Bei der Kosmographie eines anonymen Geographen aus Ravenna handelt es sich um eine breit angelegte Kompilation geographischer Verzeichnisse, in denen Orts-, Fluss- und Ethnonyme systematisch zusammengestellt sind. Das Werk wurde offenbar im Ravenna des frühen 9. Jahrhunderts von einem Autor im geistlichen Stande abgefasst.
Das Werk entwickelt – im Anschluss an biblische sowie patristische Traditionen – ein kosmologisches Modell, das die Erde als scheibenförmige, vom Weltmeer umschlossene Fläche auffasst. Die Bücher II bis V enthalten umfangreiche, nach Großräumen und zum Teil nach römischen Provinzen disponierte Verzeichnisse von über 5000 Toponymen. Erfasst sind Landschaften, Städte und Flussläufe in Asien, Afrika und Europa, auf Mittelmeerinseln und auf den Inseln des äußeren Ozeans. Der Kompilator greift auf eine Vielzahl älterer Quellen zurück, die er hinter realen und erfundenen Namen verbirgt. Inhaltliche Parallelen zur Tabula Peutingeriana deuten darauf hin, dass beide Werke zumindest in Teilen auf gemeinsame Vorlagen oder verwandte Überlieferungsstränge zurückgehen. Die handschriftliche Überlieferung weist zudem spätere Ergänzungen und Eingriffe in den Textbestand auf.
Überlieferung Die handschriftliche ÜberlieferungKurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 289. der Kosmographie beginnt verhältnismäßig spät und setzt erst im 13. Jahrhundert ein. Insgesamt ist sie schmal ausgeprägt und aufgrund des umfangreichen, vielfach ungewöhnlichen Namenguts von zahlreichen Verderbnissen durchzogen. Überliefert sind folgende Codices: A: Cod. Vaticanus Urbinas lat. 961 (14. Jh.), fol. 1–47v; B: Cod. Parisinus bibl. nat. 4794 (13. Jh.), fol. 1–30v; C: Cod. Basiliensis F.V.6 (14./15. Jh.), fol. 85–108v. Alle Textzeugen stammen aus Italien oder beruhen auf italienischen Vorlagen. Die beiden maßgeblichen Handschriften, der Cod. Vaticanus Urbinas lat. 961 (A) und der Cod. Parisinus lat. 4794 (B), waren vormals der bedeutenden Renaissancebibliotheken der Häuser Visconti-Sforza bzw. Haus Montefeltre zugehörig. Die Überlieferung spiegelt damit ein humanistisches Interesse, das zugleich eng mit dem Zeitalter der Entdeckungen verbunden ist. Auch die dritte zentrale Handschrift, der Cod. Basiliensis F.V.6 (C), eine Sammelhandschrift mit Abschriften verschiedener Werke, von denen eine 1411 datiert ist, weist mit den darin enthaltenen Texten von Francesco und Cicero auf einen italienischen Entstehungs- oder zumindest Traditionszusammenhang. Die übrigen Überlieferungsträger sind entweder von diesen drei Handschriften oder erst von den späteren Drucken abhängig.Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 289; vgl. auch Keith Fitzpatrick-Matthews: Britannia in the Ravenna Cosmography. A Reassessment , online auf academia.edu [Zugriff am 3. Juli 2026]. Der überlieferte Textbestand ist von Interpolationen geprägt.Kai Brodersen: Geographus Ravennas, DNP, 1998, Sp. 934.
Eine mittelalterliche Rezeption der Kosmographie ist bei Guido von Pisa greifbar, der in seiner eigenen, 1119 entstandenen Weltbeschreibung, Passagen des Ravennaten einfach übernahm, ohne die zugrunde liegende Quelle zu benennen. Die Editio princeps wurde 1688 von Placidus David Porcheron veröffentlicht und basierte auf der Pariser Handschrift (B). Die erste kritische Edition auf der Grundlage eines Vergleichs sämtlicher Handschriften legten Moritz Pinder und Gustav Parthey im Jahr 1860 vor; sie bildet den Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Werk.Franz Staab: Geograph von Ravenna, RGA, 1998, S. 103; Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 289.
Verfasserschaft und Datierung
Aus dem Umstand, dass der Geograph besonders häufig Ravenna nennt (I 17; IV 29,3; 31,3; 36,9; V 1; 14)Zählung nach Schnetz, 1951. die Stadt ausdrücklich als seine Geburtsstadt bezeichnet (IV 31,3) und mit ihr zugleich den Periplus der Mittelmeerstädte eröffnet und beschließt (V 1; 14), wird geschlossen, dass das Werk dort entstanden ist. Die zahlreichen theologischen Reflexionen werden als Argumente dafür angeführt, dass der Verfasser dem Klerus angehörte. In der Einleitung richtet er sich an einen nicht näher genannten Odo, der ihn zur Abfassung des Werkes angeregt habe (I 1,2; 13,4); sowohl dessen Identität als auch die des Autors bleiben unbekannt.
Die Datierung der Kosmographie ist in der Forschung lange umstritten gewesen. Während SchnetzJoseph Schnetz: Quellen, 1942. eine Entstehung bereits im späten 7. Jahrhundert annahmen, spricht die Benutzung fränkischer Quellen, darunter der 829 abgeschlossenen Reichsannalen bis zum Jahr 809, für eine Abfassung im frühen 9. Jahrhundert. Auch der Hinweis, dass die Elbe bereits seit längerem die Grenze des Frankenreiches gen Osten bilde (I 11,4), setzt den Abschluss der Sachsenkriege Karls des Großen 804/5 voraus. Gegen eine spätere Datierung spricht wiederum, dass zwar Dänen und Normannen erwähnt (I 11,4; 12,3; IV 13,2) werden, nicht jedoch Sarazenen oder Ungarn. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Anonymus vielfach ältere Vorlagen benutzte, deren geographische Angaben den Verhältnissen seiner eigenen Zeit nicht mehr vollständig entsprachen – worauf er selbst ausdrücklich hinweist.Franz Staab: Geograph von Ravenna, RGA, 1998, S. 103f.; Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 290.
Quellen In der Forschung hat die Frage nach den vom Ravennaten benutzten Quellen früh große Aufmerksamkeit erfahren. Viele seiner Vorlagen bleiben ungenannt, darunter etwa die Continuatio Fredegarii oder die fränkischen Reichsannalen, und wurden daher auch in der Forschung lange Zeit nur wenig beachtet. Hinzu kommt, dass der Autor die herangezogenen Quellen in den drei Teilen seines Werks sehr unterschiedlich verwendet. Im ersten Teil (Buch I 1–15), in dem er die Einteilung der Welt nach den Tag- und Nachtstunden des Sonnenlaufs begründet, zieht er nahezu jede ihm zugängliche Autorität heran, von den Kirchenvätern bis zu den Annales regni Francorum. Vorrangig stützt er sich jedoch auf die Bibel, offenbar um sein ungewöhnliches Konzept gegen einen möglichen Häresieverdacht abzusichern. Die einzelnen biblischen Bücher werden gegen Ende des Buches sogar ausdrücklich genannt. Daneben zieht er vor allem Athanasios von Alexandria, Basilius den Großen und Isidor von Sevilla heran. Unter den heidnischen Autoren erscheinen Aratos, (Pseudo-)Hyginus, Iamblichos, Ptolemaios und Vergil.
Im zweiten Teil (Buch II–IV), der die einzelnen Länder (patriae) beschreibt, nennt er jeweils zu Beginn die Autoren, die er für das betreffende Gebiet herangezogen haben will, und legt dann fest, welcher von ihnen seiner Darstellung zugrunde liegen soll. Zu den auch sonst bekannten Autoren zählen neben dem bereits genannten Ptolemaios u. a. Libanios, Aristarchos und Eutropius.Franz Staab: Geograph von Ravenna, RGA, 1998, S. 105. Zu diesen gesellen sich zahlreiche nur bei ihm überlieferte Namen, die mindestens in der Hauptsache als fiktiv gelten müssen.Franz Staab: Geograph von Ravenna, RGA, 1998, S. 105; Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 288. Diese Methode führt er im dritten Teil (Buch V), dem ausführlichen Periplus der Mittelmeerstädte und der Inselwelt nicht fort, dort verzichtet er auf Quellennennungen. Immer wieder weist er außerdem darauf hin, dass seine Vorlagen mitunter alt sind und die Verhältnisse seiner eigenen Zeit nicht mehr genau widerspiegeln; darum unterscheidet er gelegentlich zwischen dem früheren Zustand dem gegenwärtigen.Franz Staab: Geograph von Ravenna, RGA, 1998, S. 104f.
Louis DillemannLouis Dillemann: Cosmographie du Ravennate, 1997. hat gezeigt, dass sich viele dieser geheimnisvollen, vermeintlichen Autoritäten in den Büchern II–IV letztlich auf bekannte antike und spätantike Autoren zurückführen lassen, insbesondere auf Plinius, Pomponius Mela, Jordanes, Gregor den Großen, Epiphanios, Orosius und Isidor von Sevilla usw. Diese nennt er jedoch nur in einigen Fällen ausdrücklich als Quellen; überwiegend versucht er, sie durch die Vielzahl der angeblich herangezogenen Gewährsleute zu verschleiern. Nicht auszuschließen ist zudem, dass der Ravennate auch aus Kompilationen klassischer Quellen schöpfte, deren Autoren bereits zur Zeit des Ravennanten nicht mehr eindeutig identifizierbar waren, und die möglicherweise mit fingierten Namen angefüllt waren, um ihre Autorität zu erhöhen.Zusammenfassend: Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 290. Nach Staab lassen sich darüber hinaus auch gotische Quellen als Vorlage annehmen.Franz Staab: Ostrogothic Geographers at the Court of Theodoric the Great. A Study of Some Sources of the Anonymous Cosmographer of Ravenna. In: Viator 7/1 (1976), S. 27–64; Franz Staab: Geograph von Ravenna, RGA, 1998, S. 105. Die Verarbeitung griechischen Schriftguts zeigt sich sowohl in der Verwendung griechischer Fachterminologie als auch in der Transkription verschiedener Ortsnamen. Die zahlreichen Gräzismen haben MommsenTheodor Mommsen: XVII. Über die Unteritalien betreffenden Abschnitte der ravennatischen Kosmographie . In: Ders. Gesammelte Schriften 5: Historische Schriften, Bd. 2, Berlin 1908, S. 286–319, hier: S. 314ff. zu der Vermutung veranlasst, das Werk sei ursprünglich auf Griechisch abgefasst worden.Kurt Guckelsberger/Florian Mittenhuber: Überlegungen, 2013, S. 290.
Inhalt
Inhaltsübersicht Das Werk lässt sich in drei größere Teile gliedern. Das erste Buch enthält zunächst eine knappe Beschreibung der Erde, die dem Gang der Sonne folgend in 24 Stundenabschnitte unterteilt wird (Buch I 2–3; 11–12). Eine derartige Einteilung der Welt ist in der antiken und mittelalterlichen Literatur ohne Parallele. Die übrigen Partien des ersten Buches (I 1; 3–10; 12–18) erläutern dieses Ordnungsschema zu weiten Teilen in der Form eines umständlich geführten fiktiven Streitgesprächs, wohl um Einwänden zuvorzukommen. Es folgt die ausführliche Darstellung der drei Kontinente: Asien (II 1–21), Afrika (II I 1–12) und Europa (IV 1–46). Das fünfte Buch enthält einen Periplus um Mittelmeer und Schwarzes Meer (V 1–12), sodann eine Beschreibung der Weltgrenzen (V 28–30) und schließlich einen Abschnitt über die britischen Inseln (V 31–34). Nur im ersten Buch werden christliche Bezüge sichtbar. Der überwiegende Teil des Werkes, vor allem die Bücher II bis IV, besteht aus einer aneinandergereihten Kompilation von Toponymen aus antiken und spätantiken Quellen, die zu verbergen der Autor bemüht ist.
In gewisser Hinsicht steht die Kosmographie am Ende einer langen Tradition antiker Erdbeschreibungen, die sich in Itineraren, Chorographien oder Periploi ausbildet. Anders als viele ihrer Vorläufer verzichtet sie in der Darstellung auf Entfernungsangaben. Zugleich spiegeln sich in dem Werk manche politischen Wandlungen seit der Völkerwanderungszeit. Der Periplus des fünften Buches fällt indessen aus dem Rahmen: Mit knapp 850 Einträgen entlang der Küsten folgt er dem vertrauten Muster der Küstenbeschreibung, ist jedoch weit ausführlicher als die meisten antiken Vorbilder. Er gliedert sich in elf Abschnitte und enthält als einzigen Teil der Kosmographie nun doch Entfernungsangaben. Auch redaktionell hebt er sich deutlich von den übrigen Buchteilen ab; es entsteht der Eindruck eines späteren Zusatzes. Die innere Anlage der Bücher II bis V ist insgesamt streng durchgehalten und folgt im Kern antiken Vorbildern, am ehesten vergleichbar der Geographie des Ptolemaios.