mini|Modell des Dampfers "Dresden" der Schifferfastnacht in Königstein mini|Fahnenaufstellung zu Beginn der Schifferfastnacht in Wehlen mini|Schiffsmodell geschmückt mit Hochzeitsbändern in Schmilka mini|Wassermann und Meerjungfrau während der Schifferfastnacht in Prossen mini|hochkant|Brezelmann in Rathen mini|Fleckelmänner in Postelwitz Schifferfastnacht ist eine traditionelle Fastnachts- bzw. Karnevalsveranstaltung im oberen Elbtal in Sachsen, die heutzutage noch in den Gemeinden Wehlen, Königstein, Rathen, Schmilka sowie in den zu Bad Schandau gehörenden Stadtteilen Prossen und Postelwitz gepflegt wird und auf eine jahrhundertealte Tradition im Brauchtum der Zunft der Schiffer und Fischer zurückzuführen ist. Sie wird jährlich zwischen Januar und März von Schiffervereinen des Oberen Elbtals unter Einbeziehung von weiteren regionalen Heimat- und Karnevalsvereinen gefeiert. Der Festumzug stellt die Elbschifffahrt und das Leben der Schiffer dar, wozu man große, reich geschmückte Modelle von Elbschiffen und Zillen mit sich führt. Wie bei den großen Faschingsumzügen im Rheinland üben die Rollen (Faschingsgruppen) mitunter zeitgemäße Kritik.
Hintergrund Die Schifferfastnacht, die man im Elbegebiet feierte, entstand in der Zeit, als Schiffer und Fischer von Gesetzes wegen bei Hochwasser, Eisgefahr und dergleichen unentgeltlich ihren Mitmenschen beizustehen hatten. Hierfür bekamen sie einmal im Jahr einen freien Tag und eine freie Nacht zugesprochen; und wenn die Schiffer ihr Vergnügen veranstalteten, gab es keine Polizeistunde und keine Gebühren. Bedingt durch Frost und Kälte waren die Schiffer nur im Winter zu Hause, so fanden diese Feiern gewöhnlich im Januar oder Februar statt, bevor der Fluss wieder eisfrei und befahrbar war. Die Sitte, dass jede jungverheiratete Frau, deren Ehemann dem Schifferverein angehört, ein Band zur Schmückung des Schiffes überreicht, ist um 1930 bezeugt. Die bunten, seidenen Bänder sind am Ende mit einer Widmung versehen. Durch den jahrzehntelangen Brauch sammelt sich eine stattliche Anzahl Bänder an, was das Schiff zu einem Kleinod für den Verein macht, die es in den meisten Fällen mit allem, was dazu gehört, gut versichern.
Zur Schifferfastnacht wird die Hauptstraße des Ortes zur „leibhaftigen Elbe“ erklärt und zum „reißenden Strom“ mit vielen Untiefen, Stromschnellen und Krümmungen umgewandelt, die von den „Schiffsmannschaften“ überwunden werden müssen. Im Schlepp hat das Schiff kostümiertes und vermummtes Volk, voran der Wassergott Neptun mit Gefolge. Strohmale kennzeichnen die „Tiefen und Hindernisse“. Die „Fleckelhanswürste“ tragen einen Anzug aus kleinen bunten Stoffstückchen, der einem Federkleid ähnelt, und wecken die Einwohner frühzeitig durch Pritschenschläge an die Haustüren.
Bei der Schifferfastnacht werden bei den Festumzügen u. a. Figuren wie Kapitäne, Schiffsdoktor, Matrosen und „Altschiffer“ dargestellt, außerdem sogenannte Vorläufer oder Einlader in langen blauen Hosen mit buntbestickten Hosenträgern. Neben den Fleckelmännern, die Ordner und Spaßmacher sind, treten noch weitere verkleidete Gestalten auf, wie „Wasserbeschützer“ mit langen Haaren aus grünem Werg, die „junge Mannschaft“ mit großem Schiffsmodell, Brezelmänner in schwarzen langen Mänteln und Zylinderhüten oder Marketenderinnen in farbenfrohen Trachten, die während des Marsches gegen Entgelt Spirituosen ausschenken.
In der Figur des Brezelmannes, dessen Anzug voller Brezeln behangen ist, zeigt sich die Verbindung zu diesem Fastnachtgebäck, während das Gewand des Fleckelmannes die Abkunft vom Fell des Wilden Mannes aufweist. Die urtümliche Gewandung des Wilden Mannes (älteste Darstellung von 1566 von Pieter Breughel) hat zwei Fastnachtsgewandungen entscheidend beeinflusst: Den Erbsenbären und die farbigen Fleckenkostüme der städtischen Fastnachtsumzüge, die z. B. im Nürnberger Schembartlauf, im „Fleckla“-Gewand der Werdenfelser Fastnacht, beim Münchner Metzgersprung oder eben dem Fleckenmann bei dem Fastnachtsumzug der sächsischen Elbschiffer fortleben. Der sogenannte Fleckelmann führt, ebenso wie der Schiffsumzug, in alte Fastnachtsbräuche zurück, wo Mittelpunkt des fastnachtlichen Zaubers und Brauchtums von Anfang an eine symbolische Tötung des Winterdämons gewesen ist, den man in verschiedenen Formen darstellt, unter anderem auch als Fleckenmann. Jürgen Leibbrands Beurteilung zufolge sollten die Fleckenkleider der Fastnachtsnarren aber nicht auf den Verfall des Winters, sondern auf den des Seelenlebens hinweisen und dienten offensichtlich dazu, auf die „Beflecktheit der Narren“ aufmerksam zu machen.
Mittelpunkt dieser Schifferfastnacht ist der Umzug mit dem Schiff, das auch in späterer Umdeutung als Narrenschiff in den Fastnachtsläufen süddeutscher Städte erscheint und in seiner lateinischen Umschreibung als carrum navalis eine Möglichkeit zur Deutung des Namens Karneval bot, zumindest bis 2007. In einer Chronik des 12. Jahrhunderts wird aus dem Jahre 1133 von einem Schiffsumzug berichtet, den niederrheinische Weber als Frühlingsbrauch ausübten. In folgenden Jahrhunderten weisen dann historische Quellen, wie eine Egerer Urkunde von 1474 und ein Ulmer Verbot von 1530, auf die weite Verbreitung jenes Brauches hin, der dann in Sebastian Brants Narrenschiff aus dem Jahre 1494 wohl seine endgültige literarische Prägung erhielt.
Nach dem Umzug ziehen die Schifferburschen mit dem Fastnachtkahn von Haus zu Haus und sammeln allerlei „Fracht“ (Speisen und Getränke), wobei die Kapelle spielt und Neptun tanzt. Anschließend finden ein Schifferball oder andere Begleitveranstaltungen statt.
Geschichte Der im Volksleben der Schiffer wurzelnde Brauch wurde urkundlich bereits 1612 erwähnt. Ursprünglich feierte man die Schifferfastnacht nur zu Ehren des Schiffergewerbes und im Winter vor der eigentlichen Fastnacht, ehe die Elbe eisfrei wurde und die Schiffer wieder rausmussten. 1869 verbot die Polizei in Schandau das vermummte Treiben, aber bereits 1893 versuchte man es wieder zu beleben.
Nach einer Umfrage des Germanistischen Instituts der Leipziger Universität (1931 veröffentlicht) feierte man früher die Schifferfastnacht bzw. den Schifferball in Außig, Tetschen, Herrnskretschen, Schmilka, Schöna, Reinhardtsdorf, Krippen, Postelwitz, Ostrau, Schandau, Papstdorf, Prossen, Pfaffendorf, Königstein, Porschdorf, Waltersdorf, Rathen, Wehlen, Vogelgesang, Posta, Dresden, Zadel, Merschwitz, Nünchritz, Riesa, Kreinitz, Mühlberg, Belgern, Torgau, Pretzsch, Prettin, Elster, Gallin, Prühlitz, Klein-Wittenberg, Roßlau, Aken, Barby, Groß- und Klein-Rosenburg, Schönebeck, Magdeburg, Rogätz, Kehnert, Bittkau, Grieben, Ferchland, Parey, Tangermünde, Wittenberge und Hamburg. Doch schon 1931 wurde angegeben, dass in mehreren der angeführten Orte seit dem Ersten Weltkrieg die Feier nicht mehr stattfand. Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahmen einige wie Postelwitz, Posta, Roßlau und Aken Versuche, den eingeschlafenen Brauch wieder zu beleben.
Termine Der Zeitpunkt für das Jahresfest der Zünfte war seit jeher die Fastnacht, nur den Schiffern war das zu spät, für sie war die Zeit um Lichtmess günstiger, um gleich nach der Eisschmelze die erste Schifffahrt zu beginnen. Als um 1945 die Schiffervereine aufgelöst wurden, wurden die alten Traditionen und Schifferfeste zwischen 1952 und 1958 wieder aufgenommen und zu Volksfesten ausgestaltet. Die verschiedenen Orte legen die Termine nach Absprache so, dass man sich gegenseitig besuchen kann. Die Saison der Schifferfastnacht erstreckt sich üblicherweise von Januar bis März, wobei jeder Ort einen eigenen Termin hat: Prossen: Auftakt mit Festumzug und Schifferball im Januar Königstein und Rathen: Umzüge und Fastnachtsfeste im Januar oder Februar Postelwitz: Festumzug mit Musik und traditionellem Schifferball im Februar Schmilka: Veranstaltung mit Umzug und abendlichem Schifferball im März Wehlen: Abschluss der Saison mit Umzug und festlichem Treiben im März
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Siehe auch Karnevals-, Fastnachts- und Faschingshochburgen#Sachsen
Literatur Moritz Martin: Aus Haus und Hof – Dorfleute, Flößer und Steinbrecher im Elbsandsteingebirge, Schriftenreihe des Stadtmuseums Pirna, Heft 9, 1885; ebenso abgedruckt in: Jahresberichte der Section Dresden des Gebirgsvereins für die sächsisch-böhmische Schweiz über die Jahre 1883 und 1984, Dresden 1885 Max Richter: Schifferfastnacht an der Elbe, in: Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde, 1931 Bruno Barthel: Schifferfastnacht in Postelwitz – Volkstum an der Oberelbe, in: Über Berg und Tal, Monatsschrift des Gebirgsvereins für die Sächsische Schweiz, März 1938 Gerhard Kettmann: Die Sprache der Elbschiffer, Halle 1959, Abschnitt zu Schifferfastnachten und Schiffervereinen, S. 32–34 Eckard Oberdörfer: Schifferbälle an der Elbe (1), in: Zeitung Binnenschiffahrt, 2. Januar 1987 Manfred Schober: Die Schifferfastnachten in der Sächsischen Schweiz; in: Volksfeste in Sachsen – Dokumentation und Kalender, herausgegeben vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz, 1998, Dresden Werner Ehrlich: Schifferfastnacht in Prossen im Jahre 1938, in: Pross’ner Heft des Heimatvereins Prossen e.V., Nr. 15, Dezember 2009 Falk Hering, Renate Hermsdorf u. a.: 400 Jahre Postelwitzer Schifferfastnacht, herausgegeben vom Postelwitzer Schifferverein „Fortuna“ Postelwitz e.V., 2012 Historisches: Das Vereinswesen in Reinhardtsdorf-Schöna – Der allgemeine Schiffer-Begräbnis-Kassen-Verein Schöna, in: Amtsblatt Bad Schandau, Nr. 2, 2016 Dieter Füssel: Die Fest und Fastnachten der Schiffer sowie die Schiffervereine in Reinhardtsdorf-Schöna und einigen Orten des Oberen Elbtales, in: Mitteilungsheft 15 des Arbeitskreises Sächsische Schweiz im Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Pirna 2017 Werner Ehrlich, Bernd Heldner, Bernd Hesse: Die Prossener Fleckelmänner, in: Das Pross’ner Heft des Heimatvereins Prossen e.V., Heft Nr. 32, Dezember 2021 Tabea Zimmermann: Schifferfastnachten im Oberen Elbtal: Wo und wann sie stattfinden; in: Sächsische Zeitung, 15. Januar 2026
Weblinks Video zur Schifferfastnacht in Prossen 2026 (17. Januar 2026) (Youtube) Video zur Schifferfastnacht in Königstein 2026 (24. Januar 2026) (Youtube) Video zur Schifferfastnacht in Rathen 2026 (31. Januar 2026) (Youtube) Video zur Schifferfastnacht in Postelwitz 2026 (6. Februar 2026) (Youtube) Video zur Schifferfastnacht in Schmilka 2026 (28. Februar 2026) (Youtube) Video zur Schifferfastnacht in Stadt Wehlen 2026 (7. März 2026) (Youtube) Urlaubsmagazin Sächsische Schweiz 2022 Seite 82/84 (PDF; 29 MB) Postelwitz feiert traditionelle Schifferfastnacht, Radio Dresden 2. Februar 2024 Tradition Schifferfastnacht, Elbsandsteinblog
Einzelnachweise
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