Der Utilitarismus (, Nutzen, Vorteil) ist eine Form der zweckorientierten (teleologischen) Ethik (Nutzethik), die in verschiedenen Varianten auftritt. Auf eine klassische Grundformel reduziert besagt er, dass eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie den aggregierten Gesamtnutzen, d. h. die Summe des Wohlergehens aller Betroffenen, maximiert. Neben der Ethik ist der Utilitarismus auch in der Sozialphilosophie und den Wirtschaftswissenschaften von Bedeutung.

Es existieren verschiedene Formen des Utilitarismus, die abhängig von weiteren philosophischen Annahmen sind. Der hedonistische Utilitarismus etwa setzt das menschliche Wohlergehen dem Empfinden von Lust und Freude und der Abwesenheit von Schmerz und Leid gleich, während andere Formen von Utilitarismus die Erfüllung von individuellen Präferenzen fordern. Der Handlungsutilitarismus beurteilt Handlungen einzeln nach ihrer Tendenz, gute Folgen zu bewirken, während der Regelutilitarismus das Befolgen von Regeln in den Mittelpunkt stellt. Alle Formen des Utilitarismus haben aber gemein, dass sie als einziges Kriterium für moralische Beurteilungen die Folgen/Konsequenz einer Handlung betrachten; demnach ist der Utilitarismus eine konsequentialistische Ethik. Ferner handelt es sich um eine rücksichtsvolle und universalistische Moraltheorie, denn der Utilitarismus propagiert eine Vergrößerung des Gemeinwohls.

Der utilitaristische Ansatz wurde durch Jeremy Bentham (1748–1832) und James Mill (1773–1836) systematisch entwickelt und auf konkrete Fragen angewandt. Bentham erläutert den zentralen Begriff des Nutzens (utility) im ersten Kapitel seiner „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (zuerst erschienen 1789) folgendermaßen:

„Mit dem Prinzip des Nutzens ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht […] Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft an einem Objekt gemeint, wodurch es dazu neigt, Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück zu schaffen.“By the principle of utility is meant that principle which approves or disapproves of every action whatsoever according to the tendency it appears to have to augment or diminish the happiness of the party whose interest is in question: […] Utility, what: Utility is 'that property in an object whereby it tends to product benefit , advantage, pleasure, good or happiness.

Moderne utilitaristische Theorien operieren oft nicht mit dem Begriff des Nutzens, sondern dem umfassenderen Begriff menschlichen Wohlergehens. Eine der größten utilitaristischen Bewegungen der Gegenwart ist der Effektive Altruismus. In der Politik ist schon lange das utilitaristische Konzept des Wohlfahrtsstaates verbreitet. Neuere utilitaristische Konzepte sind bspw. die Gemeinwohlökonomie und das Bruttonationalglück.

Geschichte der utilitaristischen Theorie Vorgängerformen Eine erste Form des Utilitarismus findet sich bei dem chinesischen Philosophen Mozi (479–381 v. Chr.). Er begründete die Schule des Mohismus im alten China und vertrat eine utilitaristische Ethik, ungefähr 2200 Jahre bevor eine solche als begründbares Prinzip in Europa formuliert wurde. Auch der antike Hedonismus, der auf die von Aristippos von Kyrene begründete Philosophenschule der Kyrenaiker zurückgeht, kann im weitesten Sinne als Vorgänger des klassischen Utilitarismus gedeutet werden.

Die Anfänge utilitaristischen Denkens im neuzeitlichen Europa finden sich bei Thomas Hobbes (Leviathan), dessen grundlegende ethische Aussage darin besteht, dass „richtiges“ Verhalten dasjenige ist, das unser eigenes Wohlergehen fördert. Weiter: Die Berechtigung des gesellschaftlichen Moralkodex hängt davon ab, ob er das Wohlbefinden derjenigen begünstigt, die ihn befolgen. Bei Francis Hutcheson war das Kriterium für moralisch gutes Handeln, ob dadurch die Wohlfahrt der Menschheit gefördert wird. Dessen Nachfolger David Hume kam zu dem Schluss, dass Tugend und persönliches Verdienst in denjenigen unserer Eigenschaften ruhen, die für uns – und für andere – nützlich (useful) sind.

Klassische Periode miniatur|Jeremy Bentham

Jeremy Bentham vertrat als erster in Europa eine utilitaristische Ethik in Form eines ausgearbeiteten Systems. In seinem Werk An introduction to the Principles of Morals and Legislation brachte Bentham zum Ausdruck, dass es für ihn nur zwei anthropologische Grundkonstanten gebe: Das Streben nach Lust (pleasure)Übersetzungsanmerkung zu „pleasure“: Eine alleinige Übersetzung mit Lust, wie sie oftmals vorkommt, führt zu einer Bedeutungsverkürzung, da „Lust“ im Deutschen lediglich eine sinnliche Empfindung suggeriert. Der Begriff pleasure im Englischen hat jedoch einen weitaus größeren Bedeutungshorizont: Neben Lust kann pleasure auch mit Freude oder Zufriedenheit übersetzt werden – im Allgemeinen wird damit a feeling of being happy or satisfied bezeichnet. und das Vermeiden von Schmerz (pain). Leid und Freude bestimmten, so Bentham, über die ethischen Handlungskriterien des Menschen und die Kausalität unseres Handelns. Es sei die Natur, die den Menschen in Leid und Freude den Weg weise. Bentham sah in Leid und Freude die entscheidenden Motive menschlichen Handelns und vertrat damit einen psychologischen Hedonismus: Ein Mensch strebe, so Bentham, immer ein Objekt an, von dem er erwarte, dass es Freude bereite. Davon ausgehend formulierte Bentham das Prinzip des Nutzens, das besagt, dass all das gut ist, was „das größte Glück der größten Zahl“ hervorbringt. Bentham erkannte später, dass die gleichzeitige Maximierung zweier Größen keine eindeutige Lösung ermöglicht, weswegen er später nur noch vom „Prinzip des größten Glücks“ (Maximum Happiness Principle) sprach. Benthams Arbeiten konzentrierten sich auf die Anwendung dieses Prinzips auf die Gestaltung der sozialen Ordnung. In seinen Schriften entwickelt er weniger eine Individualethik als vielmehr eine rationale Gesetzgebungslehre.

Für Bentham war die Quantität des Glücks allein entscheidend, was er durch die drastische Formulierung „Pushpin ist von gleichem Wert […] wie Dichtung“ („Prejudice apart, the game of push-pin is of equal value with the arts and sciences of music and poetry.“) ausdrückte. Dagegen vertrat John Stuart Mill (1806–1873) in seinem Buch „Utilitarismus“ von 1863 die These, dass kulturelle, intellektuelle und spirituelle Befriedigung auch einen qualitativen Wert besitze, im Vergleich zu körperlicher Befriedigung. Ein Mensch, der beides erfahren habe, ziehe die geistige Befriedigung der körperlichen vor. Dies konstatiert Mill in seinem berühmten Ausspruch: Die kalkülmäßige Abbildung qualitativ vorzuziehender Betätigungen bleibt allerdings unklar. Außerdem scheint Mills Unterscheidung eher konventionell zu sein und auf einem bestimmten Begriff damaliger Hochkultur zu basieren.

Auch in der Schrift „Über die Freiheit“ setzte John Stuart Mill andere Akzente als der Freund und Lehrer seines Vaters, Bentham. Während in einem reinen Nutzenkalkül Freiheit keinen Wert an sich darstellen kann, misst Mill hier Freiheit und insbesondere der Meinungsfreiheit einen grundlegenden Wert bei. Um die Wahrheit zu erkennen, müssen alle relevanten Argumente geprüft werden. Dies ist jedoch unmöglich, wenn Meinungen und Argumente politisch unterdrückt werden. Die richtige Bestimmung des größten Glücks setzt also die Freiheit der Meinungsäußerung (Pressefreiheit, Freiheit der Wissenschaft etc.) voraus.

Diese freiheitliche Version des Utilitarismus findet sich auch in der politischen Philosophie Bertrand Russells (1872–1970) wieder.

Spätere Formen Der klassische Utilitarismus von Bentham und Mill beeinflusste viele andere Philosophen und führte zur Entwicklung eines breiteren Konzepts des Konsequentialismus. Der hedonistische Utilitarismus von Bentham und Mill wird, obwohl am bekanntesten, heute nur noch von einer Minderheit vertreten. Weiterführende und gegenüber Kritik verbesserte Varianten des Utilitarismus wurden unter anderem entwickelt von William Godwin (1756–1836), einem Zeitgenossen Benthams mit anarchistischen Tendenzen, und Henry Sidgwick (1838–1900).

In neuerer Zeit sind zu nennen vor allem Richard Mervyn Hare (1919–2002), der die ursprüngliche Form des Zwei-Ebenen-Utilitarismus entwickelte, Richard Brandt (1910–1997), der den Begriff „Regelutilitarismus“ prägte, John Jamieson Carswell Smart und Peter Singer, der lange ein Vertreter des Präferenzutilitarismus war, seit einigen Jahren aber die klassische, hedonistisch ausgerichtete Variante des Utilitarismus vertritt. Ludwig von Mises argumentierte mit utilitaristischen Argumenten für Liberalismus. Umgekehrt vertraten einige Philosophen auf utilitaristischer Basis einen ethischen Sozialismus.

Wie die Beispiele zeigen, ist der Utilitarismus hauptsächlich im englischsprachigen Raum verbreitet. Als einer der wenigen deutschen Vertreter ist der Düsseldorfer Philosoph Dieter Birnbacher zu nennen, der auch als Übersetzer John Stuart Mills hervorgetreten ist.

Theoretische Inhalte Grundprinzipien Der Utilitarismus beruht auf einigen Kernprinzipien, die ihn von anderen normativen Theorien absetzen. Sobald man von den Kernprinzipien absieht, findet sich eine Reihe von Annahmen, die von vielen, aber nicht allen Utilitaristen geteilt werden. Insbesondere im 20. Jahrhundert haben sich eine Reihe von Teilströmungen im Utilitarismus herausgebildet, die Annahmen des klassischen Utilitarismus zurückweisen. Deswegen bevorzugen viele moderne Philosophen den Sammelbegriff „Konsequentialismus“ für ihre Auffassung.

Drei Grundprinzipien kennzeichnen den Utilitarismus:

Wertobjektivität und -neutralität: Maßstab zur Beurteilung der Folgen ist ihr objektiver Wert, im Utilitarismus insbesondere ihr Nutzen. Hierbei kommt es nicht auf den Nutzen für beliebige Ziele, Zwecke oder Werte an – der Utilitarismus ist nicht werte-nihilistisch –, sondern vielmehr auf den Nutzen für das schlechthin Gute. Nahezu alle Utilitaristen nehmen zudem an, dass sich der Wert von Folgen unabhängig von Beobachtern und Agenten bewerten lässt: Sind verschiedene Agenten und Beobachter vollständig rational und moralisch aufgeklärt, sollten sie gleiche Folgen gleich behandeln.In der neueren Forschung sind auch Formen von Konsequentialismus vertreten worden, die diese Annahmen aufgeben. Siehe

Utilitaristen sind zudem Wertmonisten: sie glauben, dass sich alle moralisch interessanten Werte auf einen Wert, den Nutzen bzw. das Glück, reduzieren bzw. umrechnen lassen.

Eudämonismus: Das einzige Gut des Utilitarismus ist Glück oder, allgemeiner gesprochen, Wohlergehen. Dabei bestehen unterschiedliche Meinungen darüber, was genau unter Wohlergehen zu verstehen sei. Die klassischen Utilitaristen Jeremy Bentham und John Stuart Mill waren Hedonisten. Nach dem Hedonismus besteht Wohlergehen im Empfinden von Lust und Freude, und der Abwesenheit von Leid und Schmerz. Moderne Utilitaristen sind aber nicht zwangsläufig Hedonisten, und eine weite Bandbreite an Auffassungen existiert. Der Präferenzutilitarismus orientiert sich an volkswirtschaftlichen Ideen zum Nutzen, nach denen Wohlergehen als die Erfüllung von Präferenzen verstanden wird. Beide Auffassungen haben gemein, dass sie ein subjektives Verständnis von Wohlergehen haben; tatsächlich ist Utilitarismus aber auch mit einem objektiven Begriff von Wohlergehen kompatibel, nach dem Wohlergehen das Erleben von objektiv wertvollen Erfahrungen darstellt.