mini|Synagoge in Luže (2007) Die Genisa Luže ist eine Geniza, die 1996 auf dem Dachboden der Synagoge in Luže im tschechischen Okres Chrudim, etwa 150 Kilometer östlich von Prag, geborgen wurde. Mit rund 600 Fragmenten ist sie die größte in Tschechien gefundene Genisa.

Fundumgebung und Hintergrundgeschichte Die heutige Synagoge wurde 1780 errichtet und diente als Ersatz für einen Vorgängerbau aus dem Jahr 1612. Sie wurde 1881 und 1935 grundlegend umgebaut. Die Gemeinde löste sich aufgrund von Abwanderungen langsam auf und die Synagoge wurde noch bis Ende der 1930er Jahre für Gottesdienste genutzt. Die letzten Juden wurden 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Ab den 1940er Jahren diente die Synagoge als Lagerraum für landwirtschaftliche Zwecke.Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 2: Großbock – Ochtendung (Online-Version)Luže – Synagoga, unter pamatky.kehilaprag.cz

1991 wurde das Gebäude der Jüdischen Gemeinde in Prag übergeben, die es restaurieren ließ. Dabei wurde 1996 auf dem Dachboden eine unberührte Genisa entdeckt, die im Jüdischen Museum in Prag aufbewahrt wird. Nach der Restaurierung dient das Gebäude seit 2002 kulturellen Zwecken.

Religionsgeschichtlicher Hintergrund Nach jüdischer Tradition werden rituelle Gegenstände und liturgische Schriften, die nach langem Gebrauch nicht mehr benutzbar sind, entweder auf dem Friedhof bestattet oder in einem eigens dafür bestimmten Ort abgelegt. Meist dient hierfür der Dachboden der Synagoge. Dieser Ort wird als Genisa (im Plural Genisot) bezeichnet, das Schatzkammer, Archiv, Depot bedeutet. Sämtliche unbrauchbar gewordenen Schriftstücke, die den Namen Gottes enthalten, werden in einer Genisa abgelegt, um sie vor Entweihung zu schützen.Frowald Gil Hüttenmeister: Die Genisot als Geschichtsquelle. In: Monika Richarz, Reinhard Rürup (Hrsg.): Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146842-2, S. 207–218, S. 207f.Falk Wiesemann (Hrsg.): Genisa – verborgenes Erbe der deutschen Landjuden. Ausstellungskatalog, Bertelsmann, München 1992, ISBN 3-570-10501-6, S. 16

Die Fundstücke Die Genisa in Luže wurde im Rahmen des Genisaprojekts “Geheimnisse vom Dachboden” als eine von 13 erforschten Synagogen geborgen. Sie war die einzige unberührte dieser 13 Genisot und wurde vollständig erforscht.Uličná: Modern Genizot: „Sacred Trash“ Reconsidered, S. 150 Die Fundstücke umfassen rund 600 Fragmente, darunter religiöse bzw. liturgische Texte, weltliche Schriftstücke und zahlreiche liturgische wie weltliche Sachgegenstände. Damit ist sie die größte in Tschechien gefundene Genisa.Tajemství půdy: Výstava představí nálezy z geniz českých a moravských synagog (dt. etwa: Geheimnisse des Bodens: Ausstellung präsentiert Funde aus den Geniza tschechischer und mährischer Synagogen), auf Website des Jüdischen Museums Prag

Genutzt wurde die Genisa bis ins frühe 20. Jahrhundert.Genizot - Findings in Bohemian and Moravian Synagogues (dt. etwa: Genizot – Funde in böhmischen und mährischen Synagogen), auf Website des Jüdischen Museums Prag Der Großteil der Fundstücke stammt aus dem 19. Jahrhundert, die ältesten nachweisbare Stücke sind ein Toramantel, aus dem Jahr 1652 sowie eine nicht genau datierbare liturgische Dichtung (Pijjut), die vermutlich aus dem 16. Jahrhundert stammt.zu allen Fundstücken: Uličná: Secrets in the attic sowie Ausgewählte Fundstücke aus der Genisa Luže im Katalog des Geniza-Projektes des Jüdischen Museums Prag

Im Ausstellungskatalog wurden 74 und auf der Website zur Genisa-Ausstellung des Jüdischen Museums in Prag 35 der bedeutendsten Funde aus Luže vorgestellt. In Fachartikeln wurden weitere Funde untersucht.

Religiöse Schriften Den Großteil von Fundstücken einer Genisa machen in der Regel nicht mehr brauchbare liturgische Texte wie Gebetsbücher, Bibeltexte und Bibelkommentare aus. Ob diese Verteilung auch für die Genisa in Luže zutrifft, ist anhand der publizierten Beispiele nicht nachvollziehbar. Im Mittelpunkt stehen dort zwei Torarollen aus dem 19. Jahrhundert, dazu kommt ein Machsor – ein Gebetbuch für Feiertage und besondere Anlässe. Zu den liturgischen Schriften zählt auch das älteste Fundstück der Genisa, ein Yotzrot vermutlich aus dem 16. Jahrhundert – eine Unterform des Pijjut für den liturgischen Gesang nach der Tora-Lesung. Ergänzt werden die Funde durch Psalmen, eine Misrach-Plakette zum Anzeigen der Gebetsrichtung und eine Ze-Haschulchan-Tafel mit einem Zitat aus Hesekiel 41,22.

Weltliche Schriftstücke Bei den weltlichen Schriften ist eine Mischung hebräischer Texte und einigen nicht unbedingt in einer Genisa zu erwartenden Texten enthalten. Neben Lehrmaterialien (Alphabet-Tabelle, Hebräisch-Lehrbuch) sind weitere Texte – wohl aufgrund der hebräischen Schrift – im Depot enthalten: eine Bekanntmachungstafel über das Wahlergebnis des Almoseneinnehmers, ein Amulett, ein Waisenbuch, die Nachricht an einen Metzger oder der Entwurf für einen Grabstein. Diskutiert werden in der Forschung dagegen die Gründe für die Deponierung einer Spielkarte (Lesezeichen?) oder einer Notensammlung (Gesamtnachlass eines Lehrers?).Martha Stellmacher: Abgelegte Musik. Notationen und Instrumente in Genisot. In: Rebekka Denz, Martha Stellmacher, Rebecca Ullrich (Hrsg.): Genisa-Blätter IV, Universitätsverlag Potsdam, Potsdam 2023, ISBN 978-3-86956-539-2, S. 83–95, hier S. 87f.

Sachgegenstände Zu den Sachgegenständen zählen vielfach liturgische Gegenstände, aber auch solche, deren Bezug zur Genisa unklar ist. Zu den rituellen Gegenständen gehören zum Beispiel zwei Toramäntel, Fragmente eines ehemals vergoldeten Toraschreins, eine Beschneidungsschürze, mehrere Gebetsmäntel und Gebetsbänder sowie eine Mesusa. Wohl aus dem Gebrauch der Synagoge stammen weitere Gegenstände in der Genisa wie Dochtschere, Almosenschale, eine Tropfschale eines Kerzenleuchters, aber auch Kerzenverpackungen.

In vielen Genisot finden sich aber auch Gegenstände, für die die Ablage in einer Genisa nach wie vor im Dunkeln liegen. So enthielt die Genisa in Luže etwa einen Strumpf, Hüte, Herrenweste, Pantoffel, Löffel, Messer und Fragmente von Truhenbeschlägen. Allein die beiden Beispiele der Hüte und von Schuhen in der Genisa sind in der Forschung nicht wirklich geklärt.Lehnardt: Unter den Dächern von Synagogen. Genisa-Funde in Rheinland-Pfalz. Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Oppenheim am Rhein 2026, ISBN 978-3- 96176-332-0, S. 206f. sowie Lenka Uličná: Zur Unheil abwendenden Funktion der Genisa. In: Rebekka Denz, Martha Stellmacher, Rebecca Ullrich (Hrsg.): Genisa-Blätter IV, Universitätsverlag Potsdam, Potsdam 2023, ISBN 978-3-86956-539-2, S. 27–39, hier S. 34

Literatur Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 2: Großbock – Ochtendung. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08078-9 (Online-Version). Lenka Uličná: Secrets in the attic. (englischsprachiger Ausstellungskatalog der gleichnamigen Ausstellung), hrsg. vom Jüdischen Museum Prag, Prag 2022, ISBN 978-80-87366-65-3. Lenka Uličná: Modern Genizot: „Sacred Trash“ Reconsidered. In: Muzeológia a kultúrne dedičstvo, 7/2019, Issue Nr. 1, S. 143–154 (Online-Version als PDF).

Weblinks Website des Jüdischen Museum Prag, unter jewishmuseum.cz (tschechisch, englisch) Website zum Geniza-Projekt des Jüdischen Museums Prag, unter geniza.cz (tschechisch, englisch) Luže – Synagoga, unter pamatky.kehilaprag.cz (tschechisch)

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