mini|Titelblatt von Heinrich Heines Ueber den Denunzianten (1837) Ueber den Denunzianten ist der Titel, den Heinrich Heine der Vorrede zum 3. Teil seines Sammelwerks Der Salon gegeben hat, die 1837 als separate Broschüre von 39 Seiten bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschien.

Hintergrund Ueber den Denunzianten ist zunächst Heines Reaktion auf den Beschluss der 31. Sitzung des Deutschen Bundestags vom 10. Dezember 1835 in Frankfurt am Main, in dem die Schriften des Jungen Deutschland, zu dem auch Heine gerechnet und in den Beschlüssen namentlich genannt wurde, summarisch verboten wurden. Dort heißt es:

Heine hatte auf diesen Beschluss am 28. Januar 1836 mit einem scheinbar unterwürfigen offenen Brief an die „Hohe Bundesversammlung in Frankfurt a. Main“ reagiert, in welchem er sich tief betrübt zeigte, sich in aller Bescheidenheit mit Martin Luther verglich, dem ein Heiliges Römisches Reich es zugebilligt hatte, sich zu verteidigen vor Kaiser und Anklägern, welchem Beispiel nun der Deutsche Bund als Rechtnachfolger des HRR bitte nachkommen möge, und grüßt am Ende aus dem Pariser Exil ironisch: „Die persönliche Sicherheit, die mir der Aufenthalt im Auslande gewährt, erlaubt mir glücklicherweise, ohne Besorgniß für Mißdeutung, Ihnen, meine Herren, in geziemender Unterthänigkeit, die Versicherungen meiner tiefsten Ehrfurcht zu bringen.“Heinrich Heine: An die Hohe Bundesversammlung in Frankfurt a. Main. Brief vom 28. Januar 1836. In: Heine-Säkularausgabe Band 21 : Briefe 1831-1841. Hrsg. von Fritz H. Eisner. Akademie Verlag, Berlin 1970, ISBN 3-05-005343-7, S. 134–136, Nummern 561 und 562 (französische Übersetzung).

In einem weiteren Schreiben vom 26. April 1836 reagierte Heine auf eine Bestimmung, wonach seine Bücher in Deutschland verkauft werden dürften, sofern er sie vorher der Berliner Zensur vorlege und sie dort bewiligt bekomme. Er lehnte es in dem als „Erörterung“ bekannten Schreiben ab, darauf einzugehen, und nannte dafür drei Gründe, nämlich dass er damit 1. den Bundestagsbeschluss mittelbar anerkennen würde, man ihm 2. in Zukunft unterstellen könnte, seine Schriften in einzelnen Punkten Berlin zuliebe zu modifizieren, und es 3. ein gefährlicher Präzedenzfall nicht nur für Heine, sondern für alle deutschen Schriftsteller wäre, sollte man Bücher, die man außerhalb Preußens verkaufen wolle, sich zuvor von Preußen genehmigen lassen müssen.Erörterungen [26.4.1836]. In: Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Band 11. Hrsg. von Helmut Koopmann. Hoffmann & Campe, Hamburg 1978, ISBN 3-455-03001-7, S. 150–153.

mini|Wolfgang Menzel Wenig überraschend führten Heines Schreiben nicht zur Aufhebung des Beschlusses und so erneuert Heine in der „Vorrede“ seinen Protest, vor allem aber wendet er sich jetzt gegen den „Denunzianten“, den Literaturkritiker Wolfgang Menzel, den Heine für das Verbot des Jungen Deutschlands und das Verbot seiner Bücher verantwortlich machte. Tatsächlich war es der österreichische Kanzler Metternich, dessen Einfluss dafür sorgte, dass Heine durch ein nachträgliches Reskript vom 11. Dezember als erster bei den verbotenen Autoren genannt wurde.

Aufgrund des Inhalts der „Vorrede“ und der Begleitumstände musste es von Anfang an als schwierig gelten, eine Freigabe durch die Zensur zu erlangen, insbesondere da Heine gegenüber dem Verleger Campe darauf bestand, dass keinerlei Kürzungen vorgenommen werden sollten. Zudem sollte vermieden werden, dass der Inhalt dem angegriffenen Menzel vorab bekannt würde. Das gelang nicht, erst im Mai 1837 erhielt die Broschüre in Hamburg das Imprimatur und zu diesem Zeitpunkt hatte Menzel durch Valentin Adrian in Gießen, einen anderen Zensor, dem der Text erfolglos vorgelegt worden war, bereits Kenntnis.

Inhalt Zwar als Vorrede deklariert, handelt es sich bei dem Text dem Inhalt nach um ein satirisches Pamphlet bzw. eine ausgebreitete Invektive, dazu gedacht, den Beleidigten zu provozieren.

Heines Darstellung geht dahin, dass Menzel nicht nur Denunziant, sondern tatsächlich Urheber bzw. „Veranlasser“ der Bundestags-Verbote gewesen sei. Bei Heine sind die Staatsmänner und Politiker des Bundestags viel zu beschäftigt mit bedeutenderen Dingen, als dass sie Zeit hätten, sich mit den Inhalten der neueren Literatur zu beschäftigen. So sind sie gewissermaßen unschuldige, verführbare Opfer von Menzels Falschdarstellungen bzw. „Denunziationen“. Heine stellt sich (ironisch) ganz auf die Seite der armen Verführten und sich dar als einen „Anhänger des monarchischen Prinzips, ein[en] Bekenner der Heiligkeit des Königthums“, der „wahrlich nicht mit meinen besonderen Beklagnissen dem verwerflichen Jakobinismus einigen Vorschub leisten“ will. Diese Darstellung des Sachverhalts gilt heute als zweifelhaft. Tatsächlich war Klaus Briegleb zufolge Menzel keineswegs Urheber der Verbotspolitik, sondern lediglich ein unerwarteter, aber willkommener Helfershelfer bei einem Vorgehen, das bereits im Juni 1834 beschlossene Sache war – schon bevor Menzel im Herbst mit seiner Kampagne gegen Gutzkow begann.

Zur Taktik Heines gehört auch, die gegen ihn verhängten Zensurmaßnahmen für sich zu nutzen, indem er immer wieder darauf hinweist, was er zu seiner Verteidigung sagen könnte, wegen der Zensur aber nicht sagen darf. Das Verbot hindere ihn daran, „mit klaren Worten das Gespinste von Verläumdungen zu beleuchten, womit es einer in den Annalen deutscher Literatur unerhörten Angeberey gelungen ist, meine Meinungen als staatsgefährlich zu denunziren und das erwähnte Interdikt gegen mich zu veranlassen.“

„In der spezifischen Situation nach dem Verbot von 1835 wird die von Heine taktisch perfekt eingesetzte Zensursprache zur Waffe des Opfers gegen seine Verfolger“, schreibt Gerhard Höhn. Heine könne sich zwar aufgrund der Zensur nicht angemessen verteidigen, es gäbe aber einen Beweis seiner Unschuld und völligen Harmlosigkeit, nämlich genau jenen 3. Teil des Salons, zu dem Ueber den Denunzianten die Vorrede ist. In der Tat ist der Inhalt des Bandes, in dem Heine strikteste Selbstzensur geübt hatte, fast völlig frei von inkriminierbaren Inhalten. Die Florentinische Nächte gelten als harmlos bis zur LangweiligkeitVgl. Jeffrey L. Sammons: The Elusive Novel: „Der Rabbi von Bacherach“, „Schnabelewopski“, and „Florentinische Nächte“. In: (ders.): Heinrich Heine, the Elusive Poet. Yale University Press, New Haven 1969, S. 326ff. und in den Elementargeistern blitzt nur am Ende im Heineschen Tannhäuser-Gedicht der satirische Kobold auf. „Dieses Buch diene schon als Beweis meines Fortschreitens nach hinten“, so Heine.

Bei seinem Gegenangriff auf Menzel ist Heine jedes Mittel recht, den Gegner herabzusetzen und verächtlich zu machen. Er begnügt sich nicht damit, persönlich zu werden, sondern greift auch noch zu rassistischen Stereotypen:

Heine fährt dann fort, indem er Menzel an den Kardinaltugenden des Germanen misst, deren erste die Treue sei. Der Germane stehe fest auch bei einer verlorenen Sache und übe niemals Verrat und laufe zum Gegner über wie Menzel. Zweitens würde ein Germane sich schämen, sich an Schwachen und Wehrlosen zu vergreifen, Menzel hingegen habe sich an den deutschen Schriftstellerinnen vergriffen, habe sie „zu Dutzenden niedergesäbelt, […] arme Wesen, die, um Brod für ihre Kinder zu erwerben, zur Feder gegriffen und der rohen öffentlichen Verspottung nichts als heimliche Thränen entgegensetzen konnten“. Zudem habe er Gutzkow angegriffen, als dieser im Gefängnis saß und sich nicht wehren konnte. Und auch was Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit als dritte germanische Kardinaltugend betreffe, so lasse Menzel zu wünschen übrig, wie Heine wegen „Mangel an Raum“ nur andeuten kann und sich auf eine für Menzel peinliche Anekdote beschränken muss.

Ueber den Denunzianten ist aber nicht nur die Reaktion des Angegriffenen, des Denunzierten. Er sieht in Menzel den exemplarischen Vertreter der nach der Julirevolution von 1830 halbherzig liberalen Deutschen, die sich seither ins Lager der franzosenhasserischen Deutschnationalisten begeben haben und sich zum Werkzeug von Reaktion und Restauration machen ließen:

Heine diagnostiziert bei Menzel jene Trias aus Teutomanie, Franzosenhass und Antisemitismus, die in den folgenden Jahrzehnten in deutscher Kultur und Politik noch die bekannten Wirkungen entfalten sollte.

Rezeption In Anbetracht der geringen Auflage war das zeitgenössische Echo auf die Broschüre bemerkenswert, wie sich an den in Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen gesammelten Quellen ablesen lässt.Vgl. die von Eberhard Galley und Alfred Estermann in Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen Bd. 4 gesammelten Quellen zur Rezeption. Dem Inhalt nach war das Echo durchaus gemischt. „Vor Allem Ihr Denunciant! der hat nicht blos hier, sondern überall das größte Aufsehen gemacht. Man sagt Sie hätten noch nie so etwas feines geschrieben“, schreibt August Lewald zwar am 31. August 1837 an Heine, dagegen teilt Julius Campe am 28. Oktober 1837 Heine aber mit, dass der 3. Band des Salons und der Denunziant nur mäßiges Interesse fänden und dass Gutzkow zufolge die beiden Schriften Heines in der Presse schlecht ankämen.

Gutzkow selbst hatte eine einigermaßen ausführliche Rezension des Denunzianten veröffentlicht, in der er allerdings weniger die Schrift Heines behandelte als am Beispiel Heines die materiellen Verhältnisse der deutschen Literaten und die Auswirkung dieser Verhältnisse auf die politischen Rücksichten, die diese zu nehmen hätten.

Der Rezensent der Hamburger Blättern der Börsen-Halle schreibt: „Wenn einer aus Bosheit Heinen diese Schrift untergeschoben hätte, er hätte ihm keinen abscheulicheren Streich spielen können. Nicht einmal Witz, was man Heine nie abgesprochen hat, seine ärgsten Feinde und Verketzerer nicht ausgenommen, ist hier zu finden, ganz matt flackert hie und da ein schlechter Witz auf, wie ein Irrlichtchen über Sümpfen.“ Er geht dann auf Heines Duellforderung an Menzel ein. Bereits Gutzkow hatte Menzel zum Duell gefordert und Menzel hatte das abgelehnt, woraus Heine Feigheit folgert und ihm eine eigene Forderung folgen lässt, was der Hamburger Rezensent so kommentiert: „Wenn Heine nun aber gar sagt: ‚Menzel ist feige‘, und behauptet, er wolle ihm von Paris auf halbem Wege entgegenkommen zu einem Duelle, so ist das ja doch eine kindische Renommisterei. […] Es gehen der Sagen von Heine’s Studentenleben genug im Publicum; einstimmig behaupten die Zeitgenossen, er sey nicht eben vorne dran gewesen mit dem Schlagen.“

So befremdlich es heute erscheint, dass damals offenbar allen Ernstes studentisches Duellieren als Form literarischer Auseinandersetzung akzeptabel gewesen sein sollte, so zeigt eine Rezension von Theodor Friedrich Schrader, dass dergleichen für nicht ungewöhnlich galt und ernst genommen wurde:

Tatsächlich ist belegt, dass Heine in Bezug auf Duelle das „Herz auf dem rechten Fleck“ hatte und keineswegs als Student „nicht eben vorne dran […] mit dem Schlagen“ gewesen sei. Immerhin wurde er wegen eine Duellaffäre als Student in Göttingen von der Universität verwiesen, in Paris kam es zu einem glimpflich verlaufenen Duell, nachdem der eifersüchtige Heine in einem Lokal einen jungen französischen Adeligen geohrfeigt hatte,Mit Heinrich Heine in Paris, Blogbeitrag, abgerufen am 10. Juli 2026. Vgl. Kerstin Decker: Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005, S. 301, 303. und notorisch wurde das Duell am 7. September 1841 in Zusammenhang mit Heines Denkschrift zu Ludwig Börne, mit Salomon Strauß, dem Gatten von Jeanette Wohl-Strauß, Börnes Lebensgefährtin.

Menzel, der ein Duell abgelehnt und gesagt hatte, dass literarische Auseinandersetzungen literarisch geführt werden sollten, erscheint hier deutlich moderner als Heine.

Ausgaben Erstausgabe: Ueber den Denunzianten. Eine Vorrede zum dritten Theile des Salons von H. Heine. Hoffmann und Campe, Hamburg 1837 ().

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