Die Burg Arco ist ein Landschaftsaquarell von Albrecht Dürer, das Ende des 15. Jahrhunderts entstand. Das Bild hat eine Größe von 22,3 × 22,2 cm und zeigt die Burg und die Stadt Arco im Trentino. Es befindet sich im Louvre in Paris.
Titel Das Bild trägt am oberen rechten Rand den Schriftzug „fenedier klawsen“ („Venezianer Klause“). Dürer hat den Titel eigenhändig in schwarzer Tinte angebracht. Rechts daneben befindet sich sein Monogramm, dass von einem Unbekannten nachträglich in brauner Tusche angefertigt wurde.Friedrich Winkler: Die Zeichnungen Albrecht Dürers. Band 1, S. 70.
Erst 1910 gelang es Kurt Gerstenberg und Martin Conway unabhängig voneinander, die abgebildeten Örtlichkeiten als die Burg und die Kleinstadt Arco am nördlichen Ende des Gardasees zu identifizieren.Felix Thürlemann: L’aquarelle de Dürer «fenedier klawsen». La double mimesis dans l’analyse picturale d’un lieu géographique. S. 10, S. 16 Fußnote 4. Gerstenberg ging davon aus, dass Dürer das Bild irrtümlich so benannte, vielleicht weil er es erst nachträglich betitelte und sich nicht mehr an den Namen des abgebildeten Ortes erinnern konnte. Dürers Titelwahl könnte seiner Meinung nach auch dadurch bedingt gewesen sein, dass früher die südlichen Alpenstraßen mit der wichtigsten Stadt Oberitaliens in Verbindung gebracht wurden.Kurt Gerstenberg: Dürer in Arco. S. 434.
Nach Pappenheim ging Dürer allerdings bei der Wahl des Titel durchaus bewusst vor. Der Name nimmt darauf Bezug, dass Arco zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes nur wenige Kilometer hinter der Grenze zur Republik Venedig lag und eine Art Engstelle im unteren Sarca-Tal bildete.Hans Eugen Pappenheim: Dürer im Etschland. S. 52.
Nach der späten Identifikation der dargestellten Örtlichkeiten gab es keine einheitliche Namensgebung für das Werk. Eduard Flechsig betitelte es in seinem Werk über Dürer gleich mit drei verschiedenen Namen: „Arco“, „Ansicht von Arco“, „Die Burg von Arco“.Eduard Flechsig: Albrecht Dürer – Sein Leben und seine künstlerische Entwickelung. Band 2, S. 335, 547, 629. In der Abteilung für Grafik und Zeichnungen des Louvre ist es mit dem Titel Vue du val d’Arco dans le Tyrol méridional (frz. „Blick auf das Arcotal in Südtirol“) archiviert.
Bildbeschreibung Maltechnik Das Werk zählt zu den ältesten erhaltenen Aquarellen der Kunstgeschichte.Felix Thürlemann: L’aquarelle de Dürer «fenedier klawsen». La double mimesis dans l’analyse picturale d’un lieu géographique. S. 9. Es gehört zu einer Reihe von Landschaftsaquarellen, die Dürer in den 1490er Jahren anfertigte. Nach Friedrich Winkler ist es das schönste und am weitesten ausgearbeitete Bild aus dieser Serie.
Dürers Aquarelle gelten als Pionierleistungen der Aquarellmalerei.Daniel Hess: «Die Kunst steckt in der Natur». S. 29. In diesen Aquarellen rückte erstmals die Landschaft in den Mittelpunkt und war nicht mehr nur ein Rahmen für sakrale oder profane Motive. Dürer schlug eine neue weltbeschreibende Art der Landschaftsdarstellung vor, die das Wirken der Naturkräfte durch die Beobachtung der Oberflächengestalt, der Farbe und des Lichts der Orte offenbart.Kristina Hermann Fiore: Gli acquerelli di paesaggio di Dürer, prime ’vedute‘ nell’arte europea. S. 191.
Bei der Anfertigung kombinierte er die Aquarelltechnik mit der der Federzeichnung.Giancarla Rognoni: Albrecht Dürer e il Castello di Arco. Albrecht Dürer und die Burg Arco. S. 29. Einzelheiten wie Zweige, Baumstämme und die Konturen der Gebäude sind in schwarzer Tusche vorgezeichnet.Hans Tietze, Erica Tietze-Conrat: Kritisches Verzeichnis der Werke Albrecht Dürers. Band 1, S. 24. Bei der Aquarellierung griff er auf deckende Gouache zurück.Hélène Grollemund: Albrecht Dürer: Veduta di Arco, 1496 circa. S. 203.
Seine Ansicht der Burg ist eine sorgfältig komponierte Bildkonstruktion, die durch ein quadratisches Format und ein markantes, nach links versetztes befestigtes Hügelmotiv gekennzeichnet ist. Das Werk nutzt Symmetrie und Kontraste, um eine dynamische Wirkung zu erzielen, und weist in seinem Aufbau starke Parallelen zu Dürers späterem Werk „Weiherhäuschen“ auf.Felix Thürlemann: L’aquarelle de Dürer «fenedier klawsen». La double mimesis dans l’analyse picturale d’un lieu géographique. S. 9.
Motiv Das Bild besticht durch eine Fülle von Einzelheiten, die die Scharfsichtigkeit Dürers unterstreichen. Laut Kenneth Clark gehört es zu den ersten romantischen Landschaftsbildern der modernen Malerei.Kenneth Clark: Landscape into art. John Murray, London 1949, S. 19–20.
Friedrich Winkler sowie Hans Tietze und Erica Tietze-Conrat erkannten in der Gestaltung der Landschaft, in der Darstellung der natürlichen Elemente und in der hellen Farbgebung den Einfluss von Andrea Mantegna und von einigen zeitgenössischen venezianischen Künstlern.Friedrich Winkler: Die Zeichnungen Albrecht Dürers. Band 1, S. 50. Die Tietze sahen eine Verwandtschaft mit dem Jakobus-Martyrium der Cappella Ovetari in Padua.Hans Tietze, Erica Tietze-Conrat: Kritisches Verzeichnis der Werke Albrecht Dürers. Band 1, S. 24.
Das Hauptobjekt ist die Burg der Grafen von Arco, die Dürer mit Hilfe bewusst veränderter Proportionen hervorhebt und so mehr Schärfe verleiht. Seine Interpretation der Landschaft kommt in der Vertikalität des Burgberges besonders zum Ausdruck, mit der er die Mächtigkeit der Anlage hervorhebt. Er betont dies noch dadurch, dass er den hinter der Burg weit über den Burgfelsen aufragenden Monte Stivo nicht mit abbildet, um so die imposante Wirkung der Festung über dem Tal nicht zu schmälern.Giancarla Rognoni: Albrecht Dürer e il Castello di Arco. Albrecht Dürer und die Burg Arco. S. 30. Dürer stellte die Burg zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung dar, kurz bevor die beiden Familienstämme der Arcos zu Beginn des 15. Jahrhunderts ihre Wohnsitze in ihre neuerrichteten Paläste am Hauptplatz von Arco bezogen.Romano Turrini: Il Castello di Arco. S. 33.
Dürers Interpretation der Wirklichkeit nimmt der Ansicht nichts von ihrem Realismus. Er bedient sich dabei der von Leonardo da Vinci im Tratakt über die Malerei behandelten Grundsätze und interpretiert in künstlerischer Freiheit kreativ die Landschaft von Arco.Kristina Hermann Fiore: Gli acquerelli di paesaggio di Dürer, prime ’vedute‘ nell’arte europea. S. 192. Seine Landschaftsansicht ist dabei das Ergebnis mehrerer Betrachtungspunkte. Die Neuinterpretation schmälert jedoch nicht die Bedeutung des Werkes, mit dessen Hilfe sich ein Bild von der Burg und der zu ihren Füßen liegenden Stadt Arco zu Ende des 15. Jahrhunderts rekonstruieren lässt.Giancarla Rognoni: Albrecht Dürer e il Castello di Arco. Albrecht Dürer und die Burg Arco. S. 31.
Dem stark übersteigerten Burgberg stehen die ausgezeichnet charakterisierten silbergrauen Olivenbäume der „Olivaia“ gegenüber.Hans Eugen Pappenheim: Dürer im Etschland. S. 53. Die Umgebung kontrastiert dabei wie der am Rande der Stadt liegende Weinberg und die grüne Ebene der Sarca mit den vegetationslosen und kahlen Felsen des Burgberges.Giancarla Rognoni: Albrecht Dürer e il Castello di Arco. Albrecht Dürer und die Burg Arco. S. 32.
Felsköpfe mini|Der Königskopf rechts und der Adenauerkopf links oben Die Ansicht von Arco weist Motive auf, die charakteristisch für die Landschaftsmalerei Dürers sind. Er stellte darin Ausschnitte der Natur so dar, dass der Betrachter zusätzlich einzelne Gestalten herauslesen kann.Felix Thürlemann: Der Balken im Auge. Dürers Arco-Aquarell als Theorie der Mimesis. S. 67. So stehen sich auf der linken Seite des Aquarells zwei Felsköpfe gegenüber, auf die man erst in den 1930er Jahren aufmerksam wurde. Man war sich zunächst nicht sicher, ob es sich um einen Scherz des Malers oder um einen puren Zufall handle.Hans Eugen Pappenheim: Dürer im Etschland. S. 50.
Heinz Ladendorf räumte ein, dass es nicht an der Phantasie des Betrachters liege, der aus den Formen ein Gesicht herauslese und dass es sich auch nicht um eine zufällige Erscheinungsform handle. Vielmehr habe Dürer bewusst sein Spiel mit solchen Formen getrieben.Heinz Ladendorf: Ein Felsgesicht bei Albrecht Dürer. S. 229–230.
Herrmann Leber bezeichnet den auf der linken Flanke des Burghügels zu erkennenden Felskopf als „Königskopf“,Hermann Leber: Albrecht Dürers Landschaftsaquarelle: Topographie und Genese. S. 33, Fußnote 1. ein etwas nach vorn geneigtes und nach links ausgerichtetes Profil eines griesgrämigen Mannes.Felix Thürlemann: Im Schlepptau des großen Glücks: die doppelte Mimesis bei Albrecht Dürer. S. 26. Andere sehen in dem Profil das Gesicht Dantes und stellen den Felskopf mit einem in den Quellen nicht belegten Aufenthalt Dantes am Hof der Arco in Verbindung, den Dürer eine Hommage leisten wollte.Marco Zulberti: Il Castello di Arco nell’iconografia del Dürer. S. 45 ff.
Dem „Königskopf“ steht auf der gegenüberliegenden schmalen Felswand der „Adenauer-Kopf“ gegenüber, der nach Leber dem Profil des „Alten“ gleiche. Beide Köpfe sind keine Phantasieprodukte Dürers. Sie lehnen sich vielmehr an Felsformationen an, die in der Umgebung von Arco anzutreffen sind, wenn auch nicht an der von Dürer ausgemachten Stelle.Felix Thürlemann: Der Balken im Auge. Dürers Arco-Aquarell als Theorie der Mimesis. S. 68.
Nach Felix Thürlemann ist die von Dürer geschaffene Collage der Burg Arco nach deren Funktion zu deuten, in der die beiden eingearbeiteten Figuren als Wächter den Zugang zum venezianischen Hoheitsgebiet sichern. Das Aquarell besitzt aber seiner Meinung nach auch eine selbstreflexierende Dimension, nach der Dürer auf die biblische Parabel vom Mann mit dem Balken im Auge anspielt. Dürer hob zu diesem Zweck die an der Stelle des Auges befindliche Steinplatte des sogenannten Königskopf deutlich hervor und stellte dem Kopf einen zweiten dialogisierenden Felskopf gegenüber.Felix Thürlemann: Im Schlepptau des großen Glücks: die doppelte Mimesis bei Albrecht Dürer. S. 27–28.
Ladendorf erklärt die Tatsache, dass die Felsköpfe von den Kunsthistorikern so lange unentdeckt blieben mit dem wiederauflebenden Interesse an manieristischen Kunstformen. Zudem sei der Blick der Kunsthistoriker für solche doppelte Sichtweisen durch die Surrealisten, vor allem durch Salvador Dalí, geprägt worden. Felix Thürlemann spricht in diesem Zusammenhang von einer „doppelten Mimesis“, bei der eine direkte Form der Darstellung und eine davon abhängige indirekte Form übereinandergelegt werden.Felix Thürlemann: L’aquarelle de Dürer «fenedier klawsen». La double mimesis dans l’analyse picturale d’un lieu géographique. S. 11.
Entstehungsgeschichte und Verbleib Das Aquarell der Burg von Arco gehört zu einer Reihe von Landschaftsaquarellen Dürers, die von der Dürerforschung aufgrund lückenhafter Informationen unterschiedlich kontextualisiert werden. Die fehlende Datierung des Bildes macht eine exakte zeitliche Festlegung schwierig. Selbst die eindeutige geographische Identifizierung gelang erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.