Samuel Endemann (* 18. März 1727 in Carlsdorf bei Hofgeismar; † 31. Mai 1789 in Marburg) war ein deutscher evangelischer Theologe und Hochschullehrer. Leben Herkunft und familiärer Hintergrund Samuel Endemann entstammte einer Familie mit theologischer und pädagogischer Tradition. Sein Vater Johann Conrad Endemann (* 18. Februar 1700 in Immenhausen; † 8. Mai 1775 in Hersfeld) war als Prediger der französischen reformierten Gemeinde in Carlsdorf tätig und leitete eine Erziehungsanstalt, in der Samuel Endemann seine erste Ausbildung erhielt. Seine Mutter war Anna Catharina (* 1725 in Karlshafen), war die Tochter des Kaufmanns Johann Conrad Winterberg in Karlshafen und hatte einen hugenottisch-reformierten Hintergrund; er hatte noch fünf Geschwister.

Carlsdorf wurde als eine der französischen Kolonien gegründet, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau im Jahr 1685 in deutschen Territorien entstanden. Die Immigration französischer Protestanten wurde von den Landesherren aus wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Gründen durch Privilegien gefördert, was den Erhalt der französischen Sprache und Kultur ermöglichte. In diesem von calvinistischer Frömmigkeit und reformierter Tradition geprägten Milieu wuchs Endemann auf.

Die Familiengeschichte zeigt über mehrere Generationen eine Kontinuität in akademischen und geistlichen Berufen. Endemanns Großvater Johann Ludwig Endemann war als Rektor in Immenhausen tätig, sein Urgroßvater Johannes wirkte als Pfarrer in Niederelsungen.

Im Jahr 1738 wurde sein Vater zum Inspektor und Rektor des Gymnasiums in Hersfeld ernannt. An dieser auf eine mittelalterliche Klosterschule zurückgehenden Einrichtung erhielt Endemann eine humanistische Ausbildung. Neben seinem Vater wurde er dort vom Konrektor Croll sowie zeitweise von den Kollaboratoren Limberger, Reppel und Hölcke unterrichtet. Der Lehrplan umfasste Religion, Latein, Griechisch, Rhetorik, Dialektik und Grundlagen der Philosophie.

Ausbildung und akademische Prägung Die akademische Ausbildung Samuel Endemanns erfolgte zwischen 1743 und 1748 an verschiedenen Universitäten im Rahmen der zeitgenössischen Peregrinatio academica (Gelehrtenreise). Im Jahr 1743 immatrikulierte sich Endemann an der Universität Marburg, der 1527 von Landgraf Philipp I. gegründeten protestantischen Hochschule, die mit ihren vier Fakultäten (Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie) das akademische Zentrum der Landgrafschaft Hessen-Kassel darstellte.

Die theologische Fakultät in Marburg wandelte sich im 18. Jahrhundert von einer lutherisch-orthodoxen Institution zu einer reformiert geprägten Einrichtung, nachdem die hessischen Landgrafen ab 1605 die reformierte Konfession angenommen hatten. Unter Landgraf Karl wurde die Universität vollständig reformiert, was zu Spannungen mit der mehrheitlich lutherischen Bevölkerung führte. Die theologische Lehre in Marburg folgte im 18. Jahrhundert einem gemäßigten Calvinismus, der sich Einflüssen der Aufklärungsphilosophie öffnete, statt der strengen Genfer Prädestinationslehre.

Im Jahr 1744 wechselte Endemann an die Universität Rinteln. Bei Johann Nicolaus Funck besuchte er Vorlesungen über lateinische Beredsamkeit, während er bei Konrad Friedrich Ernst Bierling Philosophie und Gelehrtengeschichte studierte. Bierling vertrat die von Christian Wolff entwickelte rationalistische Schulphilosophie (Wolffianismus), die im deutschen Protestantismus des 18. Jahrhunderts verbreitet war. Bei Wigand Kahler belegte Endemann Vorlesungen in Mathematik, die als Propädeutikum die Grundlage für das Verständnis der Wolffschen Methode bildeten. Bei Johann Engelhard Steuber studierte er jüdische Altertümer, eine biblische Hilfswissenschaft zur Vermittlung von Kultur, Geschichte und religiösen Institutionen des antiken Judentums für die Exegese des Alten Testaments. Diese propädeutische Ausbildung an der philosophischen Fakultät war Voraussetzung für das anschließende Fachstudium an den höheren Fakultäten.

Im Frühjahr 1746 kehrte Endemann nach Hersfeld zurück, bevor er im Herbst desselben Jahres sein Studium in Marburg fortsetzte. Dort besuchte er theologische Vorlesungen bei Johann Siegmund Kirchmayer, einem Vertreter der gemäßigten Orthodoxie, und Franz Ulrich Ries, der sich der Aufklärungstheologie zuneigte. Zudem hörte er Naturrecht bei Johann Rudolph Anton Piderit, einer philosophischen Disziplin zur Herleitung von Recht und Moral aus der menschlichen Vernunft und Natur als Alternative zur theologischen Begründung der Ethik.

In dieser Marburger Phase verteidigte Endemann einen Teil der Streitschriften über die Göttlichkeit der Heiligen Schrift, die Ries auf Kosten der Respondenten drucken ließ. Diese akademischen Disputationen dienten der Einübung in die Argumentationskunst sowie dem Nachweis erworbener Kenntnisse. Der Professor verfasste hierbei eine These, die der Student als Respondent in einer öffentlichen Debatte gegen Einwände verteidigte. Die Teilnahme war Bestandteil der akademischen Pflichten und Voraussetzung für die Prüfungszulassung.

Endemann eignete sich wesentliche Bereiche der theologischen Ausbildung, insbesondere die Exegese, die theologische Moral und die Homiletik, im Selbststudium an, da diese in den regulären Vorlesungen unberücksichtigt blieben. Die akademische Theologie des 18. Jahrhunderts konzentrierte sich primär auf Dogmatik und polemische Theologie. Die praktische Vorbereitung auf das Pfarramt erfolgte üblicherweise nach dem Studium in der Kandidatenzeit unter der Anleitung erfahrener Pfarrer.

Eine maßgebliche theologische Prägung erfuhr Endemann durch David Samuel Daniel Wyttenbach, einen Hauptvertreter der Wolffschen Philosophie innerhalb der reformierten Theologie. Wyttenbach hatte 1741 sein dogmatisches Hauptwerk Tentamen Theologiae Dogmaticae Methodo Scientifica Pertractatae (Versuch einer dogmatischen Theologie, abgehandelt nach der wissenschaftlichen Methode) veröffentlicht. In dieser Programmschrift wandte er die mathematisch-demonstrative Methode Christian Wolffs auf die reformierte Dogmatik an. Wyttenbach vertrat darin die Ansicht, dass Offenbarung und natürliche Vernunftreligion harmonieren, wobei die biblische Offenbarung die Vernunftwahrheiten ergänze. Die Aufgabe der Theologie sah er darin, dieses Verhältnis in einem geschlossenen, rational nachvollziehbaren System darzustellen. Dieser Ansatz der sogenannten „vernünftigen Orthodoxie“ beeinflusste Endemanns spätere theologische Ausrichtung und seine eigene methodische Herangehensweise nachhaltig.

Wyttenbach verband die Tradition der reformierten Schultheologie mit den philosophischen Strömungen der Aufklärung. Im Gegensatz zu Vertretern der radikalen Aufklärung wie Johann Salomo Semler oder Johann Joachim Spalding hielt er an den Grunddogmen der reformierten Lehre fest, stellte diese jedoch rational dar. Diese Position der gemäßigten Aufklärungstheologie diente Endemann als Vorbild.

Im Jahr 1748 hielt sich Endemann in Bremen auf, um den erkrankten französischen Prediger Pelisson bis zu dessen Tod zu vertreten. Neben dieser predigtamtlichen Tätigkeit erteilte er Unterricht in französischer Sprache.

Endemann besuchte zudem Vorlesungen der theologischen Professoren am Bremer Gymnasium illustre (siehe Altes Gymnasium (Bremen)), darunter bei dem Orientalisten und Bibelwissenschaftler Conrad Iken. Die dort vermittelte philologische Bibelauslegung bildete eine Ergänzung zu der systematisch-dogmatischen Theologie seines bisherigen Studiums.

Nach dem Tod Pelissons lehnte Endemann das Angebot ab, dessen Amt vorläufig zu übernehmen, da er die Auflösung der Stelle vermutete, und kehrte nach Hersfeld zurück.

Frühe berufliche Laufbahn und Pfarramt in der landgräflichen Kirchenordnung Nach dem Studium begann Endemanns Laufbahn im pädagogischen Bereich. Im Herbst 1747 wurde er nach einer Prüfung der kirchlichen Behörden als Kandidat des geistlichen Ministeriums in Kassel registriert.

Im Jahr 1748 übernahm Endemann eine Hauslehrerstelle bei der Familie des Vizekanzlers Christian Heinrich von Motz (1687–1751) in Kassel. Von Motz gehörte als hochrangiger Beamter zur politischen Elite der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Während des Aufenthalts in Kassel predigte Endemann in der dortigen Hofkirche im Stadtschloss der Landgrafen von Hessen-Kassell. Dabei fiel er dem Prinzen Maximilian von Hessen-Kassel, einem Sohn des regierenden Landgrafen Wilhelm VIII., auf. Im Mai 1750 wurde die Pfarrstelle in Jesberg durch den Tod des Pfarrers Caspar Christian Kröschel vakant. Prinz Maximilian von Hessen-Kassel präsentierte Endemann daraufhin für dieses Amt. Am 23. August 1750 hielt Endemann in Anwesenheit des Prinzen seine Antrittspredigt in Jesberg und trat damit sein erstes Pfarramt an.

Das ausgeübte Präsentationsrecht war ein fester Bestandteil der frühneuzeitlichen Kirchenverfassung. In der Landgrafschaft Hessen-Kassel übte der Landesherr das Kirchenregiment aus und besaß das Recht, Pfarrstellen zu besetzen oder Kandidaten zu präsentieren. Prinz Maximilian nutzte dieses Recht für die Berufung des jungen Endemann nach Jesberg.

Die Phase in Jesberg dauerte bis Februar 1753 und umfasste neben der Kernarbeit die Betreuung mehrerer Filialgemeinden. Dies erforderte jeden Sonntag drei Predigten und entsprechende Wegstrecken zwischen den Dörfern. Die Pfarrstelle war zudem mit einer Verpflichtung zur Bewirtschaftung von Pfarrland (Ackerbau) verbunden.

Wirken in Hanau Im März 1753 wechselte Endemann als dritter Stadtprediger an die evangelisch-reformierte Gemeinde in Hanau. Diese Position erhielt er auf Empfehlung des Superintendenten Johann Christoph Ungewitter durch Landgraf Wilhelm VIII. Der Wechsel nach Hanau markierte den Beginn einer fast dreißigjährigen Wirkungsphase in der Stadt, die zu den Zentren des reformierten Protestantismus gehörte.

Hanau besaß als Residenzstadt mit rund 10.000 Einwohnern eine konfessionell und kulturell geteilte Struktur. Seit dem Jahr 1303 bestand bereits die lutherisch geprägte Altstadt von Hanau. Im Jahr 1597 gründete Graf Philipp Ludwig II. daneben die Neustadt als Zufluchtsort für wallonische und niederländische Glaubensflüchtlinge. Weil diese reformierten Zuwanderer eigene Schulen und eine autonome Gemeindeverwaltung erhielten, trugen sie maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung des neuen Stadtteils bei.

Die evangelisch-reformierte Gemeinde in Hanau, an der Endemann als dritter Stadtprediger wirkte, verfügte über mehrere Kirchen, Schulen sowie soziale Einrichtungen. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage ihrer Mitglieder, darunter Kaufleute, Handwerker und Beamte, waren die Pfarrstellen finanziell ausgestattet. Als Residenzstadt bot Hanau zudem Zugang zu einer Bibliothek und intellektuellem Austausch.

Die Position in Hanau bot im Vergleich zu Jesberg erweiterte Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Arbeit. Die Stadt war Sitz der 1607 gegründeten Hohen Landesschule, eines Gymnasiums illustre, das als akademisches Gymnasium zwischen Schule und Universität angesiedelt war und neben der Propädeutik auch universitäre Vorlesungen anbot. Diese Struktur begünstigte Endemanns spätere Verbindung von städtischem Pfarramt und akademischer Lehre.

Im Jahr 1759 wurde Endemann zum zweiten Stadtprediger befördert. Zudem erhielt er die Position eines stimmberechtigten Konsistorialassessors sowie die Leitung des reformierten Waisenhauses in der Altstadt Hanau. Diese Positionen verbanden das Predigtamt mit kirchenleitenden und karitativen Aufgaben, wobei der zweite Stadtprediger bei Abwesenheit des ersten Predigers die Vertretung übernahm.