Der Weiße Nationalismus (englisch white nationalism) ist eine Ideologie und politische Bewegung, die als „weiß“ definierte Menschen als ein gemeinsames Volk beziehungsweise als eine durch Abstammung bestimmte Nation auffasst. Im Unterschied zu staatsbürgerlichen Formen des Nationalismus leitet er die Zugehörigkeit zur Nation nicht in erster Linie aus Staatsbürgerschaft, gemeinsamen Institutionen oder politischer Zustimmung ab, sondern aus einer vermeintlich gemeinsamen „Rasse“ und europäischen Abstammung. Je nach Strömung streben weiße Nationalisten die dauerhafte Sicherung einer weißen Bevölkerungsmehrheit und politischen Vorherrschaft, die territoriale Absonderung verschiedener Bevölkerungsgruppen oder die Errichtung eines ausschließlich weißen Ethnostaats an.

Der weiße Nationalismus weist Überschneidungen mit der Ideologie der White Supremacy, dem Neonazismus, dem weißen Separatismus und Teilen der Alt-Right auf, ist mit diesen Begriffen jedoch nicht vollständig deckungsgleich. Seine moderne organisatorische Ausprägung entstand vor allem in den Vereinigten Staaten und anderen englischsprachigen Staaten. Seit dem späten 20. Jahrhundert entwickelte sich daraus durch internationale Kontakte und digitale Kommunikationsmittel eine transnationale Bewegung, deren Anhänger sich trotz ihrer unterschiedlichen nationalen Herkunft als Teil einer gemeinsamen weißen Bevölkerung verstehen.

Begriff und Bedeutung Der Begriff bezeichnet nicht nur eine positive Identifikation mit europäischer Herkunft oder eine besondere Form des Patriotismus, sondern ein politisches Projekt, in dem die als weiß definierte Bevölkerung zum Träger kollektiver politischer Rechte erklärt wird. Weiße Nationalisten betrachten diese Bevölkerung häufig als ein über bestehende Staatsgrenzen hinausreichendes Volk, dessen Bestand und Kultur gegen äußere und innere Bedrohungen verteidigt werden müssten. Die Kategorie „weiß“ ist dabei keine konstante biologische Einteilung. Historische Untersuchungen zeigen, dass sich ihre gesellschaftlichen Grenzen insbesondere in den Vereinigten Staaten mehrfach verschoben und verschiedene europäische Einwanderergruppen erst schrittweise als Weiße anerkannt wurden.

Nicht jede einwanderungsfeindliche, nativistische oder rechtspopulistische Bewegung wird dem weißen Nationalismus zugerechnet. Kennzeichnend ist vielmehr, dass die Nation ausdrücklich oder implizit rassisch definiert und der als weiß verstandenen Bevölkerung ein kollektiver Anspruch auf demografische, territoriale oder politische Vorherrschaft zugesprochen wird. Die Übergänge zu ethnischem Nationalismus, Nativismus, Neonazismus und verschiedenen Formen der extremen Rechten sind dennoch fließend.

Laut Dictionary.com wurde der Begriff erstmals im Titel eines Essays aus dem Jahr 1948 des südafrikanischen Schriftstellers und Ökologen Thomas Chalmers Robertson mit dem Titel Racism Comes to Power in South Africa: The Threat of White Nationalism verwendet.

Hintergrund und Geschichte Historische Voraussetzungen des weißen Nationalismus waren die europäische Kolonialherrschaft und der Siedlerkolonialismus, die politische Rechte nach rassischen Kategorien verteilten. In den europäischen Kolonialreichen und den von europäischen Siedlern gegründeten Staaten wurden unterschiedliche nationale und ethnische Gruppen seit dem 18. Jahrhundert zunehmend unter der übergeordneten Kategorie der „Weißen“ zusammengefasst. Diese Kategorie diente zur Abgrenzung gegenüber versklavten, kolonisierten und indigenen Bevölkerungsgruppen. Mitte der 19. Jahrhunderts erlangten Rassentheorien durch Veröffentlichtungen wie Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen von Arthur de Gobineau wissenschaftliche Legitimität. Von einem organisierten weißen Nationalismus im heutigen Sinne kann für diese Zeit allerdings nur eingeschränkt gesprochen werden, da die damaligen Akteure überwiegend imperiale, nationale oder religiöse und nicht ausdrücklich eine gemeinsame weltweite weiße Nation vertraten.

In den Vereinigten Staaten gehörte der nach dem Sezessionskrieg gegründete Ku-Klux-Klan zu den wichtigsten Vorläufern. Er versuchte, die während der Reconstruction errichtete politische Ordnung gewaltsam zu beseitigen und die Vorherrschaft der weißen Bevölkerung in den Südstaaten wiederherzustellen. Der 1915 neu gegründete zweite Ku-Klux-Klan entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einer landesweiten Massenbewegung. Neben der Unterdrückung schwarzer Amerikaner vertrat er einen weiß-protestantischen Nativismus, der sich auch gegen Katholiken, Juden und Einwanderer richtete. Seine Vorstellung eines „hundertprozentigen Amerikanismus“ verband nationale Loyalität mit weißer Abstammung und Protestantismus. Im frühen 20. Jahrhundert wurden solche Theorien auch von einflussreichen Eliten vertreten, wie Madison Grant, der 1916 The Passing of the Great Race verfasste und Eugenik unterstützte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren offen biologistische Rassenlehren und die ausdrückliche Forderung nach weißer Vorherrschaft infolge der Verbrechen des Nationalsozialismus, der Dekolonisation und der internationalen Ächtung des Rassismus an gesellschaftlicher Legitimität. Zugleich beseitigte die amerikanische Bürgerrechtsbewegung einen großen Teil der gesetzlichen Rassentrennung. In mehreren ehemaligen Siedlerkolonien gerieten Ordnungen, die politische Rechte weitgehend der weißen Bevölkerung vorbehielten, zunehmend unter Druck. Australien gab seine White Australia Policy in den 1970er Jahren auf und in Südafrika endete die Apartheid in den 1990er Jahren. Auch die verstärkte Einwanderung nach Nordamerika und Europa aus außereuropäischen Gebieten löste unter weißen Nationalisten Befürchtungen über einen „weißen Genozid“ bzw. „Bevölkerungsaustausch“ aus. 1988 verfasste David Lane das „Manifest zum Völkermord an den Weißen“ und gab damit Madison Grant Theorie vom „Rassenselbstmord“ einen neuen Namen. Dieser Text machte die Welt mit dem Schlachtruf des weißen Nationalismus bekannt: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern“, bekannt als Fourteen Words.

Seit den 1990er Jahren nutzten weiße Nationalisten das Internet zur Verbreitung ihrer Schriften und zum Aufbau internationaler Gemeinschaften. Das Mitte der 1990er Jahre eingerichtete Internetforum Stormfront gehörte zu den ersten dauerhaft erfolgreichen rechtsextremen Onlineplattformen. Soziale Netzwerke, algorithmische Empfehlungssysteme und die Verbreitung politischer Botschaften durch Memes erleichterten später den Zugang zu einem Publikum außerhalb traditioneller rechtsextremer Organisationen. In den 2010er Jahren griff die Alt-Right ältere Inhalte des weißen Nationalismus auf, präsentierte sie jedoch häufig mit einer an Internetkulturen angepassten Sprache, ironischen Darstellungsformen und dem Anspruch, sich von den Erscheinungsformen des Ku-Klux-Klans und des historischen Neonazismus zu unterscheiden. Innerhalb des Konservatismus in den Vereinigten Staaten wurden Ideen der weißen Nationalisten nach 2016 und der Wahl von Donald Trump vorwiegend von der Alt-Right und den Groypern normalisiert. So erhielt der Begriff nach den Ausschreitungen von Charlottsville 2017 eine verstärkte Rezeption.

Ziele und Ansichten Zentrales Ziel des weißen Nationalismus ist die Erhaltung oder Wiederherstellung einer als weiß definierten politischen Gemeinschaft. Viele weiße Nationalisten lehnen Multikulturalismus, ethnisch gemischte Gesellschaften und Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft ab. Sie gehen davon aus, dass Kultur biologisch oder dauerhaft an Abstammung gebunden sei und dass unterschiedliche „Rassen“ nicht dauerhaft in einem gemeinsamen Staat zusammenleben könnten. Die konkreten Forderungen reichen von einer Begrenzung der Einwanderung und der Bewahrung einer weißen Bevölkerungsmehrheit bis zur Aufhebung der rechtlichen Gleichstellung, zur Rassentrennung oder zur Errichtung eines weißen Ethnostaats, wozu auch die Ausweisung oder erzwungene Umsiedlung nichtweißer Bevölkerungsgruppen gehören würde. Wieder andere vermeiden konkrete Aussagen darüber, wie ein ausschließlich weißer Staat geschaffen werden könnte, und konzentrieren sich darauf langfristige kulturelle und demografische Veränderungen durch Metapolitik zu erreichen. Ein wichtiges gemeinsames Anliegen ist allerdings die Etablierung ihrer Ideen im Mainstream. Im Jahr 2018 waren 31 Prozent der Amerikaner in Oregon der Meinung, dass Amerika sein weißes europäisches Erbe schützen oder bewahren müsse, wobei dieser Anteil im Jahr 2021 auf 40 Prozent angestiegen war.

Weiße Nationalisten sehen es als ihre Aufgabe an, das Überleben der „weißen Rasse“ und der Kulturen historisch weißer Nationen zu sichern. Sie vertreten die Auffassung, dass Weiße in überwiegend weißen Ländern ihre Mehrheit behalten, ihre Vorherrschaft im politischen und wirtschaftlichen Leben aufrechterhalten und dass ihre Kultur Vorrang haben sollte. Viele weiße Nationalisten glauben, dass ethnische Vermischung, Multikulturalismus, Massenimmigration von Nicht-Weißen und niedrige Geburtenraten unter Weißen eine Bedrohung (Verschwörungstheorie vom Großen Austausch) sind, und auf einen Genozid an den Weißen hinauslaufen würde.

Auch Vorstellungen von Geschlecht und Familie besitzen in zahlreichen Strömungen eine zentrale Bedeutung. Weiße Frauen werden als Trägerinnen und Mütter der zukünftigen weißen Nation betrachtet, weshalb Geburtenförderung und die Ablehnung interethnischer Beziehungen zu wichtigen politischen Anliegen werden. Damit sind häufig patriarchale Familienbilder, die Zurückweisung des Feminismus und die Forderung nach traditionellen Geschlechterrollen verbunden. Die Kontrolle von Sexualität und Fortpflanzung wird dabei nicht allein als Privatangelegenheit, sondern als Voraussetzung für das Überleben der weißen Bevölkerung behandelt.

Viele weiße Nationalisten vertreten antisemitische Ansichten und vermuten Juden hinter dem Multikulturalismus. Der weiße Nationalist Jared Taylor hat sich dagegen dafür ausgesprochen, Juden als „weiß“ zu betrachten, obwohl dies in Kreisen der weißen Nationalisten umstritten ist. Viele weiße Nationalisten lehnen Israel und den Zionismus ab, während einige ihre Unterstützung für Israel zum Ausdruck gebracht und Parallelen zwischen ihrer Ideologie und dem Zionismus gezogen haben, was auch bei einige radikalen Zionisten und Kahanisten auf Zustimmung stößt. Andere weiße Nationalisten wie George Lincoln Rockwell schließen Juden aus der Definition von Weißen aus, beziehen jedoch Türken ein, die eine transkontinentale ethnische Gruppe darstellen. Andere sind wiederum generell feindlich gegenüber dem Islam und Muslimen eingestellt.

Weißer Nationalismus als internationale Bewegung Obwohl weiße Nationalisten ihre Forderungen häufig auf einzelne Staaten beziehen, war die Bewegung von Beginn an durch grenzüberschreitende Vorstellungen und Kontakte geprägt. Weiße Siedlergesellschaften und europäische Kolonialmächte tauschten politische Modelle zur Beschränkung von Einwanderung, zur Rassentrennung und zur Sicherung weißer Herrschaft aus. Aktivisten in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Südafrika, Rhodesien, Kanada und Australien betrachteten Entwicklungen in anderen Staaten als Beispiele für den eigenen politischen Kampf. Insbesondere die Dekolonisation, das Ende der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten und der Zusammenbruch der weißen Minderheitsherrschaft im südlichen Afrika wurden als Bestandteile eines gemeinsamen weltweiten Machtverlusts interpretiert.