Rajissa Trojanker (; ; geb. 30. Oktober 1909 in Uman, Russisches Kaiserreich; gest. 29. Dezember 1945 in Murmansk, Russische SFSR) war eine ukrainische Dichterin, Journalistin und Übersetzerin sowie auch die einzige bekannte Frau der ukrainischen Futurismusbewegung. Obwohl sie zu denselben Schreibgruppen wie die Vertreter der „hingerichteten Wiedergeburt“ gehörte, konnte sie politischer Verfolgung entfliehen. Sie war angeblich die erste ukrainischsprachige Dichterin jüdischer Abstammung.

Leben Trojanker wurde 1909 in eine arme religiöse jüdische Familie in Uman geboren. Ihr Vater war Schammes in der Synagoge und wurde durch seine tiefen Kenntnisse der Tora in der Gemeinde hochgeschätzt. Ihre Mutter kochte koscheres Essen auf Bestellung. Die Geschichte ihrer Familie widerspiegelte das Schicksal ukrainischer Juden am Anfang des 20. Jahrhunderts: Während des Bürgerkrieges wurde einer ihrer Brüder im Laufe eines Pogroms ermordet. 1941 wurden drei ihrer Verwandten unter der deutschen Besetzung in Babij Jar erschossen.

Schon als Jugendliche wollte Trojanker sich mit den strikten religiösen Regeln und Geschlechterrollen nicht abfinden. Als sie 15 Jahre alt war, verließ sie ihre Familie und schloss sich einem Wanderzirkus an, bei dem sie anderthalb Jahre als Dompteurin arbeitete.

Obwohl Trojanker nur sieben Klassen der Gesamtschule besucht hatte, war sie belesen, multilingual, eloquent und in der russischsprachigen Poesie des Silbernen Zeitalters versiert. Ihre erste Muttersprache war Jiddisch, mit dem Althebräischen war sie auch vertraut und kannte viele Gebete auswendig. Ukrainisch wurde ihr angeblich von den Nachbarkindern beigebracht.

1925 heiratete sie Onoprij Turhan, einen ukrainischen Dichter und Journalisten aus Uman. Zusammen zogen sie 1926 nach Charkiw, wo sie die Volkshochschule zu besuchen begann. Mit Turhan hatte Trojanker eine Tochter namens Olena. Am 5. November 1937 wurde Turhan als „Anführer“ einer erfundenen Untergrundorganisation verhaftet und am 15. Januar 1938 in Tscherkassy durch Erschießen hingerichtet.

Es ist unklar, wann genau Turhan und Trojanker sich trennten; 1931 heiratete sie jedoch den russischen Dichter Ilja Sadofjew und zog zusammen mit ihrer Tochter in seine Heimatstadt Sankt Petersburg, damals Leningrad. Sadofjew und Trojanker lernten einander kennen, als er Charkiw kurz besuchte und ihre Werke bei einer Dichterlesung hörte. Obwohl Sadofjew ihr am Anfang sehr romantisch den Hof machte und Trojanker schrieb, dass Sadofjew als Erster in ihr einen echten Menschen sah, war ihre zweite und letzte Ehe unglücklich. Sadofjew benahm sich extrem eifersüchtig und schlug regelmäßig seine Frau bis sie ohnmächtig wurde. Als Trojanker erfuhr, dass Sadofjew ihre zehnjährige Tochter belästigt hatte, trennte sie sich 1935 von ihm und verließ Leningrad, um Sadofjews Aggressionen zu entfliehen. Angeblich gab es einen weiteren Grund, die Stadt zu verlassen: 1935 wurden einige ukrainische Schriftsteller in Moskau und Leningrad vom NKWD verhaftet. So ließen sich Rajissa Trojanker und ihre Tochter in Murmansk nieder. Dort war Trojanker in erster Linie als Journalistin und später Chefredakteurin bei der Zeitung Poljarnaja Swesda () tätig, um als alleinerziehende Mutter ihre kleine Familie unterhalten zu können. Laut ihrer Tochter versank Trojanker tagaus, tagein in der Arbeit.

1945 starb sie mit 36 Jahren an Krebs.

Ihre Tochter Jelena „Olenka“ Turgan (; ) war eine sowjetisch-russische Journalistin und Kinderbuchautorin.

Werke und Rezeption 1926 gründete der ukrainische Dichter Walerjan Polischtschuk die literarische ukrainisch- und russischsprachige Schreibgruppe Awangard (), und Rajissa Trojanker war eines ihrer aktivsten Mitglieder.

Im Jahr 1928 erschien Trojankers erster Gedichtband Povin () im Verlag Pluschanyn ().

In der sowjetischen Presse wurde sie aufgrund des hohen Erotismus ihrer Gedichte „ukrainische Sappho“ genannt, auch wenn lesbische Beziehungen in ihrer Poesie nie thematisiert wurden. Immer wieder wurden ihre Gedichte von den Kritikern und Lesern als „provokativ“ und „übermäßig erotisch“ bezeichnet, während Erotismus und hohe Sensibilität laut Polischtschuks poetischer Theorie zu den literarischen Stützen gehörten. Trojanker war aber die erste Frau, die sich in ihren Gedichten erlaubte, Intimität und sexuelle Zuneigung zu thematisieren, wobei es in ihrer Poesie nie zu jeglichen expliziten Darstellungen und Details des Geschlechtsverkehrs oder der Geschlechtsorgane kam. Ihr Ruf einer Femme fatale wurde durch Gerüchte über zahlreiche angebliche Liebesaffären mit anderen ukrainischen Dichtern und Schriftstellern angefacht. Die meisten von denen sind bis heute nicht bewiesen und bleiben somit die Ausgeburt der Fantasie ihrer männlicher Kollegen, die sie als einzige Frau und aufgrund ihres jungen Alters nicht ernst nehmen wollten. In seinen Memoiren erinnerte sich Jurij Smolytsch daran, wie Charkiwer Dichter einander ihre sexuellen Fantasien über die damalig sechzehn- bis achtzehnjährige Trojanker teilten. Dabei bezeichnete Smolytsch solche obszönen Gespräche als „Wettbewerb“". In ihren früheren Gedichten wurden neben Liebesbeziehungen auch Mutterschaft sowie das jüdische Schtetl und seine Zukunft thematisiert.

Obwohl die Hauptsprache ihres Schaffens Ukrainisch war, schrieb Troianker Poesie auch auf Russisch. Zwei ihrer russischsprachigen Gedichte erschienen zum ersten Mal im Band Radius Avangardovtsev (), der vom ukrainischen Dichter Walerjan Polischtschuk und der von ihm geleiteten Schreibgruppe verfasst wurde. Über ihre dichterischen Versuche auf Jiddisch ist nichts bekannt, wenngleich in ihren ukrainischsprachigen Gedichten nicht selten jiddische Wörter auftauchen.

1931 übersetzte sie aus dem Jiddischen ins Ukrainische Leib Kwitkos Kinderbuch Tramwaj ().

Als sie im Laufe des Zweiten Weltkrieges als Journalistin und Kriegsreporterin tätig war, schrieb sie patriotische und aufmunternde Poesie auf Russisch, in der ihr früherer sensibler Schreibstil nicht mehr zu erkennen war. Es ist schwer zu beurteilen, ob sie sich freiwillig einen solchen klischeehaften Schreibstil aussuchte oder ihn nur deshalb wählte, weil die sowjetische Realität der 1930er und 1940er Jahre kaum Raum für eine andere Art von Lyrik ließ. Jedoch waren die Ereignisse des Krieges für Trojanker zweifellos kein pathetisches Propagandamaterial. Sie erlebte den Krieg am eigenen Leib, indem ihre Verwandten in den besetzten ukrainischen Gebieten ums Leben kamen und sie selbst zahlreiche Fahrten an die Front unternehmen musste.

Bedeutung und Nachleben In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet Trojanker in Vergessenheit: Es gab so gut wie keine Publikationen über sie in der Ukraine, jedoch entwickelte sich das Interesse an ihrer Poesie in den 2000er Jahren nach der Veröffentlichung von Jurij Smolytschs Memoiren, in denen die junge sechzehn- bis siebzehnjährige Trojanker mehrmals erwähnt wurde (aber meistens in einem übermäßig sexualisierten Kontext).

Im Jahr 2009 erschien ihr eigenständiger Gedichtband Poesiji ().

2022 schufen Serhij Schadan, Jurij Gurschi und Ljubow Jakimtschuk das Lied Trojanker. Tiger Lilies () im Rahmen des Musikalbums Fokstroty () auf der Basis von Trojankers Gedicht.

2024 kam der Film Slovo» House: Unfinished Novel von Taras Tomenko, in dem Rajissa Trojanker u. a. auch verkörpert wurde, in der Ukraine ins Kino.

Weblinks Trojankers Gedichte in der englischsprachigen Übersetzung

Einzelnachweise

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