Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzivâl ist das Hauptwerk des Schweizer Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Adolf Muschg (* 1934). Der 1000-seitige Monumentalroman wurde 1993 veröffentlicht und ist eine moderne Interpretation des Parzival-Epos von Wolfram von Eschenbach aus dem frühen 13. Jahrhundert. Sowohl im mittelalterlichen Vorbild als auch in Muschgs Werk geht es um den exemplarischen Reifungsprozess des jungen Mannes Parzivâl () als Ritter und Erlöser. Während Wolframs Parzival als Rollenträger dargestellt wird, tritt Muschgs Hauptfigur als Individuum mit psychologischen Facetten und Ambivalenzen auf. Die Idee der Erlösung durch das Aufspüren des Heiligen Grals, die im Original eine tragende Rolle spielt, löst Muschg postmodern durch dessen Verschwinden und damit dem Ende des Glücksversprechens auf.
Wie in Wolframs höfischem Epos erzählt Adolf Muschg die Geschichte des naiven Jünglings oder gar Dümmlings Parzivâl, der hinaus in die Welt zieht, um diese zu entdecken und sich schließlich selbst zu erkennen, parallel zu Episoden des Ritters Gâwân auf der Suche nach Liebe. Muschg beschreibt diese hindernis- und erkenntnisreichen Stationen nicht nur durch die Entwicklung des Bewusstseins der Helden, sondern verbindet zugleich das ritterliche Mittelalter mit der bürgerlichen Moderne. Muschg arbeitete mit einer Fülle von intertextuellen Bezügen und wählte einen anderen Erzählstil als die mittelhochdeutschen Epiker Wolfram (Parzival, Titurel, Willehalm), Hartmann von Aue (Erec und Iwein), Gottfried von Straßburg (Tristan), Heinrich von Veldeke (Eneasroman) und das Nibelungenlied.
Entstehungsgeschichte Adolf Muschg nannte die 1983 erschienene „genußreiche Übertragung“ des mittelhochdeutschen Parzival von Wolfram in neuhochdeutsche Verse durch Dieter Kühn eine „kongeniale Nachschöpfung“. Kühn übernahm das metrische Schema Wolframs, verzichtete aber auf Reimung, wenn sie sich nicht zwanglos anbot. Muschg bewertete Kühns Nachdichtung als „natürlich, ohne gefällig zu wirken“. Es stelle sich die Frage, warum „wir uns diese kraftvollen Figuren Wolframs so lange entgehen ließen“.
Adolf Muschg hielt Wolfram für einen „Spielmeister der ganz großen humanen Komposition“ und dessen Parzival für „eines der bedeutendsten Werke unserer und aller Literatur“. Er begann seine Arbeit an Parzival mit einem Referat, das er 1953 in Max Wehrlis Parzival-Seminar mit dem Titel „Parzival und die Minne“ gehalten hatte. Dort hatte er dargelegt, wie Wolfram von Eschenbach die Farbkontraste rot/weiß für die Minne sowie schwarz/weiß für das Gralsthema gezielt als Strukturelemente einsetzte. Das Parzival-Thema ließ ihn nie wieder los. Vor der Veröffentlichung 1993 arbeitete er „ganz überwiegend zehn Jahre“ an seinem Hauptwerk, wie Dokumente aus seinem Bestand im Schweizerischen Literaturarchiv belegen und er selbst bekundete.
Zu seiner Faszination an Wolframs Parzival-Epos schrieb Muschg: „Das Buch sah in meinen Augen wie eine Wegkarte aus, nach der ich eines Tage gehen mußte, um ins Zentrum der Welt zu gelangen. Daß sie sich nicht dafür eignete, mußte ich erfahren, als ich den darin verzeichneten Marken nachreiste; je weg-weisender sie mir erschienen, desto tiefer führten sie ins Dunkel.“ Er habe sich darin „einen Vers auf Gott und die Welt, Körper und Therapie, das rechte und das unrechte Leben“ gemacht und seine „persönliche Überzeugung zum besten“ gegeben. Weiter schrieb er: „Ich bekam von Wolframs Vorlage nicht heraus, was ich von ihr (etwa als Germanist) schon wissen konnte, und ebenso wenig, was ich über mich selbst schon zu wissen glaubte. […] Im Grund stand ich selbst immer wieder als Dümmling vor dem Roman-Personal: es schien sich für meine idées fixes nichts zu erwärmen, hatte, im Gegenteil, seine Freude daran, […] meines vermeintlichen Vorwissens zu spotten. Dafür habe ich, Wolfram nach-erzählend, Dinge erfahren, auf die ich im intimsten Tagebuch nicht gekommen wäre.“ Konkret bezog er sich im Privaten auf eine „schmerzhafte Lebenswende, die Verlustanzeige einer Ehe, den Versuch einer neuen Bindung“, sowie im Öffentlichen u. a. auf „die nachhaltige Desillusion politischer Wunschbilder, der Entzivilisierung des allgemeinen Lebensstils bei galoppierendem Schwund der ökologischen Lebensgrundlagen“.
Muschg macht dem Leser von Anfang an klar, dass es sich nicht um eine authentische Fabel handelt, sondern um „eine Geschichte unter anderen“. Seine Auseinandersetzung mit dem mittelalterlichen Gralsroman enthülle sich als spielerische Auseinandersetzung mit dem Spiel: „Heißt mit dem Spiele spielen“ (wie im Motto am Anfang des Epos aus Nathan der Weise zitiert). Über sein Schaffen resümierte er 1993:
Der Rote Ritter ist seinen Kindern Konrad, Philipp und Benjamin gewidmet.
Aufbau mini|305x305px|Vorlage für das Titelblatt aus dem Stundenbuch des Engelbert von Nassau, um 1470 Das Titelblatt des Werks verwendet eine humoristische Darstellung einer Turnierszene aus dem Stundenbuch des Engelbert von Nassau.
Das Epos beginnt mit „Pst“ (der leise Ruf Schiônatulanders an Sigûne) und endet mit „Pst“ (das Gebot Condwîr âmûrs’ an Parzivâl, das Geheimnis zu bewahren). Es ist streng gegliedert in vier Bücher mit jeweils 25 Kapiteln auf ca. 245 Seiten. Damit greift Muschg die 25.000 paarweise gereimten Verse von Wolframs Original auf.
Handlung Die äußere Handlung und der Ablauf des Epos entspricht (mit Ausnahme des Endes) Wolframs Original und beschreibt die hindernisreiche Entwicklung eines naiven jungen Mannes auf der Suche nach dem Grâl (bzw. dem Glück) als seiner Lebensaufgabe. Muschg verbindet die mittelalterliche Gralsmythologie mit moderner Sinnsuche und spart nicht mit Anspielungen auf neuzeitliche Erkenntnisse und Umstände im Sinn einer „modernen Interpretation des mittelalterlichen Parzivals“ als „Vorwand für die Schöpfung eines ganz neuen interkontextuellen Universums“.
Muschg erwähnt die Vorgeschichte von Gahmurets Ritterfahrten und Heirat Belakânes, der Königin von Zazamanc, nur am Rande und springt mitten ins Geschehen des Turniers von Kanvoleis. Er reichert die Episoden des Liebespaars Sigûne und Schiônatulander mit Inhalten von Wolframs Titurel an.
Buch I („Niederkunft“) beschreibt zunächst das Werben der Ritter um Herzeloyde, der jungfräulichen Witwe des Castis von Wâleis, im Turnier von Kanvoleis. Gahmuret, der unbekannte Heide aus dem Morgenland, setzt den Favoriten Lähelîn bereits im Vorkampf, der „lustigen Bûhurt“, hinters Pferd. Herzeloyde erklärt Gahmuret vorzeitig zum Sieger und damit zum Herrscher über Wâleis. Dann folgt die ausführliche Beschreibung der Hochzeitsnacht und der Zeugung Parzivâls. Der jugendlich ungestüme Gâwân, Neffe des Königs Artûs, will Gahmuret herausfordern, gibt sich aber stattdessen mit der Ausbildung zum Ritter bei Gurnemanz zufrieden. Gahmurets reist nach Anschouwe ab, um das Erbe seines Bruders anzutreten. Über diverse Episoden endet das Buch mit der Geburt Parzivâls. (Wolfram: Buch I bis III)
Buch II („Auszug“) umfasst die streng abgeschottete Kindheit und Jugend Parzivâls, den seine Mutter nur das „Liebesüßegutekind“ und „Dusüßerlieber“ nennt, in der Eremitage Soltâne. Als er eines Tages einen ihm gottgleich scheinenden Ritter sieht und ihm nachstreben will, lässt Herzeloyde den unwissenden Sohn nur im Narrenkleid und vielerlei Ermahnungen in die Welt ziehen. Erst von seiner Tante Sigûne erfährt er seinen Namen Parzivâl. Mit seiner lächerlichen Ausstattung hat er seinen ersten belachten Auftritt am Artûshof. Mit einer Saufeder (Gabilôt) schlägt er den Ritter Îther tot, um dessen rote Rüstung und Pferd zu erobern. Es folgt die ritterliche Ausbildung des „Roten Ritters“ bei Gurnemanz, der ihn beiläufig über den Vater Gahmuret aufklärt. Schließlich befreit Parzivâl die belagerte und ausgehungerte Stadt Pelrapeire und vermählt sich mit der Herrin von Brôbarz, Condwîrs âmûrs, die ihn zur Liebe hinführt. (Wolfram: Buch IV und V)
Buch III („Engführung“) beschreibt, wie sich Parzivâl auf die Gralsburg Munsalvaesche verirrt und versagt, die entscheidende Frage zu stellen. Beim zweiten Besuch des Artushofs wird er in die Tafelrunde aufgenommen und muss den Fluch der Grâlsbotin Kundry über sich ergehen lassen. Parzivâl verleugnet seine Identität als Artûsritter, zieht Sack statt Rüstung an und verkleidet sich mit Perücke und falschem Bart. So, in der Rolle des Knechts, begleitet er Gâwân inkognito als „Blaues Wunder“ bei seinen Abenteuern in fernen Länder und rettet ihn mehrmals aus gefährlichen Situationen. Er verlässt Gâwân, um dessen Brief an seine Erzieherin Ginvover, Artûs Frau, zu überbringen.Am Artûshof zieht er erneut seine rote Rüstung an, um die „Wunde beim Grâl zu verschließen“. Beim Einsiedler Trevrizent, dem Bruder des Grâlskönigs Anfortas, hört Parzivâl die Predigt der sieben Todsünden und erfährt, dass sich der Grâl weder suchen noch finden lässt. Trevrizent bringt ihm das – für Ritter ungewöhnliche – Lesen bei mit der Begründung: „Wer nicht lesen kann, junger Herr, dem schreiben die Pfaffen ihre Todsünden vor!“Schließlich besteht Gâwân die Herausforderung auf dem Zauberbett Lîtmarveile und befreit die in Klinschors Zauberburg Schastelmarveile gefangenen Frauen. Das Buch endet mit dem fast tödlichen Zweikampf zwischen Gâwân und Parzivâl, den er für seinen (und Orgelûses) Widersacher Gramovlanz hält. (Wolfram: Buch VI bis XIV)
Buch IV („Die Krone“) beginnt mit den Vorbereitungen des Zweikampfs zwischen dem schwer verwundeten Gâwân und dem berüchtigten Ritter Gramovlanz, den Orgelûse für den Tod ihres Mannes Cidegast von Lôgroys bestrafen will. Doch ein stundenlanger unentschiedener Kampf zwischen Parzivâl und dem ihm unbekannten Feirefîz, seinem „schwarz-weiß gefleckten“ Halbbruder, verändert den Lauf der Geschichte und verhindert Gâwâns Zweikampf mit dem „Totschläger“ Gramovlanz.Die Grâlsbotin Kundry verkündet die Berufung Parzivâls zum Grâlskönig. Parzivâl betritt mit Feirefîz und einigen Vertrauten das lange verschlossene Munsalvaesche und erlöst Anfortas mit den Worten „Oheim, was tut dir weh?“ Er sieht den Grâl, der ihm unverständlich deutet „Well done“ und „That’s it“.Parzivâl sucht und findet Condwîrs âmûrs und seine Söhne Kardeiz und Loherangrîn in Begleitung Lähelîns, der sich zum Fürsten über viele Länder erhoben hat.Parzivâl leidet unter der Verantwortung als Herrscher über das unwohnliche Munsalvaesche, wo die Gralsjungfrauen ihr Leben einzeln in finsteren Zellen verbringen und sie nur zur wöchentlichen Zeremonie des Gralspräsentation verlassen. Der Heide Feirefîz lässt sich taufen, um die Gralsträgerin Repanse de Schoye für sich zu gewinnen. Der Grâl aber, als er erneut gezeigt wird, schweigt und beschert keine üppigen Speisen mehr. Er verschwindet ebenso spurlos wie Munsalvaesche. Feirefîz macht sich mit Repanse de Schoye und großem Gefolge auf in Richtung Osten, Parzivâl zieht mit seiner Familie über den Artûshof nach Kanvoleis.
Am Ende des Werks folgt ein umfangreiches Namensregister mit einer kurzen Charakterisierung der handelnden Personen (inkl. Index) und das Inhaltsverzeichnis der 100 Kapitel. Das letzte Kapitel (IV.25 „Der Leser: Worin die Hauptperson dieses Buches ihr Geheimnis verrät und das Hundert voll macht“) ist leer und wird nur mit Seitenzahl „hic et ubique“, also „hier und überall“, angegeben. So übergibt Muschg die Hauptrolle des Erzählers dem Leser, der „gerade einen bedeutenden Prozess der literarischen Verinnerlichung abgeschlossen hat“, um die Fabel weiter zu schreiben.
Muschgs Erzählstil