„Die Stadt in der Stadt“ ist ein Topos für polyzentrische Planungskonzepte innerhalb der städtebaulichen Disziplin, der ab Mitte der 1970er Jahre von europäischen Architekten verwendet und mit der Metapher des „Archipels“ aufgeladen wurde. In der Folgezeit wurde er zum Begriff für Denkmodelle, die von der Analyse geschichtlicher Entwicklungen über Kunsterzeugung bis hin zu soziokulturellen Analysen und globalen Klimastrategien reichen. Als multimodales Werkzeug, das den Städtebau transzendiert, können damit, ganz allgemein, nicht nur Strukturen verändert, sondern aus ihnen eine komplexe Bandbreite vorhandener Bedeutungen gewonnen werden. Grundsätzlich handelt es sich um das Denken in singulären Einheiten, die in ihrer Anwendung als Netzwerk eine größere Wirkungsbreite erlangen.
Entwicklungsgeschichte mini|Karte des Antiken Rom und der Forma Urbis Romae, Giovanni Battista Piranesi, 1756 Der Begriff, der implizit allgemeingültige Lagebezeichnungen wie Oberstadt, Unterstadt, Altstadt und Neustadt enthält, lässt sich zunächst als typologische Kategorie einordnen, indem man im Sinne entwerferischen Denkens, Stadtviertel als Teile einer Gesamtstadt und deren Gebäude, wiederum als „kleine Stadt“ ansieht, was auf Leon Battista Albertis Schrift De re aedificatoria („Über das Bauwesen“) zurückgeht. In seinem für die Architekturgeschichte wichtigen Werk, zwischen 1443 und 1452 entstanden, entwirft er nebenbei, zwischen subjektiver Wahrnehmung und Objektivität, ein neues Bild der Stadt mit ihrer Gleichrangigkeit von öffentlichem Raum und Gebäuden, so wie das Giovanni Battista Nolli in seiner Karte von Rom im Jahr 1748 dargestellt hat.
Ungefähr 300 Jahre später gibt eine Radierung von Giovanni Battista Piranesi - aus archäologischer Sicht - eindrucksvoll den Zustand der Siebenhügelstadt Rom wieder, die aus baulichen und topographischen Elementen zusammengesetzt war.
Das polyzentrische Verständnis der erfahrenen Welt kann man an alten Kartenwerken ablesen, wie an den um 1375 entstandenen Katalanischen Weltatlas, an der Bezeichnung von sogenannten Wachten oder an der Siedlungsgeschichte einer Stadt. Als Stadt in der Stadt können auch größere Baukomplexe interpretiert werden, die sich in ihrer Eigenständigkeit aus einem einheitlichen Stadtgefüge herausschälen, wie z. B. das alte, teilweise realisierte Kaiserforum mit der Hofburg und dem neuen, gegenüberliegenden Museumsquartier in Wien. oder der Klosterkomplex innerhalb von St. Gallen.Bauliche Entwicklung der Stadt St. Gallen. Bestand 1860, Lithografie von 1883 mini|Vorschlag zu einem Grundplan für Gross-Helsingors (Helsinki), 1918 Auch die Stadtplanung für Helsinki von 1918 von Eliel Saarinen, eine Idee des prominenten finnischen Großkaufmanns Julius Tallberg um ein Zukunftsbild von „Gross-Helsinki“ zu schaffen, bildet mit den Verkehrsverbindungen eine polyzentrische Stadtlandschaft. Eine ähnliche Strategie wandte Alvar Aalto für die Planung von Imatra an, indem er von 1947 bis 1953 den Masterplan für eine „Waldstadt“ entwickelte, der drei weit auseinanderliegende Zentren (Imatrankoski, Tainionkoski und Vuoksenniska) durch einheitliche Grünzüge verband. Wesentliches Merkmal dieses Konzepts ist die räumliche Integration der inselartig positionierten Wohnsiedlungen zum bestehenden Wald.
Sieht man von dem Begriff der „Insulae“ für römische Mietshäuser ab, der auch als Bezeichnung für Grund und Boden benutzt wurde, oder der spätmittelalterlichen italienischen Bezeichnung „arcipelago“ für die Inselwelt des Ägäischen Meeres, der zum Begriff für Inselgruppen schlechthin wurde, so war es die Idee von Alexander Solschenizyn, eine Ansammlung von separaten Orten analog als „Archipel Gulag“ zu bezeichnen.Karte des Lager-Archipels in der Sowjetunion mini|Stadtkartenausschnitte von Paris, Guy Debord, 1961 Die unterschwellige Ahnung von einer Stadt in der Stadt zeigte sich 1957 in Guy Debord´s Kartensegmenten von Paris, die dem Betrachter einen imaginären Zugang zum städtischen Gefüge ermöglichen. „Debords Stadtplan bildet eine fragmentierte Stadt ab, die das Resultat der mannigfaltigen Umstrukturierungen der kapitalistischen Gesellschaft und zugleich Ausdruck einer radikalen Kritik an eben dieser Gesellschaft ist.“ Ein Stadtviertel, so Debord, werde nicht nur durch die Summe seiner geografischen und wirtschaftlichen Faktoren definiert, sondern auch durch das Bild, das seine Bewohner und die Bewohner anderer Stadtviertel von ihm haben.
Im März 1976 wurde die Stadt in der Stadt explizit zunächst auf Englisch von Leon Krier für seinen städtebaulichen Entwurf A City within a City für das neue Quartier de la Villette verwendet und im Mai desselben Jahres von Rem Koolhaas bei der Beschreibung von Gebäuden beim Entwurf von The Egg of Columbus Center/1973 in New York City: “Each of these institutes is adapted to play its role within the context of the Centre as a city within a city.” mini|„Die Stadt in der Stadt“ und „Die Villa als Urbane Wohnform“, Poster 1. Cornell Summer Academy (1977) Ein Jahr später wurde Die Stadt in der Stadt zum Arbeitstitel für die erste Berliner Sommerakademie der Cornell University, die bedeutsam war für die Internationale Bauausstellung 1987, welche 1978 durch Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses ins Leben gerufen wurde.Anmerkung: Bis auf wenige Ausnahmen nahmen alle Architekten, die dort aufgeführt sind an der IBA-1987 teil. Darüber hinaus sind dort die drei potentiellen Vertreter für den Posten des IBA-Direktors aufgeführt: Kleihues, Ungers und Klotz. mini|Kolorierte Axonometrien der "Minicities", Peter Riemann (1977) Das von Oswald Mathias Ungers und Peter Riemann entwickelte Konzept der Stadt in der Stadt sollte die politisch und wirtschaftlich problematische Situation für West-Berlin als schrumpfende Metropole nach dem Mauerbau auffangen. Auf der Basis einer subjektiv-analytischen Dekomposition der bestehenden Baustruktur mit Hilfe von Schwarzplänen wurde eine ebenso individuelle synthetische Rekomposition erstellt, die sich auf den Erhalt und die Verstärkung bestehender identifizierbarer Einheiten konzentrierte. Im Wesentlichen durch die frühe Beteiligung von Koolhaas an der Veranstaltung im Künstlerhaus Bethanien wurde das ursprüngliche Konzept mit „retroaktiven Suggestionen“ angereichert, so dass sich Westberlin mit den ausgewählten Stadtinseln innerhalb der begrünten Restflächen von Die Stadt in der Stadt am Ende zu „DIE STADT IN DER STADT : The city in the city - a concept for Berlin as a shrinking metropolis“ wandelte. Daraus wurde schließlich in Verbindung mit einigen Studentenarbeiten aus „Die Villa als Urbane Wohnform“, dem zweiten Thema der Sommerakademie, „DIE STADT IN DER STADT: BERLIN DAS GRÜNE STÄDTEARCHIPEL - Ein stadträumliches Planungskonzept für die zukünftige Entwicklung Berlins“, das am 23. September 1977 der Berliner SPD vorgestellt und als Broschüre in limitierter Auflage veröffentlicht wurde.
Diese Planungsstrategie stellte ein Novum dar, denn zum ersten Mal wurde nicht für eine wachsende Metropole geplant, sondern für deren kontrollierte Schrumpfung. Sie gilt als einer der ersten großen theoretischen Ansätze für den Umgang mit „Shrinking Cities“. Statt einer homogenen Gesamtstadt wurde die Stadt als eine bewusste Ansammlung von charakterstarken Fragmenten begriffen, die als „minicities“ bezeichnet wurden.
mini|Skizze der "Minicities" in Westberlin, Peter Riemann (1977) Im Jahr 1978 erfolgte die erste Veröffentlichung auf Englisch/Italienisch in Lotus International, allerdings unter dem Titel: „Cities within the city“. Es folgten Darstellungen im IBA-Katalog "Idee - Prozess - Ergebnis" (1984) und in "La Ricostruzione della Citta`", Katalog zur XVII. Triennale di Milano (1985).
Nach der Ausstellung und dem Symposion mit dem Titel „Lernen von O.M. Ungers“ an der TU Berlin, aus Anlass zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2006, wurden die Zeichnungen und Skizzen zur Stadt in der Stadt erneut veröffentlicht. Es dauerte allerdings weitere sieben Jahre bis durch Florian Hertweck und Sébastien Marot das Manifest „The City in the City - Berlin: A Green Archipelago“ auf Deutsch, Englisch und Französisch erschien. Seitdem hat sich der Begriff der Archipel-Theorie durchgesetzt, der sich von „Collage City“ unterscheidet, einer Städtebautheorie, die von Colin Rowe und Fred Koetter entwickelt und 1978 veröffentlicht wurde. Während sich der Kontextualismus von „Collage City“ eher mikroskopisch mit innerstädtischen Fragestellungen beschäftigt, mit den Beziehungen von Gebäuden zu angrenzenden Strukturen und Freiräumen, zielt die Archipel-Theorie makroskopisch auf Stadtteile innerhalb des Gesamtgefüges einer Stadt.
Die Strategie der Stadt in der Stadt bezieht sich daher nicht wie die Taktik der "Collage City" auf die Interdepenzen und das städtebauliche Verweben von Alt und Neu innerhalb einer Stadt als räumliche Einheit, sondern agiert polyzentrisch und umgeht den Anspruch auf Totalität. Liegt der planerische Fokus auf mehreren Elementen innerhalb eines Stadtgefüges um Einheit in der Vielfalt zu erzeugenAusstellung "Anything goes? - Berliner Architekturen der 1980er Jahre", Berlinische Galerie, Museum für Moderne Kunst. Ausstellungskatalog S. 28 (2021), so hat sich für diese Strategie der Städte in der Stadt der geographietypologische Begriff des Stadtarchipels durchgesetzt und dient als Modell für latentes politisches und ökologisches Denken.
Adaption
Wenn der rhetorische Begriff Die Stadt in der Stadt, tautologisch das Verständnis einer Idee erleichtern soll, und das „Grüne Städtearchipel“ als mögliches Stadtbild beide zunächst nur griffige Denkfiguren (Koolhaas) und eine Strategie im Hinblick auf die Internationale Bauausstellung (Ungers) waren, so haben sie ihren ursprünglichen Kontext verlassen, sich damit verändert und an neuen Orten andere Bedeutungen erlangt. Bezeichnenderweise erlangt dabei die Metapher des Archipels im Rahmen der Adaption und Transformation durch Architekten und Architekturhistoriker eine Vorrangstellung vor der Analogie der "Stadt in der Stadt" als Ähnlichkeiten zwischen zwei Dingen.
Mission: Große Achse, Paris
1991 entwickelte Rem Koolhaas mit OMA für den internationalen städtebaulichen Wettbewerb zur Gestaltung der Hauptachse von Paris mit dem Projekt „Mission Grand Axe“ westlich von La Défense durch Destruktion und Rekonstruktion eine ähnliche Strategie wie für das Berliner Städtearchipel (Hinweis dazu in). Aufgabe war die Stellung der Vororte im Verhältnis zur Stadt, die Entwicklungsmöglichkeiten eines städtischen Gefüges, der Begriff der Monumentalität sowie die Entwicklung städtischer Dienstleistungen und Einrichtungen.
Unter der Annahme einer maximalen wirtschaftlichen Lebensdauer von 25 Jahren, dem „opportunistische Finanzrahmen“ eines durchschnittlichen zeitgenössischen Gebäudes, entdeckte OMA einen „gigantischen Bereich theoretischer Leerstandsflächen“. Durch das „Abschaben der bestehenden zivilisatorischen Gebäudeschicht“ (Anmerkung im Original:“Underneath the thinning crust of our civilization a hidden tabula rasa lies in waiting”) wurde vorgeschlagen,
Kulturforum Berlin Ab 1997 wurde durch das „Planwerk Innenstadt Berlin“, eine Strategie zur Reurbanisierung und Revitalisierung der Historischen Mitte und der City West entwickelt. mini|Kulturforum Berlin, Lageplan mit Museumsneubau