Lise Lesèvre, geborene Elisa Marie Louise Bogatto (* 16. Januar 1901 in Domène, Département Isère; gestorben 13. September 1992 in Paris) war eine jüdische französische Widerstandskämpferin während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg und 1987 eine prominente Zeugin der Anklage im Prozess gegen Klaus Barbie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Leben Lesèvre war die Tochter jüdischer Eltern. Im Alter von 18 Jahren heiratete sie in Grenoble den Christen Georges Lesèvre, woraufhin sich die Familie in Lyon niederließ. Sie hatten zwei Söhne, der jüngere, Jean-Pierre Lesèvre, wurde 1927 geboren.

Im Jahr 1941, nach der deutschen Besetzung Frankreichs, schloss sich Lesèvre zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn der französischen Résistance an. Unter dem Decknamen „Severane“ bestand ihre Hauptaufgabe darin, antinazistische Schriften zu drucken und Nachrichten der Résistance zu transportieren sowie neue Mitglieder für die Résistance zu gewinnen und auszubilden.

Im Zeitraum von März bis April 1943 mobilisierten sich Studenten in Frankreich gegen den Service du travail obligatoire (STO), die Zwangseinberufung und Deportation von französischen Arbeitern zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich. An der Universität Lyon wurde der Protest von einem übergreifenden Komitee von Widerstandskämpfern organisiert, teils mit christlichem Hintergrund, darunter Georges Lesèvre, teils aus den Reihen der Kommunisten.

Am 13. März 1944 wurde Lesèvre am Bahnhof Lyon-Perrache von der Gestapo festgenommen, während sie eine Nachricht für ein führendes Mitglied der Résistance mit dem Decknamen „Didier“ transportierte. Am nächsten Tag wurden auch ihr Ehemann und der 16-jährige Jean-Pierre verhaftet.

Sie wurde in die von der Gestapo beschlagnahmte Militärklinik der französischen Streitkräfte in Lyon-Bron (École du service de santé des armées de Lyon-Bron) gebracht, wo sie vom Lyoner Gestapo-Leiter Obersturmführer Klaus Barbie persönlich verhört und gefoltert wurde. Sie wurde an Handschellen mit Stacheln aufgehängt, in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser getaucht und mit einem Stachelball auf den Rücken geschlagen, eine Folter, die ihr schließlich einen Wirbel brach. Trotz der 19 Tage andauernden, intensiven Folter verriet sie keine Namen und wurde von einem deutschen Militärgericht wegen „Terrorismus“ zum Tode verurteilt. Die Gestapo steckte sie versehentlich in die falsche Zelle, und statt hingerichtet zu werden, wurde sie ins KZ Ravensbrück deportiert. Anschließend wurde sie in das KZ-Außenlager HASAG Leipzig verlegt und in der Produktion von Panzer- und Fliegerfäusten eingesetzt.

Lesèvres Ehemann und ihr jüngster Sohn wurden nach ihren Verhören in das KZ Dachau beziehungsweise auf den ehemaligen Transatlantikliner Cap Arcona gebracht, der als Gefängnis diente und in der Lübecker Bucht vor Anker lag. Der Sohn kam ums Leben, als das Schiff bei einem Luftangriff am 3. Mai 1945 getroffen wurde, während Georges Lesèvre im April 1945 in Dachau an Typhus starb, kurz bevor das Lager von amerikanischen Truppen befreit wurde.

Lesèvre überlebte den Holocaust und wurde 1946 zusammen mit ihrem Ehemann, der die Auszeichnung posthum erhielt, mit der Médaille de la Résistance ausgezeichnet. Im entsprechenden Dekret vom 24. April 1946 wird sie als „Elisabeth Lesèvre, alias Mme Severane“ geführt.

1983 wurde der nach Bolivien geflüchtete Klaus Barbie nach dem Sturz der dortigen Militärdiktatur und der Neuwahl einer demokratischen Regierung unter Hernán Siles Zuazo in La Paz festgenommen und nach Frankreich ausgeliefert.

Der Prozess gegen Barbie begann am 11. Mai 1987 in Lyon vor dem Cour d’assises des Departements Rhône. Lesèvre gehörte zu den Zeugen, die von Staatsanwalt Pierre Truche vorgeladen wurden. In ihrer Zeugenaussage berichtete sie ausführlich über die Folter, die sie durch Barbie erlitten hatte, und identifizierte ihn vor Gericht. Sie schilderte das „grenzenlose Vergnügen“, das Barbie, ein „lupenreiner Sadist“ (sadique à l’état pur), bei der Folter seiner Gefangenen gezeigt habe. Serge Klarsfeld berichtete Jahre später über eine Aufzeichnung von Barbies Anwalt Jacques Vergès, laut der Barbie die Aussage mit den Worten kommentiert habe: „Mit 80 [Jahren] hat sie nichts Besseres zu tun, als sich auf ihren Krücken vor die Kameras zu schleppen? Wenn man gelitten hat, bleibt man zu Hause und schweigt.“ Das Gericht verurteilte Barbie am 4. Juli 1987 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Lesèvre starb 1992, ein Jahr nach Barbie, im Alter von 91 Jahren. Sie wurde auf dem Cimetière du Père-Lachaise im 20. Arrondissement von Paris beigesetzt.

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Résistancekämpfer Kategorie:Person des Judentums (Frankreich) Kategorie:Person des jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus Kategorie:Zum Tode verurteilte Person (NS-Opfer) Kategorie:Häftling im KZ Ravensbrück Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Folteropfer Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1901 Kategorie:Gestorben 1992 Kategorie:Frau