Die Gefängnispädagogik beschreibt die Anwendung pädagogischer Konzepte sowie Bildungs-, Erziehungs- und Förderangebote im Gefängnis, die die Resozialisierung und Entwicklung der Gefangenen unterstützen sollen. Der Begriff Gefängnispädagogik lässt sich auch als Pädagogik im Strafvollzug beschreiben.

Zielsetzung und Aufgaben Ein zentrales Problem des Strafvollzugs ist die hohe Rückfallquote nach der Entlassung. 40 bis 70 Prozent werden erneut straffällig. Deshalb ist das zentrale Ziel die Resozialisierung, also die Wiedereingliederung straffällig gewordener Menschen in ein verantwortliches und straffreies Leben in der Gesellschaft. Sie basiert auf den pädagogischen Grundbegriffen Bildung, Erziehung, Lernen und Sozialisation. Da Gefangene oft eine geringere formale Bildung aufweisen und sozial desintegriert sind, ist die Vermittlung von Grundkompetenzen essenziell.

Geschichte der Gefängnispädagogik Die Geschichte der Gefängnispädagogik lässt sich auf die Entwicklung des modernen Strafvollzugs zurückführen. Im frühen 19. Jahrhundert war der Strafvollzug vor allem mit Abschreckung und Strafausübung verbunden. Bildung für Gefangene sowie ihre moralische Besserung spielten eine eher untergeordnete Rolle.

Mit Zunahme von Reformideen in vielen Ländern im 19. und frühen 20. Jahrhundert veränderte sich auch der Strafvollzug. Er wurde zunehmend als Ort der Besserung und Erziehung verstanden. Reformideen, die beispielsweise den Ausbau von Ausbildungs- und Kunstangeboten umfassten, sollten das Gefängnis zu einem Ort der Wiedereingliederung entwickeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Strafvollzug mit seinem Ziel der Resozialisierung weiter an Bedeutung. Die Gefängnispädagogik entwickelte sich zu einem festen Reformansatz, was durch zusätzliche Angebote wie pädagogische Betreuung und therapeutische Maßnahmen deutlich wurde. Die Senkung von Rückfallrisiken und die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe prägten die weitere Entwicklung.

Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Gefängnispädagogik ein fester Bestandteil in der Arbeit im Strafvollzug. Heute liegt der Fokus zusätzlich zum schulischen Angebot auch auf der Förderung sozialer Kompetenzen, auf Beratung und auf dem Übergang in die Freiheit. Die Gefängnispädagogik wird heute nicht nur als Chance für Inhaftierte, sondern auch als Beitrag zur öffentlichen Sicherheit verstanden.

Sozialpädagogik Sozialpädagogik im Strafvollzug bezeichnet einen pädagogischen Ansatz, der die Resozialisierung der Gefangenen unter den Bedingungen des Strafvollzugs unterstützen soll. Er entstand im 19. Jahrhundert durch Karl Mager, dessen Ansatz die gesellschaftlichen Bedingungen des Menschen in die Erziehung einbeziehen wollte. Der Fokus liegt darauf, Gefangene auf ein Leben nach der Haft vorzubereiten sowie soziale, berufliche und persönliche Kompetenzen zu fördern. Ziel ist es, die Rückkehr in die Gesellschaft zu erleichtern und Rückfällen entgegenzuwirken.

Die Methode der Sozialpädagogik besteht aus drei Phasen. In der ersten Phase stehen Aufnahme und Orientierung nach der Inhaftierung im Mittelpunkt. Dazu zählen Gespräche über persönliche Hintergründe, Sprachkenntnisse und Suchtprobleme. Diese helfen den Pädagogen, passende Aufgaben für die Gefangenen zu finden.

In der zweiten Phase während der Haft kommen individuelle Beratung, Gruppenarbeit, der Aufbau von Kommunikationsbeziehungen und therapeutische Angebote hinzu. Dadurch lernen die Gefangenen, offener über ihre Probleme zu sprechen und anderen Menschen Vertrauen zu schenken. Vor allem die therapeutischen Angebote geben den Inhaftierten Sicherheit und Unterstützung.

Die dritte Phase umfasst die Entlassungsvorbereitung und die Unterstützung nach der Haft, etwa durch Vernetzung mit Beratungsstellen sowie Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. So kann die Resozialisierung der Gefangenen in die Gesellschaft unterstützt und ihr Wiedereinstieg nach dem Strafvollzug erleichtert werden. Es wird an persönlichen Problemen und Zukunftsperspektiven gearbeitet, wobei die Zusammenarbeit von Berufsgruppen wie Lehrkräften, Psychologen, Pädagogen und Seelsorgern von zentraler Bedeutung ist. Sie unterstützen die Gefangenen und passen ihre Maßnahmen an deren Bedürfnisse an. Die Gefangenen sollen sich dabei mit ihrer Straftat auseinandersetzen und aktiv an ihrer Resozialisierung mitwirken.

Reformpädagogik Die Reformpädagogik ist eine pädagogische Richtung, die sich gegen eine starke autoritäre lehrzentrierte Erziehung richtet. Sie ist mit der Aufklärungsbewegung entstanden. Sie geht davon aus, dass Lernende nicht nur passive Empfänger von Wissen sind, sondern als eigenständige, aktive und mitwirkende Persönlichkeiten verstanden werden müssen. Zentral für die Reformpädagogik ist die Orientierung an den Bedürfnissen, Interessen und Erfahrungen der Lernenden. Der „Unterricht“ soll von Eigenverantwortung, Mitbestimmung und praktischem Lernen geprägt sein.

Im Zusammenhang mit der Gefängnispädagogik bedeutet dies, dass die Gefangenen stärker einbezogen werden und Angebote erhalten, die an ihre Lebenswelt anknüpfen. Methoden wie die Elementarpädagogik, Erlebnispädagogik und Peer Education schließen an die Idee der Reformpädagogik mit an. Die Elementarpädagogik stärkt die Grundbildung und Alphabetisierung, während der Gefangene bei der Erlebnispädagogik praktische Erfahrungen sammeln kann. Durch die Peer Education bekommen die Gefangenen Wissen durch ehemalige Gefangene vermittelt und nicht durch eine reine Autoritätsperson.

Nachweise

Kategorie:Pädagogische Fachrichtung Kategorie:Gefängnissoziologie