Die Vlaamse Volksbeweging (VVB; deutsch etwa „Flämische Volksbewegung“) ist eine flämisch-nationalistische Vereinigung und Denkfabrik in Belgien. Sie gehört zur Flämischen Bewegung und setzt sich für die gesellschaftliche, kulturelle und politische Eigenständigkeit Flanderns bis hin zu einem unabhängigen flämischen Staat in Europa ein. Die Organisation entstand in ihrer bis heute prägenden Form 1956 und hat ihren Sitz in Antwerpen. Sie hatte 2026 knapp 5000 Mitglieder. Vorsitzender ist seit November 2023 Michael Discart.
Geschichte Die Entstehung der Vlaamse Volksbeweging ist vor dem Hintergrund der Neuformierung des flämischen Nationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. Innerhalb des nationalistischen Milieus in Flandern wurde Ende der 1940er Jahre darüber gestritten, ob sich der flämische Nationalismus wieder parteipolitisch organisieren oder als außerparlamentarische Bewegung Druck auf die traditionellen Parteien ausüben sollte. Nach mehreren erfolglosen Vorläuferinitiativen wurde am 30. November 1952 eine erste Vlaamse Volksbeweging gegründet. Diese frühe Organisation blieb jedoch schwach und zerfiel bald wieder, nachdem mehrere ihrer führenden Mitglieder in die Parteipolitik wechselten.
Einen neuen Impuls erhielt die Bewegung 1956. Am 17. Mai 1956 trat ein neu zusammengesetzter VVB-Rat zusammen, dem Persönlichkeiten aus verschiedenen flämisch gesinnten Milieus angehörten. Zu den prägenden Figuren zählte Maurits Coppieters, der später eine wichtige Rolle in der Volksunie spielte. Am 8. Juli 1956 verabschiedete der VVB-Rat ein flämisches Dringlichkeitsprogramm. Darin wurden unter anderem die Festlegung der Sprachgrenze, kulturelle Autonomie, Verbesserungen der Sprachgesetzgebung, eine stärkere Stellung des Niederländischen in Verwaltung, Unterricht, Justiz und Armee sowie ein regionales Wirtschaftskonzept gefordert.
In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren entwickelte sich die VVB zu einer der wichtigsten Organisationen der Flämischen Bewegung. Sie war organisatorisch im Vlaams Aktiekomitee voor Brussel en Taalgrens vertreten, das die flämischen Mobilisierungen um die Sprachgrenze und die Brüsseler Frage mitprägte. Anfang der 1960er Jahre wuchs die Organisation stark; so stieg die Mitgliederzahl von 1265 Ende 1958 auf etwa 8702 Ende 1962 und rund 12.800 Ende 1963. In dieser Zeit entstanden zahlreiche lokale Abteilungen, Dienste und Arbeitsgruppen. Die VVB organisierte Kongresse und Kadertage und veröffentlichte neben Aktionsaufrufen auch inhaltliche Dossiers und Zeitschriftenartikel.
Auf einem Kongress vom 4. Februar 1962 sprach sich die VVB unter dem Einfluss von Wilfried Martens für einen „unionistischen Föderalismus“ aus. Diese Positionierung führte innerhalb der breiteren Flämischen Bewegung zu Spannungen, trug aber zugleich dazu bei, den Gedanken einer föderalen Umgestaltung Belgiens weiter zu verbreiten. In den 1960er Jahren engagierte sich die VVB unter anderem für die niederländischsprachige Ausrichtung der flämischen Küstenregion, gegen die Ausweitung Brüssels auf flämische Randgemeinden und für die Trennung der damaligen Katholischen Universität Löwen in eine niederländisch- und eine französischsprachige Einrichtung im Kontext von Leuven Vlaams.
Seit den 1970er Jahren verlor die VVB an Mobilisierungskraft. Sie blieb zwar in Aktionskomitees aktiv, etwa im Widerstand gegen den Egmont-Pakt, doch gingen Mitgliederzahlen und lokales Abteilungsleben zurück. Jüngere flämisch-nationalistische Aktivisten wandten sich teilweise stärker dem Taal Aktie Komitee zu. Ende der 1980er Jahre versuchte die VVB unter einer neuen Leitung um Peter De Roover und Jan Jambon eine Erneuerung. Auf ihrem Kongress von 1991 erklärte sie die Gründung eines unabhängigen flämischen Staates in Europa ausdrücklich zum Hauptziel. Im 21. Jahrhundert verlor die Gruppe ihre frühere richtungsweisende Rolle im flämischen Nationalismus, blieb jedoch weiter aktiv.
Aktivitäten mini|Demonstration in Brüssel Die Vlaamse Volksbeweging versteht sich als parteipolitisch unabhängige und pluralistische Organisation und Denkfabrik der Flämischen Bewegung. Ihr Ziel ist es, die öffentliche Meinung für flämische Autonomie und Unabhängigkeit zu mobilisieren und die Beteiligung am demokratischen Entscheidungsprozess zu fördern. Die Flämische Volksbewegung verfügt über etwa neunzig Ortsgruppen, die Monatszeitschrift „Grondvest“, mehrere Online-Magazine und diverse Arbeitsgruppen. Der VVB ist von der Flämischen Gemeinschaft als soziokultureller Verein offiziell anerkannt und wird daher subventioniert.
Zu den bekanntesten wiederkehrenden Aktionen gehören Beflaggungsaktionen während der Flandern-Rundfahrt, Wandertage in Voeren und Aktivitäten im Umfeld des Gordel beziehungsweise des Gordelfestivals. Damit versucht die VVB, flämische Identität sichtbar zu machen und Unterstützung für größere flämische Autonomie zu mobilisieren. Das Mitgliederblatt der Organisation trägt seit Februar 2021 den Namen Onaf, eine Anspielung auf das Ziel der Unabhängigkeit.
Ein besonderes Arbeitsfeld ist die Stellung der niederländischen Sprache in Brüssel und im flämischen Randgebiet. Über das mit ihr verbundene Vlaams Komitee voor Brussel und dessen Publikation De Brusselse Post werden unter anderem Fragen der Sprachrechte, des niederländischsprachigen Unterrichts und der Vertretung der Brüsseler Vlamingen behandelt. Das Komitee führt nach eigener Darstellung auch juristische Verfahren, um die Anwendung der Sprachgesetzgebung und Zuständigkeitsfragen der flämischen Gemeinschaft durchzusetzen.
Die VVB pflegt außerdem Kontakte zu anderen europäischen Bewegungen für Selbstbestimmung, insbesondere in Katalonien und Schottland. Sie war an internationalen Initiativen wie der International Commission of European Citizens beteiligt und unterstützte 2014 eine Demonstration in Brüssel für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, an der mehr als 5000 Menschen teilnahmen.
Bedeutung Die VVB hatte über längere Zeit eine Funktion als Kaderschmiede und Ideengeber für flämisch-nationalistische und flämisch gesinnte Politiker. Aus ihrem Umfeld kamen oder in ihr engagierten sich unter anderem Maurits Coppieters, Wilfried Martens, Peter De Roover und Jan Jambon. Auf einem VVB-Kongress im Jahr 1962 brachte der damalige politische Sekretär Wilfried Martens die Idee des Föderalismus für den damaligen Einheitsstaat Belgie ins Spiel.
Vorsitz ZeitraumName1957–1963Maurits Coppieters †150x150px1963–1980Paul Daels †1981–1989Jaak Van Waeg †1989–1998Peter De Roover150x150px1998–2000Ivan Mertens †2000–2004Guido Moons2004–2007Rita De Bont128x128px2007–2009Eric Defoort †151x151px2010–2013Guido Moons2013–2018Bart De Valck2018–2023Hugo Maes100x100px2023Michael Discart
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Einzelnachweise
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