mini|alt=lächelnde junge Frau Mitte 20, dunkle Haare im Nacken zusammengenommen, klares, waches Gesicht|Basia Berman (vor 1939) Basia Berman-Temkin (; Tarnname Barbara Anna Biernacka, geboren am 21. August 1907 in Warschau; gestorben am 30. April 1953 in Petach Tikwa, Israel) war eine polnische Bibliothekarin und jüdische Widerstandskämpferin während der Deutschen Besetzung Polens. Getarnt als christliche Polin war sie als führende Verbindungsperson für jüdische Untergrundorganisationen tätig. Ihr Tagebuch gilt heute als wichtiges Dokument des Holocaust.
Familie und Jugend Die Temkins waren, wie Basia in ihrem Tagebuch schrieb, „eine gewöhnliche jüdische Familie“. Ihr Vater war ein gebildeter Talmudist und beide Eltern fühlten sich der jüdischen Tradition verpflichtet, während die Töchter säkular geprägt waren und sich stärker mit der polnischen Kultur identifizierten.
Im Alter von sechzehn Jahren trat sie 1923 der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair bei. Später wechselte sie zur polnischen sozialistischen Partei Poale Zion (Links), wo sie Adolf Berman kennenlernte, den sie 1936 heiratete.
Von 1926 bis 1930 studierte Basia Temkin Sozial- und Politikwissenschaften an der „Freien Polnischen Universität“ sowie Pädagogik an der Universität Warschau. Danach arbeitete sie in der Warschauer Nationalbibliothek, wo sie sich auf die Sammlung von Judaica spezialisierte.
Untergrundarbeit auf der „arischen“ Seite alt=drei hungernde Kinder im Alter von ca. 2 bis 10 Jahren stehen bzw. sitzen an einer Hausmauer|mini|Kinder im Warschauer Ghetto (Bundesarchiv Bild 101I-134-0778-38)
Nach dem deutschen Überfall auf Polen und der Errichtung des Warschauer Ghettos, in dem die Besatzungsmacht die jüdische Bevölkerung Warschaus von der übrigen Bevölkerung isolierte, baute Basia Berman im Ghetto eine Bibliothek für Kinder auf. Die Mittel dafür kamen von der „Centos“, der jüdischen Zentralorganisation für Waisenfürsorge, deren Leitung Adolf Berman innehatte. Im März 1942 gründeten Basia und Adolf Berman mit anderen Untergrundaktivisten aus jüdischen Jugendorganisationen den Antifaschistischen Block, einen ersten Zusammenschluss jüdischer Widerstandsgruppen im Ghetto, der später zur Entstehung einer jüdischen Widerstandsbewegung im besetzten Polen führte.
Als am 22. Juli 1942 mit der „Großen Aktion“ die massenhafte Deportation der jüdischen Bevölkerung des Warschauer Ghettos in die Vernichtungslager begann, konnten Basia und Adolf Berman in letzter Minute entkommen. Sie gingen in den Untergrund und lebten, getarnt als polnisches Ehepaar, fortan auf der „arischen Seite“. Ihre vermeintliche polnische Identität erleichterte ihnen die Kooperation mit dem polnischen Widerstand, der ansonsten eine Zusammenarbeit mit Juden meist ablehnte. Dabei lebten sie in der ständigen Gefahr einer Enttarnung durch Erpresser (Szmalcowniks) und mussten mehrfach blitzartig die Wohnung wechseln.
Gemeinsam mit jüdischen und polnischen Widerständlern waren sie für die Rettungsorganisation Żegota aktiv, in der polnische und jüdische Aktivisten zusammenarbeiteten. Die Organisation wurde unterstützt vom American Joint Distribution Committee sowie der polnischen Exilregierung in London, die über heimliche Kurierinnen Geld schickte. In ihrem Tagebuch beschrieb Basia Berman, wie sie in einer großen, schäbigen Tasche ständig große Summen an Bargeld mit sich führte. Żegota gelang es, zahlreiche Juden zu retten.
Parallel dazu waren beide Bermans eine Anlaufstelle für die Zellen des Jüdischen Nationalkomitees (Żydowski Komitet Narodowy, kurz ŻKN), einer bedeutenden Untergrundorganisation, die Ende 1942 in Warschau von verschiedenen jüdischen Parteien und Jugendbewegungen gegründet wurde und als politischer Flügel der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) fungierte. Das ŻKN, das von jüdischen Untergrundaktivisten geleitet wurde und in dessen Präsidium Adolf Berman saß, konnte mehr als 2.000 Juden retten.mini|Gefälschter Pass von Basia Berman (Tarnname: Barbara Anna Biernacka)Während ihr Mann Adolf in Führungsgremien aktiv war, fungierte Basia Berman unter dem Tarnnamen „Barbara Anna Biernacka“ als Verbindungsperson (Kashariyot) des Widerstands, eine Tätigkeit, die mit extrem hohen Risiken verbunden war. Sie suchte Unterkünfte für Flüchtlinge, besorgte ihnen Geld und falsche Papiere, transportierte gefälschte Dokumente, besuchte Geheimtreffen und musste häufig reisen, um sich mit Mitgliedern des jüdischen Untergrunds abzusprechen. Unter anderem schmuggelte sie jüdische Kinder aus dem Ghetto, um sie vor der Deportation zu retten und bei polnischen Familien oder in Klöstern zu verstecken. Um sich zu tarnen, trug sie häufig einen Hut mit Schleier oder versteckte ihr Gesicht unter einem Schirm. Sie mied öffentliche Verkehrsmittel und ging zu Fuß zu geheimen Treffen, besonders wenn sie große Geldsummen mit sich führte. Gefälschte Dokumente transportierte sie zwischen zusammengefalteten Zeitungen oder verbarg sie in Zuckerpaketen, die sie in ihrer Einkaufstasche verstaute. Wäre sie enttarnt worden, hätte ihr die sofortige Erschießung oder Verhaftung, Folter und Deportation gedroht.
Beide Bermans engagierten sich auch für das jüdische Untergrundarchiv Oneg Shabbat (Ringelblum-Archiv), für das vor allem Basia Quellen und Dokumente im Zusammenhang mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden sammelte. Ein Teil dieser Archivquellen verbrannte während des Warschauer Aufstands, doch etliche Dokumente und Zeugnisse wurden gerettet und befinden sich heute im Museum Haus der Ghettokämpfer im Kibbuz Beit Lohamey Hagetaot.
Nach dem Krieg alt=Basia Berman mit Wintermantel, Adolf Berman hält den Sohn auf dem Arm, eine weitere unbekannte Frau. Im Hintergrund ist ein riesiger, vermutlich ausgestopfter Bär zu sehen.|mini|V. l. n. r.: Basia Temkin-Berman, Adolf Berman und ihr Sohn Emanuel Nach Kriegsende blieb das Paar in Polen und half beim Wiederaufbau des jüdischen Lebens. Basia Berman wurde Geschäftsführerin der Zentralen Jüdischen Bibliothek und rettete 120.000 Bände auf Jiddisch und Hebräisch aus den Trümmern des Warschauer und anderer Ghettos in Polen, von denen viele später den Weg zur Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem fanden. Ihr Mann Adolf kehrte in die Politik zurück, wurde Vorsitzender des Zentralkomitees der Juden in Polen und Abgeordneter des polnischen Parlaments. Im Juni 1946 brachte Basia Berman ihren Sohn Emanuel zur Welt.
Doch es zeichnete sich ab, dass es in Polen, das nach dem Krieg dem Einflussbereich der Sowjetunion zugeschlagen worden war, für sie als Juden keinen Platz gab, weil die Sowjets die zionistischen Ansichten der Bermans nicht tolerierten. 1949 wurde Adolf Berman seines Amtes enthoben; ein Jahr später wanderten beide nach Israel ein.
In Israel verschlechterte sich ihre Lage. Basia Berman-Temkin, die es gewohnt war, politisch aktiv zu sein, beherrschte die Sprache ihres neuen Heimatlandes nicht und suchte vergeblich nach Arbeit. In einem Brief, mit dem sie sich auf eine Stelle in der Stadtbibliothek bewarb, beschrieb sie ihre Berufserfahrung und spielte ihr Heldentum herunter: „Ich möchte all das Wissen, das ich 20 Jahre lang im Ausland gesammelt habe, der Stadt Tel Aviv geben, die ich sehr liebe“, schrieb sie, erhielt jedoch keine Antwort.
Diese Isolation belastete sie erheblich. Dazu kam, dass sie eine Parkinson-Diagnose erhalten hatte. Zwar kümmerte sie sich darum, Bücher zu sammeln, die von den Deutschen beschlagnahmt worden waren, und sie an die Hebräische Universität in Jerusalem zu überführen. Auch schrieb sie einige Artikel. Doch sie kämpfte mit Depressionen und musste in verschiedenen Sanatorien behandelt werden. Die Beziehung zu ihrem Ehemann, der als Abgeordneter der Knesset häufig abwesend war, verschlechterte sich.
Im Herbst 1952 fand Basia Berman-Temkin endlich eine Stelle in einer Schulbibliothek. Nur wenige Monate später erkrankte sie an einer Lungenentzündung, an deren Folgen sie am 30. April 1953 im Alter von 45 Jahren verstarb.
Untergrund-Tagebuch
Vom 5. Mai 1944 bis 14. Januar 1945 hatte Basia Berman unter ihrer Tarnidentität fast ein Jahr lang ein Tagebuch aus dem Untergrund geschrieben, um das Leben sowie den Widerstand der jüdischen Menschen zu dokumentieren, die von den Deutschen verfolgt und vernichtet wurden. Nach der sowjetischen Offensive 1945 endeten ihre Aufzeichnungen zunächst. Sie nahm den Faden jedoch in Israel wieder auf und berichtete, was mit ihr und ihrem Mann nach dem Krieg passiert war. Das auf Polnisch verfasste Tagebuch wurde vom Ghetto Fighters’ House unter dem Titel An Underground Diary veröffentlicht. 2012 erschien das Tagebuch auf Englisch. Darin schrieb sie kurz nach der Flucht aus dem Ghetto aus ihrem Versteck im „arischen“ Teil Warschaus:
Würdigung Für ihre Verdienste im Widerstand verlieh die polnische Regierung Basia Berman 1948 das Ritterkreuz des Ordens Polonia Restituta. Die polnische Psychologin Janina Bucholzt-Bukolska, eine Weggefährtin, schrieb in einem Bericht für die Gedenkstätte Yad Vashem:
Literatur
Basia Temkin-Berman, Israel Guttman, Emanuel Berman: City Within a City. Verlag International Psychoanalytic Books, 2013, ISBN 978-0-9895622-2-5. Basia Temkin-Bermanowa: Tagebuch aus der Unterwelt / Dziennik z podziemia. Żydowski Instytut Historyczny und Wydawnictwo Książkowe Twój Styl, Warszawa 2000, Wydawnictwo Ksiazkowe Twoj Styl, Żydowski Instytut Historyczny, ISBN 83-7163-289-4. Hans-Christian Jasch; Stephan Lehnstaedt (Hrsg.): Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung. Metropol Verlag, 2019, ISBN 978-3-86331-467-5.
Weblinks
Video: Rescue Outside the Ghetto Walls: Warsaw 1943-44 The Berman Collection Sunday, Ghetto Fighters’ House, March 17, 2024 Avihu Ronen (Sohn von Berman), The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women
Einzelnachweise
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