Artur Amthor (geboren 31. Januar 1933 in Weißenfels; gestorben 11. Juni 2021) war ein deutscher Stasi-Funktionär (zuletzt im Range eines Obersts) und fungierte als letzter Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) des Bezirkes Rostock (Nachfolgeinstitution des MfS) – der Grenzlage des Bezirkes entsprechend eine der größten Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit in der DDR.Rahel Frank: "Realer, exakter, präziser"? Die DDR-Kirchenpolitik gegenüber der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs von 1971 bis 1989. Der Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, 2004, S. 67
Leben Amthor war seit 1952 Mitarbeiter des MfS, von 1953 bis 1960 als Untersuchungsführer. Hier erlebte er persönlich den Einfluss der SED-Nomenklatura auf die Führung von juristischen Untersuchungen.Klaus Behling: Die Kriminalgeschichte der DDR. Edition Berolina: Berlin 2017, Abschnitt Der Opportunismus in der Rechtsprechung.
Er legte als Major 1970 eine juristische Abschlussarbeit an der Hochschule des MfS vor: Zur Durchführung von Befragungen in der politisch-operativen Abwehrarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit.Günter Förster: Bibliographie der Diplomarbeiten und Abschlußarbeiten an der Hochschule des MfS (Reihe A: Dokumente Nr. 1/1998). Hg. BStU. Berlin 1998, S. 33
Eine seiner größten und wichtigsten Aufgaben ab Ende der 1960er Jahre und damit quasi ein Spiegelbild seiner Behörde war die Überwachung des Kernkraftwerks Greifswald.Sebastian Stude: Strom für die Republik. Die Stasi und das Kernkraftwerk Greifswald. Vandenhoeck & Ruprecht 2019
Im Lutherjahr 1983 gehörte er als Stellvertretender Chef der BV Rostock des MfS zu der von staatlicher Seite gegründeten „Arbeitsgruppe zur parteimäßigen Koordinierung und Kontrolle der politischen Aktivitäten zum Kirchentag im Rahmen der Lutherehrungen 1983“.Sophie Ludewig: Fromm - fröhlich - (un-)frei. Die Kirchentage der Evangelischen Landeskirche Greifswald und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs (1978-1988). LIT 2020, S. 148
Amthor wurde per Befehl K/995/87 des MfS mit Wirkung vom 1. März 1987 als 1. Stellvertreter des Leiters der Bezirksverwaltung (BV) Rostock eingesetzt.Tgb.-Nr.: BdL/Dok./67/87Bezirksverwaltung (BV) Rostock des Ministeriums für Staatssicherheit, Organigramm auf S. 148 der Studie von Elise Catrain (Hg.): Stasi in Mecklenburg-Vorpommern. Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Neubrandenburg, Rostock und Schwerin. Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv – Abteilung Vermittlung und Forschung, Berlin 2023 Als solcher war er eng in die nachrichtendienstlichen Aktivitäten um die Republikflucht von Axel Kruse involviert.siehe Ein »Sportverräter« beim FC Hansa Rostock – die Flucht des Fußballers Axel Kruse. In: Elise Catrain (2023), S. 106 ff. Am 7. Juni 1989 erhielt Amthor von Generalleutnant Paul Kienberg den schriftlichen Auftrag, den Schriftsteller Günter Grass bei dessen Besuch im Bezirk Rostock wegen seiner Kontakte zu DDR-Oppositionellen überwachen zu lassen.Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte: eine Dokumentation mit Kommentaren von Günter Grass und Zeitzeugen. Ch. Links, 2010, S. 309
Als Einsatzleiter für die Überwachung der Rostocker Demonstrationen im Oktober 1989 erteilte er seinen Einsatzkräften ein Schießverbot.Harald Bretschneider, Bernd Oettinghaus, Frank Richter: Das Wunder der Freiheit und Einheit. Mit Zeitzeugen auf dem Weg der Friedlichen Revolution. SCM Hänssler, Holzgerlingen 2014, Kapitel Sprechen dürfen oder hören wollen Zudem äußerte Amthor in einer Dienstbesprechung der Mitarbeiter der BV Rostock die Ansicht, dass eine Legalisierung der Opposition aufgrund ihres wachsenden Einflusses auf die DDR-Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten sei.
Nach der Verhaftung von Rudolf Mittag Anfang Dezember 1989 bis zur Auflösung im Januar 1990 war Amthor Leiter des AfNS der BV Rostock. In diesem Zeitraum wurden in der Behörde zahlreiche belastende Akten vernichtet, z. B. über die Zusammenarbeit mit Landesbischof Horst Gienke. Im Februar 1990 wurde er dann zu seiner Tätigkeit beim MfS vernommen.Lena Gürtler: Vergangenheit im Spiegel der Justiz. Eine exemplarische Dokumentation der strafrechtlichen Aufarbeitung von DDR-Unrecht in Mecklenburg-Vorpommern. Ed. Temmen, 2010 (S. 108)
Wegen Zweifeln an der Rechtmäßigkeit des Erwerbs seines Hauses wurde am 19. September 1990 ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet (Verdacht der Untreue und des Betrugs), mit Wirkung vom 4. Juni 1992 aber eingestellt; auch eine erneute Verfahrensaufnahme am 12. August 1992 verlief im Sande, ohne dass der Beschuldigte informiert wurde.Klaus Behling: Streitfall Siegerjustiz. Fakten, Prozesse, Ergebnisse. Edition Berolina, 2015
Nach der Wende trat Amthor als Autor hervor, der sein Werk beim Verlag am Park, einem als Imprint auftretenden Verlages des geschichtsrevisionistischen Verlages Edition Ost verlegen ließ.Michael Lühmann: Rosa-rote Scheinwelt, in: Die Zeit, 17. August 2007. Die Publikation Ruhe in Rostock? Von wegen war eine Reaktion auf die Veröffentlichungen von Lothar Probsts Der Norden wacht auf. Zur Geschichte des politischen Umbruchs in Rostock im Herbst 1989 (Bremen 1993), in dem Probst eine Losung der Bürgerrechtler aufgriff, einerseits und Kai Langers Ihr sollt wissen, dass der Norden nicht schläft (Bremen & Rostock 1999) andererseits.Christian Halbrock: „Freiheit heißt, die Angst verlieren“: Verweigerung, Widerstand und Opposition in der DDR: der Ostseebezirk Rostock. Göttingen; Bristol, Conn.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, S. 52 ff.
Im Zusammenhang mit Aussagen in Amthors Buch zu Joachim GauckKlaus Blessing (mit Manfred Manteuffel): Joachim Gauck. Der falsche Mann? Neue Fakten und Merkwürdigkeiten. Edition Berolina, Berlin 2015, Kapitel III veröffentlichte die Junge Welt am 8. Juni 2010 ein Interview mit ihm, in dem er den späteren Bundespräsidenten erneut wegen dessen früheren Kontakten zum MfS in ein schlechtes Licht rückte.Peter Wolter: »MfS gewährte Gauck viele Vergünstigungen«, junge Welt online vom 22. Februar 2012 (Bezahlschranke)Hubertus Volmer: Der Erfolg ruht auf zwei Säulen, n-tv vom 21. August 2010
Werke Ruhe in Rostock? Von wegen: Ein Oberst a. D. berichtet. Verlag am Park, Berlin 2009, ISBN 978-3-89793-169-5.Volltitel im Karlsruher Virtuellen Katalog
Literatur Thomas Ammer und Hans-Joachim Memmler: Staatssicherheit in Rostock. Zielgruppen, Methoden, Auflösung. Edition Deutschland Archiv, 1991. Tobias Wunschik und Jenny Schekahn: Die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Rostock. Ermittlungsverfahren, Zelleninformatoren und Haftbedingungen in der Ära Honecker. Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, 2012.
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