Francis Dolarhyde (auch: Francis Dollarhyde) ist eine fiktive Figur und der zentrale Antagonist in Thomas Harris’ 1981 veröffentlichtem Roman Roter Drache sowie in dessen Verfilmungen Manhunter – Roter Drache (1986) und Roter Drache (2002). Außerdem tritt die Figur in der dritten Staffel der Fernsehserie Hannibal auf.
Dolarhyde ist ein Serienmörder, der bei Vollmond ganze Familien tötet. Wegen der nächtlichen Tatbegehung, seiner Angewohnheit, die Leichen seiner Opfer zu beißen, sowie seiner auffällig großen und scharfen Zähne erhält er den von ihm verhassten Spitznamen „Zahnfee“. Er handelt unter dem Einfluss einer zweiten Persönlichkeit, die er nach William Blakes Aquarell Der große Rote Drache und die mit der Sonne bekleidete Frau als „den Großen Roten Drachen“ bezeichnet. Dolarhyde glaubt, dass er durch seine Morde – die er selbst als „Verwandlungen“ bezeichnet – zunehmend zum Drachen werde.
Geschichte der Figur Dolarhydes Vorgeschichte wird im Roman ausführlich beschrieben und in den Verfilmungen teilweise aufgegriffen. Er wird am 14. Juni 1938 in Springfield, Missouri, mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren. Seine Mutter gibt ihn nach der Geburt fort, woraufhin er bis zu seinem fünften Lebensjahr in einem Waisenhaus aufwächst. Anschließend nimmt ihn seine Großmutter bei sich auf. Sie misshandelt ihn körperlich und seelisch und droht ihm unter anderem mit Kastration, nachdem er ins Bett genässt hat. Kurz darauf beginnt Dolarhyde, Tiere zu quälen.
Als seine Großmutter an Demenz erkrankt, kommt Dolarhyde zu seiner von ihm entfremdeten Mutter und deren Ehemann nach St. Louis. Auch dort wird er misshandelt. Nachdem seine Stiefgeschwister sein Gesicht gegen einen Badezimmerspiegel schlagen, erhängt er die Katze seiner Stiefschwester und wird zurück in das Waisenhaus geschickt. Mit 17 Jahren wird er bei einem Einbruch ertappt. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, tritt er in die United States Army ein. Während seiner Stationierung in Japan und anderen asiatischen Ländern erlernt er die Entwicklung von Filmen und lässt seine Gaumenspalte operativ korrigieren.
Nach seiner ehrenhaften Entlassung aus der Armee kehrt Dolarhyde nach St. Louis zurück und arbeitet bei der Gateway Corporation als Produktionsleiter der Abteilung für private Filmaufnahmen. Er betreibt zudem intensiv Bodybuilding und entwickelt eine außergewöhnliche Körperkraft. Im Roman wird erwähnt, dass er auch im mittleren Alter noch an regionalen Bodybuildingwettbewerben hätte teilnehmen können und 300 Pfund im Umsetzen und Drücken bewältigt.
Zu Beginn seiner Vierziger sieht Dolarhyde erstmals William Blakes Aquarell Der große Rote Drache und die mit der Sonne bekleidete Frau. Das Bild verleiht seiner zweiten Persönlichkeit eine konkrete Gestalt. Unter dem Einfluss des „Roten Drachen“ ermordet er innerhalb von zwei Monaten zwei Familien, jeweils während oder kurz vor einer Vollmondnacht. Seine Opfer wählt er anhand privater Filme aus, die über seinen Arbeitsplatz entwickelt werden. In den Tagen vor einer Tat tötet oder verletzt er zunächst das Haustier der Familie und hält sich nachts in deren Garten auf. Bei Vollmond dringt er in das Haus ein, erschießt seine Opfer oder schneidet ihnen im Schlaf die Kehle durch. Anschließend arrangiert er die Leichen um das Ehebett, vergewaltigt die Leiche der Mutter und setzt den Opfern Spiegelscherben in die Augen, um darin seine vermeintliche „Verwandlung“ zum Drachen zu sehen.
Um seine „Verwandlung“ zu vollenden, reist Dolarhyde nach Hongkong und lässt sich Blakes Drachen großflächig auf den Rücken tätowieren. Außerdem lässt er zwei künstliche Gebisse anfertigen. Das erste trägt er im Alltag; das zweite basiert auf einem Abdruck der deformierten Zähne seiner Großmutter und ist Bestandteil der Drachenpersönlichkeit, die er während seiner Morde annimmt. Wegen der nächtlichen Taten und der Bissspuren an den Leichen bezeichnet ihn die Boulevardzeitung The National Tattler als „Zahnfee“, einen Spitznamen, den er verabscheut.
Der FBI-Profiler Will Graham wird gebeten, seinen vorzeitigen Ruhestand zu beenden und bei der Suche nach der „Zahnfee“ zu helfen. Graham hatte zuvor den Psychiater und kannibalistischen Serienmörder Hannibal Lecter gefasst, den Dolarhyde bewundert. Dolarhyde schickt Lecter einen Brief, in dem er ihm von seinen Morden berichtet. Graham besucht Lecter im Baltimore State Hospital for the Criminally Insane und hofft, dass dieser bei der Identifizierung oder psychologischen Einschätzung des Täters helfen kann. Lecter übermittelt Dolarhyde stattdessen Grahams Privatadresse in einer verschlüsselten Nachricht und fordert ihn auf, Grahams Familie zu töten. Der zuständige FBI-Agent Jack Crawford entschlüsselt die Botschaft rechtzeitig und warnt Grahams Familie sowie den örtlichen Sheriff.
Dolarhyde verfolgt die Berichterstattung des National Tattler über seine Morde und sammelt Zeitungsausschnitte über Lecters Festnahme und Prozess, über Graham und über seine eigenen Taten. Um ihn aus der Reserve zu locken, gibt Graham dem Reporter Freddy Lounds ein Interview, in dem er behauptet, die „Zahnfee“ sei impotent, homosexuell und möglicherweise aus Inzest hervorgegangen. Außerdem deutet Graham an, Lecter fühle sich davon beleidigt, dass Dolarhyde sich für dessen Ebenbürtigen halte. Dolarhyde entführt daraufhin Lounds, klebt ihn auf einen alten Rollstuhl und zwingt ihn, seine Aussagen auf Tonband zu widerrufen. Danach beißt er ihm die Lippen ab, setzt ihn in Brand und lässt den Rollstuhl eine Rampe zum Parkhaus des Tattler hinunterrollen.
Dolarhyde verliebt sich in seine blinde Kollegin Reba McClane. Die Beziehung zu ihr unterdrückt seine Mordimpulse zunächst, doch diese kehren später verstärkt zurück. Um Reba vor dem Drachen zu schützen, fliegt Dolarhyde nach New York und besucht das Original von Blakes Aquarell im Brooklyn Museum. Er verschlingt das Bild, weil er glaubt, dadurch seine zweite Persönlichkeit vernichten zu können. Der Versuch scheitert. Anschließend versucht er, sich in einem Motelbad an der Duschstange zu erhängen; die Schlinge reißt jedoch, bevor er erstickt.
Die Ermittlungen des FBI und der Polizei ergeben zunächst kaum verwertbare Hinweise. Gesicherte Spuren führen in Sackgassen, ein unvollständiger Fingerabdruck lässt sich keiner gespeicherten Person zuordnen, und zwischen den ermordeten Familien ist zunächst keine Verbindung erkennbar. Schließlich erkennt Graham, dass der Täter Zugang zu den privaten Filmen der Familien gehabt haben muss und die darin sichtbaren Details zur Planung seiner Einbrüche nutzte. Da die Filme beider Familien im selben Betrieb entwickelt wurden, gerät Dolarhyde in den Fokus der Ermittlungen.
Dolarhyde steht nun vollständig unter dem Einfluss des Drachen und weiß, dass die Ermittler ihm näherkommen. Er plant, Reba und sich selbst zu töten, indem er sein Haus anzündet. Im letzten Moment lässt er Reba frei. Sie hört einen Schuss und ertastet im brennenden Wohnzimmer eine scheinbare Leiche Dolarhydes, die anschließend im Feuer verbrennt. Tatsächlich hat Dolarhyde einen Tankstellenangestellten erschossen, der Reba zuvor angestarrt hatte, und dessen Leiche benutzt, um seinen eigenen Tod vorzutäuschen. Die Polizei rettet Reba aus dem brennenden Haus. Graham erklärt ihr später, dass ihre Beziehung Dolarhydes Mordimpulse zumindest zeitweise abgeschwächt und wahrscheinlich weitere Leben gerettet habe.
Eine kriminaltechnische Untersuchung ergibt, dass die Fingerabdrücke der Leiche nicht mit denen Dolarhydes übereinstimmen. Dolarhyde reist daraufhin zu Grahams Haus in Florida, greift ihn an und verletzt ihn mit einem Messer schwer im Gesicht. Grahams Ehefrau Molly lenkt Dolarhyde von ihrem Mann ab und erschießt ihn.
Adaptionen
Manhunter – Roter Drache (1986) In Michael Manns Verfilmung Manhunter – Roter Drache wird die Figur von Tom Noonan gespielt und abweichend vom Roman Francis Dollarhyde geschrieben. Seine Vorgeschichte wird im Film weitgehend ausgespart. Will Graham (William Petersen) nimmt lediglich an, dass Dollarhyde als Kind misshandelt wurde. Die Persönlichkeit des Roten Drachen und seine Großmutter werden nicht näher behandelt. Dollarhyde trägt allerdings eine Tätowierung eines roten Drachen auf der Brust, und in seinen Aufzeichnungen ist von der „Kraft des Roten Drachen“ die Rede.Manhunter – Roter Drache, Regie: Michael Mann, De Laurentiis Entertainment Group, Vereinigte Staaten 1986.
Dollarhyde stiehlt und verschlingt in dieser Fassung nicht das Aquarell. Auch der Tod seines Kollegen dient nicht dazu, das eigene Verschwinden vorzutäuschen, sondern geschieht aus Eifersucht. Nachdem er glaubt, Reba McClane (Joan Allen) betrüge ihn, versucht er, sie zu töten. Graham kann sie retten. Bei der anschließenden Auseinandersetzung mit der Polizei erschießt Dollarhyde mehrere Beamte, bevor Graham ihn tötet.Manhunter – Roter Drache, Regie: Michael Mann, De Laurentiis Entertainment Group, Vereinigte Staaten 1986.
Roter Drache (2002) In der 2002 veröffentlichten Verfilmung Roter Drache, die der Romanvorlage stärker folgt, wird Dolarhyde von Ralph Fiennes dargestellt. In einer nicht verwendeten Szene spricht Frank Langella die Stimme des Großen Roten Drachen.
Dolarhyde stirbt in dieser Adaption, als er versucht, die Familie von Will Graham (Edward Norton) in Marathon, Florida, zu töten. Während eines Schusswechsels verletzen sich Dolarhyde und Graham gegenseitig schwer. Grahams Ehefrau Molly (Mary-Louise Parker) erschießt Dolarhyde schließlich mit einem Schuss ins Gesicht.Roter Drache, Regie: Brett Ratner, Universal Pictures, Vereinigte Staaten 2002.
Hannibal (2015) In der dritten Staffel der Fernsehserie Hannibal wird Dolarhyde von Richard Armitage dargestellt. Er tritt erstmals in der achten Folge The Great Red Dragon auf. Nach einer Aussage des Serienschöpfers Bryan Fuller handelt es sich bei den in der ersten Folge der Serie erwähnten Morden an der Familie Marlowe um Dolarhydes erste Taten.
In dieser Kontinuität sprechen Dolarhyde und Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) direkt miteinander am Telefon. Dolarhydes innere Gespräche mit dem Drachen werden teilweise als Therapiesitzungen mit Lecter dargestellt. Im Serienfinale The Wrath of the Lamb töten Lecter und Graham (Hugh Dancy) Dolarhyde gemeinsam: Graham schlitzt ihm den Bauch auf, während Lecter ihm die Kehle herausbeißt.Hannibal, Staffel 3, Folge 13: The Wrath of the Lamb, NBC, 29. August 2015.
Inspiration Nach Darstellung des Journalisten Robert Beattie orientierte Thomas Harris Teile der Figur Francis Dolarhyde am damals noch nicht identifizierten Serienmörder, der später als BTK bekannt wurde. Rader tötete wie Dolarhyde unter anderem eine Familie in deren Haus und schrieb Briefe an Polizei und Medien, in denen er auf eine äußere Macht anspielte, die er als „Factor X“ bezeichnete. Beattie zufolge stand Harris vor der Arbeit am Roman außerdem mit dem FBI-Agenten John E. Douglas in Kontakt, der zeitweise bei den Ermittlungen im BTK-Fall beratend tätig war. Elemente aus Douglas’ Lebenslauf und Persönlichkeit flossen demnach auch in die Figuren Will Graham und Jack Crawford ein.
Einzelnachweise
Kategorie:Fiktive Person