Der Carrefour de l’Horloge (wörtlich „Kreuzung der Uhr“), bis 2015 Club de l’Horloge, ist eine 1974 gegründete französische rechtsextreme nationalliberale Denkfabrik. Die Organisation vertritt eine als „integraler Neo-Darwinismus“ bezeichnete Ideologie, die Wirtschaftsliberalismus mit ethnischem Nationalismus verbindet.

Der Carrefour de l’Horloge entstand zwischen 1974 und 1979 als Abspaltung des Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (GRECE). Er weist zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der Nouvelle Droite auf, unterscheidet sich von ihr jedoch durch seine Verteidigung des Katholizismus und des Wirtschaftsliberalismus. Wie die Nouvelle Droite nutzt die Organisation metapolitische Strategien, um ihre Ideen in der breiteren Gesellschaft zu verbreiten. Der Carrefour de l’Horloge bevorzugte dabei jedoch direktere Methoden wie Entrismus in etablierte Parteien und hohe Verwaltungspositionen sowie die Prägung eingängiger politischer Schlagwörter zur Beeinflussung öffentlicher Debatten. Die Gruppe und ihre Mitglieder prägten oder popularisierten Begriffe wie „nationale Präferenz“ und „Reinformation“ und trugen in Frankreich zur Popularisierung der Konzepte des „Großen Austauschs“ und der „Remigration“ bei.

Geschichte

Vorgeschichte: 1968–1973 Die Ursprünge des Carrefour de l’Horloge gehen auf den Cercle Pareto zurück, einen an Sciences Po gegründeten Kreis von Studenten, die mit GRECE verbunden waren. GRECE war im Januar 1968 von Alain de Benoist und anderen rechtsextremen Aktivisten als ethno-nationalistische Denkfabrik gegründet worden. Der Cercle Pareto entstand Ende desselben Jahres auf Initiative von Yvan Blot und anderen Studenten, die den linken Mai-Unruhen von 1968 ablehnend gegenüberstanden. Bald schlossen sich ihm Jean-Yves Le Gallou im Jahr 1969, Guillaume Faye 1970 sowie Daniel Garrigue und Georges-Henri Bousquet an.

Im Winter 1970 zählte der Cercle etwa 30 Mitglieder. Viele der späteren Gründer des Club de l’Horloge begegneten einander zwischen 1972 und 1974 an der Elitehochschule École nationale d’administration (ENA). Im Jahr 1973 versuchten Mitglieder des Cercle Alain de Benoist zu einem Eintritt in die Parteipolitik zu bewegen; dieser lehnte dies entschieden ab.

Entstehung: 1974–1979 Der Carrefour de l’Horloge wurde am 10. Juli 1974 unter dem Namen Club de l’Horloge von Jean-Yves Le Gallou, Yvan Blot, Henry de Lesquen, Daniel Garrigue und weiteren Personen gegründet. Die Gründer, Absolventen angesehener Hochschulen, verstanden sich als Teil einer elitären Denkfabrik, deren Ziel es war, nationalistische Ideen in die Öffentlichkeit zu tragen und als Bindeglied zwischen GRECE, etablierter Politik und der höheren französischen Verwaltung zu wirken. Bruno Mégret trat dem Club 1975 bei. mini|Jean-Yves Le Gallou, ein prominentes Mitglied des Carrefour de l’Horloge. Ab 1975 arbeitete Le Gallou als Zivilverwalter im Innenministerium, wo er versuchte, seine politischen Vorstellungen in Verwaltungsberichten zu verbreiten. Bei der Erstellung einer lokalen Studie verband er die sozialen Probleme der Stadt Chanteloup-les-Vignes mit Einwanderung; seine Thesen wurden in der Endfassung jedoch von der Verwaltung abgeschwächt. Im März 1976 gelang es Le Gallou jedoch, in der Zeitschrift Administration, die an alle französischen Präfekten verschickt wurde, einen Artikel über die „wirtschaftliche Bilanz der Einwanderung“ zu veröffentlichen. Der gemeinsam mit Philippe Baccou verfasste Text beschrieb Einwanderung als langfristig mindestens ebenso problematisch wie nützlich und betonte „ethnokulturelle“ Hindernisse der Assimilation: Künftig werde sich die Arbeitskräftereserve in sehr weit entfernten Ländern befinden, deren Bevölkerung weniger assimilierbar sei.

Zwischen 1974 und 1982 lud der Club zahlreiche hochrangige Beamte und Politiker zu seinen Konferenzen ein. Sie machten etwa die Hälfte der Teilnehmer aus; die übrigen Plätze entfielen auf Journalisten, Akademiker und Unternehmer. Zu den Gästen gehörten unter anderem Yves Guéna, Michel Jobert, Philippe Malaud, Pierre Mazeaud, Raymond Marcellin, Michel Debré, Jean Lecanuet, Alain Madelin, Michel Poniatowski, René Monory, Jean-Marcel Jeanneney, Maurice Couve de Murville, Edgar Faure, Alain Juppé, Lionel Stoléru und Jean-Louis Gergorin.

In den 1970er Jahren stand der Club de l’Horloge zeitweise unter dem Schutz des französischen Innenministers Michel Poniatowski. Zwischen 1974 und 1978 lässt sich die zunehmende Präsenz nativistischer Ideen in Poniatowskis öffentlichem Diskurs teilweise auf den Einfluss des Clubs und der Nouvelle Droite zurückführen. In seinem 1978 erschienenen Buch L’avenir n’est écrit nulle part zitierte Poniatowski ihre Arbeiten umfangreich. Er schrieb etwa, von Indien bis Island hätten fast alle weißen Bevölkerungen denselben kulturellen Ursprung und eine durch die Verteilung der Blutgruppen bestätigte ethnologische Verwandtschaft. Abgesehen vom lokalen Einfluss Yvan Blots, der unter Poniatowski und Christian Bonnet als Generalinspektor im Innenministerium tätig war, blieb die offizielle Einwanderungspolitik der Regierung jedoch weitgehend außerhalb des Einflussbereichs des Clubs.

Das 1979 unter der Leitung De Lesquens veröffentlichte Buch La Politique du vivant ging aus GRECE-Theorien zu Soziobiologie, genetischem Determinismus und Sozialdarwinismus hervor. Im selben Jahr wurde Henry de Lesquen in die französische Literatursendung Apostrophes eingeladen, um über die Nouvelle Droite zu diskutieren. Eine Medienkampagne gegen die Nouvelle Droite und den Club, die ihnen „vichystische Sympathien“ innerhalb staatlicher Institutionen vorwarf, beschädigte jedoch ihr öffentliches Ansehen in Frankreich.

Die ideologische Agenda des Clubs in dieser Phase kann als Synkretismus aus Neoliberalismus, rechtem Nationalismus und eugenischen Lehren beschrieben werden. Die Befürwortung des Wirtschaftsliberalismus geriet zunehmend in Gegensatz zur Philosophie von GRECE und besonders Alain de Benoists, der den Liberalismus mit Amerikanismus und Materialismus verband. Der Club de l’Horloge verwarf die langfristige metapolitische Strategie de Benoists und von GRECE, denen Le Gallou und Blot früher angehört hatten, und zielte auf unmittelbarere politische Ergebnisse. Er bevorzugte eine Strategie des Entrismus in die beiden wichtigsten rechten Parteien Frankreichs, den Rassemblement pour la République (RPR) und die Union pour la démocratie française (UDF).

Seit 1979/80 distanzierte sich der Club de l’Horloge vom Neuheidentum und Antikapitalismus von GRECE und der Nouvelle Droite und vertrat stattdessen einen Wirtschaftsliberalismus, der stark von ethnischem Nationalismus geprägt war.

Club de l’Horloge: 1980–2014 mini|Henry de Lesquen, Präsident des Clubs und provokanter Blogger, gilt als einer der wichtigsten Verbreiter des Begriffs „Remigration“ in Frankreich. Die Strategie des Entrismus zeigte in den 1980er Jahren gewisse Erfolge. Le Gallou trat Anfang der 1980er Jahre der UDF bei, während andere führende Mitglieder wie Mégret von 1975 bis 1982, De Lesquen von 1977 bis 1985 oder Blot von 1979 bis 1988 bereits dem RPR angehörten. Mit wachsendem Einfluss entwickelte und verbreitete Le Gallou das Konzept der „nationalen Präferenz“. Er fungierte zugleich als Verbindungsglied zwischen dem Club und der rechtsextremen Partei Front National (FN), der er 1985 beitrat.

Im Jahr 1990 schuf der Club de l’Horloge den nach dem sowjetischen Pseudowissenschaftler Trofim Denissowitsch Lyssenko benannten „Lyssenko-Preis“. Bruno Mégret prägte 1997 das Wort „Reinformation“, mit dem nationalistische Medien gemeint waren, die sich gegen den etablierten Journalismus richteten. Der Begriff wurde später von zahlreichen rechten Internetseiten in Frankreich übernommen.

Umbenennung und Wiederbelebung seit 2015 Im September 2015 wurde der Club de l’Horloge in Carrefour de l’Horloge umbenannt und mit den kleineren Vereinigungen Voix des Français, Renaissance 95, SOS Identité und Mouvement associatif pour l’union de la droite zusammengelegt.

Das erste Treffen unter dem neuen Namen fand am 16. Januar 2016 mit Charles Beigbeder, Christian Vanneste, Blot, De Lesquen und Le Gallou statt. Die National-Liberale Partei (Parti national-libéral, PNL) wurde 2017 gegründet und im folgenden Jahr öffentlich vorgestellt. Sie sollte nationalliberale Ideen verbreiten und traditionelle französische Werte sowie wirtschaftsliberale Konzepte durch ideologische Einflussnahme statt durch unmittelbare Wahlpolitik fördern. Während der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2017 gehörte Philippe Baccou, ein prominentes Mitglied des Clubs, zu den einflussreichen politischen Beratern der FN-Kandidatin Marine Le Pen.

Der Präsident des Carrefour de l’Horloge, Henry de Lesquen, betreibt einen YouTube-Kanal mit mehreren Millionen Aufrufen. Darüber beteiligte er sich an der Popularisierung des Begriffs „Remigration“ in Frankreich sowie an der Verbreitung rassistischer Theorien auf Grundlage der Arbeiten des Anthropologen Carleton S. Coon.

Politische Ausrichtung Der Carrefour de l’Horloge beruft sich auf zwölf sogenannte „Mentoren“:

Philosophie: Edmund Burke, Hippolyte Taine, Julien Freund Ökonomie: Friedrich Hayek, Ludwig von Mises Soziologie: Gustave Le Bon, Arnold Gehlen, Vilfredo Pareto, Jules Monnerot Recht: Carl Schmitt Biologie: Konrad Lorenz und Jacques Monod

Die Ideologie des Carrefour de l’Horloge war ursprünglich vom Sozialdarwinismus geprägt, bevor sie schrittweise Neoliberalismus mit rassistischen Vorstellungen zu einem „integralen Neo-Darwinismus“ verband. In den 2010er Jahren vertrat die Denkfabrik Wirtschaftsliberalismus, Nationalismus und direkte Demokratie. Die Politikwissenschaftlerin Fiammetta Venner bezeichnete den Club 2006 als „nationalradikal“.

Die Übernahme einer liberal-nationalen Wirtschaftstheorie führte in den 1970er Jahren zu einem doktrinären Bruch mit GRECE, das den Wirtschaftsliberalismus als Zerstörer kollektiver Identitäten und „verwurzelter“ Kulturen sowie als Erzeuger von Uniformität kritisierte. Die gemeinsame Verteidigung von Identität erlaubte es dem Club und GRECE jedoch, als unterschiedliche Strömungen innerhalb der breiteren Bewegung der Nouvelle Droite zu wirken. Nach dem Politikwissenschaftler Tamir Bar-On erinnerte der vom Club de l’Horloge vertretene neoliberale Hyperkapitalismus an Denker wie Friedrich Hayek und Milton Friedman sowie an anglo-amerikanische Strömungen der Neuen Rechten wie Thatcherismus und Reaganismus. Dieser Neoliberalismus sei von der europäischen Neuen Rechten häufig als Hauptgegner betrachtet worden, wobei die Vereinigten Staaten als wichtigster Repräsentant dieser materialistischen Weltanschauung gegolten hätten.

Der Club befürwortet direkte Demokratie und entwickelte bereits 1986 theoretische Überlegungen zu Bürgerreferenden. Im folgenden Jahr brachte Yvan Blot in der Nationalversammlung einen Gesetzentwurf zur Einführung von Volksinitiativen ein, fand dafür jedoch nicht genügend Unterstützung. Der Club lobt den „gesunden Menschenverstand des Volkes“ gegen eine von ihm behauptete „Konfiszierung der Demokratie“ durch entwurzelte Eliten. Blots Vorstellungen beeinflussten den Front National, der sich als „bester Verteidiger der Demokratie“ darstellte.

Lyssenko-Preis Seit 1990 verleiht der Carrefour de l’Horloge jährlich den satirischen „Lyssenko-Preis“ an eine Person, die nach Auffassung des Clubs am stärksten zur wissenschaftlichen oder historischen Desinformation mit ideologischen Methoden und Argumenten beigetragen habe.

Bekannte Mitglieder

Henry de Lesquen Jean-Yves Le Gallou Yvan Blot Bruno Mégret Alain Madelin Gérard Longuet Pierre Chaunu Daniel Garrigue Jules Monnerot Achille Dauphin-Meunier Franck Gilard Christian Noyer Christian Vanneste Yves-Thibault de Silguy

Einzelnachweise

Kategorie:Gründung einer politischen Organisation 1974 Kategorie:Neue Rechte Kategorie:Politische Organisation (Frankreich) Kategorie:Nationalliberalismus