mini|Heinrich Böll Erinnerungen eines jungen Königs ist der Titel einer 1956in: Unberechenbare Gäste. Heitere Erzählungen. Die Arche Zürich. veröffentlichten heiteren Erzählung von Heinrich Böll über die überraschende Veränderung im Leben eines Königs.
Inhalt Der ehemalige König von Capota, Pig Gi der Zweite, erzählt von zwei einschneidenden Veränderungen seines Lebenslaufs:
Der 13-Jährige wird, nachdem sein Vater auf der Jagd im Gebirge von einem Rasc, einem Kämpfer der Untergrundorganisation „Rasante Sadisten Capotas“, erschossen worden ist, vom Balkon des Palastes vor dem Volk als neuer König ausgerufen. Nach der Niederschlagung des Putschversuchs der Rasac durch die Misac (Milde Sadisten Capotas) beginnt für ihn eine schöne Regierungszeit. Der rechtschreibschwache Schüler zerreißt und verbrennt seine Schulbücher und Hefte und setzt sich für eine Schulreform ein. Er vertauscht im Unterricht die Rollen und lässt seine Aufgaben vom Hauslehrer lösen, z. B. muss ihm dieser auf drei Seiten die Motive Tells für die Erschießung Geßlers erläutern. Pig Gi II gelangt mit dieser Methode zu einer gewissen Bildung und widmet sich seinen eigentlichen Leidenschaften: Ball spielen, Messer werfen, Kriminalromane lesen, Lieblingsfilme im Hofkino anschauen.
Die Parlamentssitzungen übersteht er ermüdet, spielt den schwermütigen jugendlichen König und verlässt sich bei den Amtsgeschäften auf den Ministerpräsidenten Pelzer. Als dieser ihn mit seiner elfjährigen Tochter Jadwiga verheiraten will, weigert er sich zuerst, muss schließlich jedoch zustimmen, um den Rücktritt des erfahrenen väterlichen Freundes zu verhindern. Nach einem achttägigen Hochzeitsfest kehrt er mit Jadwiga zu seinem spielerischen Leben zurück, unterbrochen von den bei beiden ungeliebten Schulaufgaben, bis ein Zwischenfall ihr Leben verändert:
Der Bruch in der Biographie des Königs wird ausgelöst durch die Desertition des Soldaten Jürgen Poskopek und seinem Versuch, mit der Zirkusreiterin Hula ins Ausland zu fliehen. Er wird gefangen und von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, doch vom König zu 14 Tagen Arrest begnadigt. Dies löst eine Meuterei der Armee aus und das junge Königspaar flüchtet ins Ausland. Dort verhilft Poskopek seinem Retter zu einer Anstellung als Kassierer im Zirkus Hunke. Pig Gi und Jadwiga gefällt das Leben, ohne Hofzeremonien und -verpflichtungen, im Wohnwagen und das Umherziehen durch die Länder. Als der Aufstand in Capota von den Misac niedergeschlagen wird und der König in sein Amt zurückkehren könnte, verzichtet er darauf, versteckt sich unter dem Namen Wilhelm Tückes und gilt seitdem als verschollen.
Bei einem Gastspiel in Madrid besuchen die beiden Aussteiger das Museum und Pig Gi/Wilhelm wird in der Handschriftensammlung an seine Vergangenheit erinnert: Neben Dokumenten seines Großvaters und Vaters findet er auch einen Fetzen aus seinem zerrissenen Schulheft mit dem Spruch: „Rehgen bringt Sehgen“. Jadwiga tröstet ihn: „Das hast du nun hinter dir, für immer.“Heinrich Böll: Erinnerungen eines jungen Königs. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.
Rezeption und Interpretation In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.
Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte, die er in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.in: Heinrich Böll: Aufsätze – Kritiken – Reden II. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 225.
Ein Beispiel ist Bölls 1956 veröffentlichte Erzählung Erinnerungen eines jungen Königs, die zu den wenigen märchenhaft „leichtherzigen“H. M.Waidson: Die Romane und Erzählungen Heinrich Bölls. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 38. Geschichten des Autors zählt und in viele Erzählsammlungenz. B. Unberechenbare Gäste. Heitere Erzählungen. (Die Arche Zürich, 1956), Die Waage der Baleks und andere Erzählungen (Union Verlag Berlin, 1959), Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze (Kiepenheuer & Witsch Köln, 1961), Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen II (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966), Die Erzählungen (Insel Verlag Leipzig, 1966) aufgenommen wurde.
In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung – Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 327.
Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden Wirtschaftswunderwirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11. Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.
Für Karl Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, „Ver-rückte“. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder minder ver-rückt“ erscheinen. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.66.
Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur.Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165. Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.
Nach Wolfdietrich Rasch wird Bölls „Deutung der Zeitwirklichkeit“ darin sichtbar, dass er „mit Sympathie und Liebe offensichtlich nicht die zeitgemäßen und erfolgreichen Menschen darstellt, sondern die Außenseiter, die Erfolglosen“. Er liebe die schwarzen Schafe, die er „als tragikomische Figuren mit liebevollem Spott“ vorführe, aber er ziele mit seiner Kritik über sie hinaus auf gesellschaftliche Missstände.Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 12. Bölls Erzählungen erzeugen für Rasch „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“. Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.
Literatur Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982. Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987. Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992. Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995. Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.
Anmerkungen
Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Heinrich Böll Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)