mini|Herman Munthe-Kaas (1890–1977), Foto vor 1916 Herman Munthe-Kaas (* 25. Mai 1890 in Christiania; † 5. März 1977 in Oslo) war ein norwegischer Architekt der beginnenden Moderne. Sein gemeinsam mit Gudolf Blakstad betriebenes Architekturbüro Blakstad og Munthe-Kaas führte von 1922 bis in die 1960er Jahre zahlreiche große Aufträge aus, wie das Rathaus von Haugesund (1931), das Kunstnernes Hus (Künstlerhaus, 1930), das Odd-Fellow-Gebäude (1933), das Handelsgymnasium (1940), das Geschäftshaus Klingenberggata 7 (1940) – letztere alle in Oslo. Die meisten dieser Bauten sind im Stil des Funktionalismus gestaltet, wohingegen seine frühen Entwürfe noch dem Historismus (Neoklassizismus) anhaften.
Munthe-Kaas galt in den 1920er und 1930er Jahren als einer der führenden Möbeldesigner Norwegens. Seine funktionalistischen Stahlrohrmöbel fanden große Verbreitung. Außerdem entwarf er Innenräume und Ladeneinrichtungen, war Herausgeber der Architekturzeitschrift Byggekunst und ab 1929 norwegischer Delegierter bei den Kongressen der internationalen Architekturorganisation CIAM. Er wurde 1965 zum Ritter des Sankt-Olav-Ordens geschlagen.
Leben und Werk Familie Herman Munthe-Kaas ist ein Angehöriger der aus Dänemark stammenden Familie Kaas aus dem Zweig der Mur-Kaas, die eine rote Mauer in ihrem Wappen führten. Johan Hartvig Kaas (1695–1759) begründete die norwegische Linie. Zwei seiner Töchter heirateten zwei Brüder aus dem Geschlecht der Munthe in Sogn. Ein Nachkomme, Ahasverus Kaas (1791–1859), Goldschmied in Christiania, erhielt (anknüpfend an diese frühere Verbindung) 1848 die Berechtigung, den Familiennamen Munthe-Kaas anzunehmen. Die Angehörigen der norwegischen Linie sind, anders als ihre dänischen Verwandten, keine Adeligen.
Herman Munthe-Kaas war der zweitjüngste von fünf Söhnen des Direktors Marius William Munthe-Kaas (1856–1926) und der Hermine Cathrine Blichfeldt (1863–1937). Seine Brüder hießen William Mogens (* 1885), Carl Fredrik (* 1886), Einar Schelven (* 1888) und Erik (* 1892). Die Familie wohnte in Christiania in Incognitogade 6 (1891), dann in Oscars Gade 63 (1900) und schließlich in Nils Juelsgate 1 (1910). Vater Marius William leitete ein Rechtsanwaltbüro, das Insolvenzverfahren abwickelte.
32 Jahre alt und im Besitz seines eigenen Architekturbüros, heiratete Herman Munthe-Kaas am 8. Juli 1922 in Bragernes (Drammen) die acht Jahre jüngere Ellen Juel (* 22. November 1898 in Drammen; † 26. Oktober 1939), Tochter des Forstkandidaten Anders Juel (1852–1926) und der Kristine Holtermann (1865–1901). Am 16. Juni 1923 wurde dem Ehepaar die Tochter Mette geboren und im Osloer Dom (Vår Frelsers kirke) getauft. Zu dieser Zeit lebte die Familie in Cort Adelers gate 3, wo Herman bereits vor seiner Hochzeit gewohnt hatte, zusammen mit seinem Bruder Carl Fredrik und seinem späteren Geschäftspartner Gudolf Blakstad.
Ab 1928 errichteten Blakstad og Munthe-Kaas in Smestad (Vestre Aker) in der Bernhard Herres vei eine Reihe von Villen. In eine davon, Nr. 20, zogen Herman und Ellen mit ihren Kindern ein. Eine Quelle nennt einen Sohn Anders William (* 1926) und eine Tochter Ellen.
„Als Privatperson wird Munthe-Kaas als zurückhaltend, freundlich und positiv beschrieben. Als Chef und unter Kollegen scheint er ein hoch angesehener Architekt gewesen zu sein, ein Ästhet, der seine Kritik äußerte, ohne dabei verletzend zu sein“.
Herman Munthe-Kaas starb kurz vor seinem 87. Geburtstag und wurde am 14. März 1977 auf dem Friedhof Vestre Gravlund beigesetzt.
Studium und Praxis mini|Eckersbergs gate 55, 1929 Herman Munthe-Kaas legte 1910 an der Technischen Schule in Kristiania sein Examen im Fach Bauwesen ab. Zwei Jahre später folgte der Abschluss an der Staatlichen Handwerks- und Kunstgewerbeschule, wo er unter Herman Major Schirmer studiert hatte.
Bedeutsamer als die vergleichsweise kurze Schulbildung war für Munthe-Kaas die Beschäftigung als Assistent bei verschiedenen Architekten. 1910 war er für etwa ein halbes Jahr im Architekturbüro für den Ausbau des Ostbahnhofs von Kristiania beschäftigt bzw. für den Rest des Jahres bei dem Architekten Kristen Rivertz am selben Ort. 1911 arbeitete er für Andreas Bjercke. 1912–1914 war er Assistent von Rudolf Emil Jacobsen und August Nielsen und beteiligte sich 1912 an der Vermessung der Bahnlinie Oslo-Trondheim und an der Vorbereitung der Jubiläumsausstellung 1914. 1914–1916 hatte er eine befristete Anstellung im Architekturbüro der Norwegischen Staatsbahnen.
Im Herbst 1916 trat Munthe-Kaas seine Assistenz bei Arnstein Arneberg an, in dessen Büro auch Gudolf Blakstad beschäftigt war. „Während ihrer Zeit bei Arneberg entwickelten sich Munthe-Kaas und Blakstad zu zwei führenden Persönlichkeiten in dem jungen und später so bedeutenden Architektenmilieu der Hauptstadt. Durch Arneberg erhielten die beiden ihre ersten gemeinsamen Projekte.“ Z. B. gestalteten sie 1918 den neuen Ausstellungssaal des Kunstnerforbundet.
Im Sommer 1918 zog Munthe-Kaas zum Studium an der Technischen Hochschule nach Stockholm, „wo er tiefe Einblicke in die Entwicklung der schwedischen Architektur hin zu einem abstrakteren und moderneren Neoklassizismus gewann; insbesondere sein Assistenzaufenthalt bei dem damals führenden nordischen Architekten Erik Gunnar Asplund prägte ihn nachhaltig.“
Während des Wintersemesters 1919–1920 hörte er die Architekturvorlesungen an der Kunstakademie Kopenhagen. Danach kehrte er nach Kristiania zurück und beteiligte sich an der Ausstellung Nye hjem (Neue Wohnungen) des Foreningen Brukskunst (Verein für Angewandte Kunst).
Blakstad und Munthe-Kaas mini|Rathaus Haugesund, 1931 1921 machte sich Herman Munthe-Kaas mit einem eigenen Büro selbständig, aber schon ein Jahr später ging er mit Gudolf Blakstad eine Partnerschaft ein. Blakstad og Munthe-Kaas Arkitektkontor gehörte von Beginn an „bis in die 1960er Jahre zu den bedeutendsten Architekturbüros Norwegens“, gewann viele Wettbewerbe und wurde mit großen Aufträgen betraut. Schon während ihrer ersten Jahre wandelte sich der neoklassizistische Stil der Partner von den traditionellen schwerfälligen Formen hin zu komplexeren, abstrakteren und teilweise kubistischen Gestaltungen. Dieser Wandel, der durch ihre Studienreise nach Italien, Tunis und Paris (1920–1921) angeregt wurde, wird im Rathaus von Haugesund sichtbar.
Dieses „Hauptwerk des norwegischen Neoklassizismus“ (Repetzky) wurde 1931 fertiggestellt und 1934 mit dem Houens fonds diplom ausgezeichnet. Die Architekten hielten am bereits 1922 entstandenen Entwurf fest, obwohl sich ihr bevorzugter Stil in der Zwischenzeit gewandelt hatte. Das 1928 entworfene Kunstnernes Hus (Künstlerhaus), nach kurzer Bauzeit 1930 fertiggestellt, ist mit seiner geschlossenen Fassade aus in Muster gelegten, roten Backsteinen ein Beispiel für die mit dem Funktionalismus einhergehende Vereinfachung der sichtbaren Oberfläche. Auch dieses Gebäude erhielt das Houens fonds diplom (1931).
In den folgenden Jahren errichteten Blakstad og Munthe-Kaas eine Reihe herausragender funktionalistischer Gebäude. Das Büro- und Geschäftshaus Odd Fellow-gården mit dem Saga-Kino, dem Scala-Revue-Theater und dem Restaurant Kaba in der Stortingsgata 28 ist ein Bau aus verputztem Stahlbeton und wird von langen, über Eck verlaufenden Fensterbahnen dominiert. Es wurde nach einem Wettbewerb 1933 fertiggestellt und im Folgejahr mit der Sundts premie ausgezeichnet. Nach der Fertigstellung bezog Blakstad og Munthe-Kaas Arkitektkontor die oberste Etage.
mini|Kunstnernes Hus, 1930 Weitere Beispiele für öffentliche Bauten des internationalen Funktionalismus in der Hauptstadt sind die Banknotendruckerei der Norges Bank (1935) in Stahlskelettbauweise, das Oslo Handelsgymnasium (1940, 1947 renoviert) mit einer schlichten, aber würdevollen Aula und Treppenhalle, das Klingenberg-Kino im Geschäftshaus Roald Amundsens gate 4 (1938), das sich durch einen plastisch-organischen Einrichtungsstil auszeichnet, sowie das Gebäude Klingenberggata 7 (1940) mit einem frühen Beispiel für eine modular aufgebaute Rasterfassade. All diese Werke zeigen einen „kraftvollen, sachlichen und strengen Charakter“ und hatten „großen Einfluss auf die neuere norwegische Baukunst“. (Nordisk familjebok, 1950)
Blakstad und Munthe-Kaas entwarfen auch funktionalistische Villen und Mietshäuser und bewiesen dabei eine „seltene Vielseitigkeit“. Beispiele dafür sind das Mietshaus in der Eckersbergs gate 55 (1927–1929), die im weißen Stil gehaltene kubische Backsteinvilla Haldenveien 11 auf Snarøya (1932), Munthe-Kaas’ eigene Holzvilla Bernhard Herres vei 20 in Smestad und die Villa für Tidemand Johannessen in Ullernåsen (ehemals Bærumsveien 7, 1933). Die beiden letzteren stellen einen „frühen Kompromiss zwischen internationalem Funktionalismus und nationaler Baukunst“ dar.
Herman Munthe-Kaas hatte durch Asplund Anschluss an die junge schwedische Architektur gefunden und in der Folge „eine persönliche, sachliche Formensprache unter Einbeziehung internationaler Tendenzen“ gefunden. Dies äußerte sich in der Suche nach klaren Grundrissen und dem Einsatz neuer Bautechniken. Durch sein Festhalten an klassistischen Prinzipien unterschied er sich von der älteren Generation der nationalromantischen Architekten, „doch erhebt er den Anspruch, dass moderne Architektur eine individuelle Gestaltung aufweisen, materialbewusst gestaltet sein und in nationaler und regionaler Tradition wurzeln müsse.“
In Dänemark galt Herman Munthe-Kaas bereits 1930 als „einer der begabtesten und herausragendsten Vertreter des Funktionalismus in Norwegen.“ Für die gegenwärtige dänische Architekturkritik ist in seinem Werk (bezüglich der Formensprache und Materialauswahl) eine Verwandtschaft mit den dänischen Architekten Vilhelm Lauritzen (1894–1984) und Arne Jacobsen (1902–1971) „deutlich erkennbar“.
Herman Munthe-Kaas als Designer mini|Odd Fellow-gården, 1933 Herman Munthe-Kaas war ein bedeutender Innenarchitekt, Möbeldesigner und Ausstellungsgestalter. Für die Ausstellung Nye hjem (Neue Wohnungen) im Jahr 1920 entwarf er sowohl die Plakate als auch Möbel und Wohnungseinrichtungen. Aufsehen erregte ein Wohnzimmer mit eleganten Möbeln, die von der Norsk Aeroplanfabrik hergestellt wurden und vor weißen Wänden symmetrisch aufgestellt waren. In dieser Zeit wiesen seine Möbel „oft stark vereinfachte, filigrane und elegante Formen auf, die im Klassizismus verwurzelt sind.“
Allmählich verlor Munthe-Kaas’ Design die klassische Prägung und nahm, kubistisch inspiriert, abstraktere Formen an. Auf der Ausstellung Form og Farge (Form und Farbe) stellte er 1924 Sessel (mit und ohne Ohren) aus, die wegen ihrer geometrischen Formen und geraden Linien zum Art déco zu rechnen sind.
Um 1925 beschäftigte sich Munthe-Kaas mit der Gestaltung von Innenräumen durch die Kombination von Architektur, Dekoration und Inventar. Zusammen mit dem Freskenmaler Alf Rolfsen gestaltete er für Form og Farge die sogenannte Große Galerie und die beiden waren 1927 mit der Neugestaltung des Innungssaales des Oslo Håndverks- og Industriforening (Osloer Handwerks- und Industrieverband) betraut.
1929–1933 entwarf Munthe-Kaas verschiedene Stühle, Tische und Betten aus Stahlrohr, die „mit ihrer schlichten Form und ihrem hohen Komfort zu den besten Umsetzungen der Ideen des Funktionalismus im norwegischen Möbeldesign gehören“. Der Folkestol (Volksstuhl, 1929–1930) war „besonders in Architektenkreisen beliebt“, aber auch in vielen öffentlichen und privaten Innenräumen verbreitet. Der bequeme und preiswerte Stuhl bestand aus zwei Rahmen und war rückseitig und auf der Sitzfläche durch Spiralfedern gedämpft.