700 Haie in der Nacht (Originaltitel: 700 requins dans la nuit, internationaler Titel: 700 Sharks) ist ein französischer Dokumentarfilm von Luc Marescot aus dem Jahr 2018. Der Film begleitet den Meeresbiologen, Taucher und Unterwasserfotografen Laurent Ballesta und sein Team bei einer Expedition zum Fakarava-Atoll in Französisch-Polynesien. Im Mittelpunkt stehen eine außergewöhnlich große Ansammlung Grauer Riffhaie im südlichen Pass des Atolls und die Frage, wie die Tiere dort nachts jagen.

Im selben Produktionszusammenhang entstand auch die 360-Grad-VR-Serie 700 Sharks.

Inhalt Im südlichen Pass des Fakarava-Atolls in Französisch-Polynesien versammeln sich regelmäßig mehrere hundert Graue Riffhaie. Ballesta hatte die ungewöhnlich große Haiansammlung während früherer Dreharbeiten zu einem jährlichen Laichtreffen an dem Atoll von bis zu 18.000 Zackenbarschen entdeckt. Für 700 Haie in der Nacht kehrt er mit einem internationalen Team von Tauchern, Kameraleuten und Wissenschaftlern nach Fakarava zurück, um das Verhalten der Haie während der nächtlichen Jagd zu untersuchen.

thumb|Grauer Riffhai Der Film dokumentiert die Vorbereitung und Durchführung der Expedition. Das Team taucht nachts im Pass des Atolls, wo die Haie in hoher Dichte auf Beutejagd gehen. Gezeigt werden dabei unter anderem, wie Haie gefangen und mit Sendern markiert werden und wie einem Hai eine Kamera auf den Rücken gebunden wird. Zudem wird ein Kamerabogen gebaut und platziert, um das Jagd- und Fressverhalten der Haie besser aus verschiedenen Positionen filmen zu können. Dabei wird gezeigt, dass die Tiere nicht nur einzeln jagen, sondern sich zeitweise in Gruppen um Beutefische sammeln. Der Film verbindet dabei Unterwasseraufnahmen mit wissenschaftlicher Beobachtung und der Frage, ob das Jagdverhalten der Haie koordiniert oder in Konkurrenz abläuft. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Beobachtungen zur Anatomie und Physiologie des Haimauls, das sich beim Fang und Fressen stark verformen kann. Auch die gemeinsame, opportunistische Jagd mit den kleineren Weißspitzen-Riffhaien (Triaenodon obesus) konnte gezeigt werden: Die kleineren Haie können tiefer in die Korallen eindringen und scheuchen dabei Fische auf, die von den darüber schwimmenden Grauen Riffhaien gefangen werden.

Um die Bewegungen der Tiere nachvollziehen zu können, werden Haie mit elektronischen Markierungen versehen. Der Filmdienst verweist darauf, dass rund vierzig Haie mit elektronischen Chips ausgestattet wurden, um ihre Bewegungen zu verfolgen. Französische Produktionsangaben sprechen teils von einer größeren Anzahl elektronisch ausgerüsteter Tiere; gemeinsam ist den Angaben, dass die Studie das nächtliche Bewegungs- und Jagdverhalten der Haie in einem bislang ungewöhnlichen Umfang dokumentieren sollte.

Neben den Haien thematisiert der Film das Ökosystem des Atolls. Die hohe Haidichte wird im Zusammenhang mit dem Korallenriff, den Strömungen des Passes und der Fortpflanzung der Zackenbarsche betrachtet. Der Film stellt die Haie dabei als Teil eines komplexen marinen Lebensraums dar.

Hintergrund thumb|Laurent Ballesta Der Film wurde von Arte France, Le Cinquième Rêve, Andromède Océanologie und Les Gens Bien Productions produziert. Als Koproduzenten werden National Geographic, Filmin’Tahiti und CNRS Images genannt. Er knüpft an Ballestas frühere Arbeit im Fakarava-Atoll an. Während einer Expedition zum Laichen der Zackenbarsche im Juni 2014 hatte er dort eine Gruppe von mehr als 700 Grauen Riffhaien beobachtet. Nach Angaben der Gombessa-Expeditionen handelte es sich um die höchste bis dahin für diese Art dokumentierte Dichte; zugleich fiel dem Team ein Jagdverhalten auf, das koordiniert wirkte.

Für die Dreharbeiten wurden besonders aufwendige Unterwassertechniken eingesetzt. Die Angaben von ARTE und den beteiligten Produktionsfirmen nennen unter anderem elektronische Sender, Antennenempfänger, Hydrophone und eine Konstruktion mit 32 synchronisierten Kameras, um Bewegungen und Jagdszenen im Dunkeln erfassen zu können. Nach Angaben von Le Cinquième Rêve erforderte die Expedition eine mehrjährige Vorbereitung; fünf erfahrene Unterwasserforscher tauchten nachts inmitten der Haigruppe. Für die Expedition installierte Mouriers Team insgesamt 25 akustische Empfänger im Pass und versah 40 Haie mit akustischen Sendern und Beschleunigungsmessern; Mourier beschrieb den Dokumentarfilm als Gelegenheit, wissenschaftlich nutzbares Videomaterial zu gewinnen.

Regisseur Luc Marescot verfasste das Drehbuch gemeinsam mit Laurent Ballesta, Émilie Dumond und Gil Kebaïli. Die Unterwasseraufnahmen stammen von Yanick Gentil, Jean-Charles Granjon, Yann Hubert, Manuel Lefèvre, Roberto Rinaldi und Kevin Peyrusse. Die Musik komponierte Julien Jaouen.

Veröffentlichung 700 Haie in der Nacht wurde 2018 veröffentlicht und auf Festivals sowie im Fernsehen gezeigt. Arte Distribution führt den Film mit einer Länge von 92 Minuten und nennt als Sprachfassungen Deutsch, Englisch und Französisch. In Deutschland wurde der Film unter dem Titel 700 Haie in der Nacht ausgestrahlt.

Der Film liegt in französischer, deutscher und englischer Sprachfassung vor. Als Erzähler der englischen Fassung wird Dan Nachtrab geführt.

Filmmusik Die Musik zum Film stammt von dem französischen Filmkomponisten Julien Jaouen.

Jaouen wurde 2019 beim von der Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique (SACEM) und der Chambre Syndicale de l’Édition Musicale (CSDEM) vergebenen Prix de la Création in der Kategorie Dokumentarfilmmusik nominiert. Das Soundtrackalbum 700 requins dans la nuit (Bande originale du film) erschien am 7. Juni 2019 digital über Cristal Publishing mit 20 Titeln und einer Gesamtlänge von 46:15 Minuten.

Wissenschaftliche Ergebnisse thumb|Neben den Haien wurden vor allem Zackenbarsche, vor allem der Getarnte Zackenbarsch (Epinephelus polyphekadion), untersucht. Die im Film dokumentierte Expedition steht in engem Zusammenhang mit wissenschaftlichen Untersuchungen zum Südpass von Fakarava und dem dortigen Ökosystem. Bereits 2016 beschrieben Johann Mourier und Kollegen in Current Biology eine außergewöhnlich hohe Menge von Riffhaien im Pass. Die Autoren erklärten diese „umgekehrte trophische Pyramide“ damit, dass die Haie nicht allein von der lokalen Produktivität des Riffs leben, sondern regelmäßig von den Laichansammlungen der Zackenbarsche profitieren, die dem System zusätzliche Energie und Biomasse zuführen.

Eine thematisch eng anschließende Studie von Mourier, Ballesta, Eric Clua und Serge Planes erschien 2019 in Coral Reefs. Sie untersuchte mit akustischer Telemetrie die Besuchsmuster von Getarnten Zackenbarsch (Epinephelus polyphekadion) an ihrem Laichplatz in Fakarava. Die Autoren zeigten, dass die Tiere etwa zwei Wochen vor dem Vollmond am Laichplatz eintrafen und ihn nach der Fortpflanzung rasch wieder verließen. Die Arbeit ordnete die Laichansammlung zugleich als wichtigen Faktor für das dortige Ökosystem und für die hohe Dichte an Raubfischen, vor allem Haien, ein.

Im Jahr 2020 veröffentlichten Pierre Labourgade, Laurent Ballesta, Charlie Huveneers, Yannis Papastamatiou und Johann Mourier in Ecology eine Studie zu den Jagdassoziationen zwischen Grauen Riffhaien und Weißspitzen-Riffhaien. Die Autoren werteten ihre nächtliche Unterwasserbeobachtungen aus Fakarava aus und beschrieben erstmals Kleptoparasitismus bei Haien: Weißspitzen-Riffhaie nutzten demnach die Jagdaktivität Grauer Riffhaie, um erbeutete Fische zu stehlen oder von deren Jagderfolg zu profitieren.

Eine weitere Arbeit von Yannis P. Papastamatiou und Kollegen erschien 2021 im Journal of Animal Ecology. Die Studie zeigte, dass Graue Riffhaie im Pass Strömungsaufwinde nutzen können, um ihren Energieaufwand zu verringern. Die Autoren verglichen dieses Verhalten mit dem Ausnutzen von Aufwinden durch Vögel und schätzten, dass sich der Energieverbrauch der Haie in solchen Strömungszonen um etwa 10 bis 15 Prozent verringern kann.

Eine 2025 im Journal of Fish Biology veröffentlichte Studie von Anaïs Laurioux, Charlie Huveneers, Yannis Papastamatiou, Serge Planes, Laurent Ballesta und Johann Mourier untersuchte über ein Jahr hinweg anhand von während der Filmarbeiten platzierten Tiefen- und Beschleunigungssensoren die Raumnutzung und Aktivität von 38 Grauen Riffhaien im Südpass von Fakarava. Die Autoren fanden, dass die Haie nachts einen größeren Raum nutzten und vor allem nachts sowie bei ablaufender Strömung aktiver waren. Die Aktivität erreichte zudem während Voll- und Neumond Spitzenwerte; die Schwimmtiefe wurde vor allem durch den Tag-Nacht-Rhythmus beeinflusst, wobei die Tiere tagsüber tiefer schwammen als nachts.

Ebenfalls 2025 erschien eine Studie, die den Südpass von Fakarava aus naturschutzbiologischer Sicht als „Super-Habitat“ einstufte. Yannis P. Papastamatio und Kollegen argumentierten dabei in Biological Conservation, dass derselbe Pass von Grauen Riffhaien nicht nur zur Nahrungssuche genutzt werde, sondern auch als Rückzugs-, Paarungs- und Geburtsgebiet. Trotz ihrer Mobilität könnten mehr als 500 Graue Riffhaie den größten Teil ihres Lebenszyklus in diesem räumlich begrenzten Habitat durchlaufen. Die Autoren folgerten daraus, dass solche Strömungskanäle stärker in Schutzplanungen für marine Prädatoren einbezogen werden sollten.

Rezeption Der Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen. Er wurde unter anderem 2019 bei den Annual News & Documentary Emmy Awards in der Kategorie Outstanding Cinematography: Documentary nominiert. Die Universität Lüttich berichtete 2019, der Dokumentarfilm habe bereits 14 Preise gewonnen und sei neben der Emmy-Nominierung beim Jackson Hole Wildlife Film Festival in der Kategorie „Best Science in Nature Film“ ausgewählt worden. Arte Distribution verweist ebenfalls auf eine Emmy-Nominierung, den Unifrance Export Prize und eine Auszeichnung im Umfeld des Wettbewerbs Wildlife Photographer of the Year. Die Médiathèque Numérique nennt zudem den Publikumspreis bei Pariscience 2018.

Der Filmdienst bezeichnete 700 Haie in der Nacht als „bildgewaltigen“ Film, der die Welt der Riffhaie, ihre Überlebensstrategien und ihr Zusammenspiel mit anderen Bewohnern des Atolls beleuchte. Die Arbeit des Wissenschaftsteams gebe Aufschluss über die Bewegungen der Tiere. Insgesamt biete der Film einen „faszinierenden wie informativen Einblick“ in die Lebensweise der Haie und in ein fragiles Ökosystem.

Die französische Filmseite Avoir Alire beschrieb den Film als detaillierten Bericht einer wissenschaftlichen Expedition, die nach den Gründen für die ungewöhnliche Ansammlung einer großen Zahl von Haien suche. Hervorgehoben wurden die Beobachtung des Verhaltens der Tiere, ihrer Jagdstrategien und ihrer Interaktionen während der siebenwöchigen Expedition.

Auch Cinedweller hob den wissenschaftlichen Abenteuercharakter des Films hervor und beschrieb ihn als detaillierte Suche nach den Ursachen für die ungewöhnliche Präsenz einer großen Zahl von Haien. Der Höhepunkt der Expedition sei die Vollmondphase im Juni, in der sich Tausende Zackenbarsche zur Fortpflanzung versammeln.

Belege

Weblinks

700 Sharks bei Arte Distribution 700 Sharks bei Luc Marescot Laurent Ballesta: 700 Haie in der Nacht Lettres du Brassu, Ausgabe 19

Kategorie:Französischer Film Kategorie:Tierfilm Kategorie:Fernsehfilm (Arte) Kategorie:Hai als Thema Kategorie:Filmtitel 2018