mini|Heinrich Böll Schicksal einer henkellosen Tasse ist der Titel einer 1954im Sonntagsblatt Hamburg Jg. 7, Nr. 52, S. 21–22, Weihnachten 1954: Weihnachtliche Gedanken einer henkellosen Tasse. s. Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 123, 156. veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll über das wechselhafte Leben einer beschädigten Tasse.

Inhalt Eine henkellose Tasse blickt an ihrem 25. Geburtstag zurück auf ihr wechselhaftes Leben:

Die Tasse kommt als Sohn eines Küchentellers und einer Butterdose als Weihnachtsgeschenk zu ihren Besitzern und er muss früh erfahren, dass seine Sevice-Familie nur wenige Wochen vereint bleibt, denn „die meisten Tassen sterben jung und plötzlich“:Heinrich Böll: Schicksal einer henkellosen Tasse. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 43. Schon am zweiten Weihnachtstag werden zwei Brüder und eine Schwester vom Tisch gestoßen und bald müssen sich die Überlebenden von ihrem lieben Vater trennen. So wird er mit seiner Mutter und Schwester Josephine, einer Untertasse, auf die Reise nach Rom geschickt, um Julius, dem Sohn ihres Besitzers, einem Archäologiestudenten, „zu dienen“.

Damit beginnt für ihn, als Julius’ Begleiter durch die Stadt, sein hochinteressanter Lebensabschnitt, den er seine „römischen Jahre“ nennt: In den Ruinen der Thermen des Caracalla freundet er sich mit der Thermoskanne Hulda an, heiratet sie im zweiten römischen Jahr, trotz den heftigen Vorwürfen seiner zum Aschenbecher abgestiegenen Mutter, die kritisiert, die Braut sei gesellschaftlich nicht ebenbürtig. Nach glücklichen Monaten der Ehe stirbt Hulda im Forum Romanum durch den Steinwurf eines Straßenjungen, ironischerweise ein Stück Marmor aus der Statue der Venus. Nicht nur die Mutter und die Schwester des Erzählers werden durch Zweckentfremdung erniedrigt, sondern auch er sinkt zum Schnapsglas herab und wird an Julius‘ Freundin, Diana, verschenkt. In ihrer Wohnung erlebt er zwei Jahre lang eine gewisse Rehabilitierung und wird wieder als Kaffeetasse, aber auch als Wein- und Wasserglas benutzt.

Als Julius und Diana heiraten und nach Deutschland zurückkehren, erlebt der Erzähler die Wiedervereinigung mit Schwester und Mutter. Den Krieg verbringt er mit Diana und ihrer ältesten Tochter Johanna in der Lüneburger Heide und hat „Gelegenheit, Julius‘ nachdenkliches Gesicht zu betrachten“, wenn er auf Urlaub kommt und lange in ihm rührt.Heinrich Böll: Schicksal einer henkellosen Tasse. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 49.

Beim Umzug aus der Heide verliert er wegen zu geringer Polsterung der Verpackung seinen Henkel, aber in der Nachkriegszeit gibt es keinen Ersatz und er hält seine Position. Als es jedoch wieder Tassen zu kaufen gibt, will Julius ihn wegwerden, doch Diana rettet ihn mit dem Ausruf: „Julius, du willst wirklich die Tasse wegwerfen – diese Tasse?“Heinrich Böll: Schicksal einer henkellosen Tasse. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 49.

Zwei Jahre steht der Erzähler noch mit seiner zweiten Frau Getrud, einer Haarnadelbüchse aus Porzellan, gemeinsam auf dem Glasbord im Badezimmer. Jetzt, ein Jahr später, dient er dem kleinen Walter als Futterkrippe für seine Tiere, als Badewanne für seine winzigen Holzpuppen und „Seifenblasenbasis“. Als er am Weihnachtsabend mit dem Strohhalm in der Seifenlauge draußen aufs Fensterbrett gestellt wird, hat er Angst, von den fetten um die Brösel balgenden Spatzen heruntergeworfen zu werden und im Müllkasten zu enden. Er hört durch die Scheiben den weinenden Walter, der seine Spieltasse wieder haben will und den genervten Julius, der von Undankbarkeit spricht. Er kann darüber nur den Kopf schütteln. „Wie töricht doch diese Menschen sind!“Heinrich Böll: Schicksal einer henkellosen Tasse. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 50. Dann reißt Julius zornig das Fenster auf, ergreift ihn und will ihn zerschmettern. Doch Diana rettet ihn wieder mit denselben Worten und bringt ihren Mann zur Besinnung.

„Und nun stehe ich, ohne Henkel, fleckig und alt, mitten im Zimmer zwischen den nagelneuen Sachen, und es erfüllt mich mit Stolz, dass ich es war, der den Frieden wiederhergestellt hat. […] Aber ist es meine schuld, dass Walter mich mehr liebt als seine neue Eisenbahn? […] Julius‘ Gesicht […] sieht so aus, als habe er etwas begriffen…“Heinrich Böll: Schicksal einer henkellosen Tasse. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 50.

Rezeption und Interpretation In der Rezeptionsgeschichte hat die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa mit existentieller und schicksalhafter Thematik und er gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“ werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte, die er in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.in: Heinrich Böll: Aufsätze – Kritiken – Reden II. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 225.

Ein Beispiel dafür ist Bölls im Sonntagsblatt Hamburg 1954Jg. 7, Nr. 52. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 156. veröffentlichte Erzählung Schicksal einer henkellosen Tasse, die in viele Erzählsammlungen des Autors aufgenommen wurde.z. B. Der Bahnhof von Zimpren. Erzählungen (List Verlag München, 1959), Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze (Kiepenheuer & Witsch Köln, 1961), Die Erzählungen (Insel Verlag Leipzig, 1966), Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966) und weitere Sammelbände, Schulausgaben und Buchgemeinschaften-Sonderausgaben

Wie viele anderen frühen Werke des Schriftstellers ist auch diese Erzählung in der gesellschaftlichen Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand in der Form der „satirischen Groteske“ entstanden, die v. Wiese als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11.

Nach Kilchemann verwirklicht Böll in seinen Kurzgeschichten seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.

Böll vertritt im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger verrückt erscheinen“. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.66.

Nach Rasch wird Bölls „Deutung der Zeitwirklichkeit“ darin sichtbar, dass er „mit Sympathie und Liebe offensichtlich nicht die zeitgemäßen und erfolgreichen Menschen darstellt, sondern die Außenseiter, die Erfolglosen“. Er liebe die schwarzen Schafe, die er „als tragikomische Figuren mit liebevollem Spott“ vorführe, aber er ziele mit seiner Kritik über sie hinaus auf gesellschaftliche Missstände.Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 12. Bölls Erzählungen erzeugen für Rasch „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] allzu zeitgerecht leben und sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen versuche.“ Beim Lesen der Geschichten spüre man, „dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis.“ Etwas Wesentliches, das „ein menschlich erfülltes Dasein“ ermöglichen würde. Bölls Dichtung entfalte sich „am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität“, aus dem „Spannungsverhältnis zu ihr“ springe „der Funke erzählerischer Inspiration“: Böll „erfindet Geschichten, einfache, klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest - aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“. Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.

Literatur Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982. Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987. Manfred Jurgensen: Die Poesie des Augenblicks. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992. Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.