mini|Heinrich Böll Keine Träne für Schmeck ist der Titel einer 1962in: Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Klaus Wagenbach (Hrsg.) S. Fischer Verlag Frankfurt am Main veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll, in der an einem Plagiatsfall der Universitätsbetrieb parodiert wird.
Inhalt Die in 10 Abschnitten unterteilte Erzählung spielt in der Nachkriegszeit am Tag des Vorlesungsbeginns. Die Vorgeschichte wird in die Handlung eingeblendet:
Rudolf Müller, stud. phil. im sechsten Semester und eines der wenigen Arbeiterkinder unter den Studenten der Universität, lebt mit seiner Freundin Marie, Freiin von Schlimm, jüngere Linie, zusammen. Sie hat vier Wochen vor der Abiturprüfung ihre Schullaufbahn abgebrochen und arbeitet jetzt in einer Kunststoff-Fabrik (Teil 9). Die beiden wohnen in einem Zimmer im Haus seines Onkels Willi und seiner Tante Käthe in einer Arbeitersiedlung und leben von ihrem Lohn, seiner Unterstützung nach dem Honnefer Modell, die zum großen Teil wieder von seiner Vergütung als Hilfsassistent abgezogen wird, und den Esspaketen, die ihnen ihre Familien schicken.
Müller hat sich durch seine Begabung gegenüber Ressentiments durchgesetzt und ist Hilfsassistent seines Professors Schmeck geworden, der ihm eine glänzende Zukunft und eine Assistentenstelle verspricht. Er ermutigt ihn, ein Konzept für eine Dissertation auszuarbeiten und Rudolf gibt ihm vor den Semesterferien seinen Entwurf für eine „Soziologie der Kleidung. Versuch Soziologie des Lodenmantels“ zu lesen. Der Professor nimmt seine Idee begeistert auf, beglückwünscht ihn zur Wahl des Themas und sagt ihm seine Unterstützung zu (Teile 1).
Zur Konfliktsituation kommt es zu Beginn des neuen Semesters, als Rudolf bemerkt, dass Professor Schmeck eine Vorlesung zum Thema „Ansätze zu einer Soziologie der Kleidung“ hält und sein Konzept zum „Versuch einer Soziologie des Lodenmantels“ vorträgt. Er erzählt Marie empört vom Diebstahl und der Okkupation seines Dissertationsthemas (Teil 8) und sie planen, den Professor bei seinem Abendspaziergang aufzulauern und ihm eine Abreibung zu verabreichen. Auf dem Rücksitz ihres Fahrrads fährt ihn die „Gehilfin“ zum Stadtwald, doch als Schmeck ihnen mit einem großen Hund entgegenkommt, geben sie ihren Plan auf (Teil 10). Der Professor erkennt seinen Assistenten und grüßt ihn herzlich, doch Rudolf geht an ihm mit starrem, kaltem Blick vorbei. Schmeck ahnt den Zusammenhang und ruft ihm nach: „[V]erstehen Sie denn keinen Spaß?“Heinrich Böll: Keine Träne um Schmeck. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168. Aber Rudolf reagiert nicht auf seine Rufe.
Marie weint auf dem Rückweg. Das sei Mord gewesen. Jetzt irre der Professor, Müller, Müller, Müller flüsternd, für alle Ewigkeit in diesem kümmerlichen Stadtwald umher. Doch Rudolf beruhigt sie: „Keine Träne um Schmeck, Marie“.Heinrich Böll: Keine Träne um Schmeck. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 169. Der Professor werde bei einer Beschwerde seinen Entwurf als „miserabel, unbrauchbar“ abqualifizieren und dies auf seine Herkunft beziehen und bedauernd sagen, es sei „schwer für diese Leute, die nicht nur gegen die Umwelt, auch noch gegen ihr eigenes Milieu ankämpfen“.Heinrich Böll: Keine Träne um Schmeck. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 169.
Rudolf plant als Rache den Wechsel zu Schmecks Rivalen Livorno. Dem werde er einen neuen Vorschlag für eine Dissertationsarbeit machen: „Kritische Würdigung des Gesamtwerks von Schmeck“. Hass sei „eine gute Tinte“, Liebe dagegen die schlechteste.Heinrich Böll: Keine Träne um Schmeck. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 170.
Rezeption und Interpretation In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.
Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte, die er in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.in: Heinrich Böll: Aufsätze – Kritiken – Reden II. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 225.
Ein Beispiel ist Bölls 1962 veröffentlichte Erzählung Keine Träne für Schmeck, die in viele Erzählsammlungenz. B. Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. (S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1962). Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966), Die Erzählungen (Insel-Verlag Leipzig, 1966), Geschichten aus zwölf Jahren (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1969), Meistererzählungen (Bertelsmann Gütersloh, 1971, Lizenzausgaben für verschiedene Buchgemeinschaften). aufgenommen wurde.
In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung.H. M. Waidson: Die Romane und Erzählungen Heinrich Bölls. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 38. – Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 327.
Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11. Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.
Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger verrückt erscheinen.“ Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.66.
Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur.Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165. Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.
Nach Rasch wird Bölls „Deutung der Zeitwirklichkeit“ darin sichtbar, dass er „mit Sympathie und Liebe offensichtlich nicht die zeitgemäßen und erfolgreichen Menschen darstellt, sondern die Außenseiter, die Erfolglosen“. Er liebe die schwarzen Schafe, die er „als tragikomische Figuren mit liebevollem Spott“ vorführe, aber er ziele mit seiner Kritik über sie hinaus auf gesellschaftliche Missstände.Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 12. Bölls Erzählungen erzeugen „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“. Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.
Literatur Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982. Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987. Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992. Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995. Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.
Anmerkungen
Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Heinrich Böll Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)