Trismegistos (TM) ist eine digitale Forschungsplattform zur Erfassung, Identifizierung und Vernetzung antiker Schriftquellen. Ihr Ziel besteht darin, schriftliche Zeugnisse des Altertums sprach- und fachübergreifend zugänglich zu machen und deren Metadaten in einer einheitlichen Datenstruktur zusammenzuführen. Anders als digitale Editionen oder Bildarchive stellt Trismegistos in der Regel weder Volltexte noch Digitalisate bereit, sondern verknüpft grundlegende Informationen zu Texten, Personen, Orten, Sammlungen und Publikationen durch Identifikatoren. Ursprünglich konzentrierte sich Trismegistos auf Ägypten und das Niltal im Zeitraum von etwa 800 v. Chr. bis 800 n. Chr. Der zeitliche, räumliche und materielle Erfassungsbereich wurde in der Folge deutlich erweitert und auf die gesamte antike Welt ausgedehnt.Vgl. History. Auf: trismegistos.org; abgerufen am 11. Juli 2026.
Vorgeschichte und Entstehung Die Wurzeln des Projekts reichen bis zur Prosopographia Ptolemaica (PP) zurück, die 1937 von Willy Peremans an der Universität Löwen begründet wurde. Ziel dieses langfristigen Forschungsvorhabens war die prosopographische Erfassung sämtlicher aus dem ptolemäischen Ägypten bekannter Personen. Bereits die PP zeichnete sich durch einen interdisziplinären Ansatz aus, indem neben griechischen Quellen auch demotische, hieratische und hieroglyphische Texte berücksichtigt wurden. In den 1980er Jahren wurden die ursprünglich auf Karteikarten erfassten Daten schrittweise in relationale Datenbanken überführt. Gleichzeitig entstanden weitere Datenbanken, darunter die Leuven Database of Ancient Books (LDAB) sowie eine Datenbank antiker Papyrussammlungen, die später den Kern von Trismegistos bildeten.
Das eigentliche Projekt Trismegistos entstand 2004 im Rahmen des von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung geförderten Sofja-Kovalevskaja-Preises, den der Ägyptologe und Althistoriker Mark Depauw erhielt. Ausgangspunkt war das Forschungsprojekt Multilingualism and Multiculturalism in Graeco-Roman Egypt, das den Zusammenhang von Sprachgebrauch und kultureller Identität im griechisch-römischen Ägypten untersuchte. Hierfür sollten die verschiedenen papyrologischen und ägyptologischen Datenbestände erstmals in einer gemeinsamen Infrastruktur zusammengeführt werden. Bereits während dieser Aufbauphase zeigte sich, dass eine Beschränkung auf Papyrusdokumente oder auf Ägypten den wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügte. Daher wurden neben den griechischen und lateinischen Papyrusdatenbanken auch ägyptologische Datenbanken wie Demotic and Abnormal Hieratic Texts (DAHT) und Hieroglyphic and Hieratic Papyri (HHP) integriert. Aus dieser Zusammenführung entwickelte sich eine einheitliche Datenbank aller antiken Schriftzeugnisse.
Name, Aufbau und Identifikatoren Der Name „Trismegistos“ verweist auf Hermes Trismegistos, die Verschmelzung des griechischen Gottes Hermes mit dem ägyptischen Gott Thot, der als Gott der Schrift und der Weisheit galt. Die Bezeichnung verdeutlicht den Anspruch des Projekts, unterschiedliche sprachliche und kulturelle Traditionen des Altertums in einer gemeinsamen Forschungsumgebung zusammenzuführen.
Kernbestandteil der Plattform ist die Datenbank TM Texts, in der jedes Schriftzeugnis eine dauerhaft gültige Trismegistos-Nummer (TM-ID) erhält. Diese dient als stabiler Identifikator und bleibt grundsätzlich auch dann bestehen, wenn ein Text neu ediert oder anders interpretiert wird. Nur bei Doppelaufnahmen oder der nachträglichen Zusammenführung bislang getrennter Fragmente wird eine Nummer aufgegeben; frühere Kennungen bleiben jedoch dokumentiert und werden auf den gültigen Datensatz weitergeleitet. Die Vergabe der TM-ID orientiert sich in erster Linie am materiellen Schriftträger. Mehrere zusammengehörige Texte auf demselben antiken Beschreibstoff bilden in der Regel einen Datensatz, während unabhängig voneinander entstandene Wiederverwendungen eines Schriftträgers getrennte Einträge erhalten.
Die einzelnen Datensätze enthalten umfangreiche Metadaten. Erfasst werden unter anderem traditionelle Editionssiglen, Inventarnummern moderner Sammlungen, Material und Form des Schriftträgers, Schreibwerkzeuge, Sprache und Schrift, Datierung, Fund- und Entstehungsorte sowie gegebenenfalls Angaben zu Autoren und literarischen Werken. Die Informationen werden nicht in einer einzigen Datenbank gespeichert, sondern über zahlreiche relationale Teildatenbanken miteinander verknüpft. Dadurch lassen sich unterschiedliche Datierungsansätze, alternative Identifikationen oder Beziehungen zwischen verschiedenen Texten flexibel abbilden. Besonders wichtig ist die Verknüpfung mit weiteren Datenbanken, etwa zu antiken Orten (TM Places), modernen Sammlungen (TM Collections) oder bibliographischen Nachweisen.
Ausbau und Vernetzung Seit den späten 2000er Jahren wurde Trismegistos kontinuierlich ausgebaut. Neben der Textdatenbank entstanden TM People zur Erfassung antiker Personen und TM Places zur Identifikation historischer Orte. Während sich das Projekt zunächst auf Ägypten konzentrierte, wurde sein räumlicher Geltungsbereich schrittweise auf den gesamten antiken Mittelmeerraum erweitert. Einen wichtigen Entwicklungsschritt stellte die Beteiligung am europäischen EAGLE-ProjektThe Project. – das EAGLE-Projekt Auf: eagle-network.eu; abgerufen am 11. Juli 2026. dar, in dessen Rahmen zahlreiche lateinische und griechische Inschriften in die Plattform integriert wurden. Darüber hinaus werden zunehmend auch bislang unpublizierte Texte berücksichtigt, sofern sie in digitalen Sammlungen nachgewiesen sind.
Technisch basiert Trismegistos auf einer relationalen Datenbankarchitektur, deren Online-Version mit MySQL und PHP arbeitet, während die Dateneingabe lange über FileMaker erfolgte. Zugleich wird die Plattform fortlaufend an moderne Standards der digitalen Geisteswissenschaften angepasst. Dazu gehören die Einbindung kontrollierter Vokabulare, die Verknüpfung mit externen Referenzsystemen wie Pleiades oder GeoNames sowie die Bereitstellung der Daten im Sinne von Linked Open Data. Dadurch fungiert Trismegistos heute nicht nur als bibliographisches Hilfsmittel, sondern als zentrale Vernetzungsplattform für die Erforschung antiker Schriftkultur und bildet einen wesentlichen Bestandteil der digitalen Infrastruktur der Altertumswissenschaften.
Literatur Mark Depauw, Tom Gheldof: Trismegistos: An Interdisciplinary Platform for Ancient World Texts and Related Information. In: Łukasz Bolikowski u. a. (Hrsg.): Theory and Practice of Digital Libraries – TPDL 2013 Selected Workshops. LCPD 2013, SUEDL 2013, DataCur 2013, Held in Valletta, Malta, September 22–26, 2013, Revised Selected Papers (= Communications in Computer and Information Science. Band 416). Springer International Publishing, Cham 2014, ISBN 978-3-319-08425-1, S. 40–52. Yanne Broux, Mark Depauw: Developing Onomastic Gazetteers and Prosopographies for the Ancient World Through Named Entity Recognition and Graph Visualization: Some Examples from Trismegistos People. In: Luca Maria Aiello, Daniel McFarland (Hrsg.): Social Informatics. SocInfo 2014 International Workshops (= Lecture Notes in Computer Science. Nr. 8852). Springer International Publishing, Cham 2015, ISBN 978-3-319-15167-0, C, S. 304–313.
Weblinks Trismegistos Data Services. – Link zu Datenbank auf trismegistos.org List of all collections. – Sammlungsübersicht auf trismegistos.org
Anmerkungen
Kategorie:Forschung (Alter Orient) Kategorie:Altes Ägypten Kategorie:Antike Kategorie:Geschichts-Onlinedatenbank Kategorie:Forschungsprojekt Kategorie:Universität zu Köln Kategorie:Forschungseinrichtungsgründung 2004