mini|Alexander Roslin (1718–1793) – Portrait de Michel-François Dandré-Bardon (1756). Schloss Versailles Michel-François Dandré-Bardon (* 22. Mai 1700 in Aix-en-Provence; † 13. April 1783 in Paris) war ein französischer Maler, Radierer, Kunsttheoretiker und Komponist. Er wirkte als Professor an der Académie royale de Peinture et de Sculpture sowie an der École des élèves protégés in Paris und zählte zu den einflussreichsten Kunsttheoretikern Frankreichs im 18. Jahrhundert. Dandré-Bardon wurde lange vor allem als Kunsttheoretiker und weniger als praktizierender Maler wahrgenommen. Ein Großteil seines malerischen Werks gilt als verschollen, während zahlreiche zu Lehrzwecken entstandene Zeichnungen erhalten sind.
Leben Michel-François Dandré wurde am 22. Mai 1700 in Aix-en-Provence geboren. Sein eigentlicher Name war Dandré; den Namen seiner Mutter, Bardon, fügte er später seinem Namen hinzu. 1720 kam er nach Paris, um Jura zu studieren, nutzte seine freie Zeit jedoch zum Zeichnen. Bald entschloss er sich zu einer künstlerischen Laufbahn und wurde zunächst Schüler von Jean-Baptiste van Loo und später von Jean-François de Troy an der Académie. Im Jahr 1725 erhielt er den zweiten Prix de Rome. Im September desselben Jahres brach er nach Italien auf und reiste dabei über Aix-en-Provence. Dort erhielt er vom ersten Präsidenten des Rechnungshofs der Provence, Henri Reynaud d’Albertas, den Auftrag, den großen Gerichtssaal des Justizpalasts, in dem auch das Parlament tagte, mit Malereien auszustatten. Dandré-Bardon nahm den Auftrag an und begann die Arbeiten in Rom, wo er sich in der Folge mehrere Jahre aufhielt – zunächst auf eigene Kosten, später als Pensionär des Königs. Zu den für den Justizpalast entstandenen Werken gehört ein großformatiges Gemälde, das den römischen Kaiser Augustus bei der Bestrafung von Unterschlagern öffentlicher Gelder zeigt. Das Gemälde trägt die Inschrift Dandré Bardon aquisextiensis pinxit romae aetatis suae 29 anno 1729 und befindet sich stark beschädigt im Treppenhaus des Rathauses von Aix-en-Provence. Die zugehörige Ölskizze wird im Musée Granet verwahrt. Weitere Gemälde für den Justizpalast stellten die Religion, die Gerechtigkeit und weitere mit der Rechtspflege verbundene Tugenden dar.mini|Michel-François Dandré-Bardon – Tullie faisant passer son char sur le corps de son père (Tullie fährt mit ihrem Wagen über den Körper ihres Vaters hinweg), 1735. Musée Fabre, Montpellier1731 kehrte Dandré-Bardon über Venedig nach Frankreich zurück. Er blieb zunächst zwei Jahre in Aix-en-Provence, um verschiedene Aufträge auszuführen. Unter der inhaltlichen Leitung von Joseph de Haitze schuf er dabei eine Folge von neun historischen und allegorischen Gemälden für den Großen Saal des Rathauses von Aix. Diese wurden am 21. August 1792 zerstört. In diese Zeit fallen vermutlich auch ein Christus am Kreuz für die Kirche St-Esprit-et-St-Jérôme in Aix sowie eine große allegorische Darstellung im Haus der Familie d’Albertas.
1734 ließ sich Dandré-Bardon in Paris nieder. Am 28. August 1734 wurde er als Agréé in die Académie royale de Peinture et de Sculpture aufgenommen und am 30. April 1735 aufgrund des Gemäldes Tullia lässt ihren Wagen über die Leiche ihres königlichen Vaters fahren (heute im Musée Fabre in Montpellier) als Vollmitglied (reçu) aufgenommen. 1737 wurde er zum Professor ernannt. In den folgenden Jahren stellte er auf den Salons mehrere Gemälde religiösen und mythologischen Inhalts aus, darunter Die guten Werke der Nonnen zum heiligen Thomas von Villanova (1737, für das gleichnamige Pariser Kloster), Jungfrau mit Kind in den Wolken (1738, für die Kirche der Missions Étrangères in Paris) sowie Jason pflügt mit den feuerspeienden Stieren (1739). Letzteres war eine im Auftrag Ludwigs XV. entstandene große Komposition, die als Vorlage für die Tapisseriemanufaktur von Beauvais dienen sollte. Die meisten dieser Gemälde gelten heute als verschollen. mini|Michel-François Dandré-Bardon – L'adoration des crânes (Die Verehrung der Schädel), um 1733/1734. National Gallery of Art (NGA), Washington, D.C. Um 1741/1745 war Dandré-Bardon erneut in der Provence tätig. In Marseille übernahm er das Amt des Malers am Arsenal des Galères und wurde mit königlicher Pension zum Maître peintre des Galères ernannt. In diese Zeit fällt auch seine Beteiligung an der Gründung bzw. Wiederbelebung der Malerakademie in Marseille sowie die Ausmalung des dortigen Konzertsaals, die der Popularisierung der Société des concerts d’Aix diente. Zwei eigenhändige Zeichnungen dieser inzwischen zerstörten perspektivischen Dekoration haben sich erhalten (Ashmolean Museum, Oxford; National Gallery of Canada, Ottawa). Zudem schuf er zahlreiche Gemälde für Kirchen in Aix-en-Provence und Umgebung, darunter ein Bild des heiligen Markus für die Pfarrkirche Ste-Madeleine sowie Werke für die Kirchen in Aups und Barjols. Ab 1750 war er Mitglied der Académie des Belles Lettres in Marseille und setzte sich für die Wiederherstellung der École académique ein, deren Direktor er 1754 wurde.
1752 ließ sich Dandré-Bardon endgültig in Paris nieder und wurde Professor an der Académie royale. In der Folge gab er sein Amt als Maler der Galeeren auf. 1755 folgte er Nicolas-Bernard Lépicié als Professor für Geschichte und Geographie an der École des élèves protégés nach. In dieser Funktion beschäftigte er sich vor allem mit Kostüm- und Sittenkunde, um seine Schüler zu einer historisch genauen Darstellung anzuleiten. Nach seiner letzten Salonbeteiligung im Jahr 1753 widmete er sich zunehmend der Lehre, der Organisation von Wettbewerben und Salons sowie der Publikation kunsttheoretischer Schriften. 1759 wurde ihm die Leitung des Unterrichts im Fach der Ausdrucksköpfe (têtes d’expression) übertragen, zudem führte er den Vorsitz in der Preisjury dieses Fachs. Eine ab 1770 einsetzende Gliederlähmung schränkte seine Tätigkeit erheblich ein. Dennoch wurde er 1776 zum stellvertretenden und 1778 zum Rektor der Académie royale ernannt. Seit 1774 bezog er zudem eine Pension von 2.000 Livres aus seinem Amt als Geschichtsprofessor.
Zwischen 1750 und 1783 veröffentlichte Dandré-Bardon rund dreißig kunsttheoretische und kunsthistorische Schriften, darunter den Traité de peinture, den Essai sur la sculpture, eine Histoire universelle sowie die Costumes des anciens peuples. Zudem verfasste er kritische Biografien zeitgenössischer Künstler, darunter zu Jean-Baptiste und Carle van Loo, Jean-Jacques Bachelier, Edme Bouchardon, François Lemoyne und Jean-Baptiste Pigalle. Als Musikliebhaber komponierte er außerdem mehrere Stücke. Michel-François Dandré-Bardon starb am 13. April 1783 in Paris.
Werk mini|Michel-François Dandré-Bardon – Junger Mann. National Gallery of Art (NGA), Washington, D.C. Von den rund 80 nachgewiesenen Gemälden Dandré-Bardons sind nur 38 lokalisiert. Sie befinden sich unter anderem im Musée Granet in Aix-en-Provence (Auguste punissant les concussionnaires mit zugehöriger Skizze, Les habitants d’Aix secourant Marseille assiégée, Union de la Procuration du Pays au Consulat d’Aix und Die vier Lebensalter), in der Pfarrkirche Ste-Madeleine sowie in den Kirchen St-Esprit-et-St-Jérôme und St-Jean-de-Malte in Aix, im Musée Paul Arbaud in Aix, im Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen, in den Pfarrkirchen von Aups und Barjols, im Musée des Beaux-Arts in Béziers, im Musée Bertrand in Châteauroux, im Musée des Beaux-Arts in Clermont-Ferrand, im Musée Magnin in Dijon und in der Pfarrkirche von Lambesc, in der Heim Gallery in London sowie im Musée des Beaux-Arts in Marseille, im Musée Fabre in Montpellier, bei der Congrégation des Filles de Saint-Thomas-de-Villeneuve in Neuilly-sur-Seine, im Louvre, im Fine Arts Museum (California Palace of the Legion of Honor) in San Francisco sowie im Musée des Beaux-Arts in Vire und in der National Gallery of Art in Washington, D.C. Thieme-Becker nennt weitere Werke, die sich im Musée des Beaux-Arts in Marseille (Christus am Kreuz, Moses auf dem Berg Sinai), in Alençon (Der heilige Carlo Borromeo im Gebet) und in der Kirche Saint-Sulpice in Paris (Tod Mariä) befinden.
mini|Michel-François Dandré-Bardon – Der Tod des Sokrates, um 1749. Metropolitan Museum of Art (The Met), New York CityZeichnungen: Zahlreiche dem Künstler zugeschriebene Zeichnungen (Pierre Rosenberg zufolge fast hundert), von denen viele früher Zeitgenossen wie Bon Boullogne, Jean-François de Troy, Charles-Joseph Natoire, Carle van Loo oder Jean-Honoré Fragonard zugewiesen wurden, befinden sich unter anderem im Musée Paul Arbaud in Aix-en-Provence, im Fogg Art Museum in Cambridge (Massachusetts), in der Kunstsammlung der Veste Coburg, im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, im Victoria and Albert Museum in London, in der Whitworth Art Gallery in Manchester, im Musée des Beaux-Arts in Marseille, im Musée Atger in Montpellier, im Musée des Beaux-Arts in Nancy, im Musée municipal in Nevers, im Musée des Beaux-Arts in Nizza, im Musée des Beaux-Arts Jules Chéret in Nizza, in der National Gallery of Canada in Ottawa, im Cabinet des dessins des Louvre, im Musée des Beaux-Arts in Rouen, im Crocker Art Museum in Sacramento, in der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart sowie in der Albertina in Wien. Im Louvre ist Dandré-Bardon ausschließlich als Zeichner vertreten, unter anderem mit einer Geburt der Venus und einer Thronenden Madonna mit den Heiligen Anna und Therese. Druckgraphik: Im Cabinet des Estampes der Bibliothèque nationale de France in Paris befinden sich mehrere Radierungen und Kupferstiche, darunter zwei Vignetten für Père Joseph de Gallifets De cultu sacrosancti cordis Dei (Rom 1726), eine Radierung mit dem Motiv eines Toten begrabenden Tobias (nachgestochen von Laurent Cars) sowie eine Illustration zu Torquato Tassos La Gerusalemme liberata. Laurent Cars fertigte zudem einen Stich mit dem Titel Sepelire Mortuos nach einer Vorlage Dandré-Bardons. Bildnisse: Ein Porträt Dandré-Bardons von Alexandre Roslin befindet sich im Louvre, ein weiteres von Slodtz in der Sammlung Atger in Montpellier. Ein von Philippe Thomassin nach einer Vorlage von Jean-Baptiste van Loo gestochenes Bildnis diente als Titelblatt seiner Costumes des anciens peuples.
Literatur Daniel Chol: Dandré-Bardon ou l’apogée de la peinture en Provence au XVIIIe siècle. Édisud, Aix-en-Provence 1987. Pierre Rosenberg: Dandré-Bardon as a Draughtsman: A Group of Drawings at Stuttgart. In: Master Drawings. Band 12, Nr. 2, 1974, S. 137–151. Philip Conisbee u. a.: French Paintings of the Fifteenth through the Eighteenth Century. (The Collections of the National Gallery of Art Systematic Catalogue). National Gallery of Art, Washington, D.C. 2009. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 4: Cossintino – Dyck. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. De Gruyter 2009.
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