mini|August Spiess, 1919 August Spiess, auch August Spiess-Spiess (* 6. Januar 1870 in Tuggen oder Amriswil; † 20. März 1945 in Locarno), war ein Schweizer Lehrer, Unternehmer, Politiker und Heimatforscher.
Leben Familie August Spiess wurde in Tuggen als Spross einer alteingesessenen Tuggener Familie geboren, die seit mehreren hundert Jahren in der Gemeinde ansässig war.
August war das älteste Kind von Augustin Spiess (1840–1886), Gastwirt, und dessen Ehefrau Theresia Spiess-Schwarzkopf (1848–1898), die das Gasthaus Hirschen im Dorf Tuggen besassen. Von seinen sieben Geschwistern starben vier im frühesten Kindesalter. Nur vier Söhne überlebten: August, Emilian (1872–1910), Eugen (1878–1923) und Arnold (1880–1947).
Als August 16 Jahre alt war, starb sein Vater 1886 an einem Hirnschlag. Trotzdem erhielt August eine solide Ausbildung. mini|Das Hochzeitspaar Spiess, 1892
Am 12. November 1892 heiratete er 22-jährig die gleichaltrige Maria Josephina (* 1870; † 17. Februar 1956 in Tuggen), die Tochter von Josef Erhard Spiess aus Tuggen.
Seine Enkelin war die spätere Publizistin Lukrezia Seiler, die auch seinen Nachruf in den Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz verfasste.
Ausbildung Spiess besuchte die Primarschule in Tuggen und die Realschule in Uznach. Im Jahr 1886 trat der 16-Jährige in den Vorbereitungskurs des kantonalen Lehrerseminars in Rickenbach ein, mit dem Ziel, als Pädagoge Primarlehrer zu werden.
Lehrertätigkeit (1889–1906) und anschliessendes Engagement Im September 1889 stellte der Regierungsrat des Kantons Schwyz das offizielle Lehrerpatent aus. Kurz darauf trat der 19-jährige August Spiess seine erste Stelle an der Knabenoberschule in Tuggen an, die die vierte bis siebte Klasse umfasste.
Das Pflichtenheft eines Lehrers im ausgehenden 19. Jahrhundert ging weit über den eigentlichen Klassenzimmerunterricht hinaus, wie die Tuggener Schulordnung von 1891 dokumentierte. Neben dem regulären Unterricht war August Spiess vertraglich dazu verpflichtet, den Orgeldienst zu übernehmen, bei öffentlichen Gottesdiensten vorzubeten und den Kirchengesang zu leiten. Eine weitere zentrale Aufgabe bestand in der Leitung der sogenannten „Rekrutenschule“. Dabei handelte es sich um einen obligatorischen Nachunterricht von 30 Stunden für Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit. Hintergrund dieser Einrichtung waren die 1875 eingeführten eidgenössischen Rekrutenprüfungen, bei denen angehende Soldaten landesweit in Lesen, Aufsatz, Rechnen und Vaterlandskunde getestet wurden. Da die Resultate der Tuggener Absolventen anfangs auf den hinteren Plätzen lagen, steuerte die Gemeinde mit dieser Nachschule gegen. mini|August Spiess, um 1900 Die amtlichen Prüfungsstatistiken des Kantons Schwyz verzeichnen unter der Leitung von Spiess eine kontinuierliche Veränderung der Rangierung: Belegte die Gemeinde Tuggen im Jahr 1889 noch den sechsten Rang unter den Schwyzer Gemeinden, rückte sie 1890 auf den zweiten Rang vor und erreichte im Jahr 1900 den ersten Platz der kantonalen Statistik. Sowohl Schulinspektor Fuchs als auch der Schwyzer Landammann Johann Anton Winet (1828–1905) hielten in ihren behördlichen Berichten positive Beurteilungen über die Amtsführung und die pädagogische Arbeit des Lehrers fest. Diese offizielle Anerkennung durch hochrangige Kantonsvertreter unterstrich die damalige Bedeutung einer stabilen ländlichen Schulbildung für die kantonale Verwaltung.
Neben seiner pädagogischen Tätigkeit bildete die Musik einen weiteren Schwerpunkt im Wirken von August Spiess innerhalb der Gemeinde. Seine Aufgaben als Organist und als Leiter des lokalen Kirchenchors Cäcilienvereins prägten die musikalische Gestaltung der Gottesdienste an den Sonn- und Festtagen. mini|Die Lehrerfamilie Spiess, um 1895 Das Jahr 1892 markierte für die Gemeinde Tuggen einen baulichen und administrativen Meilenstein, der eng mit dem Lebensweg von August Spiess verknüpft war. In den ersten Jahren seiner dortigen Lehrtätigkeit entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche das neue Schulhaus Dorfhalden. Der junge Lehrer war aktiv in die Entstehungsphase eingebunden und brachte eigene Ideen sowie Planskizzen in die Bauplanung ein. Das für die damaligen ländlichen Verhältnisse gross dimensionierte Gebäude vereinte verschiedene öffentliche Funktionen unter einem Dach. Es beherbergte vier Klassenzimmer, eine Turnhalle, eine Amtsstube, Dienstwohnungen für das weltliche Lehrpersonal und die Ordensschwestern, die als Lehrschwestern tätig waren, sowie das kommunale Arrestlokal.
Mit der Eröffnung des Schulhauses im Jahr 1892 bezog Spiess eine der integrierten Lehrerwohnungen. Dies schuf die räumliche Grundlage für seine im selben Jahr geschlossene Ehe mit Maria Josephina Spiess.
Sein gesellschaftliches Engagement weitete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch auf die kantonale und nationale Ebene aus, als die soziale Absicherung von Staatsangestellten in der Schweiz zunehmend an Bedeutung gewann. Im Jahr 1904 wählten die Mitglieder des Katholischen Lehrervereins August Spiess zum Zentralkassier des Verbandes. In dieser Funktion engagierte er sich für die wirtschaftliche Absicherung der Lehrerschaft. Er setzte sich auf Verbandsebene für die Gründung einer Wohlfahrtskasse sowie für die Revision der bestehenden Pensionskasse ein. Anlässlich einer Delegiertenversammlung in St. Gallen warb Spiess im Rahmen eines Referats erfolgreich für die Einführung einer Wohlfahrtskasse im Kanton Schwyz.
Das Jahr 1906 brachte eine Zäsur in der Biografie von August Spiess, als er nach 17 Dienstjahren den Staatsdienst und das Schulwesen verliess. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Schweizer Wirtschaft inmitten eines tiefgreifenden Strukturwandels, bei dem die Textilbranche und vor allem die Stickereiindustrie eine starke Hochkonjunktur erlebten. Sein Ausscheiden stiess bei den kantonalen und kommunalen Aufsichtsbehörden auf Bedauern, da der Verlust seiner pädagogischen und administrativen Erfahrung für die Schule spürbar war.Spiess entschied sich jedoch bewusst für den Wechsel in den privaten Wirtschaftssektor, um am damaligen Aufschwung der florierenden Stickereibranche teilzuhaben.
Trotz seines Wechsels in die Privatwirtschaft blieb August Spiess über Jahrzehnte hinweg ein prägender Akteur im Bildungswesen der Region, was sich vornehmlich während der politisch und wirtschaftlich unruhigen Phase des Ersten Weltkriegs und der frühen Zwischenkriegszeit zeigte. Im Jahr 1914 übernahm er das Amt eines Schulrats in Tuggen, das er bis 1926 ausführte. Parallel dazu weitete er seine Tätigkeit auf die Bezirksebene aus: Von 1906 bis 1916 gehörte er dem Bezirksschulrat an und übernahm von 1917 bis 1926 dessen Präsidium. In dieser Funktion lag ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit auf der strukturellen Entwicklung der Bezirksschule Lachen. Im Jahr 1918, als die Schule aufgrund personeller Engpässe nur noch eine einzige Lehrkraft für drei Klassen beschäftigte, leitete Spiess Massnahmen zur personellen Erweiterung ein. Er plädierte für die Anstellung einer zweiten Lehrkraft und schlug hierfür einen Geistlichen vor. Das strategische Ziel dieses Vorhabens bestand darin, das Fach Latein wieder fest im Lehrplan zu verankern und die Institution mittelfristig zu einem Progymnasium auszubauen, um den lokalen Schülern den Zugang zu höherer Bildung zu erleichtern.
Eine langjährige Konstante seiner bildungspolitischen Arbeit bildete seine 27-jährige Mitgliedschaft in der Seminardirektion des kantonalen Lehrerseminars. In diesem Gremium begleitete August Spiess über mehr als zweieinhalb Jahrzehnte hinweg die strategische Ausrichtung der Institution, an der er einst selbst ausgebildet worden war. Seine Beteiligung an den Entscheidungsprozessen und der Ausarbeitung von Lehrplänen prägte die administrative und konzeptionelle Entwicklung der Lehranstalt massgeblich. Durch diese langfristige Tätigkeit im kantonalen Aufsichtsorgan nahm er über seine Amtszeit als Lehrer hinaus direkten Einfluss auf die Ausbildung nachfolgender Lehrergenerationen im Kanton Schwyz.
Sein bildungspolitisches Engagement fand ab 1912 auch auf parlamentarischer Ebene eine Fortsetzung, als August Spiess in den Schwyzer Kantonsrat gewählt wurde, dem er bis 1928 angehörte. In dieser Phase, die von den wirtschaftlichen Verwerfungen des Ersten Weltkriegs und der nachfolgenden Inflation geprägt war, bildete die materielle Absicherung der Lehrerschaft einen Schwerpunkt seiner parlamentarischen Arbeit. Spiess forderte in den Debatten regelmässig Anpassungen der Grundgehälter, die Einführung von Alterszulagen sowie die Gewährung von Teuerungszulagen und setzte sich zudem für die Modernisierung der schulischen Lehrmittel ein. Als das Parlament im Jahr 1918 über die Gewährung einer Kriegsteuerungszulage beriet, lehnte er in seinem Votum eine Behandlung der Staatsangestellten als Bittsteller ab und forderte stattdessen eine gesetzlich verankerte Unterstützung. Diese politischen Debatten mündeten schliesslich in das neue Besoldungsgesetz von 1919. Das Gesetz legte die jährlichen Mindestlöhne für Primarlehrer im Kanton Schwyz auf 3.000 Franken fest, während für Lehrerinnen ein gesetzlicher Mindestsatz von 2.000 Franken beschlossen wurde. Als zusätzlicher Gehaltsbestandteil wurde den Lehrkräften die unentgeltliche Nutzung einer Dienstwohnung gesetzlich garantiert.
Stickereifabrikant (1905–1920er Jahre) Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Ostschweiz zu einem weltweiten Zentrum der Textilproduktion, angetrieben durch eine internationale Modewelle, die stark auf textile Verzierungen setzte. Spitzen, Bänder und feine Weissstickereien gehörten im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den gefragtesten Artikeln des globalen Modemarktes. Bis zum Jahr 1910 stieg die Stickerei zum volumengrössten Exportprodukt der gesamten Schweizer Volkswirtschaft auf. Die Dimension dieser Industrie zeigte sich auch in den Beschäftigtenzahlen: Im Jahr 1905 stellte die Stickereibranche in den Kantonen St. Gallen, Appenzell und Thurgau rund ein Drittel aller industriellen Arbeitsplätze.
Dieser wirtschaftliche Aufschwung erfasste zeitgleich auch angrenzende Regionen wie den Bezirk March. Angeregt durch den anhaltenden Exporterfolg der Ostschweizer Textilzentren investierten lokale Unternehmer in neue Produktionsstätten. In den Ortschaften Schübelbach, Tuggen, Reichenburg, Siebnen und Lachen entstanden in dieser Phase Fabrikneubauten, die das wirtschaftliche Gefüge der Region grundlegend veränderten und neue Beschäftigungsmöglichkeiten abseits der Landwirtschaft schufen. mini|Reglement der Schifflistickerei A. & E. Spiess, Tuggen, 1906 Am 1. Dezember 1905 gründete August Spiess gemeinsam mit seinem Schwager Erhard Spiess (1869–1939) das Textilunternehmen "Schifflistickerei A. & E. Spiess". Die Betriebsgründung fiel in die Phase der wirtschaftlichen Hochkonjunktur der Schweizer Stickereibranche (siehe Schifflistickmaschine). Die Wege der beiden Gründer trennten sich im Jahr 1912; fortan widmete sich jeder von ihnen dem Betrieb einer eigenen Schifflistickerei.
Ende Mai 1915 erschien die Zeitschrift Schifflistickerei des Verbandes schweizerischer Lohnschifflimaschinenbesitzer erstmalig im Verlag E. Gmünder-Zahner in Herisau. Sie sollte den Zusammenhalt unter den Besitzern von Schifflimaschinen stärken. Die Redaktion übernahm vorläufig Fabrikbesitzer August Spiess in Tuggen.
Im Jahr 1916 war August Spiess als Zentralpräsident des Verbandes schweizerischer Schifflilohnstickereibesitzer aktiv.
Aufgrund der langanhaltenden Strukturkrise der Schweizer Stickereiindustrie nach dem Ersten Weltkrieg mussten beide Stickereifirmen Ende der 1920er-Jahre liquidiert werden. mini|Das Trautheim in Tuggen, um 1920. Im Vordergrund stehen August Spiess und sein Sohn Edmund vor ihrem Heim und Auto