mini|hochkant=1.6|Aufschluss in der Auswurfbrekzie bei Rochechouart
Der Krater von Rochechouart-Chassenon ist ein Nationales Naturschutzgebiet in den Départements Haute-Vienne und Charente der französischen Region Nouvelle-Aquitaine.
Das Nationale Naturschutzgebiet wurde im Jahr 2008 eingerichtet und besitzt eine Gesamtfläche von 50 Hektar. Unter Schutz stehen spezielle Aufschlüsse des Meteoritenkraters, der vor zirka 200 Millionen Jahren (im Rhätium) bei Rochechouart im variszischen Grundgebirge entstanden ist.
Einleitung mini|hochkant=1.6|Karte des Naturschutzgebietes
Die Réserve naturelle nationale (deutsch Nationales Naturschutzgebiet) mit der Nummer RNN 169 wird von den Départements Charente und Haute-Vienne geteilt. Es besteht aus 13 kleinen Geotopen, die auf fünf Gemeinden verteilt sind: Rochechouart, Videix und Chéronnac in der Haute-Vienne sowie Chassenon und Pressignac in der Charente.
Ein Asteroid von 1,5 Kilometer Durchmesser und einer geschätzten Masse von 6 Milliarden Tonnen – der einzige gesicherte, große Meteorit in Frankreich – schlug vor zirka 200 Millionen Jahren mit einer Geschwindigkeit von rund 20 Kilometer pro Sekunde in die Erde ein. Einschlagszentrum war der Weiler La Judie 3,5 Kilometer westlich von Rochechouart. Der beim Impakt entstandene Einschlagkrater mit einem geschätzten Durchmesser von 20 bis 25 Kilometer ist heute jedoch weitgehend eingeebnet und weist nur noch rund 500 Quadratkilometer an Flächeninhalt auf. Die in die Erdatmosphäre hinausgeschleuderten Gesteinsbrocken konsolidierten bei ihrem Rückfall zusammen mit dem pulverisierten Grundgebirgsstaub zu verschiedenen Impaktbrekzien.
Das Vorkommen eben dieser zerbrochenen Gesteinsformationen (Brekzien) in der Umgebung von Rochechouart konnte lange Zeit nicht richtig erklärt werden. Erst im Jahr 1969 stellte der Franzose François Kraut die Hypothese eines Meteoritenimpakts als Erklärung auf. Im Jahr 1996 erschien sodann eine geologische Karte der Impaktregion.
Bedeutung mini|hochkant=1.6|Eingangsportal der Ortskirche Saint-Sauveur mit verschiedenen Impaktbrekzien
Zahlreiche natürliche Aufschlüsse um Rochechouart bezeugen die Einzigartigkeit des Impakts. Aber auch die in den unterschiedlichsten Gebäuden vermauerten Gesteinsproben (ein sehr schönes Beispiel ist die Ortskirche Saint-Sauveur von Rochechouart) liefern sehr wertvolle Einblicke in das katastrophale Ereignis.
Beispiele Folgende Beispiele einzelner ausgewählter Geotope sollen kurz vorgestellt werden:
Rochechouart Das Vorkommen Site du Château am Schloss von Rochechouart gestattet es, verschiedene Impakttypen zu studieren. Die unterhalb des Schlosses von Rochechouart gelegene Felswand besteht aus einer polygenen Impaktbrekzie des Typus Rochechouart. Ihr Erkennungsmerkmal ist das weitgehende Fehlen von Schmelzglas. Das Gestein baut sich aus Gesteinsfragmenten auf (darunter Gneise und Granite des Grundgebirges). Die Fragmente besitzen eine Bandbreite von Größendimensionen und sind in einer Matrix aus pulverisiertem Gesteinsmehl gefangen. Wie bereits angesprochen fehlt so gut wie jegliches Schmelzglas.
Es kann ferner ein zweiter Impakttyp unterschieden werden. Hierbei handelt es sich um anstehende Gneise des Grundgebirges, die aufgrund des Impakts von Rissen und Brüchen durchzogen werden. Wir haben es hier mit dem ehemaligen Kraterboden direkt unterhalb des Impakts zu tun.
Le Recoudert mini|hochkant=1.6|Die blasenreiche Schmelzbrekzie des Typus Babaudus
Das Vorkommen von Le Recoudert gehört ebenfalls zur Gemeinde Rochechouart und liegt 4 Kilometer (Luftlinie) südwestlich von Rochechouart. Für die Öffentlichkeit ist es momentan geschlossen. Es ist nur wenige Quadratmeter groß und bedeckt die Anhöhe einer Wiese. Anstehend sind hier die Schmelzbrekzien des Typus Babaudus. Das Gestein hat eine gelbliche Farbtönung und ist sehr blasenreich. Die Blasen sind glashaltig und stellen das Produkt der enormen Aufschmelztemperaturen (mehrere tausend Grad Celsius) des betroffenen Ausgangsgesteins dar. Der Typus Babaudus kennzeichnet den Zentralbereich des Einschlags mit maximaler Einschlagsenergie.
Montoume mini|hochkant=1.6|Rote Schmelzbrekzie des Typus Montoume
Der Steinbruch von Montoume befindet sich unter allen Vorkommen am weitesten südlich – 6 Kilometer südwestlich von Rochechouart (Luftlinie). Er liegt auf einer Anhöhe mit 323 Meter und gehört zur Gemeinde Chéronnac (hauptsächlich), aber auch noch zur Gemeinde Vayres. Die Abbruchwand des Steinbruchs ist gut 10 Meter hoch. Das Gestein besteht ausschließlich aus einem roten Suevit, der den petrographischen Typus Montoume definiert. Die Abbruchwand wird von nahezu senkrecht stehenden Bruchflächen aufgebaut, welche mit ihren großen und groben Säulen bereits an Kolonnaden von basaltischen Lavaflüssen erinnern (mit einer der Gründe, warum der Krater von Rochechouart-Chassenon lange Zeit als vulkanischen Ursprungs angesehen wurde).
Puy de Chiraud Das Vorkommen Puy de Chiraud der Gemeinde Videix liegt 1,3 Kilometer östlich von Videix auf einer Anhöhe rechts oberhalb der Charente. Auf der geologischen Karte wird es dem Typus Rochechouart falsch zugeordnet. Auch dieses Vorkommen von nur wenigen Hektar ist für den öffentlichen Zugang gesperrt. Früher befanden sich hier ein paar kleinere alte Steinbrüche.
Das Vorkommen ist eine Schmelzbrekzie und dem Typus Montoume zuzuordnen – erkennbar an seiner generellen Rotfärbung. Die enthaltenen Bruchstücke überdecken mehrere Größenordnungen und sind mehr oder weniger angeschmolzen. Die feine Matrix ist ebenfalls rot und aus einer Schmelze hervorgegangen.
Champagnac mini|hochkant=1.6|Pseudotachylit vom Steinbruch Champagnac
Der noch im Abbau befindliche Steinbruch von Champagnac liegt 4 Kilometer (Luftlinie) nordnordöstlich von Rochechouart und befindet sich auf Gemeindegebiet. Er gestattet es, den Kontakt Grundgebirge-Impaktbrekzien auf mehrere Zehnermeter Mächtigkeit direkt in Anschein zu nehmen. Der tiefere Teil mit dem Grundgebirge besteht hier aus Gneisen, die von Gängen aus Mikrograniten und Lamprophyren durchsetzt werden. Die Gänge zeigen Fiederspalten, die von Karbonaten und/oder hydrothermalen Brekzien ausgefüllt werden. Der obere Abschnitt des Steinbruchs wird jedoch aus klastischen Rückfallsbrekzien des Impakts aufgebaut. Zwischen den beiden Einheiten kommt eine trennende Tonschicht zu liegen.
Aus impakttektonischer Sicht von hohem Interesse ist hier die Gegenwart von Pseudotachyliten – dies sind durch Reibungskräfte während der Kraterbodenreadjustierung total zertrümmerte und teils auch frisch aufgeschmolzene Gesteine.
Im anstehenden Grundgebirge kann die gesamte Bandbreite dieser Tektonik abgelesen werden: ausgehend von sehr feinen und intensivst deformierten Brüchen bis hin zu großen, listrischen (schaufelförmig gebogenen) Verwerfungen. Auch Kataklasite sind anzutreffen, welche ihrerseits von offenen Spaltensystemen betroffen werden.
Im Jahr 1998 gelang es deutschen und russischen Wissenschaftlern, die Überschall-Impaktdynamik anhand einer in-situ vorgenommenen, dreidimensionalen Untersuchung der angetroffenen Verwerfungsmuster zu modellieren.
Administratives mini|hochkant=1.6|Hinweistafel des Geotops von Chéronnac
Das Naturschutzgebiet wurde mittels Dekrets am 18. September 2008 ins Leben gerufen. Zuvor hatte es bereits zwischen Oktober 2004 und Juni 2006 dem European Geopark angehört – die Bezeichnung lautete damals noch Astroblème-Châtaigneraie limousine.
Die Leitung des Naturschutzgebiets wurde anfangs von der Communauté de communes du Pays de la Météorite ausgeübt, sie liegt aber mittlerweile bei der Communauté de communes Porte Océane du Limousin.
Schutzbestimmungen Innerhalb des Naturschutzgebiets sind sämtliche Forschungsprojekte, kommerzieller Mineralabbau und Probennahmen geologischer und mineralischer Natur generell verboten. Dennoch können in Forschungsreihen eingebettete, wissenschaftliche und archäologische Probennahmen durchaus vom wissenschaftlichen Beirat des Naturschutzgebietes erlaubt werden. Hierzu gehören auch Bohrungen und Sondierungen. Aufgrund dieses Verbots sind der Verkauf von Mineralien aus dem Naturschutzgebiet, welche nach dem 18. September 2008 entnommen wurden, untersagt.
Um eine Beprobung durchzuführen, muss zuvor eine Erlaubnis bei der Délégation régionale à la recherche et à la technologie (DRRT) und bei der Direction régionale de l’environnement (DIREN) des Limousins eingeholt werden.
Geologie mini|hochkant=1.6|Geologische Karte der Impaktstruktur
Das Naturschutzgebiet liegt vollständig auf dem kristallinen, variszischen Grundgebirge des nordwestlichen Massif Central. Die regionalmetamorphen Gesteine befinden sich in der Sillimanit-Zone. Hauptbestandteil der Impaktstruktur ist die Untere Gneisdecke des Limousins, welche überwiegend aus Plagioklas-reichen Paragneisen (ursprünglichen Grauwacken) aufgebaut wird. Im Nordosten der Impaktstruktur erscheint auch gerade noch die Obere Gneisdecke. Sie befindet sich ebenfalls in der Sillimanit-Zone und ihre Überschiebungsbahn folgt in etwa dem Verlauf der Gorre (Südost-Nordwest).
Ökologie Landschaftstypen Im Naturschutzgebiet lassen sich sechs Landschaftstypen unterscheiden. Sie verteilen sich wie folgt: Laubwald – 30,55 Hektar (61,1 %) Wiesen und andere, dauernd landwirtschaftlich genutzte Grünflächen – 7,69 Hektar (15,38 %) Ackerbau mit teils komplexer Parzellierung – 7,06 Hektar (14,12 %) Landwirtschaftlich genutzte Flächen, die von bedeutenden naturbelassenen Zonen unterbrochen werden – 2,76 Hektar (5,52 %) Diskontinuierliche Bebauung – 1,83 Hektar (3,66 %) Sonstige – 0,11 Hektar (0,22 %).
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Schutzgebiet (Umwelt- und Naturschutz) in Europa Kategorie:Geographie (Nouvelle-Aquitaine) Kategorie:Schutzgebiet (Umwelt- und Naturschutz) in Frankreich Kategorie:Schutzgebietsgründung 2008