mini|H. G. Wells (1890) Der Luftkrieg (engl. OT: The War in the Air: And Particularly How Mr. Bert Smallways Fared While It Lasted) ist der Titel eines 1908in Folgen im The Pall Mall Magazine und als Buch im Verlag George Bell & Sons publizierten militärischen Science-Fiction-Romans von H. G. Wells. Erzählt wird die abenteuerliche Geschichte des englischen Fahrradmechanikers Bert Smallways, der auf kuriose Weise in den Luftkrieg der Großmächte gerät. Die deutsche Übersetzung von Gertrud J. Klett erschien 1909.im Verlag Julius Hoffmann, Stuttgart, und 1983 im Paul Zsolnay Verlag Wien/Hamburg.
Inhalt Überblick Die Handlung des 1908 publizierten dystopischen Romans spielt in einer nicht genau terminierten Zukunft im 20. Jh.: Der Engländer Bert Smallways nimmt als tragikomischer Abenteurer und Glücksritter an dem deutschen Luftangriff auf die Vereinigten Staaten teil, beobachtet vom Zeppelin „Vaterland“ aus die Gefechte und die Bombardierung der Städte und erlebt die Ausweitung der Konflikte zu einem Weltkrieg und zur Zerstörung der beteiligten Länder.
In einzelnen Abschnitten des Romans erläutert der Erzähler seine Vision einer „Weltensintflut“: die weltpolitische Situation und die Eskalation der Kämpfe bis zum Untergang der Zivilisation.
Die Geschichte Bert Smallways In den ersten drei Kapiteln werden die Hauptfigur des Romans, Bert Smallways, und seine Familie vorgestellt (Kp 1: Vom Betrieb und der Familie Smallways). Sie wohnen in Bun Hill, einem fiktiven Dorf in Surrey, südlich von London. Berts älterer Bruder Tom ist ein bodenständiger Gemüsehändler, der wie sein der alten Zeit nachtrauernder Vater den technologischen Fortschritt mit Besorgnis betrachtet. Dieser kündigt sich mit neuen Erfindungen an: Flugzeuge, Ballons, Einschienenbahnen. Bert ist ein sorgloser junger Mann, der mit seinem Partner Grubb mit abenteuerlichen Ideen, aber geringem Erfolg ein Fahrradgeschäft betreibt und nach dessen Bankrott plant, als Straßensänger in englischen Seebädern aufzutreten (Kap. 2: Wie Bert Smallways in Schwierigkeiten geriet). Seine Premiere wird abgebrochen durch Mr. Butterridges in Turbulenzen geratenen Ballon, bei dessen Landung Bert hilft. Der Luftpionier Butterridge ist Erfinder eines neuen Flugzeuges in Wespenform und hat sein Geheimnis zuerst der britischen und dann der deutschen Regierung zum Kauf angeboten (Kap. 3: Der Ballon). Während der Pilot und seine Bergleiterin aussteigen, fällt Ben bei seiner Hilfsaktion in den Korb und steigt, als der Ballon von einer Windböe hochgerissen wird, mit ihm in die Luft. Im Gepäck findet er die Konstruktionspläne für die Flugmaschine und versteckt sie in seinem Brustbeutel.
Berts Balon wird nach Deutschland getrieben und über dem geheimen Militärluftfahrtpark für Zeppeline abgeschossen. Dort beginnt die deutsche Luftflotte, begleitet von Drachenfliegern, unter ihrem Anführer Prinz Karl Albert einen Überraschungsangriff auf die Vereinigten Staaten, um mit ihrer derzeitige militärische Überlegenheit die USA zur Aufgabe der Monroe-Doktrin zu zwingen und die deutschen imperialen Ambitionen in Südamerika zu erleichtern. Durch die im Korb gefundenen Dokumente halten die Deutschen Bert für Butterridge. Um mit ihm über den Kauf der Erfindung und seine Aufsicht über die Flugmaschinen-Abteilung des aeronautischen Parks zu verhandeln, bringen sie ihn in das „Flaggschiff“ der Flotte, den Zeppelin „Vaterland“ (Kap. 4: Die deutsche Luftflotte). Im Gespräch entdeckt Staatssekretär Graf Winterfeld jedoch Berts wahre Identität und fordert ihn zur Übergabe der Konstruktionspläne auf, sonst werde er als Spion verurteilt.
Während des Ozeanflugs erreicht sie die nach Nachricht von der Seeschlacht im Atlantik. Prinz Alberts Luftflotte greift ein und durch ihre Bombardierung unterliegt die amerikanische Flotte der deutschen (Kap 5: Die Schlacht im Nordatlantik). Dann greifen die Zeppeline New York an. Bert beobachtet von der Gondel aus die brennenden und untergehenden Schiffe und die Luftgefechte der deutschen mit den amerikanischen Aeroplanen und ist über das Ausmaß der Zerstörung der Stadt erschüttert. Im radikalen Prinzen sieht er die Verkörperung des Kriegsgottes, er entdeckt als Reaktion darauf sein eigenes Nationalgefühl und verrät nicht Butterridges Erfindung.
Als der überraschten amerikanischen Regierung die Überlegenheit der deutschen Streitkräfte bewusst wird und sie die Kapitulation anbietet, entfacht dies die patriotische Wut der Bevölkerung (Kap. 6: Wie der Krieg über New York kam): Lokale Milizen bilden sich spontan und schießen mit Kanonen ein deutsches Luftschiff ab. Daraufhin befiehlt der rachsüchtige Prinz die weitere Bombardierung der Stadt. Amerikanische Aeroplane versuchen einen Gegenangriff, zerstören einige Zeppeline, unterliegen jedoch im Luftkampf. Bei den Gefechten wird das Flaggschiff des Prinzen schwer beschädigt, von Sturmwinden nach Norden getrieben und muss auf Labrador notlanden (Kap. 7: Die „Vaterland“ kampfunfähig). Dort bauen die Deutschen einen neuen Stützpunkt auf, von dem aus sie den Luftkrieg weiterführen.
Inzwischen haben Frankreich und England in den Krieg eingegriffen, der sich auf ganz Europa und Kolonialgebiete ausgebreitet. Dabei werden die großen Städte, Berlin, London, Paris, durch Bombardierungen zerstört. Verärgert über die Verweigerung der amerikanischen Staatsbürgerschaft für ostasiatische Einwanderer nutzt die chino-japanische Konföderation die Schwäche der Europäer und Amerikaner aus und greift mit ihrer in den letzten Jahren heimlich aufgebauten riesigen Luftwaffe den Westen an (Kap. 8: Weltkrieg). Ihre Luftflotte zerstört San Francisco, stößt über die Rocky Mountains vor und trifft auf die Deutschen an ihrer Niagara-Basis. Von ihren leichten Ein-Mann-Flugmaschinen feuern die Asiaten explosive Kugeln auf die Luftschiffe, bringen sie zum Absturz oder zwingen sie zur Flucht.
Nach der Bombardierung des Stützpunkts flieht Bert als einer der wenigen Überlebenden der deutschen Mannschaft auf die Ziegeninsel in der Nähe der Niagarafälle (Kap. 9 Auf der Ziegeninsel) und trifft dort auf Prinz Karl Albert. Es kommt zur Konfrontation und Bert erschießt den Prinzen, den er für die Auslösung des Weltkriegs verantwortlich macht. Bert repariert einen abgestürzten japanischen Drachenflieger, fliegt damit über die USA und stürzt über einem Wald ab. In einem kleinen Dorf trifft er auf amerikanische Milizionäre, die ihn über die Entwicklung des Krieges informieren: Der ursprüngliche deutsch-amerikanische Konflikt hat sich zu einem amerikanisch-asiatischen entwickelt. Die Japaner und Chinesen haben die Lufthoheit und zerstören eine Stadt nach der anderen. Nur die Entwicklung einer neuen Flugmaschine könnte Amerika retten. Einer der Männer, Laurier, hat aus der Zeitung von Butterridges verloren gegangener Erfindung erfahren. Bert erinnert sich an die Pläne in seinem Brustbeutel und die Milizionäre reisen mit ihm zum amerikanischen Präsidenten, der die Produktion des Fliegers anordnet. Die neue Waffe bringt zwar keine Wende des Kampfverlaufs, leitet aber eine Pattsituation ein. Da die Maschine auch von lokalen und regionale Banden gebaut und in ihren Konflikten eingesetzt werden kann, beschleunigt sich der Prozess des Zerfalls und der Auflösung der Nationen der Welt.
In einer 1924 publizierten Version des RomansWells veröffentlichte später mehrere seiner Werke bei William Heinemann (später Doubleday) in London. Diese Versionen enthielten zahlreiche Bearbeitungen der Werke und werden gemeinsam als Heinemann-Text bezeichnet. kehrt Bert Smallways nach vielen Abenteuern nach Hause zurück und erschießt einen lokalen Milizenführer, der das Dorf beherrscht und Berts Freundin Edna umwirbt. Sie heiraten und bekommen elf Kinder.
Das letzten Kapitel (Epilog) spielt 30 Jahre nach dem deutschen Angriff auf die USA im zerstörten Bun Hill. Dort haben Herumstreicher und zurückgekehrte Flüchtlinge Zuflucht gefunden und die Landwirtschaft steht wieder auf der vorindustriellen Stufe. Das nahe London ist eine Ruinenstadt. Tom Smallways erzählt seinem Neffen Teddy, dem jüngsten Sohn Berts, die Gespenstergeschichte von Krieg, Hunger, Krankheiten und Zerstörungen. Auf die Teddys Fragen nach dem Grund für den Krieg und nach dessen Ende antwortet Tom: „Sie konnten nicht anders. Weil sie doch die Luftschiffe hatten. […] Ob er überhaupt aus ist, das weiß der liebe Gott […] Er hätte gar nicht anfangen müssen […] Irgendwer hätte irgendwo irgend etwas verhindern müssen.“H. G. Wells: Der Luftkrieg. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 330. Der Erzähler kommentiert: „Aber wer oder wie oder warum – das lag alles jenseits seines [Toms] Horizonts…“
Die „Auflösung des Zeitalters“ In seiner Vision einer „Weltensintflut“ analysiert der Erzähler in einzelnen Abschnitten des Romans die weltpolitische Lage: die Interessen der Großmächte (USA, Russland, Ostasiatische Konföderation China/Japan, Großbritannien, Frankreich, Deutschland), der sich steigernde Patriotismus, die Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien, die technische und wirtschaftliche Entwicklung und deren Folgen für die Ausrüstungv. a. im 1. Abschnitt des 4. Kapitels Die deutsche Luftflotte. und die Strategien des Luftkriegs:v. a. im 1. und 2. Abschnitt des 8. Kapitels Der Luftkrieg
Die Kriege werden nicht von Bodentruppen ausgetragen, sondern mit Luftwaffen: Große Luftschiffe und Aeroplane bombardieren die Städte und zerstören sie. Aeronauten, bewaffnet mit Gewehren und Schwertern, kämpfen auf ihren Einmannmaschinen, wie Drachenflieger und Butterridges Wespenflugzeug, in der Luft gegeneinander. Die Folgen sind große Zerstörungen und viele zivile Tote, aber die verfeindeten Länder werden nicht, oder nur zum Teil, besetzt und können weiter Flugmaschinen in großer Zahl herstellen, die Technik weiterentwickeln und den Krieg fortsetzen. Ziel ist die Vernichtung des Gegners durch die vollständige Überwachung des Luftraums. Nach den Bombardierungen kommt es in den Städten zu Hungersnöten und Tumulten in der Bevölkerung, zu einem „Zusammenbruch der Zivilisation“ und einer „Auflösung des Zeitalters“: „Der Krieg wurde notgedrungen ein allgemeiner Guerillakrieg, ein Krieg, der Bürger und Familien und den ganzen Apparat sozialen Lebens unrettbar in sich verstrickte.“H. G. Wells: Der Luftkrieg. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 211, 212.
Für den Erzähler liegt eine Hauptursache der Kriege in der mangelnden „moralische[n] Organisation“, die „mit dem physischen Fortschritt nicht Hand in Hand“ gehe: „[…] Schaffende und erhaltende Kräfte hielten wirklich eine Zeitlang dem boshaften Spiel des Zufalls und der natürlichen Unwissenheit, dem Vorurteil, der blinden Leidenschaft und dem verderblichen Egoismus der Menschheit die Waage.“ Aber das „zufällige Übergewicht auf seiten des Fortschritts war viel geringer und von unendlich viel verwickelterer und zerbrechlicherer Art, als die Menschen jeder Zeit ahnten. […] Sie maßen sich voll Selbstzufriedenheit einen naturnotwendigen Fortschritt bei, für den sie moralisch keineswegs verantwortlich waren. […] sie sahen ohne Sorge und Verständnis mit an, wie, je mehr die Rassen sich einander näherten, desto mehr auch die Rassenfeindschaft sich steigerte; und sie duldeten in ihrer Mitte das Vorhandensein einer übelgesinnten Presse voll schlimmer Gesinnungen, habgierig, gewissenlos, unfähig, Gutes zu tun, und mächtig Böses anzustiften. […] Ob die Menschheit das Unheil dieses Luftkriegs hätte verhüten können? Eine müßige Frage! So müßig, wie die Frage, ob die Menschheit den langsamen Verfall und Zusammenbruch hätte verhüten können, der Assyrien und Babylonien in öde Wildnis wandelte […] diesmal war es kein langsamer Verfall, der über die europäische Welt kam […] Innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren war sie vollständig zersetzt und vernichtet.“H. G. Wells: Der Luftkrieg. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1983, S. 297, 298.