mini|hochkant|Wehmeyer-Gedenkstein im Schlosspark Gotha (2011)
Christian Heinrich Wehmeyer (geboren 23. März 1729 in Gotha; gestorben 16. September 1813 ebd.) war seit 1772 herzoglicher Gärtner, später Obergärtner des Schlossparks Gotha. In der Gothaer Dependance des Illuminatenordens (Minervalkirche Syracus) hatte Wehmeyer das Amt eines Zeremonienmeisters.
Leben Familiärer Hintergrund und Ausbildung mini|Herzogliche Residenz Schloss Friedenstein und Stadt Gotha (1730)
Christian Heinrich Wehmeyer stammte aus einer evangelisch-lutherischen Familie. Er wurde am 23. März 1729 als ältester Sohn Christian Andreas Wehmeyers (1697–1783Robert Cotter: John Cennick in Germany: His Marienborn Diary, 1745–1746. In: Journal of Moravian History, Band 21 (2021), S. 60–102, hier S. 94.) in Gotha geboren. Sein Vater stand als „Kunstgärtner“ in Diensten des Obristen Geißmar. Bei der Taufe in der Schlosskirche Gotha traten Paten auf, die aus dem gehobenen Gothaer Bürgertum stammten und Verbindungen zum Hof hatten.Elisabeth Dobritzsch: Christian Heinrich Wehmeyer – Gärtner dreier Herzöge, 2008, S. 152.
Da die Familie unvermögend war, versprach der Gothaer Generalsuperintendent Johann Benjamin Huhn (1681–1744), ein Stipendium für Schule und Universität zu vermitteln. Er nahm den Jungen in seinen Haushalt auf. Unterdessen hatte sich der Vater um 1740 der Herrnhuter Brüdergemeine angeschlossen und wollte den Jungen nach Herrnhuter Grundsätzen erziehen; „dieses war recht Vätterlich gut gemeynet, aber gar nicht nach meinen Geschmack, meine sache war nichts weniger als Kopfhengen.“Christian Heinrich Wehmeyer: Autobiographisches für den Illuminatenorden Er musste die Schule abbrechen und zog wieder zu seinem Vater, der von dem pietistischen Hofprediger Johann Georg Brückner unterstützt wurde.
Der 12-jährige Junge beschloss nun, sich dem Herrnhuter Einfluss zu entziehen und nach Holland zu wandern, dem damaligen Zentrum des Gartenbaus. Der Vater gab schließlich seine Einwilligung. In Frankfurt wurde Wehmeyer vom Kammerdiener des Grafen Johann Erdmann von Promnitz wiedererkannt, der ihm kurz zuvor 1740 auf der Weltsynode der Herrnhuter Brüdergemeine im Gasthaus Zum Mohren in Gotha begegnet war. Von Promnitz gab den Jungen einem nach Amsterdam reisenden Herrnhuter als Begleitung mit und stattete ihn mit Empfehlungsbriefen an einen Herrn von Beining aus. In Amsterdam hätte Wehmeyer Gelegenheit gehabt, in einem Kontor zu arbeiten. Da er aber die Gärtnerei lernen wollte, wurde er nach Leiden geschickt und dort in der Gärtnerei angestellt. Er war allerdings nach eigenen Angaben für eine andere Verwendung vorgesehen und durfte „Physicalische, anadomische und Geometrische colegiæ“ mit seinem jungen Herrn besuchen. Als Diener begleitete er letzteren auf einer Bildungsreise durch „England, Frankreich, durch die Schweiz in das Reich nach Sachsen nach den Preußischen Landen durch Pohlen nach Rußland und dann nach Hamburg und wieder nach Hauße“, doch die vage Hoffnung Wehmeyers auf eine Stelle als Gärtner in Übersee bei der Niederländischen Ostindien-Kompanie zerschlug sich. Nach Unstimmigkeiten bei der Abrechnung der Reisekosten quittierte Wehmeyer seinen Dienst.
Unterdessen war Wehmeyers Mutter gestorben und der Vater wohnte in der Herrnhuter Niederlassung Marienborn in der Wetterau.Vgl. Robert Cotter: John Cennick in Germany: His Marienborn Diary, 1745–1746. In: Journal of Moravian History, Band 21 (2021), S. 60–102, hier S. 94: Marienborn, 4. März 1746. “A Sister, the wife of Brother Wehmeir was buried here — Her husband and 3 sons alone followed the corpse — all the other Brethren stayed near the House and sang Hymns.” Dort traf Wehmeyer wieder mit ihm zusammen. Da er weiter kein Interesse an pietistischer Frömmigkeit hatte, fühlte er sich in Marienborn unwohl. In Frankfurt begegnete er Gustav Adolf von Gotter (1692–1762), der seinen Vater kannte und ihm anbot, in seinen Dienst zu treten; er hätte beim Schloss Molsdorf „selbst einen schönen Garten, da könnte ich nebst der Schreiberey die ich haben solte, auch in Garten seyn, wenn ich wolte, wir wurden unter vielen versprechungen einig und ich nahm seine Dienste an; allein ich habe bey diesem Manne mangerley erfahren ...“ Wehmeyer suchte nach einer Möglichkeit, von Molsdorf wegzukommen. Er war für einen Gärtner-Lehrjungen schon relativ alt und würde drei Jahre ohne Einkommen leben, dazu noch Lehrgeld zahlen müssen. Zwischenzeitlich arbeitete er beim Hofgärtner August Andreas Eichhoff senior in Ichtershausen,Elisabeth Dobritzsch: Christian Heinrich Wehmeyer – Gärtner dreier Herzöge, 2008, S. 153. der ihm aber auch keine Perspektive bieten konnte. Beinahe wäre er als Soldat „an die Preußen verkauft“ worden.
1750/51 war Wehmeyer in Diensten der Fürstin Auguste Dorothea geborene von Braunschweig-Wolfenbüttel (1666–1751), die ihre Witwenjahre auf Schloss Augustenburg in Arnstadt verbrachte. Als die Fürstin hochbetagt starb, bot der dortige Hofgärtner Johann David Timm Wehmeyer an, die Lehrzeit bis zur Freisprechung bei ihm zu absolvieren, was auch geschah. Timm hatte dem Käufer von Schloss Molsdorf, Heinrich Günther Reinhard von Röder, zugesagt, dass Wehmeyer nach der Lossprechung (um 1753) als Gärtner in seinen Dienst treten würde. So musste Wehmeyer bessere Angebote ausschlagen.
Molsdorf mini|Schloss und Schlosspark Molsdorf nach 1734 mini|Schloss und Schlosspark Molsdorf 1831
Zur Schlossanlage von Molsdorf gehörte ein Barockgarten, den Gotter nach seinen Vorstellungen hatte gestalten lassen; er behielt auch nach dem Verkauf an Röder (1748) lebenslanges Wohnrecht. „Wehmeyer diente zwei Herren, die aufgrund der Dienstverpflichtungen Röders in Württemberg und Gotters in Preußen von fern hineinregierten. Gotter, der im ‚Ringen um die Macht‘ auf dem Gut die Oberhand bekam, stellte keine Mittel für den Unterhalt des Personals und des Objektes mehr zur Verfügung und hielt sich überdies an den schmalen Wirtschaftserträgen schadlos.“ Erst recht schwierig wurde die Situation in Molsdorf 1756 mit Beginn des Siebenjährigen Krieges.
Wehmeyer hatte sich verlobt mit Maria Apolonia König, einer Tochter des Hof- und Wundbaders Johann Michael König, der in Diensten des Fürsten von Oettingen stand. Er verließ Molsdorf und trat als Schlossgärtner in Seebach in den Dienst von Gottlob Erdmann von Berlepsch. Dort heiratete das Paar am 29. Oktober 1758.Elisabeth Dobritzsch: Christian Heinrich Wehmeyer – Gärtner dreier Herzöge, 2008, S. 153 f. Die vier Jahre in Seebach waren für Wehmeyer durch Truppeneinquartierungen geprägt.
Nach Gotters und Röders Tod ging Molsdorf in den Besitz des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg über. Wehmeyer nutzte die Chance, sich auf die Gärtnerstelle in Molsdorf zu bewerben, die er dank der Protektion des Oberhofmarschalls Hans Adam von Studnitz auch bekam.Elisabeth Dobritzsch: Christian Heinrich Wehmeyer – Gärtner dreier Herzöge, 2008, S. 154 f. Von 1761 bis 1772 arbeitete Wehmeyer wieder als Gärtner in Molsdorf. Seine Tätigkeit war hauptsächlich durch die überfällige Restaurierung der Anlage nach 1762 geprägt. Das Schlossgebäude war baufällig. In die Planungen war der Hofgärtner Wehmeyer insofern einbezogen, als er durch geschickte Gestaltung des Gartens „die irregulaire Gestaltung des Schlosses“ möglichst kaschieren sollte.Günter Thimm, Dietger Hagner: Der Schlosspark Molsdorf. In: Doris Fischer (Hrsg.): Paradiese der Gartenkunst in Thüringen: Historische Gartenanlagen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. 2. Auflage. Schnell+Steiner, Regensburg 2021, S. 125–141, hier S. 132.
In Molsdorf bestand bereits seit 1741 eine Freimaurerloge, die als Vorgängerin der Gothaer Loge angesehen wird. Vermutlich war Wehmeyer Mitglied.Michael Niedermeier: Freimaurer und Geheimbünde in den frühen Landschaftsgärten der Aufklärung, Würzburg 2010, S. 158.
Gotha Ab 12. Oktober 1772 war Wehmeyer Hofgärtner in Gotha. Die Gothaer Stelle war noch mit dem langjährigen Obergärtner Johann Conrad Sahl besetzt, dem Wehmeyer in seiner Molsdorfer Zeit unterstellt gewesen war und weiterhin unterstellt blieb.Elisabeth Dobritzsch: Christian Heinrich Wehmeyer – Gärtner dreier Herzöge, 2008, S. 160. Herzog Ernst II. bezahlte anfangs die Hälfte von Wehmeyers Gehalt aus seiner Privatschatulle. Wehmeyers Aufgabe war die Betreuung des Englischen Gartens.
Wehmeyer gehörte der 1774 gegründeten Gothaer Johannisloge Cosmopolit an. Nachdem Herzog Ernst II. und sein Bruder, Prinz August, dieser Loge beigetreten waren, nahm sie (mit Bezug auf das sächsische Wappen) den Namen Zum Rautenkranz an. Am 13. Juni 1775 erlangte Wehmeyer den niedrigsten freimaurerischen Grad (Lehrling) und stieg am 24. Oktober zum Gesellen auf. Am 26. März 1776 erlangte er den Meistergrad. Damit erreichte Wehmeyer den Gipfel seiner gesellschaftlichen Karriere, denn er stand nun mit der Elite des Herzogtums in Kontakt, und seine Verbindungen reichten noch darüber hinaus.Christine Schaubs: Christian Heinrich Wehmeyer – Freimauer und Illuminat, 2009, S. 104.
Im gleichen Jahr 1776 starb Wehmeyers erste Frau nach kinderloser Ehe. Um als kränklicher Mann seine Versorgung sicherzustellen, entschloss er sich, erneut zu heiraten. Seine Braut Henrietta Charlotta Sophia Waitz war die Tochter eines Hauptmanns Waitz aus Ohrdruf.
Am 30. Januar 1783 unterzeichnete Wehmeyer eine Verschwiegenheitserklärung und trat damit als Novize dem Illuminatenorden bei. Er wurde durch Johann Joachim Christoph Bode aufgenommen.Martin Mulsow: Diskussionskultur im Illumiatenorden, 2014, S. 158. Aufschluss über die Aktivitäten Wehmeyers als Illuminate geben Dokumente aus dem Bestand der Schwedenkiste; hier findet sich auch ein autobiografischer Rückblick Wehmeyers über seinen Werdegang bis 1783. Wehmeyer nahm den Ordensnamen Cleobulos an. Neben Herzog Ernst II. (Timoleon) und Bode (Aemilius) gehörten der Gothaer Dependance der Illuminaten, der Minervalkirche Syracus, Hofbeamte mit intellektuellen Interessen an. Man hatte im Alltag miteinander zu tun und kannte sich schon länger, zumal fast alle vorher der Loge Zum Rautenkranz angehört hatten.Martin Mulsow: Diskussionskultur im Illumiatenorden, 2014, S. 158 f. Während der Herzog und Bode sich nach Gründung im Hintergrund hielten, hatte Wehmeyer bis zum 7. September 1783 das Amt des Quaestors in der Minervalkirche Syracus inne, vom 11. November 1783 bis zum 27. Dezember 1790 war er Zeremonienmeister. Die Loge Zum Rautenkranz bestand weiter und hatte 1783 etwa 50 Mitglieder, zum engeren Kreis der Gothaer Illuminaten gehörten dagegen nur etwa zehn Männer.Martin Mulsow: Die Gothaer Illuminaten als fortgeführte „gemeinnützige Privatgesellschaft“? Die Aufsatzpraxis der Gothaer Sozietät von 1778 und die Minervalkirche von 1783–1787. In: Aufklärung, Band 28 (2016), S. 343–360, hier S. 343. Wehmeyer hielt seine Mitgliedschaft in der Loge Zum Rautenkranz aufrecht und gehörte ab 1784 auch der Nachfolge-Loge Zum Kompass an. Außerdem ist er 1783 und 1784 als Kandidat eines regionalen Gold- und Rosenkreuzerzirkels namens Hegrilogena nachgewiesen. Somit war er 1784 Mitglied dreier verschiedener Arkangesellschaften.Holger Zaunstöck: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen, Tübingen 1999, S. 266.
mini|Gotha, Parkallee 13 (2014)
Das Haus des Oberhofgärtners befand sich am Rand des Küchen-Gartens (für Kräuter und Zitrusfrüchte), heute Parkallee 13. Hier fanden die Sitzungen der Illuminaten statt. Da der Küchen-Garten herzoglicher Privatbesitz war, blieben sie hier ungestört. Zugleich war man in Wehmeyers Wohnung dem neuen Englischen Garten mit seiner maurerischen Symbolik nahe.Martin Mulsow: Diskussionskultur im Illumiatenorden, 2014, S. 160 f.