mini|Theodor Bischoff (1881) Theodor Bischoff (* 3. September 1829 in Bremen; † 8. März 1901 in Solitária, Taquara do Mundo Novo, Rio Grande do Sul) war ein deutsch-brasilianischer Lehrer, Naturforscher, Sammler, Illustrator und Maler. Er ließ sich in der Kolonie Mundo Novo im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul nieder. In der Geschichtsschreibung gilt er als einer der Pioniere der Naturkunde und der Archäologie in diesem Bundesstaat, vor allem wegen seiner Untersuchungen über die Sambaquis und seiner Zusammenarbeit mit Naturforschern wie Hermann von Ihering und Hans von Berlepsch.
Leben Geboren in Bremen, damals Teil des Deutschen Bundes, am 3. September 1829 in der Langenstraße, wurde er als Junge Diederich eingetragen, Sohn von Diederich Bischoff und Anna Margaretha Frese; später nahm er die Form Theodoro/Theodor an.Geburtseintrag von Diederich Bischoff, 3. September 1829, Bremen. Staatsarchiv Bremen, Signatur StAB 4,60/3-25, Nr. 907 (1829), S. 447. Nach dem Besuch einer Volksschule und dem Eintritt als Gehilfe in das Geschäft seines Vaters ergriff ihn der Wunsch zu reisen, angeregt durch den Umgang mit den Seeleuten des Bremer Hafens. Er wollte sich seinem älteren, in Nordamerika niedergelassenen Bruder anschließen, entschied sich jedoch auf Zureden eines Freundes zur Auswanderung nach Brasilien und traf 1846 in Rio de Janeiro ein. Um 1848 erreichte er Rio Grande do Sul und arbeitete als Handlungsgehilfe (caixeiro) in Porto Alegre und São Leopoldo. Ab 1850 ließ er sich in der Kolonie Mundo Novo im oberen Tal des Rio dos Sinos nieder, einem Gebiet, das heute den Gemeinden Taquara, Igrejinha und Três Coroas entspricht.
Am 9. Mai 1854 heiratete er in São Leopoldo Margarida Flesch, Tochter deutscher Einwanderer.Heiratsurkunde (Volltext) von Dieterico Bischoff und Margarida Flesch, 9. Mai 1854, Kirche Nossa Senhora da Conceição, São Leopoldo (RS), Heiratsbuch Nr. 01, Blatt 144. Kopie ausgestellt vom Archiv der Erzdiözese Porto Alegre. Aus der Ehe gingen sechzehn Kinder hervor, von denen dreizehn das Erwachsenenalter erreichten. In der 1854 im Auftrag von Tristão José Monteiro durchgeführten Volkszählung der Kolonisten von Mundo Novo wird das Paar als Eigentümer einer Landkolonie auf der Ostseite der Estrada da Serra geführt. In der Kolonie gründete und leitete er den Gesangverein „Concordia“, den sein Nachruf als den ältesten seiner Art in Rio Grande do Sul bezeichnet. Er starb am 8. März 1901 in Solitária, das damals zum ersten Distrikt von Taquara do Mundo Novo gehörte und heute zu Igrejinha zählt.Sterbeurkunde von Theodoro Bischoff. Zivilstandsamt Taquara, Rio Grande do Sul, Buch C-1, Blatt 75v, Eintrag Nr. 89 (Registrierung 11. März 1901; Tod am 8. März 1901).
Zeit seines Lebens widmete er sich dem Lehramt: Er gründete eine Gemeinschaftsschule in Picada Solitária, etwa 20 km von Taquara entfernt, die er rund ein Vierteljahrhundert leitete, und wurde ab 1876 zum öffentlichen Lehrer an der Linie Arroio Grande ernannt.
Bischoff veröffentlichte auch Texte mit seinen Beobachtungen in der deutschsprachigen Presse, sowohl in Brasilien als auch in Deutschland. In einem 1931 veröffentlichten Rückblick berichtete die Neue Deutsche Zeitung aus Porto Alegre – Nachfolgerin der 1881 gegründeten Koseritz’ Deutsche Zeitung –, dass er in den ersten Jahren zu den Mitarbeitern der Zeitung gehörte und vor allem über das Tierleben schrieb; sie beschrieb ihn nicht als Zoologen von Beruf, sondern als Lehrer mit großer Liebe zur Natur und scharfer Beobachtungsgabe. Zeitungsausschnitt im Instituto Martius-Staden / Sociedade Hans Staden, São Paulo (Sign. G I b, Nr. 1379/1). Die Geschichtsschreibung zählt ihn zu den häufigsten wissenschaftlichen Mitarbeitern der Presse von Karl von Koseritz, neben Hermann von Ihering und Wilhelm Breitenbach; er schrieb sowohl über Naturwissenschaften als auch über politische Fragen von Taquara do Mundo Novo und übermittelte der Zeitung Nachrichten über die Provinzwahlen und die Unterstützung der dortigen Deutschbrasilianer im Zusammenhang mit der Kampagne für die Verselbständigung von Taquara, das 1886 zur Vila (Kleinstadt) erhoben wurde.
Naturkunde und wissenschaftliche Zusammenarbeit Bischoff war auch als Präparator und Illustrator tätig und widmete sich der Naturbeobachtung und dem Sammeln zoologischer Exemplare, wobei er mit europäischen Forschern in Briefwechsel und Materialaustausch stand. Während des Aufenthalts des Zoologen Hermann von Ihering in Taquara do Mundo Novo zwischen 1880 und 1883 arbeitete er eng mit ihm zusammen: Die von Ihering dort angelegte Vogelsammlung wurde unter Mitwirkung Bischoffs bestimmt und präpariert, und beide unternahmen gemeinsam Streifzüge und Aufsammlungen in der Serra do Ferrabrás.
In der 1885 von Hans von Berlepsch und Hermann von Ihering veröffentlichten Studie über die Vögel der Region danken die Autoren Bischoff ausdrücklich für seine Unterstützung und erwähnen die Lieferung von Vogelbälgen und -resten, konservierten Exemplaren und farbigen Zeichnungen sowie Feldinformationen.
Ein Teil seines zoologischen Materials hatte unmittelbare wissenschaftliche Bedeutung. Unter den etwa fünfhundert Säugetierschädeln, die Bischoff in der Umgebung seines Wohnorts zusammentrug und 1886 auf der Südamerikanischen Ausstellung präsentierte, befanden sich drei Schädel einer Pelzrobbe der Küste von Rio Grande do Sul, die an der Mündung des Flusses Tramandaí erlegt und örtlich „Lobo do Mar“ genannt wurden. Der Berliner Zoologe Alfred Nehring erwarb sie für die Sammlung der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin und identifizierte die Exemplare – auch anhand der von Bischoff übersandten handschriftlichen Notizen und Korrespondenz – als eine für die Wissenschaft neue Art, die er 1887 im Archiv für Naturgeschichte unter dem Namen Arctocephalus gracilis beschrieb. Am Ende der Arbeit schrieb Nehring Bischoff das Verdienst zu, die Wissenschaft auf das Vorkommen dieser Robben an der südbrasilianischen Küste aufmerksam gemacht zu haben.
Archäologie: die Sambaquis Bischoff war Autor einer der ersten Untersuchungen über die Sambaquis von Rio Grande do Sul, die 1887 in der Zeitschrift für Ethnologie erschien. Eine Übersetzung der Arbeit wurde 1928 in der Revista do Museu e Arquivo Público do Rio Grande do Sul veröffentlicht. Die Geschichtsschreibung der Archäologie von Rio Grande do Sul zählt diesen Text zu den grundlegenden Beiträgen des Fachgebiets, neben denen von Karl von Koseritz und Hermann von Ihering. Bischoffs Einbindung in dieses wissenschaftliche Netzwerk zeigt sich auch in der Episode um den sogenannten „Schädel von Cidreira“: Bei der Beschreibung eines Schädels aus dem Sambaqui von Cidreira, der beim Transport zerbrochen war, schrieb Koseritz Bischoff die geduldige Wiederherstellung des Stücks zu, das er mit nur wenigen Fehlstellen habe rekonstruieren können.
Ausstellungen Von Bischoff zusammengestellte Sammlungen wurden auf mehreren Ausstellungen gezeigt. Seine ethnographischen und zoologischen Sammlungen waren auf der Brasilianisch-Deutschen Ausstellung vertreten, die ab Oktober 1881 in Porto Alegre auf Initiative von Karl von Koseritz stattfand. Im Anschluss an diese Schau beteiligte sich Bischoff als Aussteller an der deutsch-brasilianischen Ausstellung, die 1882 in Berlin im Architekten-Haus (Wilhelmstraße 92/93) stattfand und vom Centralverein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Auslande veranstaltet wurde, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten Brasiliens in Deutschland bekannt zu machen.
1886 trug er zur Südamerikanischen Ausstellung in Berlin mit einer umfangreichen zoologischen Sammlung bei, die Hunderte von Säugetierschädeln umfasste. Bei der Preisverteilung der zoologischen Abteilung erhielt Bischoff einen Ersten Preis (I. Preis), eine Auszeichnung für die Aussteller von wissenschaftlichem Rang. Die brasilianische Presse berichtete über das Ergebnis: In der zoologischen Abteilung der wissenschaftlichen Kommission erhielten Bischoff (aus Mundo Novo) und Karl Nehring (aus Piracicaba) den ersten Preis für wissenschaftlich interessante Objekte.
Auch nach seinem Tod waren seine Sammlungen noch auf der Landesausstellung von Rio Grande do Sul 1901 vertreten, bei der er mit etwa vierzig Stücken zu den größten Ausstellern archäologischer Artefakte gehörte.
Malerei Bischoff hatte auch Anteil an der Geschichte der Malerei in Rio Grande do Sul: 1875 nahm er als ausstellender Künstler an der Kunstabteilung teil, die Karl von Koseritz in die Handels- und Industrieausstellung von Porto Alegre einzubringen half und die als eine der ersten kollektiven Kunstschauen der Provinz gilt. Er zeigte sechs Ölgemälde – drei Landschaften und drei Kompositionen biblischen Themas – sowie drei Proben von Malerei in Holzimitation. Nach dem Kunsthistoriker Athos Damasceno war Bischoff der einzige Aussteller, der seinen Werken Verkaufspreise zuwies, die zwischen 5 $ und 40 $ lagen.
Schriften Der größte Teil von Theodor Bischoffs Werk erschien im Almanach Koseritz’ deutscher Volkskalender für Brasilien. Zu seinen Arbeiten zählen: Rathschläge für Einwanderer in Rio Grande do Sul, Südbrasilien. In: Deutsche Kolonialzeitung. Berlin 1886, 3. Band, S. 276–281 und 347–352. Ueber die Sambaquys in der Provinz Rio Grande do Sul (Brasilien). In: Zeitschrift für Ethnologie. Berlin 1887, Band 19, S. 176–198, Tafel V. Die Affen im Staate Rio Grande do Sul. In: Koseritz’ deutscher Volkskalender für Brasilien auf das Jahr 1897. Porto Alegre 1896, Jg. 24, S. 84–107. Die Raubtiere des Staates Rio Grande do Sul (in zwei Teilen). In: Koseritz’ deutscher Volkskalender für Brasilien. Porto Alegre, Jg. 25 (1897), S. 52–66, und Jg. 26 (1898). Die Thierwelt des Staates Rio Grande do Sul (Säugetiere 4). In: Koseritz’ deutscher Volkskalender für Brasilien auf das Jahr 1900. Porto Alegre 1899, Jg. 27, S. 49–63. Die Tierwelt des Staates Rio Grande do Sul (Säugetiere 5). In: Koseritz’ deutscher Volkskalender für Brasilien auf das Jahr 1901. Porto Alegre 1900, Jg. 28, S. 57–64. Expedition des Herrn Alfonso Mabilde von Vaccaria nach S. Leopoldo … im Jahre 1849–1850 (postum). In: Koseritz’ deutscher Volkskalender für Brasilien auf das Jahr 1902. Porto Alegre 1901, Jg. 29, S. 241–263. Sobre os Sambaquis no Estado do Rio Grande do Sul (portugiesische Übersetzung der Arbeit von 1887). In: Revista do Museu e Arquivo Público do Rio Grande do Sul. Porto Alegre 1928, Nr. 21, S. 11–42.
Rezeption Bischoffs Arbeit wird in Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften und der Archäologie in Rio Grande do Sul sowie zur deutschen Einwanderung im Bundesstaat zitiert. Eine öffentliche Straße in der Gemeinde Igrejinha trägt seinen Namen.
Weblinks
Bischoffs Text über die Sambaquis (1887) bei JSTOR
Einzelnachweise Geburtseintrag von Diederich Bischoff, 3. September 1829, Bremen. Staatsarchiv Bremen, Signatur StAB 4,60/3-25, Nr. 907 (1829), S. 447.
Heiratsurkunde (Volltext) von Dieterico Bischoff und Margarida Flesch, 9. Mai 1854, Kirche Nossa Senhora da Conceição, São Leopoldo (RS), Heiratsbuch Nr. 01, Blatt 144. Kopie ausgestellt vom Archiv der Erzdiözese Porto Alegre. Sterbeurkunde von Theodoro Bischoff. Zivilstandsamt Taquara, Rio Grande do Sul, Buch C-1, Blatt 75v, Eintrag Nr. 89 (Registrierung 11. März 1901; Tod am 8. März 1901).
Zeitungsausschnitt im Instituto Martius-Staden / Sociedade Hans Staden, São Paulo (Sign. G I b, Nr. 1379/1).
Kategorie:Deutscher Emigrant in Brasilien Kategorie:Person (Rio Grande do Sul) Kategorie:Schullehrer Kategorie:Naturforscher Kategorie:Naturaliensammler Kategorie:Illustrator (Brasilien) Kategorie:Maler (Brasilien) Kategorie:Sachbuchautor (Naturwissenschaften) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Brasilianer Kategorie:Geboren 1829 Kategorie:Gestorben 1901 Kategorie:Mann