33 Augenblicke des Glücks mit dem Untertitel Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter ist ein 1995 erschienener Erzählband von Ingo Schulze. Kurzbeschreibung Das Buch besteht aus mehreren, in sich abgeschlossenen „titellosen Texten unterschiedlicher Länge“,Matteo Galli: Schulze, Ingo: 33 Augenblicke des Glücks. In: Heribert Tommek, Matteo Galli, Achim Geisenhanslüke (Hrsg.): Wendejahr 1995. Transformationen der deutschsprachigen Literatur. (=Spectrum Literaturwissenschaft, Band 51.) De Gruyter, Berlin 2015. ISBN 978-3-11-041902-3. S. 478–483. Hier S. 480. die in der Sekundärliteratur gelegentlich durch ihr Großbuchstaben-Incipit voneinander unterschieden werden, wobei das Incipit Wie oft zweifach vorkommt. Die Geschichten sind lose durch den Schauplatz Sankt Petersburg sowie einige handelnde Figuren verbunden sind. Eingeleitet wird die Textsammlung durch einen angeblichen Brief und eine editorische Notiz, mit denen eine „Herausgeberfiktion“Galli, Schulze, Ingo: 33 Augenblicke des Glücks, S. 479. konstruiert wird. Inhalt Zu Beginn des Erzählbandes legt eine Frau in einem angeblichen Brief dar, wie sie mit einem Deutschen namens Hofmann in dessen Heimatland reiste. „Bei allem, was wir einander erzählten, sprach Hofmann auch von täglichen Aufzeichnungen, die er von Petersburg nach Deutschland geschickt habe. Beim Schreiben […] habe er sich mehr und mehr der Neigung hingegeben, die Erfindung anstelle der Recherche zu setzen. […] Ebenso muß er Geschäftsfreunde und Bekannte ermuntert haben, ihm Episoden zu schildern“. Als Hofmann fort ist, findet die Frau diese Aufzeichnungen in einer Mappe „hinter meiner Handtasche“, stellt sie dem vermeintlichen Herausgeber zur Verfügung, der seinerseits noch ein paar einleitende Worte zu den einzelnen Episoden findet, von denen eine wiederum ihrerseits die angeblichen Umstände der Text-Aneignung schildert: In Episode 22 Viktoria Federowna liest die Titelfigur in den Episoden. Viktoria kann somit die Umstände der Text-Entstehung in ihrer Lektüre finden, obwohl diese Umstände noch gar nicht eingetreten sein können; in ihrer Lektüre heißt es: „Ein Geschäftsmann, der für längere Zeit ins Ausland muß, schreibt seinem besten Freund, der sehr krank ist, jeden Abend einen Brief und schickt ihn als Fax. Doch bald hat er alles geschildert, was seinen Alltag ausmacht. Deshalb beginnt er zu fabulieren und zu erfinden. Und weil es nicht wie in Tausendundeiner Nacht ist und er täglich eine neue Idee braucht, bitte er Kollegen und Bekannte zu helfen. Der kranke Freund aber sammelt die Faxe, verbessert hier und da etwas und heftet die Blätter ab. […] Zuletzt wurde er [=der Textsammler] von einer Frau im Zug Berlin-Petersburg gesehen. Doch nach einer stürmischen Nacht verschwindet er, und seine Spur verliert sich. Nur jene Mappe, mit den von seinem Freund gesammelten Schreiben, bleibt von ihm zurück.“
Die 33 Episoden mit ihrem jeweiligen Großbuchstaben-Incipit im Einzelnen: Frauen wie Maria Serjoscha Wie oft Russland Vormittags Schließlich Wie oft In den Niederungen Die einzige Zeit Iwan Toporyschkin Der Schnee Haben Sie gesehen? Hallo – Mama, Papa Nagelklipp Als die Kommunisten Über gelben Sehr verehrte Es verging … möchte ich Es war ein Ach die Viktoria Federowna Hm, sagte Henry Jonathan Wer da? Die Pässe Nein, nein Alle Wege Und dabei War das Da ist ja Bitte veröffentlichen Ich hatte
Sämtliche Episoden spielen in der „vom Systemwandel gezeichneten Gesellschaft“Lutz Seiler: Die Gespenster sind unter uns. Eine Erinnerung an die „33 Augenblicke des Glücks“ . In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Ingo Schulze. (=Text + Kritik, Band 193). Edition Text + Kritik im Richard-Boorberg-Verlag, München 2012. ISBN 978-3-86916-145-7. S. 38–43. Hier S. 40. des unmittelbar postsowjetischen Russland, schildern oft den „sozialen Kollaps, der großes Elend verursachte und die Menschlichkeit in Frage stellte“.Berit Jany: Auf der Suche nach Glück in Ingo Schulzes „33 Augenblicke des Glücks“. In: Focus on German Studies, Jg. 18, 2011, , S. 3–18. Hier S. 4. (pdf). Besonders deutlich artikuliert das ein Charakter in Episode 21 Ach die, der in Russland nur noch „Opfer und Geschäftemacher“ am Werke sieht: „Reicht es dir nicht, daß alles, wofür wir gelebt haben, weg ist, zerfallen, Staub, Dreck! Reicht das nicht? […] Drei Jahre, weniger als drei Jahre haben dafür gereicht. Es widert mich an!“ Beispiele für das Prinzip von „Opfer und Geschäftemacher“ bieten in dem Erzählband beispielsweise Berichte über einen religiösen Hype, dessen Kommerzialisierung und dessen Niedergang (Episode 7 Wie oft), über einen technischen Direktor, der eine Frau mietet, die er auf dem Friedhof seinen toten Eltern als Lebenspartnerin vorstellt (Episode 13 Hallo – Mama, Papa) oder die Geschichte des Fotografen Mitja, der von Mördern im Voraus angerufen wird, um als Erster schöne Bilder der Ermordeten zu machen, an deren Verkaufsgewinn Mitja dann die Mörder beteiligt; allerdings wird er von Hofmann gestellt und erschossen (Episode 12 Haben Sie gesehen?). Mehrere Geschichten schildern die Zweckentfremdung von Sexualität entweder beispielsweise durch eine Prostituierte, die der Ich-Erzähler unbedingt wiedersehen will (Episode 1 Frauen wie Maria), Frauen, die sich in die Prostitution und ihre Töchter in eine finanziell einträgliche Zweckehe verkaufen (Episode 15 Als die Kommunisten) oder in Episode 33 Ich hatte eine Kellnerin, der der Ich-Erzähler das Ja-Wort zur Heirat abringen will, die jedoch lieber „mit äußerster Würde den letzten Wunsch eines auf dem Gehweg sterbenden Alten erfüllt (er wünscht sich eine Frau, und über den Gnadenakt, rittlings vollzogen, gibt er schließlich seinen Geist auf)“, wodurch die Kellnerin „zur guten Frau von Petersburg“ wird:Seiler, Die Gespenster sind unter uns, S. 41. „Die Menschenmasse, die sich um die sich entblößende Frau und den alten Mann gebildet hat, sieht in ihr eine Heilige und Retterin Russlands. Sie verehrt sie wie eine lebendig gewordene Ikone“,Jany, Auf der Suche nach Glück in Ingo Schulzes „33 Augenblicke des Glücks“, S. 12–13. die „schließlich wie eine Galionsfigur davongetragen wird“, weil sie sich als eigenwillig erwiesen hat. Mit Eigenwilligkeiten anderer Art zu kämpfen haben derweil auch die westlichen Geschäftsleute, beispielsweise der sich auf kulinarische Erlebnisse fokussierende Herr Martens (Episode 29 Und dabei, Episode 31 Da ist ja) oder der westliche Workaholic Müller-Fritsch, der sich bei seinem zweiten Auftreten in dem Erzählband (Episode 20 Es war ein) buchstäblich auflöst: „Als der Krankenwagen kam, war Florian Müller-Fritsch bereits so weich geworden, daß man nach Plastiksäcken schicken mußte. Das dauerte aber zu lange: Bei ihrem Eintreffen versickerten gerade die Reste von Florian Müller-Fritsch und hinterließen eine frische dunkle Erdfärbung und einen süßlich-schweißigen Geruch.“ Textanalyse Der Erzählband mit den unterschiedlichen Erzählsituationen seiner Miniaturen „des Alltagsgespenstischen“Seiler, Die Gespenster sind unter uns, S. 39. und des „plötzlichen Einbruchs des Karnevalesken“ in den AlltagGalli, Schulze, Ingo: 33 Augenblicke des Glücks, S. 481. bietet eher „Beispiele von phantastischer Literatur […] als dokumentarische Momentaufnahme […] aus einer Stadt im sozialen und politischen Umbruch.“ Jene Stadt, Sankt Petersburg, ist bei Schulze „eher eine Fantasmagorie als eine realistische Stadtlandschaft“ und ein „Ort eines mal wunderlich-wunderbaren, mal aggressiven interkulturellen Clash“.Galli, Schulze, Ingo: 33 Augenblicke des Glücks, S. 480–481. Nowgorod, Wyborg, und Schlüsselburg sind neben Sankt Petersburg weitere Orte der Handlung, die in den ersten Jahren der Jelzin-Präsidentschaft zu verorten ist,Aus dem Texten lassen sich Handlungen vor Ende der Mitterand-Präsidentschaft im Mai 1995 ablesen (Ingo Schulze, 33 Augenblicke des Glücks, S. 65), nach dem Sommer 1991 (S. 96) oder im Februar 1993 (S. 117). sofern eine zeitliche Verortung angesichts der phantastischen Aspekte des Textes und insbesondere der Handlung der Episode 22 Viktoria Federowna überhaupt sinnvoll erscheint. Entstehungsgeschichte Dem Buch liegt „ein halbjähriger Aufenthalt des Autors in Sankt Petersburg“ zugrunde:Galli, Schulze, Ingo: 33 Augenblicke des Glücks, S. 478. Ingo Schulze „ging Anfang 1993 ins ehemalige Leningrad, um dort ein kostenloses Anzeigenblatt, Priwjet Petersburg, aufzubauen, welches sich an das 1990 von ihm gegründete Altenburger Wochenblatt anlehnte.“Jany, Auf der Suche nach Glück in Ingo Schulzes „33 Augenblicke des Glücks“, S. 5. Während des Petersburg-Aufenthalts kam es zu einem Briefwechsel Schulzes mit seinem Freund Helmar Penndorf (1945–1993), dessen Urfassung im Jahr 2000 unter dem Titel Von Nasen, Faxen und Ariadnefäden veröffentlicht wurdeHelmar Penndorf, Ingo Schulze: Von Nasen, Faxen und Ariadnefäden. Zeichnungen und Fax-Briefe. Friedenauer-Presse, Berlin 2000. ISBN 3-932109-16-3. und zuvor einen „Grundstein“ für 33 Augenblicke des Glücks bildete.Selma Nikšić-Horo: 33 Augenblicke des Glücks. In: Selma Nikšić-Horo: Das Bild der DDR und Wende bei „33 Augenblicke des Glücks“ von Ingo Schulze und „Der Turm“ von Uwe Tellkamp. (Završni magistarski rad.) Universität Sarajevo, Sarajevo 2020. S. 41–55. Hier S. 41. (pdf). Penndorf ist als „H.P.“ auch Widmungsträger von 33 Augenblicke des Glücks. Episodenübergreifende Themen