Will Graham ist eine fiktive Figur und der Protagonist des 1981 veröffentlichten Romans Roter Drache von Thomas Harris. Graham ist außerdem die Hauptfigur der beiden Romanverfilmungen Manhunter – Roter Drache (1986) und Roter Drache (2002) sowie der Fernsehserie Hannibal (2013–2015), die verschiedene Bestandteile der Romanreihe um Hannibal Lecter verarbeitet.

In Roter Drache wird Graham als hochintelligenter und angesehener ehemaliger FBI-Fallanalytiker eingeführt. Seine außergewöhnliche Fähigkeit, sich in die Denkweise von Psychopathen hineinzuversetzen, ermöglicht es ihm, deren Handlungen und Motive nachzuvollziehen, belastet jedoch seine eigene Psyche.

Graham ist für die Festnahme des forensischen Psychiaters und kannibalistischen Serienmörders Hannibal Lecter verantwortlich, der ihn bei ihrer ersten Auseinandersetzung beinahe tötet. Durch dieses Erlebnis schwer traumatisiert, verlässt Graham das FBI. Während der Handlung von Roter Drache kehrt er widerwillig aus dem Ruhestand zurück, um einen als „Zahnfee“ bezeichneten Serienmörder zu finden. Dabei muss er Lecter im Gefängnis erneut aufsuchen und um Unterstützung bitten.

Abgesehen von kurzen Erwähnungen in Harris’ Fortsetzungsroman Das Schweigen der Lämmer tritt Graham in keinem weiteren Roman der Hannibal-Lecter-Reihe auf. In Manhunter – Roter Drache wird er von William Petersen, in Roter Drache von Edward Norton und in der Fernsehserie Hannibal von Hugh Dancy dargestellt.

Charakterisierung In seinem ersten Auftritt und den Adaptionen ist Graham ein FBI-Fallanalytiker, der zunächst Hannibal Lecter enttarnt und später mit der Suche nach dem Serienmörder Francis Dolarhyde beauftragt wird. Er wird als hochintelligent, kriminalistisch versiert und außergewöhnlich empathisch dargestellt. Seine Empathie ermöglicht es ihm, die Perspektive von Straftätern und Psychopathen einzunehmen und deren Denkweise und Motive selbst auf Grundlage weniger Informationen lebhaft nachzuvollziehen. Dadurch kann er Gewaltverbrecher besonders erfolgreich verfolgen, wird von den gedanklichen Rekonstruktionen ihrer Taten jedoch psychisch stark belastet. Graham fürchtet zeitweise, dass er Psychopathen deshalb so gut verstehe, weil er selbst einer von ihnen sein könnte. Außerdem besitzt er ein außergewöhnlich ausgeprägtes Gedächtnis, das mit demjenigen Lecters verglichen wird.

Auftritte

Roman Roter Drache schildert Grahams Vorgeschichte. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in Louisiana auf und zieht später nach New Orleans, wo er als Mordermittler arbeitet. Anschließend nimmt er ein Studium der Forensik an der George Washington University auf. Nach seinem Abschluss beginnt er im Kriminallabor des FBI zu arbeiten. Aufgrund seiner besonderen Leistungen im Labor und bei Außeneinsätzen erhält er später eine Lehrstelle an der FBI Academy. Bei Ermittlungen im Außendienst trägt er die Funktionsbezeichnung „Special Investigator“.

Sein erster bedeutender Fall betrifft einen als „Minnesota-Würger“ bezeichneten Serienmörder, der Studentinnen tötet. Graham findet den Täter Garrett Jacob Hobbs in dessen Wohnung, während dieser versucht, seine eigene Familie zu ermorden. Auf dem Treppenabsatz entdeckt Graham Hobbs’ Frau, die an zahlreichen Stichverletzungen stirbt. Er bricht die Wohnungstür auf und erschießt Hobbs, der seiner Tochter wiederholt in den Hals sticht. Die Tochter überlebt. Graham wird durch das Erlebnis schwer belastet und für einen Monat in die psychiatrische Abteilung des Bethesda Naval Hospital eingewiesen. Anschließend kehrt er zum FBI zurück.

1975 verfolgt Graham einen weiteren Serienmörder, der als „Chesapeake Ripper“ bekannt ist und essbare Organe seiner Opfer chirurgisch entfernt. Bei einem Opfer mit zahlreichen Stichverletzungen bemerkt Graham eine ältere, bereits verheilte Stichwunde. Aus den Krankenunterlagen geht hervor, dass die Verletzung fünf Jahre zuvor bei einem Jagdunfall behandelt wurde. Graham sucht den damaligen Notarzt, den inzwischen bekannten Psychiater Hannibal Lecter, auf und befragt ihn zu dem Patienten. Lecter behauptet zunächst, sich kaum erinnern zu können. Bei einem weiteren Besuch in dessen Praxis erkennt Graham innerhalb weniger Minuten, dass Lecter der gesuchte Mörder ist. Ausschlaggebend ist eine alte medizinische Darstellung des sogenannten „verwundeten Mannes“, deren Verletzungsmuster denjenigen eines Opfers des Chesapeake Ripper entspricht.

Graham begibt sich in Lecters Vorzimmer, um die FBI-Außenstelle in Baltimore anzurufen. Lecter zieht seine Schuhe aus, nähert sich ihm unbemerkt und schlitzt ihm mit einem Linoleummesser den Bauch auf. FBI-Agenten und Beamte der Staatspolizei von Maryland treffen ein und nehmen Lecter fest. Graham verbringt mehrere Monate im Krankenhaus. Durch die Festnahme Lecters wird er öffentlich bekannt und innerhalb des FBI als Legende verehrt. Der Boulevardreporter Freddy Lounds verschafft sich Zutritt zu Grahams Krankenzimmer, fotografiert dessen Verletzungen und veröffentlicht die Bilder im National Tattler. Nach seiner Genesung verlässt Graham traumatisiert das FBI.

1980 lebt Graham mit seiner Ehefrau Molly, die er ein Jahr nach dem Angriff Lecters kennengelernt hat, und deren Sohn Willy auf Sugarloaf Key in Florida. Sein früherer Vorgesetzter Jack Crawford überredet ihn, seinen Ruhestand zu unterbrechen und das FBI bei der Suche nach der „Zahnfee“ zu unterstützen. Der Täter hat im Abstand eines Mondzyklus zwei Familien ermordet, zunächst in Birmingham, Alabama, danach in Atlanta, Georgia. Nach der Untersuchung der Tatorte sucht Graham Lecter auf, der inzwischen im Baltimore State Hospital for the Criminally Insane untergebracht ist. Lecter verspottet ihn und übermittelt Dolarhyde später Grahams Privatadresse in einer verschlüsselten Nachricht. Um Molly und Willy zu schützen, werden sie zunächst in ein Ferienhaus von Crawfords Bruder gebracht. Später reist Molly mit ihrem Sohn zu den Eltern ihres verstorbenen ersten Ehemanns nach Oregon.

Graham verfolgt Dolarhyde weiter und benutzt Freddy Lounds für den Versuch, die Verbindung zwischen Lecter und Dolarhyde zu unterbrechen. In einem Interview lässt er Lounds absichtlich falsche Behauptungen veröffentlichen, nach denen Dolarhyde impotent, homosexuell und aus Inzest hervorgegangen sei. Dolarhyde entführt und ermordet Lounds daraufhin. Schließlich erkennt Graham, dass der Täter Zugang zu den privaten Filmaufnahmen der ermordeten Familien gehabt haben muss. Da die Filme beider Familien im selben Betrieb entwickelt wurden, können die Ermittler Dolarhyde identifizieren.

Graham, Crawford und weitere FBI-Agenten treffen an Dolarhydes Haus ein, das dieser in Brand gesetzt hat. Seine blinde Freundin Reba McClane befindet sich noch im Gebäude, während Dolarhyde scheinbar einen gemeinsamen Suizid erzwungen und sich selbst erschossen hat. Graham rettet Reba aus dem brennenden Haus und tröstet sie. Er kehrt anschließend nach Hause zurück, weil er Dolarhyde für tot hält.

Dolarhydes vermeintlicher Suizid erweist sich jedoch als Täuschung. Er hat einem früheren Opfer ins Gesicht geschossen und dadurch Reba sowie die Polizei glauben lassen, bei der Leiche handle es sich um ihn. Dolarhyde greift Graham und dessen Familie in ihrem Haus in Florida an und verletzt Graham schwer im Gesicht. Molly erschießt Dolarhyde mit dem Revolver der Familie. Graham überlebt, behält jedoch entstellende Narben und wird erneut schwer traumatisiert. Kurz darauf schickt Lecter ihm eine höhnische Nachricht, in der er ihm eine schnelle Genesung wünscht und hofft, dass Graham nicht allzu hässlich geworden sei. Crawford vernichtet die Nachricht.

In Das Schweigen der Lämmer wird Graham kurz erwähnt. Die FBI-Anwärterin Clarice Starling erinnert sich daran, dass er als bester Ermittler Crawfords an der Akademie als Legende galt, inzwischen jedoch als alkoholabhängiger Mann mit einem schwer entstellten Gesicht in Florida lebe. Crawford vergleicht Grahams Gesicht mit einem Bild Pablo Picassos. Bei Starlings erster Begegnung mit Lecter erkundigt sich dieser nach Grahams Aussehen. Später erwähnt Frederick Chilton gegenüber Lecter, dass Crawford ihm nicht verziehen habe, seinen Schützling verstümmelt zu haben.

Filme Graham wurde zweimal in einer Filmadaption dargestellt: 1986 von William Petersen in Manhunter – Roter Drache und 2002 von Edward Norton in Roter Drache.

Manhunter – Roter Drache Die Darstellung Grahams in Manhunter – Roter Drache entspricht der Romanfigur weitgehend, weist jedoch mehrere Änderungen auf. Im Roman ist Graham mit Molly verheiratet und der Stiefvater ihres Sohnes Willy. Im Film haben Graham und Molly (Kim Greist) einen Sohn namens Kevin; es wird nicht angedeutet, dass dieser nicht Grahams leibliches Kind ist. Auch seine Beziehung zu Lecter, dessen Name im Film „Lecktor“ geschrieben wird und der von Brian Cox dargestellt wird, ist verändert. Während Graham den inhaftierten Lecter im Roman nur einmal wegen der Zahnfee aufsucht, telefoniert er im Film später erneut mit ihm, um Dollarhyde (Tom Noonan) besser zu verstehen.Manhunter – Roter Drache, Regie: Michael Mann, De Laurentiis Entertainment Group, Vereinigte Staaten 1986.

Auch das Ende weicht von der Romanvorlage ab. Graham rettet Reba McClane (Joan Allen) vor Dollarhyde, der sie aus Eifersucht töten will. Bei der anschließenden Auseinandersetzung erschießt Graham den Täter.Manhunter – Roter Drache, Regie: Michael Mann, De Laurentiis Entertainment Group, Vereinigte Staaten 1986.

Roter Drache Die Verfilmung Roter Drache von 2002 verändert vor allem Grahams Beziehung zu Lecter (Anthony Hopkins). Im Roman begegnet er ihm erstmals, als er ihn zu einem früheren Patienten befragt. Im Film kennen sich beide bereits länger, und Graham hat Lecter mehrfach bei Ermittlungen konsultiert. Er bespricht mit ihm eine Mordserie, bei der der Täter Organe seiner Opfer verzehrt. In Lecters Haus entdeckt Graham ein Rezept, das sämtliche entfernten Organe enthält, und erkennt dadurch, dass Lecter der gesuchte Mörder ist.Roter Drache, Regie: Brett Ratner, Universal Pictures, Vereinigte Staaten 2002.

Im Unterschied zu Manhunter – Roter Drache bleibt die abschließende Auseinandersetzung mit Dolarhyde (Ralph Fiennes) näher am Roman. Graham und Dolarhyde werden bei einem Schusswechsel schwer verletzt; Grahams Gesicht bleibt jedoch unversehrt. Seine Ehefrau Molly (Mary-Louise Parker) erschießt Dolarhyde in den Kopf, als dieser erneut angreifen will. Die Schlussszene deutet an, dass Graham die psychische Belastung übersteht und seine Ehe fortbesteht. In dieser Fassung haben Graham und Molly einen leiblichen Sohn namens Josh (Tyler Patrick Jones), anstatt dass Graham wie im Roman Stiefvater ist.Roter Drache, Regie: Brett Ratner, Universal Pictures, Vereinigte Staaten 2002.

Fernsehserie Hannibal Hugh Dancy verkörpert Graham in Hannibal, einer Fernsehserie über dessen Beziehung zu Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) vor Lecters Festnahme. Graham entwickelt während gemeinsamer Mordermittlungen eine komplexe Bindung zu Lecter, bevor er dessen Verbrechen erkennt. Die Serie wurde am 4. April 2013 auf NBC erstmals ausgestrahlt.

Die Serienfassung weist Verhaltensweisen auf, die von anderen Figuren zunächst mit dem Autismus-Spektrum in Verbindung gebracht werden. Serienschöpfer Bryan Fuller stellte jedoch klar, dass Graham nicht am Asperger-Syndrom leide. Dancy zufolge nutzt Graham vielmehr Verhaltensweisen, die oberflächlich an autistische Merkmale erinnern, als Schutzmechanismen gegen seine extrem ausgeprägte Empathie. Grahams außergewöhnliche Empathie und Vorstellungskraft ermöglichen ihm, die untersuchten Morde gedanklich aus der Perspektive des Täters zu rekonstruieren. In der ersten Staffel leidet er zudem unbemerkt an einer fortgeschrittenen Enzephalitis, wodurch Halluzinationen und Gedächtnislücken auftreten. Lecter ist von Grahams Fähigkeit fasziniert und versucht im Verlauf der Serie, ihn zu manipulieren und selbst zum Mörder zu machen.

Erste Staffel