimerstraße 5, München) statt. Genutzt wurden die Philharmonie als Hauptbühne für die zentralen Vorträge, der Vortragssaal der Bibliothek, der Chorprobensaal für Workshops sowie das Foyer der Philharmonie für Ausstellungen und interaktive Beiträge.

Eine Dokumentation der Vorträge erschien 1991 als Sonderheft CHIP inside (ISBN 3-8023-1146-9) im Vogel-Verlag.

Programm

Hauptvorträge

Das Festival versammelte Vertreter aus Informatik, Künstlicher Intelligenz, Philosophie, Musik und Cyberspace-Forschung.

Am ersten Tag, dem 19. Februar, sprachen Bjarne Stroustrup (AT&T Bell Laboratories) über den Einstieg in C++ sowie über objektorientiertes Software-Design, Philippe Kahn (Borland International) unter dem Titel „Back to the Future“, Marvin Minsky (MIT) über „Personal Software oder Programme, die dich kennen“. Den Abschluss des Abends bildete ein Konzert von Tod Machover (MIT Media Lab), der seine Komposition „Bug-Mudra“ sowie eine Suite aus seiner Oper Valis aufführte.

Am zweiten Tag, dem 20. Februar, präsentierte Niklaus Wirth (ETH Zürich) das von ihm entwickelte Oberon-System, Sherry Turkle (MIT) sprach über „Computer and the Human Spirit / Die Wunschmaschine“, Joseph Weizenbaum (MIT) über „Zauberlehrlinge“ sowie in einem Workshop über „ELIZA und die Folgen“. Jaron Lanier (VPL Research) war zum Thema „Virtuelle Realität – Cyberspace“ per Video zugeschaltet. Alan Kay (Apple / MIT Media Lab), der für einen Vortrag über „Computer-Revolutionen“ vorgesehen war, erschien nicht; sein Beitrag entfiel.Will Watts: Memory mapped I/O. In: EXE Magazine, Vol. 11, Issue 6, November 1996, S. 20–22. PDF.

Weitere Vorträge und Workshops

Parallel dazu fanden im Vortragssaal der Bibliothek und im Chorprobensaal Vorträge statt, unter anderem von Herbert W. Franke (LMU München) über experimentelle Ästhetik, von Klaus Brunnstein (Universität Hamburg) über gesellschaftliche Folgen der Informatik, von Hans-Jürgen Zimmermann (TH Aachen) über Fuzzylogik sowie von Izumi Aizu über Netzwerkgesellschaften, Herbert Heckmann (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung) über Automaten in der Literatur, Thomas von Randow über Kryptologie und Rena Tangens gemeinsam mit Katharina Baumann über „Frauen in Mail-Boxen“.

Forum

Im Foyer der Philharmonie präsentierten der Klangkünstler David Rokeby (Toronto) eine interaktive Klangperformance sowie das Bonner Klangkollektiv (Norbert Stein / Viola Kramer) eine Klangperformance mit Saxophon und Keyboard. Das Maya Augenmusikorchester zeigte Multimedia-Kunst, Leopold Stein (VOTIS-Software-Museum Hamburg) eine Emulation des Zuse-Rechners.

Abendveranstaltungen

Am Abend des 19. Februar wurden im nahegelegenen Rio Palast Vorführungen von Bonfire of the Vanities (Regie: Brian De Palma) angeboten. Im Jazzclub Babalu (Leopoldstraße) trat Philippe Kahn als Musiker auf und spielte Flöte und Saxophon – Kahn veröffentlichte 1991 auch das Jazz-Album Pacific High (Borland Musical Craftsmanship). Eintrittskarten waren kostenlos am Informationsschalter im Gasteig erhältlich.

Konzeption und Gestaltung

Neben dem inhaltlichen Programm waren Raumgestaltung, visuelle Kommunikation und interaktive Medien von Beginn an als integraler Bestandteil der Veranstaltung konzipiert.European Software Festival. In: Design etc. Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, 10. November 2024, aktualisiert Juli 2026. burg-halle.de.

Regie und Raumarchitektur

Miho Baumm übernahm die Regie des Festivals und gestaltete in Zusammenarbeit mit Guido Englich die Architektur für Kommunikation und Ausstellungen in den Fluren, Gängen und Sälen des Gasteig. Ziel war es, Verkehrsflächen des Kulturzentrums in Orte für informelle Begegnungen, Austausch und Präsentationen zu verwandeln. Das Leitsystem sowie frei stehende Regal- und Präsentationssysteme, die Monitore und Informationsmaterialien integrierten, sind auf zeitgenössischen Fotografien dokumentiert.

Kommunikationsgestaltung

Guido Englich und Anna Wagner, die unter dem Namen MacLab zusammen arbeiteten, waren für die Gestaltung sämtlicher Kommunikationsmittel verantwortlich: Programmheft, Übersichtsplakate, Typografie und das visuelle Erscheinungsbild des Festivals.

Interaktiver Festivalführer

Bernhard Meyer und Guido Englich entwickelten und programmierten einen interaktiven digitalen Festivalführer unter dem Titel Clickwork Orange – eine Anspielung auf Stanley Kubricks Film A Clockwork Orange (1971). Die Anwendung lief auf Apple-Macintosh-IIci-Computern mit 16-Zoll-RGB-Farbmonitor und war in SuperCard programmiert. Am Terminal im Foyer konnten Besucher mit der Maus durch Programm, Zeitplan, Veranstaltungsorte und Kurzbiografien der Referenten navigieren. Im Zeitplan ist die Anwendung als „MacLab/à go go – Interaktive Tour durchs Festival“ aufgeführt.Timetable der Veranstaltungen. European Software Festival, München, Februar 1991. PDF.

Ausgewählte Beiträge

Tod Machover

Bei seinem Konzert dirigierte Tod Machover die Komposition „Bug-Mudra“ mithilfe eines Spezialhandschuhs, der Hand- und Fingerbewegungen über Glasfaserkabel an einen Computer weiterleitete. Das Verfahren, von Machover als „Hyperinstrument“ bezeichnet, erlaubte eine direkte physische Steuerung von Klangparametern in Echtzeit.

Niklaus Wirth

Niklaus Wirth demonstrierte auf der Bühne der Philharmonie live das Oberon-System, ein an der ETH Zürich entwickeltes integriertes Programmiersystem. Die Großprojektion zeigte die Benutzeroberfläche des Systems während der Vorführung.

Philippe Kahn

Philippe Kahn, der Pascal in den frühen 1970er Jahren bei Niklaus Wirth an der ETH Zürich studiert hatte, bevor er Borland gründete, kündigte auf dem Festival das Produkt ObjectVision an, ein Werkzeug zur visuellen Erstellung von Business-Anwendungen unter Windows.

Minsky, Weizenbaum und die Pressekonferenz

Die öffentliche Begegnung zwischen Marvin Minsky und Joseph Weizenbaum zog das größte Medieninteresse auf sich. Beide vertraten seit Jahren grundlegend verschiedene Positionen zur Künstlichen Intelligenz: Minsky als einer ihrer zentralen Architekten und Optimisten, Weizenbaum als ihr bekanntester Kritiker, der mit Computer Power and Human Reason (1976) grundlegende Einwände gegen eine unreflektierte KI-Forschung formuliert hatte.Daniel Crevier: AI: The Tumultuous History of the Search for Artificial Intelligence. Basic Books, New York 1993, S. 143. ISBN 978-0-465-02997-6. researchgate.net.

Nach Weizenbaums eigenem Bericht, festgehalten in einem Interview mit dem Wissenschaftshistoriker Daniel Crevier, kam es während der Veranstaltung zu einer unerwarteten öffentlichen Geste Minskys. Dieser erklärte:

Minsky umarmte Weizenbaum öffentlich. Weizenbaum schilderte die Reaktion des Saals: „He put his arm around me and the photographers went wild! After a while I could hardly see because of the flashes!“ Zugleich beurteilte er die Geste skeptisch: „I would like to believe in this great reconciliation scene, but I think Marvin just did what comes naturally to him: he said the most sensational thing he could think of.“

In seinem Vortrag hatte Weizenbaum grundlegende Fragen an die technologische Entwicklung gestellt. Die Zeitschrift c’t fasste seinen Standpunkt zusammen: Nicht nur wegen des Golfkriegs sei es allerhöchste Zeit, dass sich High-Tech-Entwickler ebenso wie die Gesellschaft als Ganzes Gedanken darüber machten, ob sie ihre Kräfte richtig einsetzten. Weizenbaum fragte, ob die Entwicklung eines serienreifen High-Definition-Fernsehens wirklich wichtiger sei als die Ausbildung der rund 30 Prozent faktischer Analphabeten in den USA. In seiner Rede forderte er: „Wir sollten Fragen stellen und nicht mit der Lösung anfangen, auch in Bezug auf unsere Wissenschaft und unsere Technologie. Es ist ja nicht schwer, heute eine Liste von Bedürfnissen aufzustellen: Hunger, die Gefährdung der Atmosphäre, die ökologische Katastrophe, die vor uns liegt, Kriege und so weiter.“

Die abendliche Pressekonferenz geriet in den unmittelbaren Sog der politischen Gegenwart. Nach seinem Vortrag hatte Minsky die Debatte auf die Spitze getrieben: Auf die Frage, ob er sein Nervensystem mit einer Maschine verbinden würde, antwortete er mit der Vision von 400 vernetzten neuronalen Maschinen, die die zehnfache Leistung eines menschlichen Gehirns erreichen könnten. Minsky schlug zudem vor, Religion zu verbieten, da sie nicht zur Problemlösung beitrage.Klaus Brunnstein: About Risks in Believing AI Gurus. In: The Risks Digest, Vol. 11, Issue 19, 1. März 1991. catless.ncl.ac.uk. Klaus Brunnstein gab in seinem RISKS-Bericht Weizenbaums Reaktion auf Minskys KI-Visionen mit einem prägnanten Bild wieder: „I dreamt that Marvin leaves at his end a letter saying: I never meant what I said!“

Neben den akkreditierten Journalisten hatten sich auch zahlreiche weniger regelkonforme Besucher des Festivals Zugang verschafft und konfrontierten die versammelten Referenten mit einer Frage nach der Haltung des Panels zum Golfkrieg und zur kulturellen Vorherrschaft der USA. Kahn begann zu antworten, doch Minsky übernahm das Mikrofon. Will Watts schilderte in seinem Rückblick im EXE Magazine, dass Minsky mit den Worten endete: „Sport is worse than war. We must at all costs ban football, not war.“ Die Reaktion des Saals beschrieb Watts als Kippen von „reasonably amiable booziness to near-riot fury“. Wirth verließ die Bühne. Stroustrup erklärte auf die Frage, was er davon halte, nüchtern: „I'm sorry, but I do not understand what this question has to do with object-oriented programming.“ Die c’t zog aus der Pressekonferenz und der Podiumsdiskussion eine weiterreichende Schlussfolgerung: Die Fragen des Publikums hätten offenbart, „welch gigantisches Defizit Informatiker aufzuarbeiten haben, wenn es um die Beschäftigung mit dem sozialen und kulturellen Umfeld ihrer Tätigkeit geht“. Die anscheinend seltene Reflexion über dieses Thema habe auf dem Festival „eine Art Kirchentagsstimmung“ erzeugt.

Der Spiegel berichtete in seiner Ausgabe 10/1991 im Zusammenhang mit dem Computereinsatz im Golfkrieg über die Pressekonferenz: Philippe Kahn habe kritische Fragesteller gebeten, „Können wir uns bitte von Frieden, Krieg und solchem Zeug fernhalten“ – die Veranstaltung sei für die Veranstalter „fast zum Tribunal“ geworden.N. N.: Laptop im Rucksack. In: Der Spiegel, Nr. 10, 3. März 1991. spiegel.de.

Historische Einordnung

Computerkultur und Öffentlichkeit