Elisabeth, die Vorstadt-Gräfin (* 1908 im Kanton Waadt; † 1985 in Lausanne) war eine Schweizer Zeichnerin und Malerin, die sich der Art brut zurechnen lässt.
Werdegang Elisabeth, von der weder Nachname noch Ehename bekannt sind, wurde 1908 als einzige Tochter eines Maurers italienischer Herkunft in der Schweiz geboren. Sie besuchte die Schule, wiederholte eine Klasse und verheiratete sich schon in sehr jungen Jahren mit einem waadtländischen Gemüsebauern. 1933 wurde ihr Sohn geboren. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus dem Betrieb verkaufte sie viele Jahre lang auf dem Markt. Nachdem der Anbaubetrieb mit ihrem Wohnhaus 1955 wegen der Alkoholkrankheit ihres Mannes zwangsweise verkauft worden war, litt sie sowohl unter dem Verlust ihrer Tätigkeit als Marktfrau als auch unter der Einbusse der geschätzten Heimat.
Nach dem Wegfall ihrer Arbeit und der Übersiedlung in die Stadt entwickelte Elisabeth schwere depressive Verstimmungen. 1956 wurde sie erstmals mit Paranoia mit «manischen Grössenideen» in die psychiatrische Universitätsklinik in Lausanne eingewiesen. 1961 starb ihr Mann an einem Schädelbruch mit Delirium tremens. Insgesamt war sie vierzehnmal in der Klinik, bis sie ab 1969 dauerhaft in der Einrichtung in Lausanne lebte, wo sie 1985 starb.
Künstlerisches Schaffen Elisabeth hatte bei ihren Klinikaufenthalten bereits ab 1964 das Malatelier der psychiatrischen Universitätsklinik in Lausanne besucht und nutzte es nach ihrer dauerhaften stationären Aufnahme weiterhin. Sie selbst wählte für sich den Namen «Comtesse des faubourgs» – «Vorstadt-Gräfin». Diese Bezeichnung wurde von Institutionen und Museen in Folge übernommen, meist in der Wortwahl «Elisabeth, die Vorstadt-Gräfin». Um 1970 gab sie im Zuge einer schweren Depression das Zeichnen zeitweise auf.
Elisabeth malte und zeichnete auf Pavatex-Faserplatten und Papier, vereinzelt auch auf Zeitungspapier. Sie verwendete vielfach Filzstift, Tempera- und Aquarellfarbe für ihre Bilder. Sie entwickelte «einen eigenen, sehr persönlichen Stil» und arbeitete auch in grossen Formaten. Dazu gehört auch ihre über vier Meter lange Darstellung eines Karnevalsumzugs aus dem Jahr 1974. Thematisch beschäftigte sie sich mit Menschen und Tieren, Gut und Böse, Liebe und Leid. «Ihre Werke spiegeln die Probleme des Lebens einer einfachen Frau, aber auch ihre Wünsche nach Grösse und Macht».
Knapp 20 ihrer Arbeiten befinden sich in der Sammlung des open art museums in St. Gallen.
Ausstellungen (Auswahl) Kunstforum Wien 2026: Stranger Than Paradise. open art museum, St. Gallen 2019: Les Femmes dans l’Art Brut? Werke aus der Sammlung Hannah Rieger, Wien. Art et Marges Musée, Brüssel 2013/2014: Wunderkammer. Museum im Lagerhaus, St. Gallen 2008: 3. Jubiläumsausstellung – Art Brut: Die Collection de l’Art Brut trifft das Museum im Lagerhaus. Museum im Lagerhaus, St. Gallen 1995: Elisabeth die «Vorstadtgräfin» (1908–1985), Margarete (1906–1969), Peter Zahnd (geb. 1945). Museum im Lagerhaus, St. Gallen 1988 Die Stiftung stellt ihre Sammlung vor. Regierungsgebäude des Kantons St. Gallen, St. Gallen
Literatur Alfred Bader, Leo Navratil: Zwischen Wahn und Wirklichkeit. Verlag C.J. Bucher, Luzern, Frankfurt/M., 1976, S. 255–260.
Einzelnachweise Frauen in der Art Brut? In: Österreichisches Kulturforum Brüssel. Abgerufen am 28. Juni 2026
Vorstadt-Graefin . In: Galerie Gugging. Abgerufen am 28. Juni 2026
Vorstadt-Gräfin (Elisabeth). In: Sammlung Hannah Rieger „Living in art brut“. Abgerufen am 28. Juni 2026
Elisabeth («Die Vorstadtgräfin»). In: open art museum. Abgerufen am 28. Juni 2026
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